Fünf Kilo verspielte Forschung

09.11.2012 | 18:37 |  Von Georg Renner (Die Presse)

Die aktuelle Ausstellung im Wien Museum erzählt von den vielen Dimensionen des Spielens in der Wiener Gesellschaft. Was auf der schmalen Ausstellungsfläche Stückwerk bleibt, wird im Katalog zu einer kulturhistorischen Abenteuerreise. Eine Empfehlung.

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Und erschlagen kannst du damit auch jemanden.“ Einer Kollegin, die dem Spielen nicht unbedingt jene elementare Bedeutung für die Gesellschaft zumisst, die ihm – wie treue Leser dieser Seite wissen – schon von Natur aus innewohnt, fällt es schwer, die Faszination zu teilen, die von dem 455-Seiten-Opus „Spiele der Stadt“ ausgeht. Kein Wunder, sind Ausstellungskataloge doch für gewöhnlich eine eher öde Angelegenheit: Bestenfalls eines prominenten Vorwortes wegen gekauft, sind sie auf Jahrzehnte dazu verdammt, ungelesen in repräsentativen Bücherregalen zu gleichen Teilen Eindruck zu schinden und Staub zu sammeln.

Ein Schicksal, das höchst traurig wäre, würde es dem Katalog zur eben im Wien-Museum angelaufenen Schau „Spiele der Stadt“ widerfahren. Im Gegensatz zur grauen Masse der Prospekte handelt es sich bei dem über fünf Kilogramm schweren (dass die Kollegin unrecht hätte, hat ja niemand behauptet) Werk nämlich nicht bloß um eine Auflistung der Exponate der Ausstellung. Ja, die enthält der Katalog natürlich auch – im zweiten, auf den hinteren 200 Seiten versteckten Teil der Publikation.

Den Großteil, das Fleisch von „Spiele der Stadt“ sozusagen, macht aber der erste Teil des Katalogs aus: eine Sammlung von 25 durchwegs intelligenten Essays, die das Thema Spiel im Wiener Kontext aus unterschiedlichsten Perspektiven beleuchten.

Den Einstieg machen die Menschen hinter der Ausstellung; Ernst Strouhal und Brigitte Felderer von der Universität für angewandte Kunst sowie Glücksspielhistoriker und WU-Lektor Manfred Zollinger eröffnen mit dem Glaubensbekenntnis: „Wie Menschen mit ihren Spielen umgehen, erzählt viel über die Gesellschaft, in der sie leben.“


Spiele im gesellschaftlichen Kontext

Dieser Satz ist der Schlüssel, mittels dessen man sowohl die Ausstellung – wie das „Presse“-Feuilleton bereits geschrieben hat, ist sie mit vielen Begleitveranstaltungen bis 2. April kommenden Jahres angesetzt – als auch den Katalog interpretieren sollte. Spiele und Spielereien sind hier nicht als bloße Abfolge von Regelwerken und Material arrangiert, sondern stets im gesellschaftlichen Kontext – von den noblen Salons der bürgerlichen Welt des 19. Jahrhunderts über das Aufeinanderprallen der Arbeitervereine und Deutschnationalen in den Schachcafés des frühen 20. Jahrhunderts bis zu den kleinkriminellen „Stoß“-Spielern am Gürtel der Nachkriegszeit.

Die Ausstellungsmacher – mitgearbeitet hat auch der renommierte Spieleforscher und Direktor des schweizerischen Spielemuseums in La Tour-de-Peilz, Ulrich Schädler – haben sich dafür entschieden, den Begriff des „Spiels“ in seiner ganzen Breite zu erfassen: vom kindlichen Tempelhüpfen auf den Straßen Wiens über die sportliche „Arbeiterolympiade“, von Baukästen im Bauhausstil über übelste Propagandaspiele von Kaiser und Nazis bis zu den Erfindungen eines kreativen Wieners, der beinahe „Scrabble“ ersonnen hätte.

