Treffer: Hochgebirge, Ulk und Nudel

18.05.2012 | 18:34 |   (Die Presse)

Der Jüngere war in die spätere Hauptstadt gefahren, um einer literarischen Betriebsnudel einen Besuch abzustatten, dabei wollte er eine selbst gebastelte Miniaturlandschaft herzeigen.

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Der Jüngere war in die spätere Hauptstadt gefahren, um einer literarischen Betriebsnudel einen Besuch abzustatten, dabei wollte er eine selbst gebastelte Miniaturlandschaft herzeigen. Bei der Visite traf er auch einen um sieben Jahre älteren Mannan, der dann wohl nicht an Fußball dachte, als er am Abend in sein Tagebuch überden Besucher schrieb: „Das gehauchte Berlinerisch ... ein ganz einheitlicher Mensch von 21 Jahren. Vom gemäßigten und starken Schwingen des Spazierstocks, das die Schulter jugendlich hebt, angefangen bis zum überlegten Vergnügen und Missachten seiner eigenenschriftstellerischen Arbeiten. Will Verteidiger werden...“

Die gemeinsame Juristerei samt Kritik an dieser und die Distanz zum eigenen Schaffen mögen den Älteren wohl für den Besucher eingenommen haben. Auch wenn die Betriebsnudel sie damals überstrahlte, konnten beide schon aufpublizierte Texte verweisen.

Der Jüngere hatte schon als Schüler journalistische Arbeiten verfasst und mit 17 Jahren einen Text mit dem Titel „Märchen“ in der Satirezeitschrift „Ulk“ untergebracht, in dem er sich über den Kunstgeschmack des deutschen Kaisers lustig gemacht hatte. Wirklich berühmt sollte er später folgerichtig als Kabarettautor, antimilitaristischer Publizist und Warner vor rechten Umtrieben werden. Der Ältere konnte auf die Veröffentlichung erster Texte in Literaturzeitschriften verweisen, auch wenn sein Aufstieg ins literarische Hochgebirge erst im nächsten Jahr, 1912, gelingen sollte – ebenso wie der des Besuchers.

Beeindruckt vom zufälligen Treffen waren beide. Viel später schrieb der Ältere ins Tagebuch: „Gestern Abend auf dem Nachhauseweg hätte ich mich als Zuschauer mit ihm verwechseln können.“ 1913 schon lobte der Jüngere die Prosa des neuen Bekannten als „tief und mit den feinfühligsten Fingern gemacht“. Und als er 1924 vom Tod des Älteren erfuhr, schrieb er an seine Gemahlin: „Er ist ein Großsohn von Kleist, aber doch sehr selbstständig.“ Auch habe er ihn geliebt, ohne eine Zeile von ihm zu kennen. Das hat sich wohl bald geändert, hat der Jüngere – ein großer Satiriker – doch Werke des Älteren in Zeitschriften begeistert rezensiert. ■

Wer traf wen? Wo? Welche Werke der
beiden brachte das Jahr 1912?

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.05.2012)

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