Treffer: Eheringe und andere Waffen

13.04.2012 | 18:09 |   (Die Presse)

Persönlich begegnet sind sich die beiden nie, und doch wären die Lebensläufe dieses so ungleichen Paares wohl ohne den jeweils anderen völlig anders ausgefallen.

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Persönlich begegnet sind sich die beiden nie, und doch wären die Lebensläufe dieses so ungleichen Paares wohl ohne den jeweils anderen völlig anders ausgefallen. In ihrer Jugend wäre es beinahe zum folgenreichen Kontakt gekommen, denn die Familien der beiden hatten für sie kurz eine Hochzeit ins Auge gefasst. Daraus wurde dann nichts, aber ein familiäres Band gab es schon. Ihr Vater war sein Patenonkel.

Die beiden wurden im selben Jahr,fast noch im jugendlichen Alter, zu Herrschern ihrer Reiche. Kurz darauf unternahm der frisch gebackene Regent etwas, was sie, seine Gegenspielerin, ihm zeit ihres Lebens nicht verzeihen sollte. Er fiel mit seinen Truppen in ihr Reich ein und nahm ihr ein hübsches und sehr wohlhabendes Stück ihrer Ländereien weg. Und dieser Raubzug sollte über Jahre noch Dutzende von Schlachten nach sich ziehen, die ihre beiden Länder an den Rand des Ruins brachten. Zurückbekommen hat sie ihr Land nicht.

Dafür hasste sie ihn aus tiefster Seele. Wenn die Diplomatie nicht einen anderen Ton verlangte, nannte sie ihn nur „Feind ohne Glauben“, „böses Tier“ oder„Ungeheuer“. Ihre Abneigung nährte sichwohl auch noch aus anderen Quellen. Denn das feindliche Paar verkörperteschon für die Zeitgenossen einen gegensätzlichen Herrschertypus: hier die rustikal-vitale Landesmutter, tief religiös und impulsiv, die ihr Reich wie einen großen Haushalt behandelte; dort der atheistische Staatsverwalter, gefühlskalt, skrupellos und zynisch.

Umso entsetzter war die Regentin, als sie bemerkte, dass ihr eigener Sohn, der Thronfolger zumal, eine Bewunderung für ihren Feind hegte. Immer wieder geriet sie darüber in Streit mit ihm, wollte ihm die Augen öffnen über die wahre Natur dieses Menschen: „Hat dieser Heros, der so viel von sich reden gemacht, hat dieser Eroberer einen einzigen Freund? Muss er nicht aller Welt misstrauen? Was für ein Leben ist das noch, wenn die Menschlichkeit daraus verbannt ist?“

Nach dem Ableben der Regentin kam ihr Feind nicht umhin, ihrer Lebensleistung Respekt zu zollen: Er habe Krieg mit ihr geführt, sei aber nie ihr Feind gewesen. „Sie hat ihrem Thron und ihrem Geschlecht Ehre gemacht.“ ■


Wer traf wen? Von welchem geraubten
Land ist die Rede?

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.04.2012)

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