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Der General

15.06.2012 | 18:42 |  Von Alfred Pfabigan (Die Presse)

Ohne seinen Beitrag als Ghostwriter, Redakteur, Kompilator und geschickter Politiker gäbe es keinen Marxismus. Tristram Hunt porträtiert Friedrich Engels als Herrenreiter und Hedonisten.

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Karl Marx und Friedrich Engels, „Mohr“ und „General“, so ihre Spitznamen – das war die folgenschwerste Partnerschaft in der Geschichte des politischen Denkens. Engels hat sich gern als die „zweite Geige“ neben Marx bezeichnet und tatsächlich war es wohl schwer, neben dessen ungeheurem Wissen, seiner überraschenden Verknüpfungsfähigkeit und seinem Schatz an Ideen zu bestehen. Dennoch ist die Selbstabwertung des Generals auch eine von vielen Masken, die dieser Mann trug, eine Waffe, mit der er nach dem Tod von Marx sein Interpretationsmonopol festigte und die den Effekt zeitigte, dass er nur beiläufig ins Visier der Biografen geriet – im Gegensatz zum Mohren, dessen Leben um einiges ereignisärmer war.

Der glücklich gewählte Untertitel der Übersetzung von Tristram Hunts Biografie nennt Engels den „Mann, der den Marxismus erfand“; in der Theorie, aber auch in der internationalen Praxis, im Guten wie im Schlechten. „Marxist“ – das wollte der Namensgeber eigentlich nicht sein, doch sein Spielraum gegenüber dem Freund, der den ökonomisch ungeschickten und äußerst anspruchsvollen Partner plus gieriger Familie lebenslang mit überraschend hohen Summen finanzierte, war recht eng. Vor allem fiel es Marx schwer, etwas auf den Punkt oder gar zu Ende zu bringen.

Die „zweite Geige“ hingegen hat auf Grund ihrer praktischen Erfahrungen als englischer Industrieller die Partitur des Kapitalismus wohl schneller begriffen als der von seinen Einfällen geplagte Marx. Dessen Gesamtwerk mit all den voluminösen, annotierten Exzerpten zu unzähligen Wissensgebieten ist ein gigantischer Steinbruch mit Unmengen von Schotter und einigen Juwelen. Und da kommt Engels ins Spiel: Er war nicht nur der Einzige, der die unleserliche Marx'sche Handschrift entziffern konnte, er hatte auch die Fähigkeit, die ausufernden, meist fragmentarischen Marx'schen Texte auf eine – und das war eben seine – Linie zu bringen. Ohne seinen Beitrag als Ghostwriter, Redaktor, Kompilator und geschickter Politiker wären die Ideen von Marx nur eines der vielen intellektuellen Feuerwerke jener Zeit geblieben, an denen sich heute bestenfalls Spezialisten erfreuen würden.

Der englische Originaltitel von Hunts Biografie spielt ein anderes Motiv an und nennt Engels einen „Kommunisten im Gehrock“. Kommunist und erfolgreicher Industrieller – das klingt nach „Doppelleben“, doch das wäre eine Untertreibung. Der Mann war zudem Abenteurer, Soldat, Revolutionär, Philosoph, Publizist und Politiker, führte also tatsächlich viele Leben. Hunt porträtiert einen Dissidenten der sich allmählich herausbildenden industriellen Klasse Deutschlands, der sich dennoch nie so radikal von seiner Familie, seiner Klasse und deren Lebensform trennte wie Marx. Als Repräsentant seiner Familie führte er eine Baumwollspinnerei in Manchester, kein Musterkapitalist wie Robert Owen, sondern einer, der sich – auch in Personalfragen – seiner Härte rühmte. Er hat über die Tretmühle geklagt, doch die damit verbundene Lebensform hat der Herrenreiter offensichtlich genossen. Und finanziell war das Mitglied der Börse von Manchester äußerst erfolgreich – Hunt beziffert den Wert seines Aktiendepots nach heutiger Kaufkraft mit 2,2 Millionen Pfund.


