Originell und Wahnsinn

06.01.2012 | 18:20 |  Von Toni Oberndorfer (Die Presse)

Warum beim Eishockey auch Taucherqualitäten gefragt sein können, unter Wasser besondere Ballspielregeln gelten und Schlammwettkämpfe olympischen Background haben. Erster Teil einer Reise zu den skurrilen Ecken des Sports.

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Wer glaubt, dass das eiskalte Präzisionsspiel Curling zu den skurrilen Sportarten dieser Welt zählt, irrt. Das mit Besen und Steinen gespielte Curling, oft als Schach auf dem Eis bezeichnet, ist olympisch – und das immerhin schon seit 1998. Andere Wettkämpfe werden dagegen wohl nie im Zeichen der fünf Ringe stehen, geschweige denn als Sportart anerkannt werden – oder auch nur in die Nähe eines breiten Zuspruchs kommen. Trotzdem (oder gerade darum) lohnt sich ein Blick ins Unbekannte. Ins Absurde. Anstößige. Originelle.

Bei einem ausgefallenen Spiel auf gefrorenem Terrain steht buchstäblich alles kopf: beim Eishockey – unter Eis. Auf einem sechs mal acht Meter großen Spielfeld führen Taucher den schwimmenden Spezial-Puck an der Unterseite der Eisdecke entlang und versuchen, diesen in das verkehrt montierte Tor zu bugsieren. Auf Pressluftflaschen und andere Luftzufuhr verzichten dabei die beiden zweiköpfigen Teams. Den gut trainierten Freitauchern, die selbst bei erhöhter Pulsfrequenz von 150 und mehr knapp eine Minute unter Wasser bleiben können, reicht ein Atemzug für mehrere Spielzüge. Geht dem einen dann die Luft aus, begibt sich dieser zum ins Eis geschnittenen Atemloch (außerhalb der Spielfläche), während der Teamkollege per fliegendem Wechsel in den 3-D-Unterwassercourt abtaucht. „Wir wollen uns beim Unterwassereishockey so nahe wie möglich an das Spiel auf dem Eis annähern. Nur passiert eben alles umgedreht“, sagt Christian Redl, mehrfacher Weltrekordhalter im Tief- und Streckentauchen unter Eis und zugleich Erfinder des spiegelverkehrten Hockeys.

Tatsächlich hat die Disziplin unter der Eisdecke mit dem populären Pendant auf Eis einiges gemeinsam. So ragen unten auf dem Eis angeschraubte Originaleishockeytore ins Wasser. Abgesehen von den Durchlässen zu den Atemlöchern, begrenzen etwa 1,2 Meter hohe – hier: tiefe – Banden das Spielfeld. Tore und Banden dienen auch als Orientierungshilfen im atemraubenden Unterwassereishockey. „Verloren gehen kann man nicht. Aber die Orientierung fällt bei diesem 3-D- Spiel natürlich schwer“, sagt Redl.

Ober- und Unterwasserschiedsrichter leiten das Spielgeschehen, Sicherungstaucher achten auf die am Limit agierenden Akteure. Flossen ersetzen die Schlittschuhe, ansonsten ist das Equipment ein verzerrtes Spiegelbild des Eishockeys: Die Hockeytaucher jagen mit Schlägern einem der Wasseraction angepassten Puck hinterher. Das runde Spielobjekt hat 30 Zentimeter Durchmesser und besteht aus Holz und einer Styroporschicht, damit es an der Eisdecke haftet. „Kleinere Pucks würden sich ständig um die eigene Achse drehen“, erklärt Redl, der zugibt: „Eigentlich habe ich Eishockey nie beachtet. Erst durch das Unterwassereishockey bin ich auch zum Eishockeyfan geworden.“

Das allererste Unter-Eis-Eishockeymatch bestritten 2005 Österreich und Deutschland– Endstand: 8:8. Zwei Jahre später organisierte Weltrekordtaucher Redl die erste offizielle Eishockey-unter-Eis-Weltmeisterschaft. Immerhin acht Nationen kämpften unter der gefrorenen Decke des Weißensees um den Puck. Österreich wurde hinter Finnland Vizeweltmeister, Redl bildete mit Freitaucherkollegen und Freund Jaromir Foukal das rot-weiß-rote Team. Seither steigen immer wieder Spiele und kleinere Turniere unter Eis. Redl denkt schon an die Organisation der nächsten Weltmeisterschaft und will dafür „noch mehr Nationen mobilisieren“.

