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Flöhe, so groß wie Schafe

01.06.2012 | 18:21 |  Von Jan Koneffke (Die Presse)

Vom Heranwachsen in einer Diktatur: In seinem Roman „Der Körper“ erweist sich der Rumäne Mircea Cartarescu als grandioser Autor des Monströsen. Komik und Ironie ergänzen die Apokalypse.

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Die Abrissarbeiten an der Bukarester Altstadt sind schon weit gediehen, als auch der Ich-Erzähler aus seinem Wohnblock vertrieben wird. Dem Haus gegenüber, am Horizont, erhebt sich bereits „das tiefgefrorene Mammut“ des Diktatorenpalasts mit dem euphemistischen Namen „Haus des Volkes“. Nun sucht Mircea, der mit dem Autor Mircea Cartarescu namensgleiche Erzähler, Unterschlupf in der elterlichen Wohnung. Mit dieser erzwungenen Rückkehr kehren auch die Erinnerungen zurück: an seine Kindheit in den 1950er- und 1960er-Jahren und an seine Eltern, insbesondere aber an die Mutter, nach der schon der kleine Junge „unentwegt auf der Suche war“.

Von ihrer engen Beziehung erfährt man aus einer der schönsten Passagen des Romans „Der Körper“, in der die Mutter in Heimarbeit Teppiche webt: Bald schon hält sie sich nicht mehr an die Mustervorlagen, sondern erfindet, zusammen mit dem Kind,
immer fantastischer werdende Bildmotive, auf die sogar die Staatssicherheit aufmerksam wird. Aberwitzigerweise der Spionage verdächtigt, verschwindet sie für eine Woche in Securitate-Gewahrsam. Diese anrührende Episode gerät Cartarescu zu einer Metapher für die (Gegen-)Macht der Fantasie und charakterisiert sein eigenes Erzählen. Denn die endlose Abfolge von Bildern auf den Teppichen seiner Mutter, „immer fließend“ und „immer auf etwas verweisend“, kennzeichnet auch Cartarescus Roman, der soeben mit dem Internationalen Literaturpreis 2012 ausgezeichnet wurde.

Das macht seine Faszination und gleichzeitig seine Verstiegenheit aus, denn der rumänische Autor zielt mit seinem über 600-seitigen Buch – das nur das Mittelstück einer fast 2000 Seiten umfassenden Trilogie bildet – auf buchstäblich alles, die ganze Welt. Doch nimmt dieser „riesenhafte Roman der Wirklichkeit“ immer wieder fantastische Züge an, wird die traumhafte Reise zum Höllentrip, zu einer grausigen Fahrt auf Dantes Spuren in ein zeitgenössisches Inferno.

In diesem Buch gibt es nichts, was es nicht gibt: Einhörner mit sich ins Unendliche drehenden Spiralhörnern vor der Stirn, Flöhe, die groß wie Schafe sind, ein Mädchen mit einer Tarantel anstelle des Herzens und Muttermalen, die bei Dunkelheit zu Sternenbildern werden, Schmetterlinge in allen Farben und Größen, an Elefantiasis leidende Huren in den Schaufenstern des Rotlichtviertels von Amsterdam, Zwerginnen und Schlangenmenschen – und immer wieder Türen, die in albtraumhafte Räume oder in apokalyptisch geprägte Landschaften führen: Über die abschüssige, blumenübersäte Talsenke „breitete sich ein tiefer Hochsommerhimmel, entzündet von der in der Mitte des Gewölbes stehenden Sonne, aus deren Fotosphäre sich gewaltige Lavazungen erhoben, blendende Brücken schlugen und sich langsam niederstürzten“.