Gleichheit war kein Ideal

Beide, der Playboy Engels und Marx, der Gatte einer preußischen Aristokratin, hatten früh Anteil an den intellektuellen und politischen Bewegungen zwischen Romantik und Vormärz – den Kommunismus haben sie spät entdeckt. Der Mann, der Engels zum Kommunismus brachte, war Moses Hess, den die beiden später aus dem linken Kanon gebissen haben – wie so viele andere Pioniere und Konkurrenten. Das schwärmerische Gleichheitsideal der frühen Kommunisten war dem General ebenso fremd wie Marx' Emanzipationsideal in den „Pariser Manuskripten“. „Fakten, Fakten, Fakten“ war schon als junger Mann sein Motto.

Seine Weltsicht war geprägt von den 20 Jahren in Manchester, und das machte ihn in der internationalen Debatte überlegen. „Cottonopolis“ war ein Zentrum der englischen Industrialisierung, deren destruktive Folgen Engels hautnah erlebt und in seiner klassischen „Lage der arbeitenden Klassen in England“ ausgiebig beschrieben hat. Das ist ein Buch, das heute noch berührt und Umstände schildert, wie sie aus den chinesischen Sonderwirtschaftszonen berichtet werden. Engels hat die mit dem industriellen Prinzip verbundene gesellschaftliche Polarisierung erkannt und aus ihr den Schluss gezogen, dass der Kapitalismus zum baldigen Untergang verurteilt sei und die Arbeiter an die Stelle der Bourgeoisie treten würden. Diese Auffassung hat er mit der in Manchester erlernten Erfolgsorientierung eines Kaufmannes vertreten, der für sein Produkt – die wissenschaftliche Theorie des Klassenkampfes – nach einem Monopol strebt. Das machte ihn, so Hunt, zum ersten „Großinquisitor“ der Theorie, der die „entristische“ Taktik nicht scheute und in Organisationen gezielt eintrat, sie ideologisch umzudrehen.

Hunt beschreibt einen, wenn es um die Politik oder um das Geschäft ging, unerbittlichen Mann, der sein Leben mit Austern, Champagner und Frauen, darunter auch gekauften, genoss. Der Tratsch hängte dem als Pionier des Feminismus Gefeierten sogar eine Vergewaltigung an. Kurz, ein wenig liest sich Hunts Beschreibung wie die des Urbilds jener libertär-hedonistischen Linken, die es – auf einem intellektuell etwas niederen Niveau – zwischen der Toskana und französischen Swingerclubs auch heute gibt. „Gutmensch“ war der General sicher keiner, Gleichheit war ihm eher zuwider und das Hegel'sche Konzept von den „geschichtslosen Völkern“ spitzte er gesprächsweise bis zum „Völkerabfall“ zu; sein Biograf attestiert ihm zudem rassistische Tendenzen.

In Manchester hatte Engels zwei Wohnsitze – einen offiziellen und einen, in dem er mit einer wohl analphabetischen Irin namens Lizzy Burns und nach deren Tod mit ihrer Schwester Mary zusammenlebte. Wie das geklappt hat, weiß auch Hunt nicht. Im vorigen Jahrhundert, das sich stolz als das der Psychologie verstand, hätte eine derart voluminöse Biografie ihr Objekt wohl nach allen Regeln der Kunst ausgedeutet. Hunt beschränkt sich auf die Beschreibung der Widersprüchlichkeit dieses Mannes. Wie er seine vielen Leben kombinierte und was ihm die Energie zum Erfolg gab, bleibt Geheimnis. Dafür liest man eine gut kontextualisierte, trefflich geschriebene Biografie über das Wirken und Denken eines Unterschätzten. ■


Tristram Hunt
Friedrich Engels

Der Mann, der den Marxismus erfand. Aus dem Englischen
von K.-D. Schmidt. 574 S., geb., €25,70 (Propyläen Verlag,
Berlin)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.06.2012)

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1 Kommentare

Trivial

Na ob das mal nicht zu einer trivialisierenden Lebensbeschreibung verkommt, die nichts, aber auch garnichts, mit dem Werk von Engels und Marx zu tun hat. Sowas gibts ja heutzutage schon über jeden namhaften Philosophen. Kant, der Mann mit dem glasklaren Blick und der sozialen Abkapselung im Alter, wie Hegel, der erfolgreichste im tübinger Dreierbund.

Ob sowas wirklich zu einem Erkenntnisgewinn führt, wage ich zu bezweifeln. Aber was solls? Wenn man einem Denker nicht auf theoretischer Ebene beikommt, muss man ihn eben auf Klatschniveau demontieren.

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