Bühne frei für eine Leinenhose

06.04.2012 | 18:42 |   (Die Presse)

Sie möchte sich amüsieren, gut essen, am Strand liegen. Soeben hat sie einen Film gedreht und dafür ordentlich kassiert, nun geht siedaran, die Gage aus dem Fenster zu werfen.

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Sie möchte sich amüsieren, gut essen, am Strand liegen. Soeben hat sie einen Film gedreht und dafür ordentlich kassiert, nun geht siedaran, die Gage aus dem Fenster zu werfen. Dass ihr Arbeitslosigkeit droht, ahnt sie noch nicht: Die amerikanische Filmindustrie wird sie als „Kassengift“ verspotten, ein Schicksal, das sie mit Kolleginnen wie Mae West oder Joan Crawford teilt.

Doch in jenem Sommer 1937 zeigen sich noch keine Wolken am Himmel. Exquisite Kleider, Champagner, Suiten in teuren Hotels, alles wie immer. In Venedig muss es das Des Bains am Lido sein. Die Schauspielerin hat ihren Hofstaat dabei, ihre Tochter, ihren Gatten und dessen Geliebte, die Gouvernante. Mit ihnen sitzt sie am Meer, als ein eleganter Mann auf sie zukommt: schlank, gebräunt, in Sporthemd und Leinenhose. Sie erkennt ihn gleich, man ist einander schon in Berlin und Salzburg begegnet.

Seine Eleganz blendet sie. Auch seine politische Haltung imponiert ihr. Die zweimachen kein Hehl aus ihrer Verachtung für die Nazis und haben ihre Heimat verlassen. Der 1898 in Osnabrück geborene Schriftsteller wird verhöhnt, seine Bücherhat man „den Flammen übergeben“. Zwei Menschen ähnlicher Wesensart verliebensich ineinander: beide dem Luxus zugetan, beide von Selbstzweifeln geplagt. Sie, weil sich ihr eigentlicher Ruhm auf einen Film stützt, und er, weil er fürchtet, an den Erfolg seines berühmten Anti-Kriegsromans nicht mehr anschließen zu können. „Wir sind gleich anarchistisch, gleich schlau, gleich verständig und völlig unverständig“, spürt er, „gleich sachlich und gleich romantisch.“ Seit sie ihm Rilkes „Panther“ vorgelesen hat, nennt er sie „Puma“.

Gemeinsam reisen die beiden nachFrankreich, später in die USA, weit weg von Berlin, wo sie früher gelebt haben. Eifersucht und Alkohol bremsen die anfängliche Euphorie. Aus einem Raubtier wird nie ein Kätzchen. Der Autor hingegen scheint gezähmt und steigt zum Liebesdiener ab. Mit letzter Kraft gelingt es ihm, sich aus den Krallen seiner Freundin zu befreien, die nach der Affäre „box office poison“ ein glanzvolles Comeback gefeiert hat. Nun wartet der nächste Star, wieder ein nordischer Typ. Blondes Gift. Auch eine Form von Verhängnis. ■


Wer traf wen? Mit welchem Film feierte
die Schauspielerin 1939 ein Comeback?
In wessen Arme flüchtete sich der Autor?

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.04.2012)

 
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