Das Leben ein Roman

25.05.2012 | 18:39 |  Von Rainer Moritz (Die Presse)

„Hoppe“: Auf über 300 Seiten gibt sich Felicitas Hoppe alle Mühe zu widerlegen, was im Internet oder in Literaturlexika an vermeintlich gesichertem Wissen über sie ge-schrieben steht. Sie tut so, als schriebe sie ihr Leben auf – und erhält den Georg-Büchner-Preis.

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Dass sich Menschen ihr eigenes Leben zurechtzurücken und Unliebsames ausblenden, um mit sich selbst besser zurechtzukommen, ist keine Seltenheit. Selbst Schriftsteller, die wie keine andere Berufsgruppe von den Unwägbarkeiten des Erinnerns profitieren und die Übergänge von Dichtung und Wahrheit ausleuchten, kommen mitunter nicht umhin, Peinlichkeiten aus ihrem privaten oder öffentlichen Leben zu übergehen oder zu verdrängen. Wer immer sich ernsthaft in den letzten 100 Jahren aufgemacht hat, das hoch produktive Genre der Autobiografie zu bestücken, hatte allerlei Vorkehrungen zu treffen. Als literarisch satisfaktionsfähig galt und gilt nur, wer seinen Texten einschreibt, dass das Bekenntnis, die Wahrheit und nichts als die Wahrheit zu erzählen, Hand in Hand mit der Erkenntnis geht, dass autobiografisches Schreiben einen kaum geringeren Fiktionsgrad als der von Romanen und Erzählungen aufweist.

Alle großen Autobiografien, die während der letzten 50 Jahre im deutschsprachigen Raum erschienen – etwa von Thomas Bernhard, Elias Canetti und Hermann Lenz –, integrierten mal offen, mal versteckt diese Zweifel am eigenen Tun. Anders gesagt: Sich selbst schreibend auf die Schliche zu kommen und zumindest im Rückblick ein halbwegs tragfähiges Identitätsgerüst aufzustellen, das funktioniert nur, wenn das Scheitern dieser Schreibarbeit offen reflektiert wird.

Peter Weiss nannte seinen Roman „Die Ästhetik des Widerstands“ seine Wunschbiografie. Dieser Begriff eignet sich gut, um Hoppes neues – „Roman“ betiteltes – Buch „Hoppe“ zu etikettieren. Auf über 300 Seiten gibt sich Felicitas Hoppe alle Mühe zu widerlegen, was im Internet oder in Literaturlexika an vermeintlich gesichertem Wissen über sie geschrieben steht. Keineswegs, so Hoppe in „Hoppe“, sei sie mit Geschwistern in der Rattenfängerstadt Hameln aufgewachsen und habe, ehe sie mit ihrem zweiten Buch „Picknick der Friseure“ (das in „Hoppe“ fälschlich als ihr Debüt bezeichnet wird) für Aufmerksamkeit sorgte, im beschaulichen Tübingen studiert. Nein, nein, ganz anders sei das gewesen, die Hamelner Konstellation nicht mehr als das Zeugnis ihres früh entwickelten „Hangs zum Drama“ und Teil jener „fantastischen Geschichten“, die sich die mit gänzlich unbekannten biografischen Versatzstücken ausgestattete Figur Felicitas Hoppe permanent auszudenken beliebt.

Der Roman „Hoppe“ ist eine intelligente, oft komische Zurechtweisung aller biografistischen Lesarten und zugleich der Versuch, über sich selbst Klarheit zu gewinnen, indem man sein Ich über erfundene Lebensstationen rekonstruiert und diese Rekonstruktionen alsbald wieder zerstört. So erfahren wir, dass Hoppe in Wahrheit im kanadischen Brantford aufwuchs, in vertrauter Gesellschaft mit der gleichaltrigen Eishockey-Ikone Wayne Gretzky, der nachzueifern die junge Felicitas sich engagiert, wenn auch vergeblich anschickte. Begleitet von ihrem sich als ihr Vater ausgebenden Vater, einem Patentagenten, verlässt sie im Alter von 14 Jahre Kanada und gelangt auf der MS Adelheid ins ferne Australien, wo sie kellnert, eine Dirigentenkarriere verfehlt, fast in den Stand der Ehe tritt und Erstaunliches zur Etymologie des Wortes „Känguru“ beisteuert.

