Neunmal anders

01.06.2012 | 18:22 |  Von Klemens Franz (Die Presse)

Die Wahl zum Spiel des Jahres 2012 steht an: Trotz vieler guter Kandidaten gibt es unter den neun nominierten keinen klaren Favoriten. Indes wächst der Spielemarkt in die Breite und zeigt seine Buntheit.

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Auf den ersten Blick war es ein ergiebiges Jahr für Gesellschaftsspiele. Die Anzahl der veröffentlichten Titel wächst konstant, immer mehr junge Verlage aus der ganzen Welt veröffentlichen ihre Spiele auch im deutschsprachigen Raum, und die etablierten Verlage liefern Spieletitel auf konstant hohem Niveau. Spieler können bezüglich Thema und Mechanismen aus dem Vollen schöpfen. Ein absolutes Highlight wurde aber schon auf den Spielemessen vergeblich gesucht. Es war unter den vielen sehr guten Spielen einfach kein Titel, der die Viel– und Gelegenheitsspieler gleichermaßen begeisterte und vereinte. Und dies merkt man auch bei den diesjährigen Nominierungen zu den verschiedenen Kategorien zum Spiel des Jahres, denn ein Favorit ist nicht auszumachen.

Manchmal hatte es die Jury – die Auszeichnungen werden von einer Expertenrunde aus Journalisten vergeben – schon leichter. Da genügte es, in die Spielelandschaft hineinzuhorchen, um zu wissen, was dem Kulturgut Spiel auf breiter Basis förderlich sein würde. 1995 waren es die Siedler von Catan. Sechs Jahre später eroberte das einfache Legespiel Carcassonne durch seinen konstruktiven Puzzle-Charakter die Herzen der Spieler, 2009 erhob Dominion das eigentlich lästige Mischen von Karten zum zentralen Spielelement, und im Vorjahr fand man 7 Wonders schon lange vor der Auszeichnung zum „Kennerspiel des Jahres“ auf so ziemlich allen Spieltischen. Doch 2012 wird es wieder spannend werden – in allen drei Kategorien.

Seit dem Vorjahr vergibt die Jury zusätzlich zum „Spiel des Jahres“ und „Kinderspiel des Jahres“ den Preis „Kennerspiel des Jahres“. Damit sollen jedoch nicht Vielspieler angesprochen werden, sondern Spieler und Familien, die nach einer etwas anspruchsvolleren Herausforderung suchen. Damit trägt die Jury dem in die Breite wachsenden Spielemarkt Rechnung und löst bisherige Auszeichnungen mit sperrigen Titeln wie „Spiel des Jahres plus“ oder „Sonderpreis: Komplexes Spiel“ ab. Für die Verlage ist die Auszeichnung ein schönes Signal, dass auch Raum für komplexere Veröffentlichungen ist.

Das „Spiel des Jahres“ ist seit dem Vorjahr – Qwirkle hat dies sehr bunt illustriert – hingegen für wirklich leicht zugängliche Spiele reserviert. Und auch wenn die drei nominierten Titel diese Auflage gleich gut erfüllen, könnten sie doch im Zugang nicht unterschiedlicher sein: Eselsbrücke ist ein Fabulierspiel, bei dem die namensgebende Mnemotechnik im Mittelpunkt steht. Die zu verwendenden und zu merkenden Begriffe sind dabei mit viel Witz und Liebe zum skurrilen Detail von Michael Menzel illustriert, der dafür im Vorjahr mit dem Graf-Ludo-Preis ausgezeichnet wurde. Interessant ist, dass Eselsbrücke eigentlich schon in Nürnberg 2011 erschienen ist, die Jury hat mit einer Nominierung aber gewartet, bis die ursprünglichen Regeln entschärft wurden. Ein Umstand, auf den Juryvorsitzender Tom Felber auch hinweist, um gleich darauf die Verlage zu mehr Genauigkeit zu ermahnen. Die kurzen Produktzyklen machen sich in der Qualität bemerkbar. Vielleicht ist das auch der Grund, warum der eigentlich für komplexe und damit redaktionell aufwendige Spiele bekannte alea-Verlag in den letzten Jahren immer mehr einfachere Spiele veröffentlicht hat. Mit Vegas, einem Würfelspiel mit schnellem Einstieg, hat es heuer sogar für die Nominierung gereicht. Der dritte Titel, Kingdom Builder, ist ein Legespiel von Dominion-Autor Donald X. Vaccarino. Hinter den einfachen Regeln versteckt sich ein variantenreiches Taktikspiel mit starkem topologischen Aspekt. Kingdom Builder ist weder so kommunikativ wie Eselsbrücke noch so spaßig wie Vegas, aber trotz US-Autor das Spiel, das sich am stärksten an sogenannten Eurogames orientiert.

