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Unser goldenes Zeitalter der Gier

28.09.2007 | 16:10 |  Von Michael Prüller (Die Presse)

"Monopoly": 250 Millionen kauften ein Spiel, das einmal eine Anklage gegen Immobilien-Spekulanten war. Letzter Teil der Serie über die seltsame Geschichte des erfolgreichsten Brettspiels der Welt.

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Nach knapp einer Stunde gibt es im Film "Pretty Woman" einen Moment, wo der Geschäftemacher Edward Lewis (Richard Gere) sein bisheriges, ihm so nutzlos erscheinendes Leben satt hat und seinen geldgierigen Anwalt Phil Stuckey (Jason Alexander) mit einem Geständnis überrascht. Im englischen Original heißt das so:

You know what I used to love when I was a kid, Phil?
What?
Blocks. Building blocks. Erector sets.
So, I liked Monopoly. Boardwalk, Park Place. Wh-What's the point?
We don't build anything, Phil. We don't make anything.
We make money, Edward.

Klarer ist das in der Populärkultur nirgendwo ausgedrückt: Monopoly ist als Spiel das Symbol schlechthin für seelenloses Geldmachen, ganz anders als Bausteine oder Metallbaukästen. Und am Schluss ist natürlich Edward der Mann mit Substanz und Phil der Windbeutel.

Was sagt uns das über die heutige Menschheit, angesichts der Tatsache, dass Monopoly das erfolgreichste, weil beliebteste Brettspiel der Welt ist? Mehr als 250 Millionen Stück sind bereits verkauft, und es ist kein Nachlassen des Interesses zu merken. Fünfeinhalb Milliarden Monopoly-Häuschen wurden bisher produziert - das ist grob gerechnet eines für jedes reale Wohnhaus auf der Welt. Dabei gibt es eine Großserienproduktion erst seit 1935 (siehe "Spectrum" vom 22. September).

Die Prägekraft von Monopoly ist sogar so stark, dass der im Spiel verwendete und irrtümlich falsch geschriebene Name einer Vorstadt von Atlantic City "Marvin Gardens" längst den tatsächlichen Namen "Marven Gardens" überlagert hat. Obwohl der Ort bis heute so heißt, wird er sogar im offiziellen amerikanischen Postleitzahl-Verzeichnis in der Monopoly-Variante geschrieben. Auch der 1972 gedrehte Film, in dem Jack Nicholson den Bruder eines kleinen Grundstücks-Gauners in Atlantic City spielt, heißt "The King of Marvin Gardens".

Mittlerweile gibt es nicht nur Dutzende verschiedene Länderausgaben, sondern unzählige Spezialeditionen, darunter eine aus Schokolade oder eine Luxusversion mit Häusern aus Gold um 25.000 Dollar. Am Rande muss man auch das bereits 1936 in Österreich entwickelte DKT erwähnen, das nach wie vor ein sicherer Bestseller auf dem heimischen Spielemarkt ist und trotz abweichender Regeln zur Monopoly-Familie gezählt werden muss. (Aber das ist eine eigene Geschichte.) DKT hieß ursprünglich Spekulation - ähnlich wie Monopoly-Vorläufer Finance oder Inflation genannt wurden. Nach dem Anschluss 1938 wurde das Spiel vorsorglich umbenannt in Das Kaufmännische Talent. Kaufmännisches war dem damals hochgehaltenen deutschen Volkscharakter ja auch viel näher als Spekulatives. In Deutschland war Monopoly 1936, also sehr schnell nach dem amerikanischen Sensationserfolg, in einer adaptierten Fassung herausgekommen. Die Straßennamen stammten aus Berlin.

Propagandaminister Joseph Goebbels ließ Monopoly nach kurzer Zeit als "jüdisches Schacher- und Wucherspiel" verbieten, wobei weder die Erfinder und Entwickler noch die Eigentümer der mit Monopoly reich gewordenen Firma Parker Brothers Juden waren. Es heißt, dass Goebbels vor allem darüber aufgebracht war, dass sein Wohnbezirk, die Insel Schwanenwerder als teuerste Straße Verwendung fand. 1953 gab es erneut ein deutsches Monopoly, der Einfachheit halber verwendete man damals fiktive Namen, so wurde der teuerste Platz die seither als Gestopften-Adresse geltende Schlossallee.

