Die meisten von uns lieben einfache Wahrheiten. Auch wenn sie eher einfach sind als Wahrheiten. Und ganz besonders lieben wir sie, wenn sie uns das bestätigen, was wir schon immer gewusst haben. Wie zum Beispiel, dass Männer besser einparken und Frauen besser über Gefühle reden können. Solche und ähnliche von Feministinnen jahrelang verlachten Behauptungen der Populärpsychologen kommen jetzt durch die neurowissenschaftliche Hintertür wieder hereinspaziert. Plötzlich sind Wissenschaftsmagazine und Feuilletons voll von Studien aus der Gehirnforschung, die zum Beispiel belegen, dass die Testosteronwelle im männlichen Fötus dessen „Sex- und Aggressionszentren“ verstärkt, dass ihr Fehlen hingegen „stärkere Verknüpfungen im Kommunikations- und Gefühlszentrum“ nach sich zieht. Dass im neuronalen „Glückszentrum“ von Frauen „Neuronenfeuer“ ausbrechen, wenn sie mit der besten Freundin über Beziehungsprobleme reden, und in dem von Männern, wenn sie an der Börse um Millionen zocken. Wir sehen es auf bunten Bildern vom Inneren unseres Gehirns und freuen uns, dass die Welt doch so einfach scheint, wie wir sie am liebsten haben würden.
Doch ganz so einfach, schreibt Cordelia Fine in ihrem Buch „Geschlechterlüge“, sollten wir es uns nicht machen. Ein wenig Wissenschaftskritik ist angebracht. Wer sich, wie die gelernte Neurowissenschaftlerin und Psychologin, die Mühe macht, die populären Geschlechterdifferenzstudien der Neurowissenschaften genauer unter die Lupe zu nehmen, stößt auf einen Wust von Ungenauigkeiten, Kurzschlüssen, haarsträubendem Unsinn und schlichten Verfälschungen. Trauriger Tiefpunkt ist dabei Louann Brizendines Megahit „Das weibliche Gehirn“, in dem unter anderem die größere Empathiefähigkeit von Frauen durch eine Studie belegt wird, an der nur Frauen teilnahmen.
Ist also alles eine Lüge? Die von Männern und Frauen gemachten Beobachtungen über das unterschiedliche Verhalten der Geschlechter, die unterschiedlichen Begabungen und Interessen – alles nur Auswüchse unserer Fantasie? Nein, nicht ganz, sagt Cordelia Fine. Es sind die Folgen von Geschlechterstereotypen, die unser gesamtes Leben bestimmen wie sonst kaum etwas. Schon Kleinkinder lernen, was eine Frau ist und was ein Mann. Und im Alter von drei, vier Jahren verweigern sie bereits alles, was nicht dem Geschlechterstereotyp entspricht. Kinder, so Cordelia Fine, sind wahre „Geschlechterdetektive“ und schon Fünfjährige können metaphorische Genderindikationen erkennen und wissen, dass eine Babypuppe mit schwarzer Kleidung und zornigem Gesichtsausdruck Bubenspielzeug ist und ein gelbes, lächelndes Auto mit Herzchen Mädchenspielzeug.
Im Laufe unserer Sozialisation wird dieses früh erworbene Wissen zu implizitem Wissen. Das bedeutet, selbst wenn wir als Erwachsene Geschlechterzuschreibungen bewusst ablehnen, wirken sie dennoch unbewusst weiter. Das zeigen etwa Studien mit fiktiven Bewerbungen. Zwei unterschiedlichen Gruppen von Probanden wurden Bewerbungsschreiben vorgelegt, die bis auf die Namen der Bewerber, „Karen“ und „Brian“, völlig identisch waren. Dennoch wurde „Brian“ durch die Bank als qualifizierter und für den Job geeigneter wahrgenommen als „Karen“. Vergleicht man Beschreibungen von Führungsverhalten, wieder ident bis auf das Geschlecht, stellt man fest, dass dominantes Verhalten bei Männern als viel sympathischer erlebt wird als das von Frauen. Von Frauen wird wesentlich mehr Einfühlungsvermögen erwartet. Sie haben davon allerdings nichts, denn die wichtigsten Eigenschaften für „gutes Führungsverhalten“ entsprechen eher dem männlichen Stereotyp. Nur Müttern traut man eine Führungsrolle noch weniger zu. Im Vergleich zu kinderlosen Kolleginnen sinken ihre Aussichten auf einen Topjob gleich um 15 Prozent und ihr Jahresgehalt um 11.000 US-Dollar.
Die Macht der Geschlechterstereotypen ist so groß, kann man in Fines gründlich recherchiertem Buch nachlesen, dass sie sich sogar auf unsere kognitiven Fähigkeiten auswirken. So fand man heraus, dass Mädchen bei Mathematiktests schlechter abschneiden, wenn sie vorher die harmlose Frage „weiblich, männlich?“ beantworten müssen. Bei Aufnahmsprüfungen an Informatik-Hochschulen kann man den Erfolg der Kandidatinnen positiv beeinflussen, wenn man ihnen vorher sagt, dass Frauen bei diesem Test gleich gut oder besser abschneiden als Männer. Umgekehrt reichen visuelle Reize, wie die Ausstattung des Testraumes mit „typisch männlichen“ Attributen, wie Poster von Motorrädern und Autos, damit Mädchen schlechter werden.
Cordelia Fines Buch ist ein Appell an unseren gesunden Menschenverstand, allzu einfachen Wahrheiten zu misstrauen. Und ein Appell an unser Verhalten – zum Beispiel das nächste „typisch Mann“, das uns durch den Kopf gehen mag, wenn wir unsere Gesponse beim nicht platzsparenden Einräumen eines Geschirrspülers beobachten, einfach zu ignorieren. ■
Cordelia Fine
Die Geschlechterlüge
Die Macht der Vorurteile über Frau und Mann. Aus dem Englischen von Susanne Held. 476S., brosch., €22,60 (Klett-Cotta
Verlag, Stuttgart)
("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.06.2012)















