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Im Herzen der neuen Welt

15.06.2012 | 18:43 |  Von Rupert Ascher (Die Presse)

Apokalyptisch: Davide Longos Entwurf eines Endzeit-Italiens. Leonardo, Exliteraturprofessor und Exautor, lebt nach dem Auffliegen einer Affäre mit einer Studentin seit Jahren zurückgezogen in seinem Heimatdorf.

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Noch 15 Jahre Berlusconi, und eshätte in Italien vielleicht ausgesehen wie in Davide Longos Roman „Der aufrechte Mann“: Öffentliche Verwaltung und staatliche Ordnung sind zerfallen, die Gesellschaft versunken in Chaos und Anarchie, jeder führt seinen Kampf gegen jeden.

Leonardo, Exliteraturprofessor und Exautor, lebt nach dem Auffliegen einer Affäre mit einer Studentin seit Jahren zurückgezogen in seinem Heimatdorf. Dort liest er Flaubert und schreibt Briefe an seine Frau, auf die er nie eine Antwort bekommt. Eine bedrückende Herbststimmung liegt über dem Land, seit die „Geschichte mit den Externen“ losgegangen ist. Die Lebensmittelversorgung funktioniert kaum noch, das Geld ist entwertet, überall gibt es Straßensperren. Eine Nationalgarde führt den Kampf gegen marodierende Banden. Für Italiener vielleicht am schlimmsten: „Die Fußballmeisterschaft fand nicht mehr statt.“

Im November taucht plötzlich Leonardos Exfrau auf und übergibt ihm ihre gemeinsame Tochter sowie den zehnjährigen Sohn ihres neuen Mannes für ein paar Tage. Sie will „Passierscheine“ für die Schweiz organisieren, und sie kommt nicht wieder. Als die Lage auch im Dorf immer gefährlicher wird, machen sich die drei auf, um die Grenze zu erreichen – ein immer gefährlicher werdender Kampf gegen Kälte, Hunger und Räuber beginnt.

Der Versuch, sich in die Schweiz durchzuschlagen, wird zu einer Reise ins Herz der Finsternis, die ihren Höhepunkt erreicht, als die drei von einer entfesselten Kinderbande gefangen genommen werden. Ihr christusgleicher Anführer Richard, eine Art Mixtur aus Joseph Conrads Kurtz und jugendlichem Popstar, nimmt die minderjährige Lucia zur Frau.

 

Alle Triebhemmungen gekippt

Leonardo haust derweil mit einem Elefanten in einem Käfig, beobachtet die Horrorszenen und tut alles, um zu überleben in diesem irrsinnigen „Herz einer neuen Welt“, in der sämtliche Gesetze und Werte der Humanität verloren sind: Unter musikalischer Dauerbeschallung und Drogen setzen alle Gewalt- und Triebhemmungen aus, die Jungen kopulieren kreuz und quer, wenn sie gerade nicht jagen oder sich prügeln.

„Der Wortschatz der Jungen war beschränkt, ungenau und mit ordinären Ausdrücken gespickt, und dennoch ließ er Schlagfertigkeit und Geistesgegenwart erkennen. Zu sagen, es mangle ihnen an Intelligenz, wäre verfehlt gewesen, es war vielmehr so, als ob sich der Strom aus einem Teil ihres Gehirns zurückgezogen hätte, um sich in den Arealen zu konzentrieren, die mit Aggressivität und purem Luststreben zu tun hatten.“ Aber wie sagt ein Mitgefangener: „Verstehen ist Teil der alten Welt“, das seien Dinge, die überhaupt keinen Sinn mehr haben.

Longo schenkt dem Leser nichts, manche Szenen sind von einer derartigen Brutalität, dass man das Buch zuklappen und nie wieder aufmachen möchte. Vielleicht wirkt auch deshalb das Ende zu positiv. Die Errettung der schwer mitgenommenen „heiligen Restfamilie“ auf eine Insel außer Gefahr erscheint gar zu traumhaft und tröstlich. Die fantastisch erzählte Apokalypse der italienischen Gesellschaft verliert dadurch aber nichts von ihrer erschreckenden Wirkung. ■



Davide Longo

Der aufrechte Mann

Roman. Aus dem Italienischen von Barbara Kleiner. 478 S., geb., €25,70 (Rowohlt Verlag, Reinbek)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.06.2012)

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