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Der Kampf um die Schätze

07.05.2010 | 18:32 |  Von Georg Renner (Die Presse)

Seit zehn Jahren läuft „Geocaching“, eine weltweite GPS-Schatzsuche. Das Land Niederösterreich will sich das Spiel als Tourismuswerbung zunutze machen – und stößt damit auf heftigen Widerstand.

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Es ist einer dieser Konflikte, die entstehen, wenn die etablierte Öffentlichkeit – etwa, wie in diesem Fall, ein Bundesland – auf eine nur lose im Internet organisierte, pluralistische Community trifft: Beschimpfungen in Onlineforen, Verhalten, das an Cybermobbing grenzt, und sogar der Aufruf zur Sabotage von Installationen in der realen Welt sind derzeit an der Tagesordnung.

Der Grund: Das Land Niederösterreich versucht derzeit, den innovativ-spielerischen Zeitvertreib Geocaching als Werbeträger für seine Landschaften und Sehenswürdigkeiten einzuspannen – und das kommt bei den traditionalistischen Anhängern dieses Hobbys gar nicht gut an. Viele alteingesessene Geocacher lehnen die Einmischung in ihr Spiel ab: Das Suchen und Finden von Verstecken im Rahmen von GPS-Schnitzeljagden sollte Sache einzelner Personen bleiben und nicht dem schnöden Kommerz unterworfen werden, argumentieren sie bei angeregten Diskussionen im Internet.

Bei Geocaching – an dieser Stelle wurde das Konzept zum ersten Mal vor zwei Jahren vorgestellt – geht es darum, kleine „Schätze“ irgendwo im öffentlichen Raum zu verstecken: in einem Wald, auf einem Berggipfel oder auch mitten in der Stadt – zum Beispiel in Wien, in einer kleinen Nische auf dem Heldenplatz. Bei den Schätzen, den „Caches“, handelt es sich meistens um kleine Plastikboxen, die den Inhalt vor Wind und Wetter schützen sollten. In ihnen findet sich üblicherweise ein Logbuch samt Stift, in dem sich jeder Finder verewigen kann, sowie einige kleine Tauschgegenstände wie Überraschungseierfiguren, Würfel oder Sticker. Jeder Spieler, der einen dieser Schätze findet, nimmt sich einen Tauschgegenstand heraus, legt einen anderen hinein, trägt sich im Logbuch ein und versteckt den Cache wieder, wo er ihn vorgefunden hat, damit er auch künftigen Findern wieder zur Verfügung steht.

Ausgetauscht werden die Standorte der Caches über mehrere Plattformen im Internet, vor allem über geocaching.com. Hat jemand einen neuen Schatz versteckt, registriert er online dessen Koordinaten nach dem satellitengestützten Navigationssystem GPS. Jeder andere Benutzer dieser Plattform kann sich dann diese Koordinaten auf sein GPS-Gerät laden und sich auf Schatzsuche begeben. Manche Cache-Leger verschlüsseln die Fundorte auch noch, indem sie mit den Koordinaten sogenannter „Multicaches“ etwa nur auf eine Gedenktafel verweisen, deren Inschrift dann ihrerseits wieder auf Koordinaten umgerechnet werden muss, die dann zum eigentlichen Versteck führen – oder wiederum zu einem weiteren Hinweis.

Entstanden ist Geocaching vor ziemlich genau zehn Jahren, als der damalige US-Präsident Bill Clinton verfügte, die künstliche Verzerrung der GPS-Signale abzustellen. War es bis dahin nur dem Militär möglich, eine bis auf wenige Meter genaue Navigation per GPS-Signal durchzuführen, konnte das ab dem 2.Mai 2000 jeder mit einem entsprechenden Empfängergerät. Schon am 3.Mai versteckte der Amerikaner Dave Ulmer den ersten Cache (damals noch als „Stash“ bezeichnet) in Oregon. Drei Tage später wurde er zum ersten Mal gefunden. Seither hat sich Geocaching als Hobby von Hunderttausenden Menschen in der ganzen Welt ausgebreitet – in den letzten Jahren noch einmal verstärkt durch die integrierte GPS-Funktionalität zahlreicher Smartphones.

