Guter Sex mit der Mutter

18.05.2012 | 18:33 |  Von Julia Kospach (Die Presse)

In seinem Roman „Ed King“ lässt David Guterson den nach der Geburt weggegebenen Sohn einer Verwandlungskünstlerin, der von einer jüdischen Familie adoptiert wird, seine Mutter kennen- und lieben lernen.

Drucken Versenden AAA
Schriftgröße
Kommentieren

Auf Seite 297 des neuen Romans sorgt David Guterson selbst für eine harsche Unterbrechung des Erzählflusses. Genau in dem Moment, in dem sein Held Ed King, ein gut aussehender, großer Mann Mitte 20, in einer Ausstellung die klar ältere Diane kennenlernt und ein angeregtes Gespräch mit ihr beginnt – und zwar ausgerechnet über einen ausgestellten Glaskasten voller herabrieselnder Silberdollars, womit das Prinzip der Wahrscheinlichkeitsverteilung veranschaulicht werden soll. Wie groß ist dieChance, dass das passiert, was jetzt passieren wird? Guterson weiß, dass seine Leser hier längst ahnen, worauf seine Geschichte über viele Seiten unweigerlich zugesteuert ist. Er weiß, was sie an dem Punkt über Autor und Fortgang der Handlung zu denken begonnen haben: „Er wird doch nicht etwa gar? Nein, das wird er nicht...“

Doch Guterson ist ein schlauer Fuchs. Statt einfach weiterzuerzählen und dem Leser voraus zu sein, bleibt der US-Romancier plötzlich stehen, dreht sich um und spricht quasi direkt in die Kamera: „Also gut“, sagt seine Erzählstimme, „wir nähern uns dem Teil der Geschichte, bei dem wir es dem Leser nicht verübeln können, wenn er gleich bis hierher gesprungen ist, dem Teil, in dem eine Mutter Sex mit ihrem Sohn hat. Wer wollte jemandem vorwerfen, dass er sich für diese potenziell heiße Stelle interessiert und es ihn gleichzeitig bei der Vorstellung schaudert?“ Erwischt! Und wie! Nur, wie geht es jetzt weiter? Guterson fährt fort mit Überlegungen, welche Gedanken einem bei so einem massiv tabuisierten Inzest-Szenario durch den Kopf gehen könnten.

Allerdings nur, um schließlich sehr konkret zu werden und zu behaupten: „Was den Sex angeht, so denken die Leute dabei an alles Mögliche, aber wenn es gut läuft und sie im wahrsten Sinn des Wortes ,außer sich sind‘, konzentriert sich ihr Denken allein auf den Genuss und lässt alles andere außen vor.“ Und der Sex zwischen dieser Mutter und diesem Sohn läuft ganz und gar prächtig. So prächtig, dass sie kaum ein Jahr später verheiratet sind und der Sohn, Ed King, mit dem kompetitiven Temperament eines sexuell erfüllten Mannes über Jahre ein zusätzliches Vergnügen darin findet, regelmäßig per Taschenrechner zu ermitteln, wie oft er bereits mit seiner Frau geschlafen hat. Zu Eds 40. Geburtstag nach 14 Jahren Ehe sind es stattliche 3000 Mal.

Man muss nicht sehr tief in die griechische Mythologie vorgedrungen zu sein, um eine Nähe zwischen Gutersons Protagonisten „Ed King“ und König Ödipus zu erkennen. Da stürmt einer durch sein Leben, beispielhaft für uns alle, und weiß ebenso wie wir selbst auch nichts über sein Schicksal, das in seinem Fall den Mord am leiblichen Vater und die Heirat mit der eigenen Mutter vorgesehen hat. Unwissenheit schützt vor Strafe nicht. Das Schicksal ist unerbittlich. Es fordert Selbsterkenntnis ein. Ed King – Adoptivsohn jüdischer Eltern, begnadeter Mathematiker und experimentierfreudiger Homme à femmes – will in seiner Maßlosigkeit zu hoch hinaus, will es zu genau wissen und verbrennt dann, fast wie Ikarus, weil er der Sonne zu nah kommt.

