Klong!“ Ein paar Sekunden Pause. Wieder „klong!“. Der dumpfe Ton begleitet den Wurfrhythmus des Schützen, der ein Hufeisen nach dem anderen gegen den in den Matsch gerammten Eisenstab in zwölf Meter Entfernung schmeißt. Wie aus Roboterhänden knallen die rund ein Kilo schweren U-Haken auf den dünnen Zielpflock – der die Wurfgeschoße magnetisch anzuziehen scheint.
Diesen rauen, metallenen Schlagtakt können nur die Besten vorgeben. Und niemand beherrscht einen so flüssigen Beat wie Alan Francis. Der 42-jährige US-Amerikaner ist 16-facher Weltmeister im Hufeisenwerfen. Francis, ein schnauzbärtiger Mann mit armeegerechtem Kurzhaarschnitt, gilt als bester Horseshoe Pitcher der Welt. Diesen Nimbus verleiht dem eher schmächtigen Herrn aus Ohio vor allem eine statistische Note: sein hoher Ringerdurchschnitt. Der „Ringer“ ist der größte Punktebringer: ein Wurf, der nach der Landung den Eisenstock umschließt. 80 Prozent Ringerquote gelten schon als außergewöhnlich, aber Francis schaffte beim WM-Finale 2009 in Illinois einen Turnierdurchschnitt von 90,26 Prozent. Genauer gesagt: Mit 917 von 1016 Hufeisen umrahmte Francis den zwölf Meter entfernten Stab im Zentrum der Punktezone, eines quadratischen Sandkastens.
Ein Jux ist das Präzisionsspiel längst nicht mehr. Aus dem Freizeitvergnügen mit Grillgeruch, Bier und Cowboyhut, beim Rodeo oder auf dem Campingplatz ist in Nordamerika ein staatenübergreifender Wettkampfsport geworden. Rund 15 Millionen Spieler lassen in den USA und Kanada das Eisen auf das Stäbchen los. Ligaspiele und Turniere sowie die Austragung der Weltmeisterschaft organisiert der Dachverband, die National Horseshoe Pitchers Association (NHPA).
Über die amerikanischen Grenzen hinaus hat das Hufeisen seinen Weg als Flugobjekt in viele andere Länder der Welt gefunden. Auch in Japan, Südafrika, Australien oder Russland schwirren aerodynamische Hufeisen durch die Lüfte. Vor allem in Deutschland erfreut sich Horseshoes, wie der Sport in Kurzform heißt, immer größerer Beliebtheit. Mitte der 1990er-Jahre schossen die ersten deutschen Vereine aus dem Boden. „Wir schmeißen nach Originalregeln“, sagt Edmund Idziorek, Vorstand des deutschen Country- und Westernverbandes. Unter dem Schirm der bundesweiten Dachorganisation hat sich in Deutschland neben der US-Originalvariante auch eine zweite Disziplin etabliert. „Am Anfang haben wir uns auf zwölf Meter Entfernung sehr schwergetan und erst einmal neun Meter geworfen.“ Das Spiel auf die Kurzdistanz gilt nun als deutsche Variante von Horseshoes. Meist stehen die German und die American Version auf dem Turnierprogramm.
„Das Spiel wird immer größer“, sagt Idziorek, der beim Reutlinger Country Club wirft und sich seit 1996 Jahr für Jahr für die deutschen Meisterschaften qualifiziert hat. Darüber hinaus gibt es Landeswettkämpfe in sechs Bundesländern. Auch in Bayern. Doch im Süden blüht eine andere Wurfvariante, die auch in Österreich Tradition hat.
Bei der rot-weiß-roten Version von Horseshoes zielen die Spieler mit ringförmigen Metallplatten, aber auch mit Hufeisen auf einen Holzwürfel anstelle des Eisenstabs. Der leuchtend weiße Zielpunkt mit acht Zentimeter Kantenlänge, genannt Daube, liegt auf der Wiese – nicht zwölf, sondern 18 Meter weit entfernt – und kann sich noch weiter von der Abwurflinie wegbewegen, wenn die Geschoße den Würfel verschieben.
