Die schwedischen Ethnologen Billy Ehn und Orvar Löfgren haben ein Buch geschrieben über die geheime Welt des Nichtstuns: „The Secret World of Doing Nothing“. Warum die Welt des Nichtstuns „geheim“ sein soll, weiß ich nicht. Gewiss, sie bleibt als ein Zustand des Inneren verborgen; überwiegend aber ist sie öffentlich, teilweise auf anstrengende oder zumindest langweilige Weise. Jeder kennt die Qual, die auftreten kann, wenn man in einer Schlange steht und wartet. Und jeder kennt das Gefühl, gewisse Alltagsroutinen – wie Zähneputzen oder Autofahren – abzuwickeln, ohne dass man, während man tut, was getan werden muss, sich dessen voll bewusst wäre: Es ist dann, als ob man so gut wie nichts täte.
Insofern ist der schlichte deutsche Titel, „Nichtstun“, der Sache, um die es geht,sachlich angemessener. „Warten“ und „Tagträumen“ – so lauten zwei der Hauptvarianten des Nichtstuns, die untersucht werden – sind typische Formen; die dritte allerdings, nämlich „Routinen“, ist nicht ohne Weiteres als Nichtstun, eher als „Blindlingstun“, anzusprechen.
Wer Details liebt, wird dieses Buch dennoch genießen. Mir fehlte ein wenig der rote Faden. Und ich spürte beim Lesen eine Irritation, die eine Ungeschicktheit der Autoren verrät: Die Fülle der süffigen Beispiele, die aus einer Unmenge von Literatur – zu einem nicht unerheblichen Teil: der Weltliteratur – eingebracht werden, hat zur Folge, dass man ungeduldig auf das nächste brillant formulierte Zitat wartet. Dadurch verliert die durchaus nicht unangenehm zu lesende Prosa der Autoren an Reiz. Und das ist schade.
Bouquet aus Kleinkulturpraktiken
Man braucht diesen Umstand nicht gegendas Buch zu wenden, zumal es eine interessante These entfaltet. Die Beobachtung, dass unsere Kultur die Menschen immer weniger zur Ruhe kommen lasse, ist unterdessen zum Gemeinplatz verkommen. Da mutet es schon überraschend an, wenn die Autoren auf die Vielfalt an Formen des Nichtstuns hinweisen, die sich bei uns zu einer komplexen Kultur – oder besser: zu einem Bouquet aus Kleinkulturpraktiken – formieren.
Was mich dabei befremdete: Die
Autoren beschäftigen sich wenig mit jener Fantasie des Nichtstuns, die für den vom Burn-out bedrohten Lebensstil unserer Mittelschichten zu den großen Sehnsüchten zählt, nämlich dem wirklichen und wahrhaftigen Nichtstun, welches man gerne als stärkendes, die spirituellen Energien belebendes Loslassen erleben möchte. Das konsumträchtige Simulacrum dieses Nichtstuns heißt heute „Wellness“. Natürlich handelt es sich dabei um ein mehr oder weniger luxuriöses Freizeitvergnügen, das eines nur ist, weil man weiß, dass man ihm bald wieder entkommen sein wird – man denke an die nervigen „Räume der Stille“.
Besonders anregend ist die Lektüre des Buches dort, wo die Autoren zeigen, dass Nichtstun stets Regeln gehorcht, die, obwohl vielleicht unbemerkt, doch „institutionalisiert“ sind, und sei es bloß, dass man scheinbar ungezwungen beim Ofen sitzt. So will es der Brauch im ländlichen Schweden, abends, um die Dämmerung „aufzuhalten“ und dabei den Gedanken nachzuhängen – eine schöne Gewohnheit, die leider kaum noch geübt wird. ■
Billy Ehn, Orvar Löfgren
Nichtstun
Eine Kulturanalyse des
Ereignislosen und Flüchtigen. Aus dem Schwedischen von Michael Adrian. 300S., geb., €24,60 (Hamburger Edition, Hamburg)
("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.06.2012)















