Dieser Spaziergänger hat die Welt verändert. Ein Wanderer auf Schweizer und französischen Landstraßen, kein Stubenhocker oder Akademiegelehrter, hat seine von Anschauung und Intuition geleiteten Gedankengänge mobilisiert, um das Wohl der Menschheit zu mehren. Mangels Geldes auf seine Füße als Fortbewegungsmittel verwiesen, hat dieser philosophische Vagabund beim Gehen die Sprache der Natur wiedergefunden und der Unmittelbarkeit im Denken freien Lauf gestattet. Sein Anstoß: Die Gesellschaft des 18. Jahrhunderts, der er eine alles beherrschende Unfreiheit und Verderbtheit der Lebensgrundlagen zuschrieb. Sein Ziel: zurück zur Echtheit, zum Ursprung.
Sein gefühlter Einklang mit der Landschaft suggerierte dem einsamen Fußgänger Jean-Jacques Rousseau: Aller Ursprung findet sich in der Natur, und von dorther ist auch ein Neubeginn möglich. Sein Urzutrauen in die ausgleichenden Kräfte der Natur führte den rastlos Suchenden zur Überzeugung: Die Natur ist gut und daher – als ein Werk der Natur – in seiner Ursprünglichkeit auch der Mensch. Das war ausdrücklich gegen den Meinungsführer Hobbes gerichtet, bei dem der Staat Vorkehrungen wider „das Böse“ im Menschen zu treffen hat. Allerdings sah Rousseau auch: „Der Mensch ist frei geboren, und überall ist er in Ketten.“ Er muss sie sprengen: durch Selbsterkenntnis und Wiedergewinnung seiner natürlichenRechte als Bürger unter Gleichen.
In allem, was der vor 300 Jahren, am 28. Juni 1712, geborene Genfer Bürgersohn Rousseau tat und schrieb, suchte er ein revolutionär neues Verhältnis zur Natur. Mit bisher beispielloser Offenheit überantwortete er sich der Umwertung des Menschenbilds, indem er an sich selbst Maß nahm. Natürlichkeit, unverstellte Naturwahrheit und Offenheit sind die Mittel, mit denen er sein autobiografisches System, eine Zwiesprache mit sich selbst, vorantreibt. Er stellt sich dar, klagt sich an, rechtfertigt sich, zeigt sich als Opfer unbegründeter Vorwürfe und Verleumdungen, um am Ende, in den posthum veröffentlichten „Bekenntnissen“, den Leser in einen Gerichtstag über sich einzubeziehen, bei dem er zugleich seinen eigenen Richter wie Verteidiger abgibt. Dazwischen schafft er, in einer zehnjährigen Periode höchster schriftstellerischer Produktivität, ein literarisch-philosophisches Werk von beispielloser Artenvielfalt und Wirkungsmacht.
Das Initiationserlebnis seiner Naturerkenntnis hat er so eindringlich geschildert, dass es wie eingebrannt im kollektiven Gedächtnis des 18.Jahrhunderts bewahrt ist. Wieder war der Spaziergänger Rousseau unterwegs, diesmal – im Oktober 1749 – auf der heißen Landstraße von Paris zur FestungVincennes, wo sein Freund Diderot wegen seiner aufklärerischen Schriften im Gefängnis saß. Beim Gehen blätterte Rousseau in einem Heft des „Mercure de France“. In einer Ausschreibung der Akademie von Dijon stieß er auf die Preisfrage, ob die Erneuerung der Wissenschaften und Künste seit der Renaissance etwas zur Verbesserung der Sitten beigetragen habe. „Im Augenblick, da ich dies las, sah ich eine andere Welt, und ich wurde ein anderer Mensch“, schrieb Rousseau später in den „Bekenntnissen“. Wie eine Erleuchtung hatte ihn die Erkenntnis überfallen, dass die ganze prächtige Zivilisation, der Stolz der Gesellschaft, uns der Natur entfremdet und verbildet hat. „Unsere Seelen sind in dem Maße verdorben, in dem unsere Wissenschaften und Künste vollkommener geworden sind.“ Rousseau schlug damit der fortschrittsberauschten, vergnügungssüchtigen, von Eitelkeit und Selbstbewusstsein strotzenden feinen Gesellschaft der Rokoko-Epoche mitten ins Gesicht.
