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„Jetzt auf Nummer sicher“

29.06.2012 | 18:47 |  Von Felix Lill (Die Presse)

Die Briten sind eine Wettnation. Aber das Volkshobby, das weit mehr als die Hälfte der Bevölkerung zumindest hin und wieder betreibt, ist auch eine Volkssucht. Ein Besuch in einem Londoner Wettbüro.

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George sitzt auf einem Drehstuhl und starrt an die Wand. Oben links rennen Hunde im Kreis. Daneben, auf einem anderen Bildschirm, flimmern Wettquoten. Seine Mütze trägt er beinahe ins Gesicht gezogen, den Kugelschreiber im Mundwinkel hat er halb zerkaut. Aber er sieht cool aus, trotz seiner 54 Jahre. „Ich setze nicht so viel Geld“, versichert George mit einem Augenzwinkern. Ein, zwei, vielleicht drei Pfund für ein Rennen. Mehr nicht. Ein Hindernisrennen in Towcester, nordöstlich von London, geht los. „Kikos gewinnt das“, murmelt er. Das glaubt er nicht deswegen, weil er das Pferd gut kennt, sondern weil die Startnummer vier seine Glückszahl ist.

„Ah, fast!“, stößt er kurz darauf aus. Kikos und sein Jockey sind als Zweite ins Ziel gekommen, etwas hinter „Beggar's Velvet“. George war nah dran, hat seine zwei Pfund Einsatz aber trotzdem verloren. In Swindon, zwischen London und Bristol, beginnt gleich ein „greyhound race“, ein Hunderennen. George steht auf und schleicht zur Kasse, um noch ein Pfund auf den Hund zu setzen, der ganz oben links startet. Wie schon das Pferd kurz zuvor kenne er auch diesen nicht, aber die konservativen Quoten auf dessen Sieg zeigten, dass er gut sein müsse. „Jetzt geh ich auf Nummer sicher, weißt du?“

George ist nicht der einzige Gast hier. Auf dem Exmouth Market im Londoner Stadtteil Islington, in einem Wettbüro des großen britischen Anbieters Ladbrokes, sind an einem frühen Freitagabend eine Handvoll Leute versammelt. Jeder spielt hier und da ein bisschen oder etwas mehr. Mit offenbar kurzer Aufmerksamkeitsspanne wird von einem zum nächsten Sportevent geblickt und teilweise hastig ein Einsatz platziert. In ruhigeren Momenten werden Quoten studiert oder wird in der anderen Ecke des Geschäfts Roulette gespielt. Für viele hier ist dieses Wettbüro eine Art zweites Wohnzimmer. „Samstage sind eigentlich die besten Tage“, erklärt George, der auch morgen wieder kommen will. Da gebe es noch mehr Rennen zwischen Pferden und Hunden, dann noch Motorsport, Fußball, Tennis. Das Wetten, das für nicht wenige Menschen auch ein ernstes Problem ist, gehört zu den beliebtesten Hobbys der Briten.

„Schau, jetzt bringen sie die Computerrennen“, deutet George auf den größten Bildschirm im Laden, dessen Tonspur auch durch die Lautsprecher übertragen wird. Darauf laufen computeranimierte Pferde um die Wette. Auf den ersten Blick ist schwer zu erkennen, dass es sich hierbei nicht, wie bei den anderen Rennen, um eine echte Liveübertragung handelt. „Das machen die, damit du noch mehr wettest“, lächelt George und schüttelt etwas abschätzig den Kopf. „Ich setze nur auf die echten Pferde. Das da ist mir ein bisschen zu verrückt.“ Für viele Gäste sind solche Computersimulationen aber reizvoll. Weil die imaginären Pferde keine besonderen Eigenschaften haben und daher auch keine statistisch fundierten Gewinnwahrscheinlichkeiten, verfügen Experten hier über keinen Vorteil gegenüber Anfängern. Deshalb sind auch die Wettquoten attraktiver.

„Ist das nicht toll?“, fragt ein Mitarbeiter, der vorbeikommt. Er erklärt: „Für Kunden, die nicht das Wissen haben, um die Gewinner bei echten Rennen vorherzusagen, gibt es hier eine Möglichkeit, trotzdem vielversprechend zu wetten.“ Was das dann noch von Roulette unterscheide, bei dem alles purer Zufall ist? „Du wettest ja trotzdem auf Pferde“, zuckt der Angestellte mit den Achseln. Diese Computerpferde liefen ja auch auf dem Bildschirm um die Wette. „Wenn du deine Einsätze klug streust, kannst du relativ sicher sein, etwas zu gewinnen.“ Am heutigen Morgen seien in diesem Büro schon 2000 Pfund ausgezahlt worden, an einen Stammgast, der lediglich 90 Pfund eingesetzt habe. Wie oft dieser Stammgast aber schon leer ausgegangen sei, wisse der Mitarbeiter nicht. „Der gewinnt schon ab und zu.“

Der typische Glücksspieler in Großbritannien ist männlich, britischer Herkunft und zwischen 25 und 49 Jahre alt. Über 70 Prozent in diesem Alter spielen einer Studie von Microsoft Advertising zufolge zumindest hin und wieder, wobei zuletzt der Anteil älterer Menschen stark zugenommen hat. Nach Lotto, Rubbellosen und Spielautomaten sind verschiedene Sportwetten die viertbeliebteste Art des Glücksspiels. Ein Fünftel aller Briten zwischen 25 und 54 Jahre wettet etwa auf Pferde, und jüngere Jahrgänge setzen besonders häufig auf Fußball.

Dieser Umgang ist aber zunehmend problematisch. Ein anderer Mann im Wettlokal geht ständig im Raum auf und ab, sieht sich die Quoten immer nur kurz an und eilt dann zum Schalter, um seinen Einsatz zu platzieren. Er spricht nicht und meidet Blickkontakt, seine Aufmerksamkeit gilt den flimmernden Bildschirmen. Sobald er merklich nervös wird, geht er weg von den Bildschirmen mit den Rennen und in die Ecke zu den Spielautomaten. Auch davon stehen mehrere in diesem Wettbüro. Der Mann zieht regelmäßig ein allmählich dünner werdendes Geldbündel aus seiner Hosentasche und schiebt Scheine über die Annahmestelle oder in einen Automaten. „Der ist öfter hier“, nickt George. Manchmal gehe er nach draußen vor die Tür zum Rauchen. Aber die meiste Zeit verbringt er drinnen, um sein Geld zu verspielen.

Im Durchschnitt sind die Briten mittlerweile häufiger mit dem Glücksspiel beschäftigt als mit kulturellen Aktivitäten oder Training im Fitnesscenter, wie die Studie von Microsoft Advertising herausgefunden hat. Eine Analyse der „Gambling Commission“, einer öffentlichen Institution, die das Glücksspiel überwacht, deutet darauf hin, dass das große Spiel mit der Chance zur Volkskrankheit geworden ist. In den vergangenen drei Jahren stieg der Anteil derer, die spielsüchtig oder zumindest gefährdet sind und dadurch ihr Familien- und Berufsleben beeinträchtigen, um die Hälfte an. Knapp ein Prozent der britischen Bevölkerung, über 600.000 Menschen, hat heute ein Spielproblem.

George hat sich für einen Moment von den Quoten für Pferderennen zurückgezogen. Bis zum Pferderennen im irischen Cork, wo ein ihm gut bekannter Hengst laufen wird, sind es noch gut vier Minuten. Er steht jetzt am einarmigen Banditen und wirft eine Münze nach der anderen ein. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.06.2012)

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