Ein besonderer Schwung zeichnet dieses Spiel aus. Und auch der Schläger ist eine Rarität in der Welt der Balldisziplinen: Er erinnert an einen Hammer mit eigenartig dünnem Stiel – nicht umsonst wohl nennen ihn die Engländer Mallet. Vom Draufloshämmern kann beim Croquet aber wahrlich nicht die Rede sein.
Denn hinter der unorthodoxen Schlagbewegung steckt eine ausgefeilte Technik: Zwischen den Beinen lassen die Akteure beim Anvisieren des Balls den Holzschlägel pendeln. „So natürlich wie möglich sollte man durchschwingen“, erklärt Heinz Hackl, Sektionsleiter des Croquetklubs Wolkersdorf im Weinviertel. „Der Schlag muss aus den Schultern kommen.“ Und: „Der Kopf muss bis zum Treffen der Kugel unten bleiben.“
Die Schlagtechnik ist eine Eigenheit am Croquet – aber bei Weitem nicht die einzige. Es gilt, zwei orangengroße Kugeln in Blau und Schwarz oder Rot und Gelb durch marginal größere Tore (Hoops) zu befördern. „Als Spieler wirkt es manchmal so, als würde die Kugel gar nicht durchs Tor passen“, so der 50-Jährige. Tatsächlich ist der schienbeinhohe Hoop von Pfosten zu Pfosten gerade einmal drei Millimeter breiter als der Durchmesser des Balls. Diese Präzisionsarbeit erfordert ein Match auf einem Court in der Größe von zwei Tennisplätzen gleich mehrere Male: Auf dem vorgegebenen Parcours muss jede Kugel zweimal sechs Hoops passieren – und zwar in vorgeschriebener Reihenfolge und Richtung. Ein Stab (Peg) bildet nach dem Torreigen das finale Hindernis – mit einem Treffer des Peg markiert der Spieler den Sieg.
Diesen entscheidenden Hit setzte in den letzten Jahren in Österreich am öftesten Klaus Gollhofer. Der Salzburger gewann zehn Staatsmeisterschaften: Den siebten Titel im Association Croquet holte er Anfang Juli; im Golf Croquet trug er bis dato dreimal den Turniersieg davon. Markantester Unterschied der beiden Varianten: Im klassischen Association Croquet können Spieler, etwa durch Passieren des Hoop oder Treffen der gegnerischen Kugel, Folgeschläge erreichen. Beim publikumswirksameren Golf Croquet gibt es keine solche Schlagserie, es ist ein ständig wechselnder Schlagabtausch. „Beim Golf Croquet muss man vielmehr auf den Gegner eingehen, die Taktik spielt hier eine noch größere Rolle“, sagt der 41-Jährige. Österreichs Topspieler konnte international vor allem in dieser Croquet-Disziplin aufzeigen. 2010 erreichte der Brautechniker bei der Europameisterschaft im englischen Budleigh das Viertelfinale. 2008 nahm er in Südafrika an der Weltmeisterschaft teil, konnte sechs seiner sieben Gruppenmatches gewinnen und stieg in die Runde der letzten 32 auf – dort war dann Endstation. „Das war ein schöner Erfolg“, sagt Gollhofer, „ich konnte in Kapstadt auch Engländer besiegen.“
England ist im Croquet, dessen Wurzeln ins Frankreich des 17.Jahrhunderts führen, das Um und Auf. Das Land weist die größte Dichte an Weltklassespielern auf. Croquet, nicht zu verwechseln mit dem baseballverwandten Teamsport Cricket, haftet nicht zuletzt aufgrund des eleganten, weißen Dresscodes und des penibel gepflegten, grünen Rasens das Image eines britischen Nobelspiels an. Gemäß seiner langjährigen Erfahrung habe das Spiel laut Routinier Hackl zwar „eine eigene Atmosphäre“, doch von elitär könne nicht die Rede sein. Bei Hackls Croquetklub in Wolkersdorf etwa kostet eine Jahreskarte knapp 200 Euro, die zum uneingeschränkten Spielen berechtigt. Das Equipment stellt der Klub zur Verfügung. „Da kann man doch nicht von nobel sprechen.“ Zwei Courts mit Flutlicht bieten in Wolkersdorf für die schlägerschwingenden Protagonisten optimale, ja britische Spielbedingungen: Der Rasen ist auf 5,5 Millimeter getrimmt und steht dem Green beim Golf um nichts nach.
Direkt neben einem Golfplatz haben die heimischen Croquetpioniere aus Salzburg zwei Courts ins Grün geschnitten. Leopold Walderdorff gründete 2002 den ersten Klub Österreichs, nachdem er kurz zuvor die Austrian Croquet Federation aus dem Boden gehoben hatte. Anfangs spielte man noch auf diversen Wiesen, inzwischen schlägt man im Croquetklub Römergolf auf Topplätzen. Die guten Platzverhältnisse der heimischen Vereine sind wohl ein Mitgrund, warum Jahr für Jahr Topspieler aus aller Welt zum Kräftemessen nach Österreich kommen. Selbst die britische Elite reist nach Wolkersdorf und Salzburg zu den Austrian Open. 2011 holte sich Engländer Robert Fulford, derzeit Weltranglistendritter, den Titel in Niederösterreich. Für das diesjährige Turnier in Salzburg (24. bis 26. August) hat sich erneut der vielfache Weltmeister und beste Spieler der letzten Dekade, Stephen Mulliner, angekündigt.
Croquethochburg England
Umgekehrt ist die Croquethochburg England für die besten heimischen Spieler die Reisedestination Nummer eins, wenn es um die Teilnahme an international besetzten Wettkämpfen geht: für Heinz Hackl, Rekordmeister Klaus Gollhofer und auch für Max Walderdorff, der 2011 die rot-weiß-roten Meisterschaften im Association und im Golf Croquet für sich entscheiden konnte. Walderdorff nahm etwa im Vorjahr an der Teameuropameisterschaft in Cheltenham teil. Der 34-jährige Bruder des heimischen Szenepioniers Leopold griff bereits als Kind zum Holzschläger und schwang im Garten den Mallet. In seinem Fall hält sich das Traditionsspiel schon seit Generationen in der Familie. Begonnen hat alles, als seine Großeltern bei einer Hauseinweihungsfeier in den 1930er-Jahren ein komplettes Game-Set mit Kugeln, Schlägern und Toren geschenkt bekamen. Bruder Leopold grub das Set nach einer längeren spielerischen Auszeit eines Tages wieder aus. Die Leidenschaft für das Präzisionsspiel entflammte von Neuem – und entpuppte sich später als wichtiger Impuls für das Vereinscroquet in Österreich.
Es sind die „emotionale Anstrengung, der Kampfgeist“, die Walderdorff am Schlagabtausch mit Mallet und Hoops faszinieren. „Wenn man danebenschießt oder ein Ball am Tor hängen bleibt, reibt einen das wahnsinnig auf. Trotzdem muss man immer positiv denken und fokussiert sein. Aber das lernt man mit der Zeit.“ Seinen größten Erfolg feierte der Salzburger, der 2007 im Croquetklub Römergolf regelmäßig zu spielen begann, in Mailand. Dort schlug er sich bei den Italian Open bis auf Platz zwei durch.
Zur absoluten Weltklasse fehlt es aber bislang in Österreich, wo gerade einmal ein familiärer Kreis von rund 25 Spielern die Bälle durch Hoops schlägt. Noch zeigen die Briten, aber auch Neuseeländer und Australier, wo im Croquet der Holzhammer hängt. ■
("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.07.2012)















