Es war ein gesellschaftspolitisch wie kunsthistorisch entscheidender Schritt. Im Frühsommer vor 40 Jahren stellte der Schweizer Kurator Harald Szeemann bei der legendären Documenta 5 in Kassel die Kunst von sogenannten Geisteskranken in Form des Werkes von Adolf Wölfli (1864 bis 1930) gemeinsam mit Arbeiten zeitgenössischer Kunst aus. Mit dieser Anerkennung durch die weltweit wichtigste Kunstschau der Gegenwart wurde die Grenzziehung zwischen Kunst „gesunder“ und „psychisch erkrankter“ Menschen niedergerissen. Zugleich markierte es den Beginn eines sich neu etablierenden Kunstmarktes für die „Art brut“.
Allerdings hatten Protagonisten der Avantgarde wie Paul Klee, Max Ernst oder Hans Arp bereits in den 1920er-Jahren das Existenzielle und Authentische dieser später auch als „zustandsgebunden“ bezeichneten Kunst fasziniert studiert. Dabei diente ihnen vor allem ein Buch als Studien- und Inspirationsquelle: die 1922 erstmals erschienene „Bildnerei der Geisteskranken“. Darin präsentierte der deutsche Arzt und Kunsthistoriker Hans Prinzhorn Arbeiten aus der von ihm aufbauten Sammlung mit 5000 Werken, die zwischen 1880 und 1920 in psychiatrischen Anstalten entstanden sind.
Den Spuren Prinzhorns folgend förderte und erforschte der Gugginger Primarius Leo Navratil im Österreich der Nachkriegszeit den schriftstellerischen wie bildnerischen Ausdruck schizophrener Patienten. Die erste Ausstellung mit Arbeiten der von ihm entdeckten Zeichner und Maler fand 1970 in der von Monsignore Otto Mauer geleiteten „Galerie nächst St. Stephan“ statt. Navratils Untersuchungen „Schizophrenie und Sprache“ (1968) und „Schizophrenie und Kunst“ (1972) wirkten auf die Kunstszene der österreichischen Nachkriegsavantgarden ähnlich inspirierend wie einst Prinzhorns Studie auf die internationale Moderne.
In Navratils Veröffentlichungen war auch das Gedicht „Der Morgen“ eines seiner Patienten mit dem Pseudonym „Alexander“ abgedruckt: „Im Herbst da reiht der Feenwind / da sich im Schnee die / Mähnen treffen. / Amseln pfeifen heer / im Wind und fressen.“ Die melancholische wie sprachlich verknappte Lyrik übte auf den Schriftsteller Gerhard Roth eine derartige Faszination aus, dass er 1976 beschloss, den Autor wie auch dessen Förderer Leo Navratil kennenzulernen. Roth hatte der „FAZ“ vorgeschlagen, einen Beitrag über die Gugginger Künstler zu schreiben. Also fuhr der damals 34-Jährige in das niederösterreichische „Krankenhaus für Psychiatrie und Neurologie“ und traf mit „Alexander“, der mit richtigem Namen Ernst Herbeck hieß, zusammen. Dem Besuch folgten unzählige weitere, der Bekanntschaft mit dem Schriftsteller Herbeck jene mit den Zeichnern und Malern der „ersten Generation“ Johann Hauser, August Walla und Oswald Tschirtner. Roth setzte den persönlichen wie künstlerischen Dialog später mit den „Vertretern der zweiten Generation“ – zu der jetzt auch Frauen gehören – wie Karl Vondal, Leonhard Fink und Laila Bachtiar fort. „Ich kann nicht sagen, wie oft ich in den vergangenen 30 Jahren nach Gugging gefahren bin, dem weißen Schild mit dem blauen Stern nach, bis zur bewaldeten Anhöhe“, so Gerhard Roth rückblickend.