„Es ist ein kulturelles und gleichzeitig sportliches Brauchtum“, sagt Stefan Stöckl-Berger, Obmann des Tiroler Hufeisen- und Plattenwerferverbandes. Einst schleuderten Pioniere nur Hufeisen, später kamen Wurfplatten dazu: Ofenringe wurden einfach umfunktioniert und zum alternativen Spielobjekt. „Eines Tages kam ich den Berg hinunter und sah Personen, die mit Platten und Hufeisen trainierten. Das ist total neu für mich gewesen“, schildert Stöckl-Berger, ein gebürtiger Steirer, seine erste Begegnung mit dem Wurfsport. Genauso geht es wohl anderen, die nicht aus Tirol, Salzburg, Oberösterreich oder dem steirischen Ausseerland kommen: In diesen Gefilden nämlich wird das Spiel in Sportklubs praktiziert. Allein in Tirol gibt es mehr als ein Dutzend Vereine, die ihre ring- und u-förmigen Geschoße bei Turnieren rotieren lassen. Stöckl-Berger, der nach seiner ersten Begegnung mit den fremden Flugobjekten Anfang der 1980er-Jahre rasch selbst zur Platte griff, spielt heute für den Verein Kössen, der 2011 den österreichischen Meisterschaftstitel erringen konnte. „Früher ging es um ein Bier und eine Jause. Heute geht es um mehr“, sagt der 55-Jährige. Rund 170 Mitglieder zählt der Plattenwerferverein Kössen im Bezirk Kitzbühel, der Altersschnitt liegt bei rund 50 Jahren, etwa 20 Spieler gelten als eifrige Turnierkämpfer.
O-Ring oder klassisches U
Bei Wettbewerben können die Protagonisten zwischen Platte und Hufeisen wählen. „Es kommt einfach darauf an, welches Gerät besser in der Hand liegt“, sagt Heinz Exenberger, wie Stöckl-Berger beim amtierenden Meister Kössen. Jeder habe einen eigenen Wurfstil und Vorlieben bei der Art des Wurfgegenstands. „Mir ist die Platte einfach sympathischer“, so Exenberger. „Einige schwören wiederum aufs Hufeisen“, sagt Vereinskollege Stöckl-Berger, der selbst aber ebenfalls den nach innen gewölbten Metallring dem u-förmigen Eisen vorzieht. Die O-Platte lasse sich präziser steuern. „Ich hab sechs verschiedene Platten daheim“, sagt Stöckl-Berger, ein Hufeisen fehlt in seiner Kollektion. „Das nehm ich mir ab und zu auf Leihbasis.“ Denn: Das Hufeisen würde sich gut für größere Distanzen eignen – sprich: Wenn der Würfel weit über die Anfangsposition von 18 Metern hinausgeschoben wird. Bei beiden Wurfobjekten sind ein technisch ausgefeilter Ausfallschritt, der richtige Schwung und ein feines Händchen gefragt.
„Man lernt das Plattenwerfen nicht von heute auf morgen“, sagt Routinier Stöckl-Berger. Zum Wurfsegment mit gehobenem Altersschnitt würden in Tirol zwar auch viele Junge finden – aber einige davon kehren dem Spiel aufgrund der schwierigen Eingewöhnungsphase schnell wieder den Rücken. Laut Heinz Exenberger, der seit 1976 vereinsmäßig Platten wirft, brauche es „Jahre, bis man es wirklich gut draufhat“. Für das sportliche Gipfeltreffen in den Alpen sorgt die internationale Wurfelite Ende August auf der Vereinswiese in Kössen – beim Grenzlandturnier zeigen die besten Teams Österreichs, Bayerns und der Schweiz, wie magnetisch ein Holzwürfel auf Wurfeisen wirken kann. ■
("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.06.2012)