Diese typisch europäischen Spiele finden sich verstärkt auf der Nominierungsliste zum „Kennerspiel des Jahres“. Mit Targi wurde seit langer Zeit wieder ein Spiel für ausschließlich zwei Personen zu den Finalisten aufgenommen. Nachdem der Kosmos-Verlag den Markt für thematisch dichte Spiele für zwei vor mehr als einem Jahrzehnt geöffnet hat, ist es in den letzten Jahren eher ruhig geworden, denn fast alle Spiele funktionieren mittlerweile auch im Duell. Targi greift den beliebten Arbeiter-Einsetz-Mechanismus auf und kombiniert ihn mit einem dynamischen Spielfeld. Die möglichen Aktionen verändern sich permanent und fordern so die volle Aufmerksamkeit der Spieler beim Handel um Datteln, Salz und Pfeffer. Village vom Hamburger Verlag Eggert-Spiele ist ebenfalls ein Arbeiter-Einsetz-Spiel, aber mit einer umgedrehten Dynamik. Bei Village verändert sich nicht das Spielfeld, sondern die Spielfiguren. Inhaltlich geht es um das Leben in einem mittelalterlichen Dorf und damit auch um das Thema Tod. Das Sterben der Spielfiguren ist ein zentrales Element und auch eine wunderbare Abwechslung zu den vielen Gute-Laune-Themen.


Spinnengift und Krötenschleim

Ebenfalls ernster angelegt ist das dritte nominierte Spiel, K2, ein kartengesteuertes Laufspiel, bei dem die Besteigung des titelgebenden Berges fast schon erschreckend gut eingefangen wird. Vor allem die Frage „Wie weit kann ich gehen?“ sorgt für Nervenkitzel. Unter dem Strich erweisen sich die Nominierungen zum Kennerspiel als erwachsenes Spielvergnügen.

Die drei nominierten Kinderspiele bauen auf bekannten und beliebten Themen – Spukschloss, Drachen und Hexen – auf, verbinden diese aber mit wunderbar interaktiven Elementen und toller Haptik. Bei Die kleinen Drachenritter werden unterschiedlich geformte Kartonplättchen gestapelt. Wer als Erster den oberen Rand des schräg aufgestellten Spielplans erreicht, gewinnt. Schnappt Hubi setzt die Elektronikspieleserie von Ravensburger fort und entführt die Kinder in ein sich dynamisch entwickelndes Spukschloss. Kooperativ und deduktiv versuchen die Kinder, das Gespenst Hubi zu fangen. Spinnengift und Krötenschleim von Catan-Schöpfer Klaus Teuber ist eine Weiterentwicklung seines 1996 erschienenen Hallo Dachs! und der klassischste der nominierten Titel, ein Lauf- und Memospiel mit einem verspielten Plastikhexenkessel, der als eine Art unberechenbarer Timer funktioniert.

Alle neun nominierten Spiele zeigen, wie bunt die Spielelandschaft mittlerweile geworden ist. Und auch wenn die Jury zu jeder Kategorie zusätzlich eine Empfehlungsliste veröffentlicht, wird doch der eine oder andere Titel vermisst. Das gibt auch Felber zu, aber bei der Masse an Neuerscheinungen war das wohl zu erwarten. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.06.2012)

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