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So gut wie echt

11.05.2012 | 18:29 |  Von Felix Lill (Die Presse)

Die WWE, größte Wrestlingliga der Welt, spielt mit der Realität und führt eine Actionseifenoper im Ring auf. Die Zuschauer eifern mit, als wäre alles echt. Ein Besuch auf der WWE-Europatournee in London.

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The cobra! Give him the cobra!“, brüllt der zwölfjährige Jamie. „Gib ihm die Kobra!“ Er krempelt den rechten Ärmel seines Pullovers hoch, darunter verbirgt sich ein langer, grüner Handschuh, der wie eine Kobra aussieht. Jamie beugt seinen grün verkleideten Arm und dreht seine Hand so weit, bis alle seine gestreckten Finger nach vorn deuten – in die Richtung des Rings, in dem gerade der Mann kämpft, den der kleine Jamie kopiert. „Come on, Santino!“, schreit er weiter. Der von den Massen Bejubelte, Santino Marella, spielt einen lustigen, italienischstämmigen Lebemann. Er tritt gegen David Otunga an, einen seriösen Graduierten der Rechtswissenschaften, der seine überdimensionalen Muskeln zunächst unter einem streberartigen karierten Pullover versteckt.

Gegen Otunga hofft Jamie auf Santino Marellas Spezialangriff, „die Kobra“. Das ist die von ihm schon imitierte Attacke mit dem Handschuh, der den Gegner direkt ins Gesicht beißt. Oder kneift. Körperlich betrachtet, ist der schmächtige Italiener klarer Außenseiter gegen diesen riesigen, gewaltigen David Otunga. Aber darum geht es hier nicht. Das weiß Jamie genauso wie alle 17.000 Zuschauer in der gefüllten Londoner O2-Arena, die das Showspektakel verfolgen. Die Veranstaltungen der WWE (World Wrestling Entertainment), der größten Wrestlingliga der Welt, sind eine Art Actionseifenoper. Den Ausgang der Duelle im Ring kennen die Zuschauer nicht – obwohl klar ist, dass die Wrestler schon mit diesem Wissen in den Ring steigen. Trotzdem erwarten die Zuschauer sehnlichst die besten Angriffe ihrer Helden. Und fiebern mit, als ginge es um Leben oder Tod.

Nachdem Santino Marella wie aus dem Nichts seinen grünen Kobrahandschuh aus dem Anzug gezaubert und seinem scheinbar übermächtigen Gegner fatal ins Gesicht gekniffen hat, wartet schon der nächste Kampf: Chris Jericho, ein böser Typ mit riesigen Muskeln und einer blonden Zottelmähne, heizt den Zuschauern für das Duell mit seinem Erzrivalen, CM Punk, ein, einem trinkfesten Rockfan in knapper Ringerkleidung. Die Fans können es nicht fassen. Schon wieder dieses Duell, was für eine Show. In der Halle bricht frenetischer Jubel aus. Per Videobotschaft attackiert Jericho den im Ring stehenden Publikumsliebling CM Punk auf die mieseste Art.
„Ich habe dich beobachtet, Punk. Hast du wieder getrunken?“ Punk schüttelt den Kopf. „Dann schau dir doch das hier an.“ Jericho legt ein nach Amateuraufnahmen anmutendes Video auf, das zeigt, wie CM Punk am Morgen ein Pub besucht. „Ich war bloß ein paar Fish 'n' Chips futtern“, erwidert Punk. „Ach komm! Denkst du dir wieder Geschichten aus?“, fragt Jericho mit dreckigem Gelächter. Einige der Zuschauer jubeln dem blonden Badboy zu. Andere begegnen den Verleumdungen mit Buhrufen.