Auch im Kommunismus war Monopoly verboten, in Osteuropa wie in Kuba seit Castro. Die Hauschronik von Parker vermerkt, dass 1959 einige Monopoly-Ausgaben in einer US-Ausstellung in Moskau gezeigt - und sämtlich gestohlen - wurden.

Die interessantesten Monopoly-Ableger produzierte aber ab 1974 der Ökonomieprofessor Ralph Anspach aus San Francisco. Er ging zurück zu den ursprünglichen Ideen, aus denen Monopoly entstanden war und konstruierte ein Spiel, das mit Monopolen beginnt und in dem die Spieler daraus eine bessere Welt machen sollen. Nein, keinen sozialistischen Staat, sondern eine wirkliche freie Marktwirtschaft. Er nannte das Spiel Anti-Monopoly und wurde vom Monopoly-Rechte-Inhaber, damals die Firma General Mills, prompt auf Urheberrechtsverletzung geklagt. 40.000 bereits produzierte Spiele kamen auf die Mülldeponie, und Anspach war schon fast pleite, als er nachweisen konnte, dass schon lange vor der kommerziellen Erstverwertung von Monopoly 1935 zahlreiche Versionen dieses Spiels existierten. Auch Anti-Monopoly wurde ein Erfolg, mit 500.000 verkauften Stück im ersten Jahr. Es ist noch immer im Handel.

Eine Weiterentwicklung war auch das in den späten 70er-Jahren herausgekommene Spiel der Satirezeitschrift "MAD", bei dem es darauf ankam, möglichst schnell sein Vermögen zu verspielen.

Und jetzt wird's noch verfilmt

Und jetzt kommt sogar - vielleicht - Monopoly, der Film. Seit einiger Zeit ist der Regisseur Ridley Scott ("Blade Runner", "Gladiator", "Königreich der Himmel") dafür im Gespräch. "Es muss humorvoll und familientauglich sein", meinte er in einem Gespräch mit den "Los Angeles Times" Anfang September. Die Menschen würden sich verändern, während sie Monopoly spielten, "wenn dein Onkel auf einmal die Schlossstraße bekommt". Das sei so eine Jekyll- und Hyde-Sache. Und irgendwo da drin sei das Zeug für "einen hysterisch lustigen und, wie ich glaube, ziemlich aufregenden Film". "Über unser goldenes Zeitalter der Gier?", fragt der Interviewer. "Das auch", sagt Scott, "ist das nicht komisch?"

Komischer, als er vielleicht ahnt. Nach einem Jahrhundert ist Monopoly zur Ikone der Gier geworden. Das Spiel, dessen Vorlage - The Landlord's Game - von einem Mitglied der amerikanischen kommunistischen Partei, Scott Nearing, in die Welt hinausgetragen worden war. Das Spiel, das von einer Quakerin erfunden worden war, die damit demonstrieren wollte, was ihr großes Idol, der amerikanische Volkssozialist Henry George Ende des 19. Jahrhunderts zu Hunderttausenden gepredigt hatte: Von der Bodenspekulation kommt alles Übel. Obwohl man vermuten kann, dass schon damals der weltverbessernde Aspekt des Spiels für viele Aktivisten auch nur ein willkommener Vorwand war, um wenigstens einmal am Spieltisch ihre niederen Instinkte ausleben zu dürfen.

Jedenfalls ist trotz allem Idealismus, der für die Spielregeln charakteristisch war, die Jagd nach dem Geld übrig geblieben, und so hat Monopoly seine Triumphe gefeiert. We make money, Edward.
Alle vier Teile der Kurzserie über die Entstehung von Monopoly auf: www.diepresse.com/home/spectrum/spielundmehr/index.do

 

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