Sie spreitet aus das Tüchlein und fängt behutsam an, / den Bauer aufzustellen, den Pflug und das Gespann; / wie alles auf dem Tische sie zierlich aufgebaut, / so klatscht sie in die Hände und springt und jubelt laut. // Der Alte wird gar ernsthaft und wiegt sein Haupt und spricht: / „Was hast du angerichtet? Das ist kein Spielzeug nicht! / Wo du es hergenommen, da trag es wieder hin, / der Bauer ist kein Spielzeug, was kommt dir in den Sinn?“
Adelbert von Chamisso:
„Das Riesenspielzeug“
Aus der deutschen Ruhrmetropole Essen haben uns diese Woche zwei bemerkenswerte Nachrichten erreicht: Zum Ersten ist dort am Dienstag ein Lastwagenfahrer mit einem Alkoholspiegel von rekordverdächtigen vier Prozent angehalten worden. Und zum zweiten haben dort auch heuer wieder um die 150.000 Besucher die am Sonntag beendete Spielemesse besucht. Die Spiele-Großereignisse sind ja fest in deutscher Hand: im Frühjahr die weltgrößte Fachmesse in Nürnberg und im Herbst die „Spiel“, die weltgrößte Publikumsmesse in Essen, wo auf einer sechs Fußballfelder großen Fläche die Fans angesichts Hunderter Neuerscheinungen dem Spielrausch verfallen.
Die Spieleverlage unterziehen dort ihr neues Angebot dem ersten Markttest, die Spieleautoren treten so gut wie vollzählig an, die Kritiker sowieso und die Tausende halbprofessioneller Spieler. Die Branche ist sehr selbstbewusst geworden – in Deutschland allein setzt der Sektor der Brett- und Kartenspiele nebst Puzzles mehr als 400 Millionen Euro im Jahr um und ist damit das größte Segment des Spielwarenhandels geworden.
Oftmals entscheidend für den Verkaufserfolg ist die in Essen entstehende Mundpropaganda für einzelne Spiele – die sich über das Internet weltweit in die eingeweihten Kreise fortsetzt; innerhalb von Stunden weiß die Spielewelt, was für Furore sorgt und sich als Absatzrenner entpuppt – denn die „Spiel“ ist ja eine Verkaufsmesse, bei der sich die Spieleclubs und die wahren Freaks mit Neuheiten eindecken.
Heuer standen unter anderem drei neue Brettspiele hoch im Kurs: Cuba – ein schon im Vorfeld heiß diskutiertes Spiel, bei dem man mit Plantagen erfolgreich sein muss; vom selben Team wie das schon heuer erfolgreiche Die Säulen der Erde. Zweitens ein Spiel für machtbewusste Patrizier: Tribun – Primus Inter Pares, vom Altmeister Karl-Heinz Schmiel, einem der Gründer des höchst erfolgreichen Spieleverlags „Hans im Glück“. Und drittens, als Überraschungs-Hit, Agricola, auf das wir ausführlicher eingehen wollen. Alle drei Spiele sind, typisch für Essen, komplexere Spiele, also etwas für echte Brettspiel-Aficionados. Interessanterweise zeigt sich hier auch ein Trend zu international einsetzbaren Namen – Latein ist scheinbar immer noch Weltsprache –, obwohl natürlich alle drei Spiele von Deutschen erdacht und in Deutschland produziert wurden.
Agricola ist schon jetzt so etwas wie
der offizielle Geheimtipp der „Spiel '07“ für Vielspieler und in mehrfacher Sicht bedeutsam. Einerseits war es mit einem Gewicht von zwei Kilogramm wohl das schwerste Brettspiel in Essen. Und zwei- tens hat ein Österreicher maßgeblich mitgewirkt. Entwickelt hat Agricola zwar Uwe Rosenberg, der für sein Kartenspiel Bohnanza in der Spielergemeinde höchstes Ansehen genießt.
