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Prinzen, Promis und ein Panda

29.06.2012 | 18:44 |  Von Antal Festetics (Die Presse)

Vor 50 Jahren wurde der WWF gegründet, die mittlerweile größte Naturschutzorganisation der Welt. Bald darauf folgte der WWF Österreich. Über Realitäten und Skurrilitäten einer Erfolgsstory: Erinnerungen eines Insiders.

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Stellen Sie sich eine Abstinenzler-Versammlung vor, die vom Gastgeber mit einem Glas Wein in der Hand begrüßt wird.“ Mit dieser höhnischen Bemerkung begann seinerzeit der Kommentar des bekannten Wiener Kolumnisten Reinard Hübl zum Festakt in Schloss Marchegg anlässlich der Inauguration des Naturreservates Marchauen durchden damaligen Präsidenten des WWF International, Prinz Bernhard der Niederlande. Was war passiert? Ein lodengrüner Spitzenpolitiker der ÖVP sollte als Gastgeber uns WWF-Leute und die geladenen Journalisten begrüßen. Er kam dabei auf die wahrhaft „originelle“ Idee, seine „Trophäe“, eine ausgestopfte Großtrappe, eigens zu diesem Anlass ins Schloss Marchegg transportieren und dort in der Empfangshalle aufstellen zu lassen. Wie auf dem Schild des Präparates groß zu lesen war, hat unser Spitzenpolitiker diesen Trapphahn – eine in ihrem Bestand höchst gefährdete Vogelart – während der Balzzeit (!) höchstselbst „erlegt“ (=erschossen). Er wollte mit dieser Geste uns gegenüber seine „Naturverbundenheit“ sichtbar zum Ausdruck bringen! Jagd war damals für die meisten Politpromis der einzige Zugang zur Natur (sie ist es für viele heute noch), und „Hege mit der Büchse“ war für sie „angewandter Naturschutz“.

In einer solchen Situation den „World Wildlife Fund“ (wie der WWF damals hieß) hierzulande zu etablieren war somit alles andere als eine leichte Aufgabe. Den Anstoß dazu gab die letzte Pusztafläche von 400 Hektar rund um die Lange Lacke im Seewinkel, die es vorm Umackern zu retten galt, aber auch die beschämende Ballerei auf Wildgänse in diesem Naturjuwel, das heute zur Kernzone des Nationalparks Neusiedler See gehört. Mir persönlich war dieses Gebiet ans Herz gewachsen, war ich doch an der Langen Lacke bereits im Sommer 1958von der burgenländischen Landesregierung als Naturschutzwart eingestellt worden. Schutzgebiet war allerdings nur die Wasserfläche,nicht aber die angrenzende Hutweide, die in Weingärten umgewandelt werden sollte und jeweils im Herbst zum Schlachtfeld der„Gansl“-Jäger verkommen war.

Ein Hoffnungsschimmer war für uns deshalb der WWF, den der Schweizer Biologe Lukas Hoffmann gemeinsam mit seinem britischen Kollegen Peter Scott und ein paar anderen Naturschützern 1961 in Zürich gegründet hatte. Sein Anliegen war, weltweit Geld aufzutreiben zur Rettung gefährdeter Wildtiere und deren Lebensräume. Lukas Hoffmann errichtete zeitgleich eine biologische Station im Rhône-Delta in der Camargue. Er kannte bereits das Neusiedler-See- Gebiet recht gut und war sofort bereit, sich für die Rettung der letzten burgenländischen Pusztafläche rund um die Lange Lacke einzusetzen. Wir gründeten deshalb Anfang der 1960er-Jahre auf der Forschungsstation im fernen Rhône-Delta den WWF Österreich und stellten dabei die Frage: Was braucht es zu einem neuen Verein im „Land der Berge und Vereine“? Es gab damals immerhin rund 45.000 eingetragene Vereine in Österreich.