Anlässlich seines 70. Geburtstags hat der Residenz Verlag jetzt einen großformatigen Text-Bild-Band mit dem Titel „Im Irrgarten der Bilder“ herausgebracht. Er dokumentiert in Essays und Fotos die seit 35 Jahren andauernde Beschäftigung Roths mit jenem Ort, den der Autor als einen charakterisiert, in dem „das ,Reich der schlafenden Vernunft‘, wie Goya den Wahn umschreibt, „nicht nur Ungeheuer gebiert, sondern auch einen exemplarischen Zugang zum Schöpferischen ermöglicht, zur Innenwelt, die den Kranken wie den Gesunden Fremde ist“.
Anders als wissenschaftliche Publikationen rund um das Verhältnis von Kreativität und chronischer psychiatrischer Erkrankung richtet sich der bibliophile Band nicht an ein Fachpublikum, sondern an eine große Leserschaft. Die Qualität des gleichermaßen ästhetisch wie literarisch ansprechenden Buches ergibt sich weniger durch neue Erkenntnisse als durch intime und tief gehende Annäherungen an die sensible Thematik. Der Schriftsteller und Fotokünstler Gerhard Roth schreibt nichts fest. Vielmehr nähert er sich den Persönlichkeiten wie den literarischen und bildkünstlerischen Werken aus jeweils unterschiedlichen Perspektiven feinfühlig an. Roth umkreist den heute als „Haus der Künstler“ bekannten Ort, seine Protagonisten und deren Arbeiten. Mittels dokumentarischer Fotostrecken, die die Künstler während der Arbeit vorstellen. Er zeigt sie aber auch in ihrem Alltags – beim Mittagessen oder beim Faschingsfest.
Immer wieder ist Roth auf den Fotos selbst zu entdecken. Vertieft in ein Schachspiel mit Andreas Franz oder während eines Gesprächs mit Ernst Herbeck. Die Künstler werden mit großformatigen Farbabbildungen ausgewählter Werke und begleitenden Roth'schen Texten vorgestellt; ergänzend zu Roths Essays finden sich im „Irrgarten“ ausgewählte Beiträge anderer Autoren. So schildert Johann Feilacher die Geschichte des Hauses aus seiner Perspektive, während Martin Behr Roths jahrelange Auseinandersetzung mit den Gugginger Künstlern aus einer Außenperspektive beleuchtet.
Aus Texten wie etwa „Eismeer des Schweigens“ oder „Horror vacui“ spricht Roths Bewunderung für die Unmittelbarkeit und Tiefe des Ausdrucks der Gugginger Künstler. Zum Vorschein kommt, was dem Autor künstlerisch wie menschlich zentral erscheint: „Immer ist in ihren Werken das Existenzielle spürbar, selbst dort, wo es sich um scheinbar verschlüsselte oder unsinnige Bild- und Wortfindungen handelt. Die Mischung aus Unschuld und Verrücktheit, aus Wahn und Sinn gibt den dargestellten Lebewesen und Gegenständen, Tier, Mensch und Pflanze, einem Aschenbecher, einem Regenschirm oder einem Messer, ihre Einzigartigkeit zurück. Alles wird mit dem Staunen und der Verwirrung des Überraschten gesehen.“
Besonders überzeugend sind jene Passagen, in denen er detailliert auf einzelne künstlerische Positionen eingeht, mitunter sogar einzelne Blätter sprachlich zu erfassen versucht, ohne dass dabei der spezifische Reiz der Bilder durch Deutungen zerstört wird: „Wie von einem Pracker erschlagene Insekten liegen die Figuren auf dem Papier. Vermutlich fliegen sie ansonsten, denn sie haben die Eigenschaft der Plötzlichkeit. Ein ,Haarstrudel‘ hält sie am Blattrand fest. Die Köpfe sind riesig. Die Zähne, wie weiße Klaviertasten, breiten sich über das ganze Gesicht aus, aber geben keinen Laut von sich: Das Gebiss ist gefletscht.“ ■
Gerhard Roth
Im Irrgarten der Bilder
Die Gugginger Künstler. 324S., geb., zahlreiche Abb., €39,90 (Residenz Verlag, St. Pölten)
("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.06.2012)















