Vor vier Jahren war das Siegerfoto der Schachstaatsmeisterschaften ein Kuriosum. Es waren nämlich nur Frauen darauf zu sehen. Auch das „Herrenturnier“ hatte eine zierliche Kärntnerin namens Eva Moser gewonnen. Seitdem heißt es nicht mehr Herrenturnier, sondern „allgemeine Klasse“. Heute beginnen im neuen „Haus des Schachsports“ neben dem Wiener Praterstadion die diesjährigen Staatsmeisterschaften. Moser tritt auch dieses Mal nicht im Damenturnier, sondern als einzige Frau unter mehr als 100 Männern in der allgemeinen Klasse an.
Spielen Frauen anders Schach? Moser findet nicht: „Das wäre vielleicht der Fall, wenn Frauen nur gegen Frauen spielten.“ Doch wie die meisten wirklich aktiven Spielerinnen misst sich die 27-jährige BWL-Studentin vorwiegend mit Männern. Im organisierten Schach kommen auf eine Frau nämlich an die 20 Männer. In Osteuropa oder China ist das Missverhältnis weniger krass, im Westen eher noch krasser. Sogar im Fußball ist der Frauenanteil höher.
Am Schachbrett haben erst zwei Frauen zeitweise annähernd Weltklasseniveau erreicht: in den 1930ern die Engländerin Vera Menchik und vor einigen Jahren die Ungarin Judit Polgar. Beide sind Ausnahmeerscheinungen. Unter den besten Hundert des Denksports war nie mehr als eine Frau. Inzwischen haben mehr als 1200Männer den Großmeistertitel erspielt, aber erst 20 Frauen.
Warum diese Übermacht? Außer der zahlenmäßigen Überlegenheit vermutet Moser, dass Männer mehr Energie haben. Sie könne eine Reihe von Spielerinnen nennen, die im Laufe eines Turniers fast immer abbauen. Bei sich selbst beobachte sie das allerdings nicht. Über die männliche Dominanz im Schach ist viel spekuliert worden. Die sympathischste Erklärung stammt von Paul Morphy, dem vielleicht größten Schachgenie des 19.Jahrhunderts: Mädchen reifen früher als Burschen und erkennen daher eher, wie nutzlos es sei, sich in dieses Spiel zu verlieren, argumentierte der Amerikaner. Um es im Schach zur Meisterschaft zu bringen, sind tausende Stunden Studium und Praxis unabdingbar. Das galt in Morphys Tagen, und es gilt heute.
Sein Landsmann, der Psychoanalytiker Reuben Fine, sah im Schach eher eine ideale Bühne für die Rivalität zwischen dem Vater und dem gewöhnlich von ihm ins Spiel initiierten Sohn in seiner anal-phallischen Phase. Dass die Anziehungskraft auf Mädchen geringer ist, wird mitunter auch auf den kriegsähnlichen Charakter des Spiels zurückgeführt. Die gängige Erwartung, dass Mädchen es weniger beherrschen als Burschen, kann demotivierend wirken und zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung werden.
Neuere Erklärungsmuster basieren auf biologischen Unterschieden in Aufbau und Beschaffenheit des Gehirns: Männer verfügen im Durchschnitt über ein besseres räumliches Vorstellungsvermögen, was der schachlichen Vorausberechnung zugutekommt. Weibliche Stärken wie Kommunikation und Empathie sind dagegen für den Erfolg am Brett nahezu bedeutungslos. Das gilt auch für die weiblich bevorzugte Strategie der Koalitionsbildung.