Sein emphatischer Aufruf, einfach und im Gleichklang mit der Natur zu leben, errang den Preis der Akademie und spaltete die öffentliche Meinung. Fortan wurde er ebenso heftig bewundert wie wütend bekämpft. Man bekomme direkt Lust, wieder auf allen vieren zu kriechen, spottete der Erzrivale Voltaire. Doch Rousseau, der seinen eigenen Habitus der neuen Einfachheit anpasste und dadurch Eindruck machte, begründete mit seiner aus der antiken Stoa entwickelten Naturlehre eine die Menschheit (und ganze Industriezweige) bis heute bewegende Lebensphilosophie.
Indes, der Weitwanderer Rousseau machte hier nicht halt. In seiner 1754 der Akademie vorgelegten zweiten Abhandlung „Über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen“ machte er Tabula rasa mit den alteingesessenen sozialen Verfestigungen und Vorurteilen. Abseits aller historischen oder religiösen Überlieferung entwarf er abermals eine Ursprungsgeschichte: die Genesis der abwegigen Vergesellschaftung der Menschheit. Er hob die natürlichen Unterschiede der Menschen im Gegensatz zu den zivilisatorisch geschaffenen hervor, die Ungleichheit, Unordnung und Krieg begründen. Besonders die Vermehrung und Verteidigung des Eigentums habe ein soziales Ungleichgewicht geschaffen, das gegen „das Gesetz der Natur“ verstoße und dazu geführt habe, „dass eine Handvoll Leute überfüllt ist mit Überflüssigem, während die ausgehungerte Menge am Notwendigsten Mangel leidet“.
Damit war die Katze aus dem Sack. Die Preisrichter der Akademie in Dijon erkannten diesmal sogleich, welch politischen Zündstoff Rousseaus Anklage von Machtmissbrauch und sozialer Ungleichheit im absolutistischen Frankreich Ludwigs XV. bereithielt. Ohne Beratung verwarfen sie die eingereichte Schrift. Nichts weniger als die Sprengung der Lebensordnungen der alten Welt war letztlich die Konsequenz dieser Gedankengänge. Aus begründeter Vorsicht vor der Zensur publizierte der Autor seinen Diskurs als „Bürger von Genf“ 1755 in Holland. Er selbst suchte Zuflucht auf einem Landgut nahe Paris und erweiterte sein Menschenbild vom Naturkind zum Staatsbürger, der seinen selbstbestimmten Platz in einer freien Gemeinschaft einnimmt.
Denn ein „Zurück zur Natur“ hat Rousseau nie empfohlen. „Man meine doch nicht, dass, wenn man einen homme de nature zu bilden vorhabe, man ihn zu einem Wilden machen wolle und ihn in die Wälder schicke“, schreibt er im Bildungsroman „Emile oder Über die Erziehung“, in dem das Bild des ohne Zwang und autoritative Vorschrift geformten Menschen entwickelt wird, der sich in Eigenständigkeit und freiem Entschluss zu jenem „Gesellschaftsvertrag“ verpflichtet, der Rousseaus republikanische Staatslehre bezeichnet. Dieser „Contrat Social“ ist Rousseaus staatstheoretisches Hauptwerk. Darin entwickelte er sein Ideal eines Staatsbürgers, der sich freiwillig einem Gemeinwillen (volonté générale) unterwirft, um seine individuelle Freiheit zu sichern. Da dieser Gemeinwille, wenn er mit dem Willen aller (volonté de tous) oder mit Mehrheitsbeschlüssen gleichgesetzt wird, für den Einzelnen zum Zwang werden kann, droht er in totalitäre Herrschaft umzuschlagen. Die „wohlgeordnete Freiheit“, die er verhieß, verkehrte sich denn auch im jakobinischen Fanatismus und in späteren auf Terror gebauten „Volksherrschaften“ mit Schreckensmacht in ihr Gegenteil.