Einen wirklichen Gewinn gibt es beim Geocaching nicht: Es geht bei dem Spiel vor allem um die Lust am Suchen, um die Freude an der Bewegung im Freien und unter Fortgeschrittenen auch um den Spaß am Rätseln. Die Schatzsuche im Einzelnen – das oft stundenlange Suchen nach ausgefeilten Verstecken, für die ihre Erschaffer ausgehöhlte Baumstämme, Dachvorsprünge oder Hohlräume in Baudenkmälern requiriert haben – spricht ebenso wie das folgende Registrieren der Funde im Internet den Jäger-und-Sammler-Trieb im Menschen an – kurz, ein durchaus kurzweiliges Hobby für jeden mit GPS-Gerät und Internetverbindung. In Österreich haben inzwischen mehr als 30.000 Menschen schon einmal nach solchen Schätzen gesucht.

Kein Wunder, dass früher oder später auch findige Touristiker auf das Potenzial von Geocaching aufmerksam werden mussten: Flugs einige Caches an den schönsten Orten der Region versteckt, auf den einschlägigen Plattformen registriert, und schon lockt man einige zusätzliche Touristen an. In Niederösterreich kam dieser Plan von der Niederösterreich-Werbung, erklärt deren Sprecherin Karin Weihs: „Wir wollen mit unserer Geocaching-Initiative gezielt eine jüngere Zielgruppe ansprechen.“ Unter dem Motto „Wanderbare Schätze, wunderbare Plätze“ bewirbt das Land seine eigene Cache-Serie, die bisher Verstecke in Klosterneuburg, den Ötschergräben, am Hochbärneck, in Sprögnitz, Aggstein und Dürnstein umfasst.


„Vergewaltigung des Hobbys“

Seit 1.Mai sind diese Caches nun der Öffentlichkeit zugänglich – sechs von fast 14.000, die in ganz Österreich versteckt sind. Im Gegensatz zu der Mehrheit davon sind die (recht einfach zugänglichen) Caches, die die NÖ-Werbung ausgelegt hat, aber höchst umstritten unter Viel-Cachern, die sich online über die Cacher-Plattformen und das Forum tafari.at austauschen.

Und dort brodelt jetzt die Volksseele: Was dem Land denn überhaupt einfiele, eigene Verstecke zu begründen – es sei unzulässig, Caches mit kommerziellem Hintergrund zu legen! „Unser geliebtes Hobby wird an die Öffentlichkeit gezerrt und quasi vergewaltigt. Der Anfang vom Ende des Geocachens“, schreibt ein aufgeregter User, andernorts rufen einige sogar zur Zerstörung der Verstecke auf. Wer jemals Teil einer eingefleischten Spiele-Community war, deren Hobby plötzlich von vermeintlich unbedarften Neulingen gestürmt wird, kann eine gewisse Entrüstung vielleicht noch nachvollziehen.

Der aggressive Ton, mit dem einige Geocacher jetzt aber den Kampf gegen die „kommerzielle Verunreinigung“ ihrer Beschäftigung „durch die Firma Niederösterreich“ proklamieren, überrascht dann aber doch: Schließlich verdankt das Hobby seine weltweite Verbreitung – auf der ganzen Welt liegen rund eine Million Caches verborgen, täglich werden es mehr – nicht zuletzt dem kommerziellen Erfolg des Betreibers von geocaching.com, dem US-Softwareunternehmen Groundspeak.

Selbiges verdient seit zehn Jahren nämlich recht gut an der Vermarktung von Premium-Accounts auf seiner Website (die prinzipiell frei, dann aber eben nur eingeschränkt zugänglich ist), speziellen Softwarehilfen zur Schatzsuche und Merchandisingartikeln für Geocacher. Dass Geocaching also ein idealistisches Hobby für jedermann, bar jeder wirtschaftlicher Implikation, sei, war also von Anfang mehr Illusion als Realität. Was bleibt, ist ein schaler Beigeschmack, der das Potenzial hat, so manchem Neuling, der durch die Aktion des Landes zum Geocaching gekommen wäre, von Anfang an die Freude an diesem Hobby zu verderben. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.05.2010)

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4 Kommentare
Gast: hasi
11.05.2010 22:32
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Konsequenzen folgen bereits.

Das Problem hat sich bald erledigt.
Zwei der Caches sind bereits disabled, weil sie absolut gegen die Regeln widersprechen, und die restlichen wurden schon gemeldet, da ein kommerzieller Hintergrund vermutet wird. (No na)
NÖ kann sich ja seine eigene kleine Caching-Plattform bauen, und dort herumfuhrwerken wie sie wollen, dann stören die 5 Doserl in der Landschaft niemanden mehr. Nur auf Geocaching.com hat sowas nix verloren.