Außerdem sind viele Schachvereine und Turniere reine Männerveranstaltungen. Schon in schulischen Schachgruppen finden sich oft wenige oder keine gleichaltrigen Mädchen, an denen sie sich messen könnten. Den Mangel an „Peers“ hält die Soziologin Regina Grünberg sogar für den wichtigsten Grund für den Geschlechterunterschied im Schach. Die statistische Sichtweise erhielt Auftrieb durch den Aufsatz Why are women so good at chess? Participation rates and gender differences in intellectual domains, der im Dezember 2008 in den „Proceedings of the Royal Society“ veröffentlicht wurde. Merim Bilalic und seine Koautoren analysierten die Mitgliederstatistik des Deutschen Schachbunds und befanden, dass sich 96Prozent des an Wertungszahlen nachvollziehbaren Spielstärkeunterschieds zwischen Männern und Frauen durch ihre unterschiedlichen Beteiligungsraten erklären ließen. Mittlerweile musste dies auf 60 Prozent korrigiert werden, nachdem ein Statistiker dem Aufsatz einen methodischen Fehler nachgewiesen hat. 60 Prozent, die Koautor Fernand Gobet immer noch aussagekräftig genug findet.
Laut Gobet, der selbst kurze Zeit Schachprofi war und heute an der Londoner Brunel University Psychologie lehrt, sei ihr Befund von vielen Medien und Bloggern, die darüber berichtet haben, überinterpretiert worden: „Gezeigt haben wir eigentlich, dass eine Betrachtung über Geschlechterunterschiede in einem Feld die Beteiligungsraten nicht außer Acht lassen darf.“ Für einen aussagekräftigen Vergleich wäre auch zu messen, wie viel Zeit Spieler und Spielerinnen für Training und Turniere aufgewandt haben. Eine aufwendige Erhebung, die es bisher nicht gibt.
Polgar: „Frauenturniere meiden“
Als der Aufsatz von Bilalic und Gobet erschien, war der jüngste Schachgroßmeister des Planeten und einsame Spitze ihres Jahrgangs eine damals 14-jährige Chinesin. Hou Yifan war bereits Vizeweltmeisterin bei den Frauen. Ihr bis dahin prominentestes Opfer am Brett war der frühere Vizeweltmeister Nigel Short. Mit neun war sie auf das Schachinternat nach Peking geholt und seitdem systematisch gefördert worden. Hou entwickelte sich so schnell, dass sie den Großmeistertitel schon ein Jahr früher hätte schaffen können, wäre sie nicht in erster Linie zu Mädchen- und Frauenbewerben geschickt worden. Chinas Funktionäre wollen Titel sehen, und die Trauben hängen in gemischten Konkurrenzen nun einmal höher. Vielleicht darf sie sich höhere Ziele setzen, wenn sie im Dezember in Istanbul die Frauen-WM gewinnt.
Schachverbände widmen heute erhebliche Teile ihrer Nachwuchsbudgets der Förderung von Mädchen, die nicht die von Buben erwarteten Standards erfüllen. Viele Trainer klagen, dass die geförderten Mädchen im Unterschied zu den Burschen kaum allein etwas für Schach tun. „Uns Frauen fehlt die Motivation, alles aus uns herauszuholen, weil wir als Profis leichter über die Runden kommen“, stellt die litauische Großmeisterin Viktorija Cmylite fest. Dank passabel dotierter EM-, WM- und Einladungsturniere, Frauenligen in Deutschland und Russland sowie der Frauenpreise in offenen Turnieren und häufig besseren Konditionen, die ihnen Veranstalter bieten, haben Berufsspielerinnen schon bei deutlich niedrigerer Spielstärke als ihre männlichen Kollegen ein erträgliches Auskommen.
Judit Polgar ging einen anderen Weg: Sie hat Frauenturniere bewusst gemieden. Ihre ältere Schwester Zsuzsa beklagt, dass sich viele talentierte Mädchen keine ehrgeizigen Ziele setzten: „Der Traum muss sein, Weltmeister Anand zu schlagen.“ Wer wenig anstrebe, werde auch wenig erreichen. „Die meisten Spielerinnen betrachten den Vergleich mit Männern leider immer noch als Training für Frauenturniere.“ Separate Konkurrenzen hätten zwar viel für sich, denn sie „ermutigen Frauen in vielen Ländern, beim Schach zu bleiben, und wir brauchen sie als Botschafterinnen unseres Spiels“, sagt Zsuzsa Polgar, doch die größten weiblichen Talente würden gehemmt, ihr Potenzial auszureizen. ■
("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.07.2010)















