Ein kleiner Plattenkoffer mit alten Singles, eine Aktentasche ohne Henkel, eine Zehe voller Eiter. Das ist kein Gepäck, mit dem ein Reisender den Kanon der „1000 Places to See Before You Die“ abarbeitet. Das sind vielmehr Requisiten, die gut zu den Szenerien passen, die Tex Rubinowitz in seinem „paralleltouristischen“ Reisebericht heimsucht. „Rumgurken“ nennt er die Methode und sein neues Buch. Es liest sich als eine lockere, wie zufällig erscheinende Sammlung von verqueren Orten und kuriosen Episoden über den halben Erdball verstreut. Die Reise führt geografisch an den Rand, aber quer durch den alternativen Kulturbetrieb. Was braucht es schon Sehenswürdigkeiten, wenn mander eigenen Ästhetik von Waschbeton und „kotzenden“ Häusern folgt?
Früh lockte es den Witzezeichner, Musiker und Schreiber in die weite Welt hinaus, das westdeutsche Kind verbrachte schließlich seine Sommer am DDR-Ostseestrand. Bald kam Wien auf den Radar, heute noch Bezugsort. Durch den erhöhten Bewegungsdrang entwickelten sich Beschreibungspotenz und Blick für das Absurde im Umfeld.
Ein Hang zu brutalistischer Architektur bildete sich aus. Auch eine Vorliebe für Muscheln, Pommes und Mayonnaise, Starkbier und Belgien wurde im Laufe des Rumgurkens so stark verinnerlicht, dass Zugreisen nach Ostende unumgänglich schienen. Kultiviert wurde ebenfalls die Gabe, nicht nur in seltsame Situationen zu geraten, sondern diese auch zu erzeugen. Der Witz und der Sinn fürs Komische heiligen dabei die Mittel. Für all das liefert der Autor in „Rumgurken“ mehrfach Belege.
Un-Orte wurden im RubinowitzschenUniversum ausdefiniert: Sardiniens „widerwärtige Smaragdküste“, ein „Deppenmagnet de luxe“. Eine starke US-Aversion konnte mit einem Cleveland-Besuch allerdings egalisiert werden. Auch der Charme anderer abgegurkter und literarisch verwursteter Destinationen zwischen Bhutan und Paris ist endenwollend.
Kariös und verranzt
Das liegt aber nicht immer an den Orten selbst. Es liegt am Ausschnitt, den der Autor den Stätten seines Wirkens, Rumhängens und satirischen Betrachtens zubilligt. Ein bisserl böse sein macht Freude: So „kariös“ und „verranzt“ waren Porto und Oslo noch selten wie in den Schilderungen, Klagenfurt kaum einmal so erfreulich. Das muss wohl am Kulturbetrieb liegen, dessen Teil Rubinowitz in mehrfacher Weise ist. Der Leser begegnet vielen Schriftstellerkollegen, laufend treten Popsynthetiker, Maler, Lebensphilosophen auf. Und zu allem spielt wie in einer zweiten Textspur die Musik. Da lässt sich aus den Stationen auch ein kultureller Sozialisationstrip herauslesen, in der Kunst und Schrott geschmeidig zusammenkommen.
Die Nachreisbarkeitstauglichkeit von „Rumgurken“ ist eher mäßig. Aber es wäre einen Versuch wert, Genius Loci einmal anders zu betrachten: das Finnlandartige an der Welt zum Beispiel. Denn das sei „doch das Schöne, im Film, im Buch und auch in unserer Kohlenstoffwelt, dass man die Erwartung an einen Ort auch einmal in der Vorstellung kompostieren lassen kann“. ■
Tex Rubinowitz
Rumgurken
Reisen ohne Plan, aber mit Ziel. 224 S., Tb., € 12,40 (Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek)
("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.06.2012)