Gast: snowballjackson
08.05.2010 12:55
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Um die Verschwendung von Steuergeldern gehts

Wenn sich die Geocacher über diese kommerziellen Caches des Landes Niederösterreich aufregen, dann vor allem deswegen, weil hier Beamte des Landes offenbar eine wunderschöne Gratisfreizeitbeschäftigung nutzen um offenbar Steuergelder zu verschwenden. Auf der Plastikdose beim Stift Klosterneuburg stand eindeutig zu lesen, dass dieses Projekt von einem Fonds und dem Land-NÖ kofinanziert wurde.

Um eine Plastikdose um 5 Euro zu verstecken, braucht man keine Kofinanzierung zweier Institutionen.

Vielleicht kann die Presse ja mal in diese Richtung recherchieren. Wäre interessant zu erfahren, ob die zuständigen Stellen die Karten, respektive das Förderungsansuchen auf den Tisch legt um nachzuvollziehen wie viel Geld wofür angefordert wurde.

Unsereiner kauft sich eine Plastikdose im Baumarkt und opfert ein paar Stunden seiner Freizeit um anderen Geocachern eine interessante Örtlichkeit zu zeigen.

Gast: Gast
08.05.2010 11:11
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Kommentar

Caches, die mit Tourismushintergrund versteckt wurden, gibt es seit Jahren - sie sind nichts Neues. Die Ursachen, dass im Fall der Caches in Niederösterreich die Reaktionen so ungewöhnlich heftig ausgefallen sind, liegen anderswo.

Es sollte selbstverständlich sein, dass sich jemand, der Caches auf einer Cacheplattform anbietet und eifrig bewirbt, sich an die Regeln auf der Plattform hält. Die Fa Niederösterreich hat leider einige grundlegende Regeln auf geocaching.com missachtet. Diese
Regeln sind keine selbstaufgestellte Regeln der Cachercommunity, sondern von der Firma Groundspeak vorgebenene Regeln. Groundspeak hat natürlich kein Problem damit, dass sie selbst Geld mit dem Anbieten von Extra-Services für Cacher verdienen, wünscht aber nicht, dass die Plattform von anderen, die kein Abkommen mit Groundspeak eingegangen sind, für ihre Zwecke verwendet wird. In den meisten Ländern, u.a. in Deutschland und den USA, sind die Reviewer (=die Personen, die neue Caches freigeben) sehr streng und lassen nicht einmal Caches zu, in deren Titel ein Markenname vorkommt, auch wenn der Verstecker nichts mit der genannten Marke zu tun hat. Die Caches von NÖ Tourismus wären kaum wo auf der Welt in dieser Form angenommen worden.

Ein weiterer Aspekt, der für Ärger sorgt, ist die Inanspruchnahme ( besser Verschwendung) von EU-Geldern. NÖ Tourismus sollte sich schämen EU-Gelder für die Arbeit von maximal 1-2 Wochenenden in Anspruch zu nehmen. Cacher verstecken Caches in ihrer Freizeit.

Gast: ralph schallmeiner
07.05.2010 22:41
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Leider zu kurz recherchiert

Leider ist dieser Artikel "zu kurz" recherchiert. Es entsteht der EIndruck, dass eine wildgewordene Meute an "alteingesessenen" Communitymitgliedern sich mit virtuellen Haken und Mistgabeln gegen die vermeintlichen "Modernisierer" wie anno dazumals die Maschinenstürmer auflehnen. Dass ein Gutteil der Community zwar nicht gerade erfreut über die Entwicklung, die mit dem Legen kommerzieller Caches nun beginnt ist, aber gleichzeitig versucht vernünftig diese Neuerung zu debattieren und damit einen Umgang sicht, kommt in ihrem Artikel nicht vor.
Natürlich sind einige schlichtweg "angfressen", wenn alle Richtlinien dieses Hobbys von den Machern der "NÖ-Caches" ignoriert werden. Und natürlich schwappen bei manchen die Emotionen hoch. Aber ebenso akzeptieren viele die Entdeckung von Geocaching als touristischen Anreiz als Entwicklung, die voraussehbar war. Nun geht es um den Umgang damit, und da sind momentan die "Maschinenstürmer" in der Minderheit. Wenn man will, dass sie es bleiben, müssen sich die Macher der "NÖ-Caches" aber auf eine offene Diskussion auf Augenhöhe einlassen bzw. diese Diskussion auch suchen.

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