Vor allen Dingen dreierlei brauchte es, um rasch bekannt zu werden: einen prominenten Briefkopf, einen prominenten Präsidenten und einen prominenten „Gegner“. Für unseren Briefkopf war das weltweit bekannte Panda-Logo wie geschaffen, unsere „Kampfansage“ galt den damals aktuellen Provinzpolitikern, und zum Präsidenten des WWF Österreich hatten wir den damaligen Chef der Industriellenvereinigung Hans Lauda (Onkel des Rennfahrer-Niki) vorgesehen. Dieser war sehr nett zu uns, hat aber abgesagt mit der Begründung, er sei bereits Präsident von 16 Vereinen in Österreich, und er empfahl uns seinen „Präsidentenkollegen“ Manfred Mautner-Markhof senior, der damals nur 12 Vereinen vorstand. Nun war auch dieser sehr nett zu uns, hat aber abgesagt mit der Begründung, er sei Jagdpächter im Seewinkel, schieße dort gerne Großtrappen, und er empfahl uns seinen Sohn Manfred junior, der kein Jäger und damals Präsident von nur fünf Vereinen war. So wurde schließlich er unser Präsident, und auch er war sehr nett zu uns, denn er stellte dem WWF gleich einen Geschäftsführer zur Verfügung. Es war dies der Hobby-Ornithologe Hans Freundl, Angestellter der Wiener Handelskammer, deren Präsident ebenfalls Manfred Mautner-Markhof junior war. – Wir drei also, Hoffmann, Freundl und ich, hatten nun alle oben erwähnten drei Voraussetzungen für einen Erfolg versprechenden Start des WWF Österreich beisammen. Der äußerst tüchtige Hans Freundl warb auf lokaler Ebene um Mitglieder, der stets hilfsbereite Lukas Hoffmann auf internationaler Ebene um Spenden, und mir fiel die Aufgabe zu, einen wissenschaftlichen Beirat des WWF auf die Beine zu stellen und Politpromis von unseren Anliegen zu überzeugen.

In den WWF-Vorstand wurden „Betuchte“ gewählt in Hoffnung auf finanzielles Engagement, allerdings nur aus der schwarzen Reichshälfte der Republik. Aber Österreich wurde damals von Bruno Kreisky regiert, und ich reklamierte ein „koalitionäres Abbild“ für die WWF-Spitze. Wer daraufhin aus der roten Reichshälfte in den WWF-Vorstand gewählt wurde, war Wiens Bürgermeister Bruno Marek, ein Waidmann mit nahezu habsburgischen Jagdallüren. Die „kleinen Leute“, die unsere Mitglieder werden sollten, zeigten wenig Verständnis dafür.

Die Frage lautete: Soll sich der WWF mehr an die „Döblinger Regimenter“ halten oder sich eher im Umfeld von Karl-Marx-Hof bekannt machen? Elitärer Zirkel oder breite Volksbewegung, „Gschtopfte“ oder „Gscherte“? Für mich war das „dritte Lager“ wichtiger: die Kunstschaffenden als (emotionale) Multiplikatoren für unser Anliegen, ist doch das kleine Österreich mit großartigen Schauspielern, Malern und Musikern reichhaltigst gesegnet. Ein Künstler-Naturschützer-Schulterschluss ist uns erstmalsspektakulär in der Hainburger Au gelungen –gegen die Allianz von Kraftwerksbauern mit Gewerkschaftsfunktionären. Da ging es um DKW oder Nationalpark; das Ergebnis ist bekannt. Aber vorher mussten wir noch den Bau einer vierspurigen Autobahnbrücke querdurch den NeusiedlerSee verhindern. Es warder ehrgeizige „Modernisierungsplan“ des damaligen burgenländischen Landeshauptmannes Theodor Kery. Wir waren persönlich bis zuletzt gute Freunde, in diesem Punkt allerdings total gegensätzlicher Meinung. So etwas sollte in einer Demokratie erlaubt sein. Nun ist im Burgenland jeder Wahlkampf traditionell ein Kopf-an-Kopf-Rennen von Rot und Schwarz. Die SPÖ war bemüht, sich gegen links und rechts klar abzugrenzen, und kam dabei auf die obskure Idee, auf ihrem Wahlplakat die damalige Stacheldraht-Grenzsperre von Ungarn zusammen mit dem Eisenstädter Schloss abzubilden unter dem Motto „Gegen Eisernen Vorhang und gegen Esterházy – wählt SPÖ-Burgenland“.

Es klang wie ein Kampfaufruf aus der Mottenkiste des Klassenkampfes und hat freilich den größten Grundbesitzer des Landes, Paul Fürst Esterházy, verstimmt. Wir vom WWF waren gerade dabei, mit ihm über die Pacht des „Sandeck-Neudegg“ in der Südhälfte des Neusiedler Sees zu verhandeln – heute ebenfalls Kernzone des Nationalparks, obwohl Esterházy-Besitz. Als ich damals Fürst Paul in Zürich traf, war ich bemüht klarzustellen, dass ich nicht im Auftrag der Landesregierung, sondern des WWFals unabhängige, unpolitische, internationale Organisation um seine Zustimmung bat, das Umfeld der damals größten Silberreiher-Brutkolonie Mitteleuropas pachten und dadurch für die Nachwelt erhalten zu können. Es war eine schwierige, aber letztlich erfolgreiche Mission. Damit hat Esterházy, zusammen mit dem WWF, den ersten Grundstein für den späteren Nationalpark Neusiedler See gelegt.