Später sehen wir sie in Las Vegas und als ordentlich Studierende in Oregon, wo sie als Magistra abschließt und alsbald ihre vertraute literarische Laufbahn beginnt. Für die realen Angehörigen in Hameln immerhin hält die famose Widmung des Romans Trost bereit: „Für Familienmitglieder gilt das gesprochene Wort!“ „Hoppe“ ist so ein gekonntes Spiel mit den Lesern und deren Erwartungen. Wie man es aus anderen Büchern der Autorin kennt, inszeniert sie einen anspielungsreichen Parforceritt, der um die„Frage der Authentizität“ und die vergebliche Hoffnung auf eindeutige Identität kreist. Schon in den frühen Geschichten „Picknick der Friseure“ ließ Hoppe Ritter, Pilger und Zöllner aufmarschieren, für die die vermeintlich sicheren Gesetze von Kausalität und Logik nur bedingt galten.

Tief aus dem Fundus der Romantik und der Märchen schöpfend und über eine Stilsicherheit, die man in der Gegenwartsliteratur kaum anderswo antrifft, verfügend, lässt Hoppe erfundene und reale Gestalten der Weltgeschichte Revue marschieren und zitiert aus existierenden und vielleicht nicht existierenden Hoppe-Texten. Und weil diese Autorin so einnehmend klug ist und sich im Literaturbetrieb sicher wie John Wayne im Saloon bewegt, gibt sie sich – ohne dass es zu kokett wirken würde – als schärfste Kritikerin ihrer Werke aus. Mit strenger Miene zitiert sie aus (fiktiven) Rezensionen, die ihr vorwerfen, nur „Angelesenes“ auszustellen und sich als „Ausbeuterin“ und „Plagiatorin des literarischen Fundus“ zu präsentieren.

Dieses Pingpongspiel mit der Literaturkritik ist amüsant, weil es deren Sehnsucht nach psychologisch eindeutigem Realismus und nach Autorenbiografien, die sich nicht wie glitschige Fische entziehen, einfängt. Dennoch bleibt am Ende dieses Romans der zwiespältige Eindruck von einem großen Aufwand, der verhältnismäßig wenig Substanzielles und Bleibendes hervorbringt. Nurwenn man sehr genau zwischen den Zeilen liest und das verbale Trommelfeuer der Maskeraden ignoriert, spürt man, dass die Wunsch- und Traumbiografie ein durchaus schmerzhaftes Instrument ist, sich selbst zu durchleuchten. Wenn „Hoppe“ die Liebesunfähigkeit seiner Protagonistin betont und deren Beziehungen „fast immer von der Arbeit grundiert“ sieht, dann ahnt man, dass diese Außenstehende, die agiert, „als sei sie zum ewigen Zuschauen verurteilt“, keineswegs so leichtfüßig durchs Leben geht, wie sie es Gesprächspartnern vermitteln und wie sie über weite Passagen des Versteckspiels „Hoppe“ glauben machen will.

Fast immer hat es die Literaturkritik mit Felicitas Hoppe gut gemeint. Nur ihr Jeanne-d'Arc-Roman „Johanna“ (2006) stieß zu Recht auf Vorbehalte. Wer nicht tapfer genug war, dem komplexen Anspielungsgeflecht zu folgen, der verlor bald die Lust, sich auf diesen Solipsismus einzulassen. Subjekttheorie, Identitätsdiskurs, Post(post)moderne, Geschlechterdifferenz – Hoppe ist, ohne ihr aktives Zutun, „everybody's darling“ einer sich avanciert gebenden Literaturwissenschaft und -kritik. So verwundert es nicht, dass die überraschende Entscheidung, ihr den Georg-Büchner-Preis 2012 zuzuerkennen, auf breite, wenn auch nicht einmütige Zustimmung stieß. Ganz wohl kann einem dabei nicht sein, denn es wirkt ein wenig so, als würden diejenigen, die Hoppes Arbeiten lautstark akklamieren, vor allem sich selbst und ihr Diskursniveau feiern. Die Autorin sieht das, so ist zu hoffen, mit Verblüffung. ■




Felicitas Hoppe
Hoppe

Roman. 336S., geb., €20,60
(S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.05.2012)

 
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