Nicht unter einer gefrorenen Eisschicht, doch ebenso im Tauchgang blühen andere Teamsportarten: So bewegen sich beim Unterwasserrugby nicht nur die Spieler, sondern dreht sich auch der Ball in drei Dimensionen. Gespielt wird im Schwimmbecken, ausschließlich unter Wasser. Die mit Salzwasser gefüllte Kugel sinkt aufgrund seiner im Vergleich zum Süßwasser höheren Dichte stetig und darf laut Regelwerk nicht über die Wasseroberfläche gelangen. Die Spieler mit Schnorchel, Tauchmaske, Wasserballkappe und Flossen verfolgen dabei ein Ziel: die handballgroße Kugel in den gegnerischen Metallkorb auf dem Boden des Beckens zwischen 3,5 und fünf Meter Tiefe zu befördern. In dieser Wendigkeit, Schnelligkeit und nicht zuletzt Tauchqualitäten erfordernden Sportart hat sich vorwiegend in Europa eine Vereinskultur entwickelt. In Deutschland kämpfen Mannschaften bereits seit den Siebzigerjahren in einer nationalen Meisterschaft um den Titel. 1980 ging die erste Weltmeisterschaft in diesem von dem internationalen Tauchsportverband CMAS anerkannten Wettkampfsport im Ursprungsort, dem deutschen Mülheim, über die Bühne. 2011 triumphierte bei der WM in Helsinki im Damen- und Herrenbewerb Norwegen.

Spielerisch dem Unterwasserrugby, mehr noch dem Unter-Eis-Eishockey ähnlich ist Octopush: Beim namentlich an den Kraken angelehnten Unterwasserhockey tauchen die Akteure auf den Grund des Schwimmbeckens, um den auf dem Boden befindlichen Bleipuck mit 30 cm kurzen Schlägern ins gegnerische Tor zu schießen. Im Gegensatz zum Unterwasserrugby weist Octopush einen weitaus geringeren Verbreitungsgrad auf.


Schlammschnorchler und Rednecks

Unter den Stromschnellen des Mainstreams dehnen sich Wasserbewerbe auch ins Undenkbare aus. In der walisischen Kleinstadt Llanwrtyd Wells planschen die Teilnehmer bei der Weltmeisterschaft im Sumpfschnorcheln um die Wette. Einem entspannenden Moorbad gleicht das britisch-verrückte Spektakel in keiner Weise – gemein haben sie nur den Schlamm. Denn um die Teilnehmer, die einen 55 Meter langen Schlammgraben schnellstmöglich zweimal durchqueren müssen, schwirren Schwärme von Mücken – von der strengen Duftnote der braunen Brühe ganz zu schweigen. Im Torfmoor namens Waen Rhydd dürfen die Wettkämpfer zwar Schnorchel und Flossen verwenden, verboten ist hingegen alles, was an einen geläufigen Stil wie Kraulen oder Brustschwimmen erinnert.

Ebenfalls im Matsch ereignet sich das Highlight der Redneck Games im US-Bundesstaat Georgia: der Schlammlochbauchklatschwettbewerb. Die Redneck Games wurden 1996 vom Chef eines lokalen Radiosenders ins Leben gerufen. Dieser reagierte im Jahr der Olympischen Spiele in Atlanta auf das Gespött einiger Medien, die den Bewohnern von Georgia und respektive den Olympiaveranstaltern Hinterwäldlerdasein nachsagten. Seither steigen jährlich die Redneck Games. Neben dem Bauchklatsch-Contest im Schlamm spotten andere Disziplinen wie Toilettensitzweitwurf oder Schweinefußbeißen jeder näheren Beschreibung. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.01.2012)

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