„Der Körper“ nennt sich das Mittelstück der Trilogie und spielt damit auf die symmetrische Gestalt des Schmetterlings an. Doch mehr als das: Diese wahrhaft „körperliche“ Prosa zerbirst geradezu vor Sinnlichkeit, wie nicht nur die großartig ausgepinselte Orgie in einem bulgarischen Gasthaus beweist. Dabei kehrt der Roman, in dem mythische Welten mit den Erkenntnissen von Stringtheorie und Neurologie, Neostrukturalismus und Psychoanalyse auf unnachahmliche, regelrecht unerhörte, Weise kurzgeschlossen werden, immer wieder von seinen Ausflügen in Mikro- und Makrokosmos zu einer festen Körperlichkeit zurück und erzählt vom kleinen Mircea („Mircisor“) in einem so vitalen wie repressiven Land. Hier, in der Schilderung des kindlichen Blicks auf die kommunistische Propaganda oder die Doppelmoral der Erwachsenen, gelingen Cartarescu schöne satirische Volten.

Nein, Ironie und Komik sind diesem
Autor der Apokalypse nicht fremd, etwa wenn es um Mirceas Onkel geht, den Securitate-Leutnant Stanila Ion, der für den Staatszirkus zuständig ist. Bei den Partei-
sitzungen in der Manege führt der Clown Ciacanica den Vorsitz: „Der Parteisekretär versuchte einzugreifen, wobei er sich mit dem Wasserstrahl aus seiner Blume im Knopfloch abkühlte, das Einmannorchester geriet mit dem Feuerschlucker ins Handgemenge, unter einem Heidenlärm von Mundharmonikas, Posaunen, Akkordeons, Tschinellen und Pikkoloflöten wälzten sie sich, von Flammen umflackert, im Sand, bis der Securitate-Offizier plötzlich aufsprang und rief: ,Zur Ordnung, Genossen, zur Ordnung!‘, wobei er seinen gefürchteten Dienstausweis in alle Himmelsrichtungen schwenkte.“

Doch handelt der Roman Mircea Cartarescus nicht zuletzt vom Künstler als Kind und jungem Mann, von den Initiationserlebnissen, die ihn in die Welt der Fantasie einführen, von seiner Anspannung, aus dem Ich, dem „rätselhaftesten Wort der Welt“, das die Welt selbst und zugleich völlig nichtig ist, den „riesenhaften Roman der Wirklichkeit“ herauszuspinnen. Denn „Sinn bekommt das Chaos nur deshalb, weil ich hier und kein Angström weiter links stehe, weil die Perspektiven sich auf mich zu verengen, denn ich bin die Pupille, ich bin ich, bin Mircea“.

Nun verleugnet der heimliche Held dieses Buches, der 1956 in Bukarest geborene Mircea Cartarescu, keineswegs, ein Ich an der Peripherie zu sein, am südöstlichen Rand Europas, was seine Anstrengung, den Totalroman zu schreiben, umso gewaltiger, aber auch umso glaubhafter macht. So sind die magischen Türen in diesem Buch stets auch als Sehnsuchtspforten erkennbar, als Fluchtwege aus einem Land, das bis zur Dezember-Revolution von 1989 ein Gefängnis war.

Und damit schließt sich der Kreis zum anfangs noch übrig gebliebenen Wohnblock: Als „priapischer, ungemein schmerzender Penis der traurigsten Stadt dieser Welt“ hatte er zunächst die Abrisswelle überstanden, bis auch er dem Willen des totalitären Regimes zum Opfer fiel. Das letzte Wort behielt sein Gegenüber am Horizont, das „tiefgefrorene Mammut... in der Abendröte mit der Wucht einer Entjungferung“. Aus den sexuellen Metaphern lässt sich unschwer ersehen, was das werdende Schriftsteller-Ich zur Anstrengung zwang, diese riesenhafte Trilogie zu schreiben: eine tiefe narzisstische Kränkung, Erniedrigung, Ohnmacht.

Mircea Cartarescus Buch ist die totale Antwort auf das totalitäre Regime: Es ist zum Schluss sein Roman, der das letzte Wort behält. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.06.2012)

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