Es ist eine haarsträubende und fantastische Geschichte, die Guterson da erzählt. In dem Maß, in dem sie Fahrt aufnimmt, bekommt sie mehr und mehr Elemente eines modernen Märchens. Doch erst einmal erzählt sie von dem 15-jährigen britischen Au-pair-Mädchen Diane, die von ihrem Gastvater geschwängert wird und das Kind nach der Geburt vor jemandes Haustür ablegt. Die Leben von Mutter und Sohn – Diane und Ed – laufen lange parallel nebeneinander. Diane schlägt sich mit Erfindungsreichtum und resignierter Abgeklärtheit durch ein Leben als Escort Girl, dann als Gattin eines reichen, langweiligen Jungunternehmers, stürzt dann tief, fängt wieder von vorne an als Dealerin und Lebensberaterin und begegnet einmal – ohne es zu merken – dem eigenen Sohn, der ihr Mann wird. Ed wiederum wächst in einem intellektuellen jüdischen Milieu auf – nach seiner Adoption, von der er selbst nicht erfährt, bescherte das Schicksal seinen Eltern noch einen zweiten, leiblichen Sohn. Beide Söhne sind Mathematik-Stars, beide werden zu Stars der an der US-Westküste boomenden Internet-Ära: Es sind die 1980er- und 1990er-Jahre. Als Ed Diane trifft, gründet er gerade die riesig erfolgreiche Suchmaschine „Pythia“ – wie Bill Gates wird Ed zum Guru, seine Frau Diane zur bewunderten Förderin riesiger Hilfs- und Förderprojekte. Dass er mit 18 Jahren in einem aggressiven Anfall von Machismo bei einer Art Autoverfolgungsjagd einen Mann, von dem er sich provoziert fühlte, von der Straße abgedrängt und getötet hat, ist nach langen Qualen überwunden. Der (Vater-)Mord ging als Unfall ohne Fremdverschulden in die Polizei-Annalen ein. Ein späterer Erpressungsversuch prallt am inzwischen riesenhaften Ed-King-Mythos ab.

David Guterson, dessen Ruhm fast nur auf das Romandebüt „Schnee, der auf Zedern fällt“ (1994) basiert, hat mit „Ed King“ ein schwindelerregendes Buch geschrieben. Es ist ein Stück Zeitgeschichte der jüngstenvier, fünf Jahrzehnte der USA und gleichzeitig gespickt mit mythologischen Anspielungen: Wie Ödipus wird auch Ed King eine Art König, nämlich ein König der Suchmaschinen, der Informationstechnologie. Seine Macht scheint unermesslich. Der Suchmaschine gibt der unbewusst stets suchende Adoptivsohn den Namen der Priesterin, die im Tempel von Delphi dem Rat Suchenden weissagte: „Pythia“. Wie Ödipus, dem die Füße durchstochen wurden, hat auch Ed als Kind Probleme mit den Füßen.

Mindestens so aufregend, vielschichtig und farbenprächtig wie Ed ist aber Gutersons Figur der Diane. Ihre Entwicklung beschreibt die eines brutalen, aber grandios selbsterfinderischen Frauenschicksals. Die Art, in der Guterson jede ihrer Wandlungen und Neuanfänge glaubhaft macht und mit neuen Gesten, Stylings und Sprachmodi versieht, ist wirklich nur kunstvoll zu nennen. Sie ist eine verquere und doch prototypische Selfmade-Woman und Verwandlungskünstlerin. Ihre Raffinesse hat sich als Überlebenstechnik aus vielfältigem Missbrauch entwickelt. Diane ist eine ganz und gar tolle Figur. In Ed und Diane treffen zwei gleich starke Charaktere aufeinander.

