Die Geschichte des Adelshauses Von Nordheim ist blutig, glorreich und voll spannender Wendungen – was die hagiografische Variante der Aussage ist, dass die Nordheims ein Clan mordender Bastarde waren, deren Taten auf dem Weg an die Spitze Europas Shakespeares Richard III. die Tränen in die Augen getrieben hätten.
Mitte des elften Jahrhunderts von Kaiser Heinrich IV. vom einfachen Grafen an den Ausläufern des Harzgebirges zum Herzog von Bayern erhoben, begründete Otto von Nordheim eine Dynastie, die Größtes vollbringen sollte: Nachdem er die bayerischen Grafen und Stände unter seinem Banner geeint hatte, fälschte er historische Dokumente, um sich einen Anspruch auf die Markgrafschaft Österreich zu sichern – wo er bald darauf einmarschierte, Ernst von Babenberg einkerkern ließ und forthin als Doppelherzog von Bayern und Österreich, später als bayerisch-österreichischer König regierte.
Den Weg der Nordheims durch die folgenden Jahrhunderte nachzuzeichnen würde den Rahmen hier sprengen – es genügt zu sagen, dass Ottos Nachkommen von ihrem neuen Sitz in Gastein aus unter anderem die Königreiche Ungarn, Kroatien und Polen unterwarfen und sich in einer groß angelegten Intrige gemeinsam mit Dutzenden anderer Herzöge von der – nach eine Mordseriehandlungsunfähigen – Kaiserkrone lossagten – mit Billigung des Papstes, der die Familie ihres beherzten Eingreifens im Zweiten Kreuzzug schätzte. Gegen 1350 entschied sich Ottos Urururenkel Benedikt, genannt „Der Große“, das zerfallene Heilige Römische Reich zu retten – nach einem 20-jährigen Feldzug einte er die Fürsten Europas von Granada im Westen bis Kiew im Osten und wurde in Rom zum Kaiser gekrönt.
Eine schöne Geschichte – die mit Ausnahme des historischen Otto von Nordheim, dessen Familie um 1130 wieder von der Bühne der Geschichte verschwunden ist, rein fiktiv ist. Erzählt wurde sie in dem faszinierenden PC-Spiel Crusader Kings 2, das seit seinem Erscheinen im Mai die Herzen und, vor allem, die Hirne von Strategiespielern eingenommen hat.
Das Spiel beginnt (frühestens) mit dem Zeitpunkt der das Schicksal Großbritanniens entscheidenden Schlacht von Stamford Bridge im September 1066 und endet 1453, dem Jahr der Zerstörung von Konstantinopel. 387 Jahre, die der Spieler nutzen soll, seinem Adelshaus zu möglichst viel Prestige zu verhelfen. Dazu kann er aus einem weiten Bestand an Charakteren wählen – hunderte Grafen, Herzöge und Könige, sogar zwei Kaiser (der römisch-deutsche und der byzantinische) stehen zur Wahl – nach deren Tod übernimmt der Spieler die Rolle ihrer Erben.
Ganz egal, wo auf der Karte man startet – ob als ambitionierter Herzog in Irland, als russischer Fürst, dem demnächst die Invasion der Goldenen Horde ansteht, oder als muslimischer Kalif in Ägypten: Jeder Herrscher ist in das rigide Lehenssystem eingebunden. Jeder Herzog hat einige Grafen und Bischöfe als Vasallen, Königen unterstehen Herzöge, Kaiser wiederum stehen an der Spitze der Hierarchie und können Königreiche als Lehen ausgeben.
Dieses Lehensverhältnis wirkt in beide Richtungen: Der Vasall schuldet dem Lehensherren Truppen und Steuern – dieser gewährt dafür „Schutz und Schirm. Soll heißen: Wer es als dänischer König auf eine kleine Grafschaft jenseits der deutschen Grenze abgesehen hat, muss sich nicht nur für einen Krieg gegen den Grafen einstellen – sondern auch darauf, dass er den Kaiser des Heiligen Römischen Reiches zum Feind hat.
Das ist mit ein Grund, warum Crusader Kings 2 nicht so sehr ein Kriegsspiel ist – zum Glück, denn militärische Auseinandersetzungen sind auf der 3-D-Europa-Karte, auf der es ausschließlich läuft, eher öde. Nein, das schwedische Entwicklerstudio Paradox Software, spezialisiert auf „Grand Strategy Games“, also auf Spiele, bei denen man das Schicksal ganzer Nationen lenkt, hat hier eine Sozialsimulation geschaffen: Jede der unzähligen Figuren Europas hat ganz eigene Eigenschaften. Da gibt es die Gierigen, die man bestechen kann, die Ambitionierten, die Titel begehren, die Frommen, die Kirchgänger schätzen – und Beliebtheit bei Vasallen und Lehensherren ist der Schlüssel zum Erfolg. Wer seine Familie im mitteleuropäischen Adel etablieren will, braucht Unterstützung – und diese bekommt, wer die Bedürfnisse seiner Zeitgenossen erfüllt: „Die Sims im Mittelalter“ hat ein Rezensent Crusader Kings 2 genannt. Das trifft es recht gut: Nach ein paar Stunden Spielzeit werden der eigene Herzog, sein gieriger Bruder, der lästige Papst, der ständig auf sein Investiturrecht pocht, und der schwachsinnige Kaiser, der seine Vasallen nicht so recht im Zaum halten kann, plötzlich zu lebendigen, interessanten Charakteren, deren Intrigen der Familienkarriere schaden könnten.
Was wäre, wenn . . .?
Unter dem Strich ist Crusader Kings ein lehrreiches Spiel mit hohem Suchtpotenzial: eine intelligente, auf der realen Geschichte Europas basierende Simulation, mit der sich unendlich viele „Was wäre, wenn . . .“-Szenarien konstruieren lassen. Was wäre, wenn Heinrich Jasomirgott Bayern nicht abgegeben hätte? Was, wenn die Kreuzfahrer erfolgreich gewesen wären, auf Dauer ein christliches Königreich im Nahen Osten entstanden wäre? Was wäre gewesen, wenn die Königreiche der iberischen Halbinsel die Muslime schon 1100 zurückgeschlagen, wenn die Norweger 1066 England erobert hätten? Szenarien, die sich mit allen Folgen über Jahrhunderte simulieren lassen.
Lehrreich sind die Crusader Kings jedenfalls für jemanden, der sich – stark vereinfacht natürlich – die Mechanismen mittelalterlicher Macht vor Augen führen lassen will: Etwa, ob die Vasallen von ihren Lehensherren oder doch eher diese von ihren Vasallen abhängig sind, wie die Erbfolge in dutzendfach miteinander verwandten und verschwägerten Adelshäusern funktioniert, wie die Dynamik „heiliger“ Reiche funktioniert, deren Kaiser exkommuniziert wird. All das sind Dinge, die in den Mechanismen dieses intelligenten, spannenden Spiels versteckt sind – das aber sehr gut: Denn wie bei Paradox-Spielen schon fast Tradition ist die Anleitung sehr wenig ausgeprägt. Wer Crusader Kings 2 meistern will, ohne sich von anderen Spielern via Internet helfen zu lassen, braucht viel Geduld.
Sie zahlt sich aber aus: Wer sich einmal in das Spiel einarbeitet, bekommt damit ein herrliches Werkzeug, die Geschichte des mittelalterlichen Europas neu zu schreiben – zum Beispiel mit den Nordheims. ■