„Jericho lügt!“, empört sich Jamie und zieht ein zorniges Gesicht. „CM Punk ist clean. Jericho ist doch der Trinker!“ Auf die Frage, ob das Ganze für ihn eher echter Kampf oder Spiel sei, antwortet der Zwölfjährige, ein wenig mit sich hadernd: „Schon mehr wie ein Spiel.“ Aber das sei egal. So sieht das auch ein anderer, älterer Zuschauer. Der 26-jährige Curt, der an den Londoner Piers arbeitet, um den Touristen auf die Boote zu helfen, kennt die Wahrheit des Wrestlings, seit er ein kleiner Junge gewesen ist. Die Show begeistert ihn trotzdem: „Als Kinder waren wir verrückt nach diesen starken Männern. Die waren cool, schlagfertig, mutig. So wollten wir auch sein. Und es ist einfach beeindruckend, was die Wrestler athletisch auf die Beine stellen. Aber die Leute wissen schon, dass es Stuntmen und Schauspieler sind.“

Das Spektakel kokettiert mit der Frage nach Realität. Auf die Frage, ob Wrestling nicht „fake“ sei, ein Schwindel, antwortete der langjährige WWE-Besitzer Vince McMahon einst: „Sind Schwarzeneggers Filme fake? Nein, sie sind echte Unterhaltung.“ Schließlich würden alle Aktionen und Geschichten, wenn auch noch so schwierig und für die echte Welt unrealistisch, doch glaubwürdig verkauft. Allerdings immer mit einem Augenzwinkern, sodass die Leute es verstehen. Dabei endete die Balance zwischen dem Echten und dem Gespielten auch schon tragisch. Sogar innerhalb der Geschichte, als sich der „Blue Blazer“ in einem Duell im Jahr 1999 von der Hallendecke abseilen wollte. Die Rolle des Wrestlers war die eines halbwegs Verrückten, der sich selbst für einen Superhelden hielt, wobei ihm das sonst niemand abnahm. Beim Abseilen riss ein Seil, der Stunt misslang. Der Mensch hinter der Figur, Owen Hart, starb beim Aufprall im Ring. Es war einer der Momente, in denen auch die Offiziellen der Liga gleich erklärten, es sei kein Spiel mehr. „Das ist nicht Teil der Unterhaltung. Das ist so echt, wie es nur sein kann“, kommentierte der WWE-Reporter am Ring.

Auch diesen Fall kennen die meisten Wrestlingfans. Durch konstruierte Fehden zwischen verschiedenen Charakteren und eine aufgebaute Tradition entsteht eine Parallelwelt, in der die Zeit genauso voranschreitet wie im wahren Leben. Nur, dass man sie auch ein bisschen festhalten kann. DVDs, Spielfiguren und Videospiele erlauben den Fans, nicht nur im Ring live dabei zu sein. Sie können die Events nachspielen, Resultate selbst bestimmen.

Schlichtes Statement: Yes! Yes! Yes!


Für die WWE, die als Aktiengesellschaft letztes Jahr 484 Millionen US-Dollar umgesetzt und knapp 25 Millionen Gewinn gemacht hat, ist Merchandising dabei eine bedeutende Einnahmequelle. Hinzu kommen die wöchentlich ausgestrahlten Fernsehshows, die im Ursprungsland USA zu den beliebtesten Programmen überhaupt zählen. Auch in Europa erfreut sich die WWE wachsender Beliebtheit, vor allem bei männlichen Zuschauern zwischen acht und 24 Jahren.

Curt dreht sich zum Ring und jubelt wieder los. Die Einlaufmusik des Wrestlers Daniel Bryan ertönt. Curt streckt ein Transparent in die Höhe, mit dem schlichten Statement: „Yes! Yes! Yes!“ Es ist der Leitspruch dieser Figur, die die Fans für ihre Aufrichtigkeit und ihren Humor lieben. Die Menge brüllt es Curt nach: „Yes! Yes! Yes!“ Immer und immer wieder. Die Freude der Besucher ist genauso real wie die eines Bayern-München-Fans, wenn sein Klub ein wichtiges Tor schießt. „Meine Freundin freut sich auch, wenn sich in ihrer Lieblingssoap die Guten verlieben. Und hier beim Wrestling, bei meiner Soap, bin ich live dabei!“, erklärt Curt heiser.

Im Ring kämpft Daniel Bryan gegen den jamaikanischen Muskelmann Kofi Kingston. Der kleine Jamie hat seinen Ärmel wieder heruntergekrempelt und den Kobrahandschuh versteckt. Er schreit jetzt: „Yes! Yes! Yes!“ ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.05.2012)

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1 Kommentare
Gast: orlik
12.05.2012 15:48
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alles nichts gegen...

alles nichts gegen den helden unserer jugend, georg "schurl" blemenschütz...

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