Guterson hat sie so gemacht, dass sie wie für einander geschaffen sind. Zu wissen, dass sie Mutter und Sohn sind und dass dieses Schicksal sie eines Tages einholen wird, bricht einem das Herz. Diese Wirkung zu erzielen, nämlich, dass man Mutter und Sohn aus tiefster Seele die Fortsetzung ihres Liebesglücks wünscht, das allein ist eine äußerst beeindruckende Leistung des Autors. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.05.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

Top-News

  • Mitterlehner: "Die ÖVP muss einheitlicher werden"
    Der designierte Parteiobmann, Reinhold Mitterlehner, wird versuchen, das Profil der ÖVP zu straffen. Ein Kurswechsel sei aber nicht notwendig. In der Regierung sieht Mitterlehner noch "Luft nach oben".
    Der Millionär als Finanzminister
    Hans Jörg Schelling steigt wohl weiter auf. Das freut die SPÖ mehr als Erwin Pröll.
    Sanktionen: EU stellt Putin Ultimatum
    Russland erhält eine Woche Zeit, sein Verhalten in der Ostukraine zu ändern. Österreichs Kanzler Faymann bremst aber mit Blick auf neue Sanktionen.
    EU-Gipfel: Tusk ist Ratspräsident
    Polens Premier galt als Favorit für den Posten. Die italienische Außenministerin Mogherini wird zur Außenbeauftragten ernannt.
    Wie war das damals im Krieg?
    Drei ehemalige österreichische Wehrmachtssoldaten erinnern sich an den vor 75 Jahren entfesselten Zweiten Weltkrieg. Man war damals "jung und aufgehetzt", sagt einer von ihnen.
  • Neue Luftschläge: USA greifen IS nahe Amerli an
    Irakische und kurdische Truppen starten Offensive zur Befreiung der belagerten Stadt Amerli.Und sie erhalten dabei Unterstützung aus der Luft.
    Golan: 32 Uno-Soldaten befreit
    Die Blauhelmsoldaten waren seit Donnerstag von radikalen syrischen Rebellen eingekesselt gewesen. Einer Sondereinsatzgruppe gelang der Durchbruch.
    Europa findet kein Rezept gegen Putin
    Russlands Präsident hat in der Ukraine-Krise einen Vorteil: seine Rücksichtslosigkeit. Die EU wirkt hilf- und ratlos. Ihre Strategie erschöpft sich in der Hoffnung, dass Putin einlenkt. Er denkt nicht daran.
    Die Selbstgerechtigkeit der österreichischen Neutralität
    In den drei gefährlichsten Konflikten dieses Kriegssommers 2014 - Ostukraine, Gaza, Irak - hat sich Österreich außenpolitisch nicht gerade mit Ruhm bekleckert.
    Tourismus: Ein Lift als Nervenprobe
    Eine Flut von EU-Verordnungen und gewerblichen Auflagen macht heimischen Hoteliers das Leben schwer. Bürokratie verhindert zum Teil sogar wichtige Investitionen.
  • #99ideen für Österreich: Machen Sie mit!
    Forum Schicken Sie uns Ihre Anregungen, Ideen, Verbesserungsvorschläge für das Land und tragen Sie zu unserem Katalog der #99ideen bei. Schreiben Sie uns Ihre Vorschläge, wie es besser gemacht werden könnte.
    Amerikas Steuerdeserteure
    Der Streit um die US-Körperschaftsteuer dreht sich vordergründig um Wettbewerbsfähigkeit. Faktisch zeigen sich nun die Folgen von George W. Bushs Steueramnestie von 2004.
    Schulanfang: Startschwierigkeiten im neuen Lebensabschnitt
    Am Montag zelebrieren viele Kinder ihren ersten Schultag. Doch die Sechsjahreskrise steht den Kleinen zunehmend im Weg: Zu hohe Erwartungen, neue Pflichten und fehlendes Vertrauen lösen sie aus.
    Caspar Bowden: "Die größte Sicherheitslücke ist Microsoft"
    In den Händen von amerikanischen Konzernen sind die Daten von Europäern nicht sicher, warnt Caspar Bowden, der frühere Datenschutzberater von Microsoft. Die EU müsse sich endlich wehren und eigene IT-Riesen aufbauen.
    Besuch in der Hölle von Beslan
    Anfang September 2004 kamen bei einer Geiselnahme in einer Schule der nordossetischen Stadt Beslan 334 Menschen ums Leben. Ein Lokalaugenschein zum zehnten Jahrestag.
AnmeldenAnmelden