Aber die Grafik stammt vom Steirer Klemens Franz, der eigentlich an der Fachhochschule Johanneum Internettechnik lehrt, aber auch ein Spiele-Begeisterter ist und dank einer künstlerischen Schulausbildung einen Zeichenwettbewerb des deutschen Spieleverlages Lookout-Games gewonnen hat. Franz wurde daraufhin vom Verlag auf eine mögliche Mitarbeit angesprochen – daraus wurde der Auftrag für das mit 360 verschiedenen Aktionskarten und 300 hölzernen Einzelteilen höchst aufwendige Agricola.
Wie schon bei dem 1987 für den Commodore 64 erschienenen gleichnamigen Spiel (mit dem das neue Brettspiel ansonsten nichts gemein hat), geht es um die Simulation eines mittelalterlichen Bauernhofes. Jeder beginnt mit Bauer und Bäuerin in einer hölzernen Kate mit zwei Räumen. Es gewinnt der, der am meisten daraus macht, wobei die Handlungsalternativen klug geordnet werden müssen: Ein Kind erhöht die Arbeitsleistung des Hofes, braucht aber höhere Nahrungsproduktion. Soll ich zuerst einen Rübenacker oder einen Furchenpflug erwerben? Die Holzhütte zuerst vergrößern oder vorher in eine Lehmhütte umbauen? Soll der Bauer Flurschütze oder Rattenfänger werden? Und natürlich gibt es eine Zeit zu säen und eine Zeit zu ernten.
Der Variantenreichtum des Spiels ergibt sich daraus, dass jeder Spieler zu Beginn zweimal sieben Aktionskarten aus zwei je etwa 160 Karten starken Stapeln bekommt. Aus diesen Karten muss er seine Aktionen in den 14 Spielrunden herleiten – und da ist nicht nur viel Platz für persönliche Strategieentfaltung, sondern auch für Abwechslung. Denn es gibt damit rund 110 Millionen verschiedene Kartenkombinationen, mit denen man das Spiel bestreiten kann.
Mehr Resonanz als erwartet
Autor Uwe Rosenberg, der aus dem Ertrag von Bohnanza eine Existenz als hauptberuflicher Spieleerfinder bestreiten kann, hat nur rund drei Monate gebraucht, um Agricola zu konzipieren, wobei er ohne Scham das Pflichtspiel der „Spiel '05“, Caylus, als Vorbild und Inspirationsquelle nennt. Wesentlich mehr Zeit brauchte Phase zwei: Länger als ein Jahr gingen über 130 Testspieler ans Werk, um den komplizierteren Teil der Entwicklung zu ermöglichen: das Austarieren der einzelnen Handlungsmöglichkeiten, damit das Ganze eine stimmige Sache wird, bei der die Strategieentwicklung den Spieler genau im richtigen Maß herausfordert, ohne ihn zu überfordern.
Der eher kleine Spieleverlag Lookout Games, der pro Jahr nur ein, höchstens zwei Brettspiele auf den Markt bringt, hat sich offenbar eine gewisse Resonanz erwartet, denn eine Startauflage von 5000 Stück ist schon nicht ganz klein, wie Klemens Franz erzählt. Dennoch war der Erfolg in Essen unerwartet, wo die dorthin gelieferten 900 Exemplare rasch ausverkauft waren. Franz: „Dabei ist das Thema – die Entwicklung eines Bauernhofes – gar nicht so spektakulär. Wir haben uns aber gedacht, dass das vielleicht auch Frauen anspricht. Und so war es dann auch.“
Agricola wird es voraussichtlich ab Mitte November im Handel geben, wenn der Verlag ob der aufwendigen Gestaltung nicht in Lieferschwierigkeiten gerät. Österreichische Leidenschafts-Spieler können es also voraussichtlich beim alljährlichen Spielefest im Wiener Austria Center (23. bis 25. November) ausprobieren. Der Bauer ist eben doch ein Spielzeug. Manchmal. ■
("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.10.2007)