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Am Anfang waren die Griechen

22.06.2012 | 18:34 |  Von Felix Lill (Die Presse)

Die Briten verkaufen Sportwetten als kulturelle Errungenschaft. Das Geschäft verschiebt sich aber nach und nach in das Internet – physisch könnte es bald von der Insel verschwinden. Teil zwei unserer Serie über Sportwetten.

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An der Wand gegenüber der Eingangstür klaffen Tabellen. Zahlen über Fußball, Hunderennen, Pferde- und Autorennen klären über mögliche Gewinne auf. Sollte etwa der FC Liverpool gegen Chelsea London in Rückstand geraten und dabei Angreifer Didier Drogba das erste Tor schießen, versiebenfacht sich der Einsatz. Trifft aber Chelsea-Verteidiger José Bosingwa, gibt es pro investiertes Pfund 66 zurück. Das Büro an der Ecke Commercial Road/New Road ist noch leer, am Samstagmorgen um kurz nach neun. Nur ein Mann mit Glatze, schwarzer Jacke und Einkaufstasche sitzt auf einem der fest installierten Stühle, die auf eine Wand voller Bildschirme gerichtet sind und an eine Bahnhofshalle erinnern. Er macht Kreuze für das anstehende Fußballspiel und gibt die Bögen beim Schalter ab. Ohne ein Wort nimmt er seinen Beleg und verlässt den Laden.

Die Tür fällt ins Schloss. Von draußen, an der stark befahrenen Straße, springen Vorbeigehenden die Stars einstiger Zeiten ins Auge. Der ehemals weltbeste Tennisspieler Andre Agassi prangt in seinem legendären Outfit aus buntem T-Shirt, langer Mähne und Radlerhose neben dem mittlerweile gealterten Manchester-United-Fußballer Ryan Giggs, auf dessen Trikot noch der damalige Sponsor Sharp zu sehen ist. Auch die Qualität der Bilder eines Hunderennens deutet auf frühere Jahrzehnte hin. Die „William Hill“-Filiale in Shadwell, etwas östlich des Stadtzentrums, ist eines von vielen Londoner Wettbüros, die die Geschichte einer Branche erlebt haben. Die Öffnung des Geschäfts hat sie mitgemacht, die Zeit der großen Kommerzialisierung und zuletzt die Digitalisierung, die einen Schwund von Kunden in den Filialen bedeuten könnte. Sie ist ein Exempel eines britischen Kulturexports: der Spielwetten.

„Richtig voll werden wir an Wochenenden erst zu Mittag“, versichert der Mann hinter der Glasscheibe. Er scheint mehr mit seinem Handy beschäftigt als mit dem, was in seinem Laden passiert. Es tut sich aber auch kaum etwas. Alle zehn Minuten kommt jemand herein, viel geredet wird dann nicht. Die Kunden kennen sich aus, und viele verwetten einfach das Münzgeld, das sie mit sich tragen. „Viel Sprache braucht man hier nicht“, sagt der Angestellte selbst wortkarg. Er weiß, dass die Kunden so oder so wetten, wenn sie einmal im Laden sind. Unabhängig von der Freundlichkeit. „Wetten ist urbritisch. Hier gar nicht wegzudenken.“

Zwar sollen Sportwetten ursprünglich aus dem antiken Griechenland stammen. Damals ging es um Hahnenkämpfe, Ringen und frühe Pferderennen. Das moderne Geschäft aber, bei dem nicht nur auf Gewinner bestimmter Bewerbe differenzierter und live gewettet werden kann, reklamieren die Briten für sich. Seit über 70 Jahren sind Sportwetten hier organisiertes Business. Und immer war es ein Geschäft, das die Massen begeisterte.

