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Paddeln um den Ball

04.05.2012 | 18:09 |  Von Toni Oberndorfer (Die Presse)

Kanupolo-Spieler müssen vielseitig sein: Es gilt, gleichzeitig Kajak, Paddel, Ball und Gegner unter Kontrolle zu halten. Ein Teamsport im Wasser, der dem Begriff Multitasking ganz neue Dimensionen verleiht.

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Beim Polospielen den Gegner zum Kentern bringen. Zum Kentern. Das ist keine Utopie, sondern tatsächlich erlaubte Zweikampfhärte gegenüber dem ballführenden Spieler – und zwar im Kanupolo, das weder mit Pferden noch schlägerschwingenden Reitern zu tun hat. Hier sitzen die Spieler im Boot, paddeln in Fünferteams gegeneinander und versuchen, das Runde in das in zwei Meter Höhe montierte Eckige zu bugsieren.

Abgesehen vom regeltechnisch zugelassenen Stoßen des Spielers in Ballbesitz sind weitere Körperkontakte nicht geduldet, Berührungen des gegnerischen Kajaks hingegen unvermeidbar. Besondere Würze bringt beim Kanupolo folgendes Rezept: Jeder spielt alles. Streng zugeteilte Positionen gibt es bei diesem Wasserballsport auf dem 35 mal 23 Meter großen Spielfeld nicht. Stürmen, verteidigen, das Tor hüten – der flexible Rollentausch trägt zur großen Dynamik bei.

„Paddeltechnik, Übersicht, Spielintelligenz, Ballgefühl“, nennt Wolfgang Kremslehner die universellen Anforderungen beim Kanupolo. Und: Das Beherrschen der Eskimorolle sei essenziell. Der Leiter des Vienna Kanupolo Team an der Alten Donau kam selbst vom Slalom zur Mannschaftsdisziplin mit Tor und Ball. Zweimal in der Woche trifft sich das Team von Kremslehner zum Training. Mittlerweile hat sich die ballspielende Sektion im Union Kanu Klub Wien etabliert. „Ein Teamsport im Kanu ist schon etwas Besonderes“, sagt Kremslehner und gibt zu, dass er sich anfangs an die Zweikämpfe im Boot um den Ball herantasten musste. Vor allem die Spieleröffnung kostete ihn als gelernten Kanusolisten Überwindung: Dabei wirft der Referee – vergleichbar mit dem Bully im Eishockey – den Ball ins Zentrum des Wassercourts. Beide Teams sind zu diesem Zeitpunkt an ihrer eigenen Torlinie postiert, zwei Auserwählte paddeln dann schnellstmöglich in Richtung Spielfeldmitte direkt aufeinander zu, um den Ball zu erobern. Im Match kämpfen die Teams mit Wendigkeit und feiner Paddeltechnik um die bestmögliche Position für einen Torschuss, den die Verteidiger durch Hochheben ihres Paddels abzuwehren versuchen.

Seit 2008 besteht das Vienna Kanupolo Team, das zwei Mannschaften stellt und regelmäßig an internationalen Wettkämpfen teilnimmt. Jedes Jahr veranstaltet der Wiener Verein auch selbst Events und lädt hochkarätige Kanupolo-Konkurrenz aus den besten Paddelländern der Welt zum Kräftemessen an die Donau ein. 2009 gastierte etwa die kanadische Nationalmannschaft in Österreich, regelmäßig stellen sich auch Klubs aus Deutschland, Ungarn, Italien oder Tschechien dem Bootsduell um den Wasserball.

Die heimischen Kanupolo-Pioniere kommen übrigens von einem anderen Ufer der Donau, nämlich aus Ybbs. Bereits Mitte der 1980er-Jahre gründeten in Niederösterreich Kajakfahrer eine Mannschaft – die Rot-Weiß-Rot bei Welt- und Europameisterschaften repräsentierte, aufgrund fehlender Konkurrenz im eigenen Land dann aber abtauchte. Doch das Team aus Ybbs schaffte ein Comeback und kämpft nun mit den Wienern um die führende Polo-Position.