Rousseaus abstraktes Vertragswerk sah dies nicht vor, doch es wurde am Beispiel kleiner, überschaubarer Gemeinwesen wie seiner Vaterstadt Genf entworfen. Im Unterschied zu Montesquieu sah Rousseau die Einbeziehung des Volks in alle Bereiche der Politik vor und nicht nur die Mitwirkung in einer der Gewalten (Legislative). Immer wieder kehrt der Meinungsstreit über Formen der direkten Demokratie zu diesem Gegensatz zurück. Die Umsturzwirkung seines politischen Denkens für die Französische Revolution und die Deklaration der Menschenrechte hat Rousseau, der 1778 starb, nicht mehr erlebt. Spätestens seit 1755 war der unstete Fußreisende nahezu ständig auf der Flucht. In seiner letzten Schrift, „Träumereien eines einsamen Spaziergängers“, ruft er sich in schlichter Sprachform die idyllischen Exilwochen 1765 auf der Petersinsel im Bieler See in Erinnerung. Scheinbar selbstvergessene Hingabe an den Gezeitenwechsel des naturnahen Daseins, an das Vorläufige des Augenblicks, überwindet die Panzerung des diskursiven Ichs, befreit es zur Selbsterforschung: Ausführlich zeigte zuletzt der Münchner Philosoph Heinrich Meier die Entwicklungsstufen solchen „Glücks des philosophischen Lebens“ auf.
Kein Jubiläum ohne Neuerscheinungen. Diesmal gibt es eine ebenso kompakte wie anschauliche Lebens- und Werkgeschichte des französischen Biografen Michel Soetard und eine von Henning Ritter umsichtig zusammengestellte Auswahl aus Rousseaus philosophischer Korrespondenz, in der sich so brillante Fundstücke wie das Rechtfertigungsschreiben des England-Flüchtlings Rousseau an den Philosophenfreund David Hume oder seine Erwiderung auf Voltaires Verspottung der Religion nach dem Erdbeben von Lissabon 1755 finden: Echos aus einem Gipfelgespräch der Geister.
„Idealist und Kanaille in einer Person“ war Rousseau für Nietzsche. Unter diesem groben Schmähwort des deutschen Philosophen widmet die „Zeitschrift für Ideengeschichte“ ein Sonderheft der Wirkungsgeschichte Rousseaus. Diese Wirkungsgeschichte des Entfesslers der Menschen aus Unmündigkeit und Abhängigkeit ist nicht ungetrübt, doch kühn und unabsehbar. Natur ist das Zauberwort der verheißenen Selbstbefreiung. Auch der Erzieher Rousseau, der erstmals die Kindheit als eigenständige Lebensepoche anerkannte, scheint lebendiger denn je. Dabei war der mutterlos aufgewachsene Uhrmachersohn, der vom Vater mit klassischer Bildung überfüttert worden war, ein herzloser Haustyrann, der seine fünf Kinder ins Waisenhaus steckte. Doch Moral ist kein Maßstab für ein Urteil über Werk und Wirkung. Rousseau war selbstbezogen – und begründete deshalb die moderne Form der Autobiografie. Er war leicht kränkbar – und entwickelte literarisch die Kulturgeschichte der Gefühle entscheidend weiter. Er war unstet in seinen Glaubensbekenntnissen – und nahm für die Verteidigung religiöser Toleranz Verfolgung undVerbannung auf sich.
Im Schatten des Spaziergängers Rousseau wandern wir alle. Noch immer ist er uns um Meilen voraus: „Es gibt heute keine Franzosen, Deutschen, Spanier mehr, nicht einmal, was man auch sagen mag, Engländer, es gibt nur noch Europäer. Alle haben den gleichen Geschmack, dieselben Leidenschaften, dieselben Sitten, da keines durch eine besondere Institution eine nationale Gestalt erhalten hat.“ ■
Heinrich Meier: Über das Glück des philosophischen Lebens. Reflexionen zu Rousseaus Reveries. 445 S., geb., € 30,80 (C. H. Beck Verlag, München).
Michel Soetard: Jean-Jacques Rousseau. Leben und Werk. 128 S., Tb., € 9,20
(C. H. Beck Verlag, München).
Jean-Jacques Rousseau: Ich sah eine andere Welt. Philosophische Briefe.
Ausgewählt und übersetzt von Henning Ritter. 400 S., geb., € 28,70 (Hanser Verlag, München).
Zeitschrift für Ideengeschichte, Heft VI/2/2012: „Idealist, Kanaille, Rousseau“. € 13,30 (C. H. Beck Verlag, München).
("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.06.2012)















