„Jeden Tag zu neuen Exekutionen“

15.06.2012 | 18:41 |  Von Christoph Bartmann (Die Presse)

Der literarische Dauerreisende Martin Walser gibt Auskunft. Was kann es für einen Autor Schlimmeres geben, als im Ausland herumgereicht zu werden von Botschaften, Konsulaten, Goethe-Instituten und sonstigen offiziellen Stellen, wo man gute Miene fürs Vaterland machen muss?

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Was kann es für einen Autor Schlimmeres geben, als im Ausland herumgereicht zu werden von Botschaften, Konsulaten, Goethe-Instituten und sonstigen offiziellen Stellen, wo man gute Miene fürs Vaterland machen muss? Noch schlimmer ist wahrscheinlich nur noch eins: nicht herumgereicht zu werden und womöglich zusehen zu müssen, wenn nach Paris, Rom und Tokio die Kollegen fahren.

Die Dichterreise im auswärtigen Auftrag ist ein gern belächeltes Ritual, zuletzt etwa von Daniel Kehlmann in seinem Roman „Ruhm“. Aber auch dieser Autor reist gerne, sonst wüsste er gar nicht, was man auf solchen Reisen erleben kann, wie überhaupt die Zahl der reisenden oder reisen wollenden Schriftsteller die der Nichtreisenden erheblich übersteigt. Irgendetwas muss es da draußen zu holen geben, vielleicht ja genau den Ruhm, den Weltruhm.

Einer von den literarischen Dauerreisern ist Martin Walser, und er kann beredt Klage führen über die Zumutungen solcher Dienstreisen, wobei dann die Klage erst zu erkennen gibt, wie lohnend viele dieser Reisen für ihn gewesen sein müssen. Nun ist ein Buch erschienen mit Reiseberichten Walsers von London (1952) bis in die DDR (1981). Nicht immer war Walser in offiziellem Auftrag unterwegs, manchmal handelte es sich um Auslandsreisen des Radioredakteurs oder Literaturfunktionärs, und oft war Walser auch Gast von Universitäten, so etwa 1958 von Henry Kissingers berühmter International Summer School in Harvard, wo auch Ingeborg Bachmann zu Besuch weilte.

Lohnt es sich, die Reiseberichte aus Walsers Tagebüchern und anderen Quellen in einem Band zusammenzubringen? Es lohnt sich, muss man sagen, vor allem deshalb, weil es sich eben um Walsers Reisen handelt. Und die haben den Vorzug, dass in ihnen unablässig ein waches, mal heiteres, mal depressives, immer aber, mit Walser zu reden, „ichwichtiges“ Subjekt am Werk ist, mit dem einem nie langweilig wird. So wenig, wie einem mit Kafka bei einer seiner seltenen Auslandsreisen, etwa nach Brescia, langweilig würde.

Kafka oder auch Walser bleiben unter wechselnden Umständen und Ortszeiten sich als Schreiber treu. Deswegen liest man beispielsweise Walsers kleinen Wutausbruch gegen das Reisen aus dem Jahre 1958 vor allem als literarische Erregung: „Und doch reisen so viel Leute. Aber für mich ist es nichts. Es entsteht zu viel leere Bewegung in mir, zu viel Verlockung, der man nicht folgen, der man aber auch nicht widerstehen kann. Jeden Tag hat man sich zu neuen Exekutionen zu begeben. In schweren Fetzen hängt mein Herz an mir, aber niemand zerreißt es ganz, nur im Vorbeigehen bohren sie plötzlich ihre Fingernägel hinein, so als wollten sie bloß rasch mein Blut probieren.“ Trotzdem muss niemand Walser wegen seiner Reisen bemitleiden. Gleich ob auf Reisen oder zu Hause, findet Walser Stoff zur Übertreibung.

Interessant sind Walsers Reiseberichte aber auch aus dem Grund: Er hat wirklich genau hingeschaut, nicht nur in sich hinein, sondern nach draußen in die Welt, sowohl auf das, was sich dem täglichen Blick darbietet wie auf die größeren politisch-historischen Zusammenhänge. Mehr als all das beschäftigt ihn womöglich aber gerade eine weibliche Reisebekanntschaft, etwa „Inger Larsen, Television producer, Danish State Radio. An ihr trat Geist hervor wie stark gewachsene, ohne alle Anstrengung sichtbare Halssehnen.“ Welch ein Bild! Immer fällt Walser irgendetwas auf, das seine Imagination in Gang setzt. Zwischendurch ist er auch verdrossen und registriert die viel zu vielen Einladungen und also Reisen, obwohl er sich doch eigentlich, was man ihm nicht glaubt, „verbergen“ möchte. Er kann sich aber das Verbergen nicht leisten.

Der Erfolgsschriftsteller Martin Walser ist fast 50 Jahre alt, als ihn mit der Novelle „Ein fliehendes Pferd“ endlich ein richtiger Verkaufserfolg ereilt. Bis dahin musste er reisend die Familie ernähren. Jetzt könnte er das Reisen reduzieren, aber statt dessen reist Walser weiter durch die Welt, bis heute. Zur Lust am Sich-Verbergen kommt eben die andere Lust, herumgereicht zu werden. Dass Walser sich zwischen beiden Lüsten nicht entscheiden kann und muss, macht dieses kleine Buch so lebendig und lesenswert. ■




Martin Walser
Meine Lebensreisen

Hrsg. von Thomas Schmid. 152 S., geb., € 25,70 (Corso Verlag, Hamburg)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.06.2012)

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