Als etwa die britische Regierung ab 1961 Wettbüros auch abseits von Sportstätten erlaubte, eröffneten innerhalb von sechs Monaten rund 10.000 Läden. „Über die Jahre sind die Büros zu einem festen Bestandteil britischer Dörfer, Städte und Einkaufsstraßen geworden“, schrieb der „Independent“in einer Hommage an die kleinen Läden. Dabei war die Zulassung von Wettbüros bloß die Legalisierung eines längst florierenden Geschäfts, das vorher an den Theken von Pubs, auf Toiletten von Klubs und Restaurants sowie an Straßenecken abgewickelt worden war. Jene Unternehmen übernahmen den Markt, die zuvor über Telefon oder direkt in Stadien und auf Rennkursen Wetten angenommen hatten.

Damit nicht jedermann dem Vergnügen der Wetten zum Opfer fiel, versuchte die britische Regierung, das Geschäft so unattraktiv und unauffällig wie möglich zu gestalten. Filialen durften zunächst kaum Werbung an ihren Türen und Fenstern platzieren, auch die Ausschank heißer Getränke blieb bis in die 1980er-Jahre verboten. Trotzdem boomte das Geschäft, pro Filiale fanden gleich mehrere Personen Arbeit. Eigens für die Aktualisierung der Ergebnisse, die an die Wände der Büros gepinnt wurden, gab es Jobs. Andere aktualisierten die Quoten, trieben das Geld auf dem Rennkurs oder im Stadion ein, zahlten es aus oder kommentierten das Geschehen vor Ort über Funk für die Gäste in der Wettzentrale.

Mittlerweile ist die Branche zu einem riesigen Business geworden. William Hill, das zu den großen Akteuren auf dem Markt gehört, stieg 2004 in die Riege der 100 größten Unternehmen an der Londoner Börse auf. Auch Konkurrenten wie Ladbrokes und Coral sind heute Unternehmen mit Umsätzen, die Milliardenhöhe erreichen können. Nach wie vor macht dabei das Geschäft über die Filialen den größten Anteil der Gambling-Branche aus. Von rund 5,5 Milliarden Pfund, die der britische Sektor 2011 als einer der größten weltweit umsetzte, kam über die Hälfte aus Wettfilialen. Dabei erwartet die Regulierungsbehörde „Gambling Commission“, dass der Markt für Onlinewetten wachsen und irgendwann womöglich auch Filialen wie jene an derCommercial Road ersetzen wird. Schon heute verwettet der Kundenstamm der Onlineanbieter für Events in Großbritannien zwei Milliarden Pfund im Jahr. Tendenz steigend.


Die Computer übernehmen

„Das wollen wir auch in andere Länder exportieren“, erklärt Tony Kenny, der PR-Beauftragte von William Hill. In Österreich versucht das Unternehmen derzeit unter anderem über Fernsehwerbung Menschen von der „besten Wetterfahrung der Welt“ zu überzeugen. „Bei uns sind die Wetten viel differenzierter als überall sonst. Du kannst ja quasi auf alles wetten“, erklärt Kenny. Wie viele „No Balls“ wird die Cricketmannschaft des Surrey County Club werfen? Welches Pferd geht beim Eröffnungsrennen des Grand National nach den ersten Hindernissen in Führung? Wer tritt den ersten Eckball für die Fußballmannschaft von Manchester United?

Waren es für William Hill traditionell die Wetten mit Pferderennen, die das Geld einbrachten, so ist mittlerweile Fußball am profitabelsten. Allerdings verschiebt sich auch hier immer mehr davon auf Onlineplattformen. Die Mitarbeiteranzahl der Wettanbieter sinkt seit Jahren. „Es wird ja alles automatisiert“, zuckt der Angestellte in der Filiale Commercial Road/New Road mit den Schultern. Er habe noch miterlebt, wie hier vor 30 Jahren ein Kollege für die Pinnwand zuständig war, ein anderer für die Aktualisierung der Quoten. Und dann die Zeit, als in den Neunzigern Andre Agassi und Ryan Giggs von draußen werben durften und drinnen Fernseher installiert wurden. „Aber heute geht ja alles über Computer.“ Und auch die Besucher in seiner Filiale werden weniger. Kurz nach zwölf ist noch nicht viel von den erwarteten Besuchern zu sehen. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.06.2012)

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