Unzählige kleine Episoden haben die Kuratoren und Essayisten hier zusammengetragen – die im kleinen, verspielten Raum jede für sich Details über das Leben in der Stadt in der jeweiligen Periode erzählen. Während dieses Konzept in der kleinflächigen Ausstellung nur stellenweise aufgeht – hier hätte ein „roter Faden“, der den Besucher durch die dicht gestreuten Exponate leitet, dann doch nicht geschadet –, funktioniert es in dem Katalog bestens: Wie unterschiedliche Ecken eines unvollständigen Puzzles, an denen man das große Ganze erahnen kann, fügen sich die einzelnen Episoden und Erklärungen zusammen.

Ein ideales Beispiel für dieser Erzähltechnik ist der Essay „Caveles? – Café Abeles!“ von Wolfgang Mayr und Robert Sedlaczek. Der eine war APA-Chefredakteur, der andere ein Sekretär Kreiskys – und beide sind Tarockexperten erster Klasse. Sie erzählen die Geschichte des Café Abeles am Salzgries, zwischen 1868 und 1895 einer der Brennpunkte der österreichisch-ungarischen Tarockszene.

Vis-à-vis lag damals die k. k. Infanteriekaserne – und Kaffeesieder Jonas Abeles hatte auch die Lizenz, billigen Surrogatkaffee auszuschenken, den sich selbst Soldaten leisten konnten. Mit der Folge, dass im Abeles Tarockvarianten aus allen Winkeln der Habsburgermonarchie gespielt wurden – und sich umgekehrt Hausregeln vom Salzgries nach ganz Europa ausbreiteten.


Reise in viele Spielewelten

Bis heute, schließen Mayr und Sedlaczek anekdotisch, wechseln polnische Tarockierer mit dem Ausruf „Caveles!“ die Art, wie die Karten ausgegeben werden – ein Andenken an das längst vergangene Café Abeles. An anderer Stelle erkundet Zollinger die Geschichte des verbotenen Glücksspiels in Wien – und kommt bei der Erörterung eines auf Spielschulden basierenden Mordfalles aus dem Jahr 1969 zu dem Schluss, dass es sich dabei um kein modernes Phänomen handelt. Auch manche Fragen, die heute breit erörtert werden, sind nicht so neu, wie mancher glauben möchte. „Am 15.Juli 1898 schreibt die ,Neue Freie Presse‘nach der Aufhebung einer Pokerpartie im Café Edison am Franz-Josefs-Kai, nun sei ,von neuem die nicht unwichtige Frage acut geworden, ob das Pokerspiel ein Hazardspiel sei oder nicht‘“, heißt es in Zollingers Aufsatz.

Wesentlich technischer liest sich da – wieder eine andere Stelle in dem Band – Cordula Loidl-Reischs Erörterung der Frage nach dem Freiraum, der Kindern in Wien zum Spielen bleibt. Die Landschaftsarchitektin und Uni-Professorin in Berlin hat vor mehr als 20 Jahren eine Studie für die Stadt Wien erstellt, wo und wie Kinder im öffentlichen Raum spielen können – und kam zu dem Ergebnis, dass der Spielraum in den vergangenen Jahrzehnten sukzessive verloren gegangen ist. In ihrem Essay beschreibt Loidl-Reisch, wie einst Parks wahre Abenteuerzonen waren, wie die Straßenverkehrsordnung die Straße als Spielort vernichtete und wie in der Folge künstliche Spielplätze zum Ausdruck und Denkmal pädagogischer Ideen der jeweiligen Generation wurden.

All das sind Aspekte des Spielens in der Stadt – historische, soziologische, politische, städteplanerische, kriminalistische, sportliche und viele mehr. Die Ausstellung, man muss es sagen, kann zu jedem davon ob ihrer Kleinheit nur eine winzige Eisbergspitze zeigen – der Katalog dagegen ist eine wunderbare, tief gehende Entdeckungsreise durch die Dutzenden Bedeutungen des Spielens. Definitiv ist er das kompletteste Buch zur Spieleforschung seit Schädlers „Spiele der Welt“, in seiner Multidimensionalität eine echte Lesefreude. Und erschlagen kann man damit auch jemanden. ■

Ernst Strouhal, Manfred Zollinger, Brigitte Felderer (Hrsg.)
Spiele der Stadt

Glück, Gewinn und Zeitvertreib. 456S., brosch., €29 (Springer Verlag, Wien)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.11.2012)

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