Maßgeblichen Anteil an der Gründung des Vienna Kanupolo Team hat der Engländer Frank Honan, der früher im Londoner Stadtteil Clapham in einer Liga zum Paddel griff. Canoe Polo ist in Großbritannien weit verbreitet, dort schießen sich Kajakteams die Bälle in vier Spielklassen um die Ohren. Die Saison erstreckt sich in der Division eins, wie auch in den unteren Ligen, über die Wintermonate, die Matches finden darum in Schwimmhallen statt.

„Es ist ein äußerst herausfordernder Sport. Du musst viele verschiedene Elemente steuern, dein Kajak, das Paddel, den Ball. Und das auch noch im Team“, beschreibt Wahlwiener Honan die Faszination Kanupolo. Honan, der mit seiner österreichischen Frau nach Wien übersiedelte, begann mit 26 Jahren mit dem Bootspolo. „Das Wichtigste ist, dass du dein Kajak beherrscht“, sagt Honan. „Die besten Polospieler“, so der gebürtige Londoner, „sind gelernte Wildwasser- und Slalomfahrer.“ Als Honan 2008 nach Wien kam und Kontakt zum Union Kanu Klub Wien aufnahm, konnte er kaum fassen, dass es in Österreich keinen Kanupolo-Verein gab. Also verfasste er in Abstimmung mit Wolfgang Kremslehner ein mehrseitiges Plädoyer für Kanupolo in Österreich und reichte es bei der Sportunion Wien ein. 4000 Euro Fördergeld waren die Antwort. Und so wurden schnurstracks Tore, Boote, Paddel, Schwimmwesten und Helme angeschafft. Teilweise funktionierte man Slalomkanus zu Polobooten um, fügte Gummipuffer an Bug und Heck.

„Eigentlich wollte ich nur Kajak fahren“, erzählt Michaela Motowidlo. Dass ihr beim Vienna Kanupolo Team vor drei Jahren zum Paddel auch einen Ball in die Hand gedrückt wurden, störte sie gar nicht. „Dieses Spiel kann man mit nichts anderem vergleichen“, ist die 20-jährige Wienerin nach wie vor begeistert. Am Anfang könne das Spiel schon „ziemlich frustrierend“ sein, so Motowidlo, „da japst du den anderen Booten hinterher“.


Ladys- und Juniorenteam

Bei Richtungswechseln während des Spiels müsse man als Neuling einmal lernen, das Kajak richtig herumzureißen – vieles gehe noch nicht schnell genug. Das hat sich geändert. Im Moment ist Motowidlo eine von zwei jungen Damen im Wiener Kanupolo-Team. Ziel sei es, auch ein Ladys-Team auf Kurs zu bringen. Und Trainer Frank Honan ergänzt: „Auch ein Juniorenteam wäre wichtig, um wettbewerbsfähiger zu werden.“

Honan ist mit 48 Jahren nicht nur Coach der Wiener Paddeltruppe, sondern steigt auch selbst noch ins Kajak. Er wünscht sich mehr heimische Gegner und baut dabei auf die Magie des Kanupolo: „Das Spiel kann süchtig machen.“ In Wien verstärken regelmäßig auch deutsche Studenten das Team an der alten Donau. Nicht von ungefähr: In Deutschland schlägt diese Kanudisziplin große Wellen – und hat in den letzten 20 Jahren viele Vereine mitgerissen. Seit 1995 gibt es die deutsche Kanupolo-Bundesliga, 2008 kam eine eigene Damenmeisterschaft hinzu. Bereits über 100 Vereine paddeln in Deutschland um die Kugel.

Im international aufstrebenden Segment des Kanupolos hat sich Wien nicht nur bei deutschen Klubs bereits einen Namen gemacht. Coach Honan: „Viele Mannschaften schwärmen von Wien, der schönen Umgebung und der guten Organisation bei Turnieren.“ Für den Routinier und Coach, der in England in den Schwimmhallen das Paddel schwang, ist die Trainingsstätte an der alten Donau ohnehin die „perfekte Location“. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.05.2012)

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