Der WWF zwischen Royalitäten undRealitäten – das war keine „gmahte Wiesn“, sondern eine Gratwanderung in Naturschutzdiplomatie. Der in der Zeitfolge zweite Präsident des WWF International, Prinz Philip von Großbritannien, war nicht nur ein fabelhafter Spendenkatalysator, auf der Basis des Snobismus-Syndroms als einer der stärksten Triebfedern so gut wie aller Menschen. Er war beziehungsweise ist auch ein profunder Kenner der gefährdeten Fauna und somit für uns ein idealer Repräsentant des WWF gewesen. Mit einem Schönheitsfehler allerdings: einem Pressefoto aus dem Jahre 1961 (dem Gründungsjahr des WWF!), auf dem er in Begleitung der Queen in Indien auf einem erschossenen Tiger posiert, den er selbst „erlegt“ hat. Für den Prinzen spricht aber, dass er bald danach bereit war, sich vom Saulus zum Paulus zu mausern, vom Schützen zum Schützer.

Seine Österreich-Besuche tat er immer in WWF-Mission. Als die Opernball-Leitung erfuhr, dass Prinz Philip das WWF-Reservat Lange Lacke zu inspizieren vorhabe, sind wir gebeten worden, ihn zu überreden, bei dieser Gelegenheit dem Opernball durch seine Teilnahme endlich den lang ersehnten royalen Glanz zu verleihen. Nach Rücksprache mit dem Buckingham-Palast war unsere Zusage mit der Bedingung verbunden, Prinz Philip am Opernball vor der Mitternachtsquadrille eine kurze Ansprache in Sachen WWF zu gestatten. Wir rechneten dadurch erstens mit erhöhtem Spendenfluss und zweitens mit erhöhter Medienpräsenz des WWF. Die erste Rechnung ging voll auf, die zweite voll in die Hose.

Der Britenprinz sprach zuerst über die Notwendigkeit von Naturschutz und wandte sich danach an die Promis in den Logen mit der Aufforderung, gleich jetzt und hier für die Lange Lacke zu spenden. Meine Begleitung und ich wurden mit leeren Sektkübeln auf Schnorrtour in die Logen losgeschickt. Wir schnappten uns die anwesenden Kameraleute des ORF (damals gab es weder „Seitenblicke“ noch Baumeister Lugner), und so wurde im Scheinwerferlicht der Direktübertragung vor aller Welt erkennbar, wer wie viele Geldscheine aus seiner Brieftasche in die leeren Sektkübel zu blättern bereit war. Das Ergebnis: rund 450.000 Schilling für den WWF in einer halben Opernballnacht.

Das Medienecho am Tag danach war allerdings so gut wie gleich null. Schuld daran war Hollywood-Star Richard Burton, Teilzeitgatte der berühmten Elizabeth Taylor. Er war gerade für Dreharbeiten nach Wien gekommen, wurde ebenfalls zum Opernball gekarrt, hat sich dort besoffen, lautstark randaliert und wurde schließlich gewaltsam aus dem Opernhaus entfernt. Wäre das nicht passiert, so wären Prinz Philip und der WWF den Medien gewiss eine Schlagzeile wert gewesen. Sonst aber hatten wir damals eine recht gute Presse; wir hatten ja schließlich als WWF einiges zu bieten.

Prinzen, Promis, Presserummel – der Naturschutz ist allmählich „salonfähig“ geworden. Ziel des WWF war, das Wichtigste dazu aufzutreiben: die Finanzen, denn Naturschutz gibt es nicht zum Nulltarif. Damit aber stellte sich die Grundsatzfrage in der Diskussion zwischen Fundis und Realos: elitärer Zirkel oder Massenbewegung? Besser wenige Großspender oder besser viele kleine Mitgliedsbeiträge? Die Praxis hat bestätigt: nicht Entweder-oder, sondern Sowohl-als-auch!

Die zweite Grundsatzfrage betrifft die Philosophie des WWF: Blaukehlchen oder Fukushima? Sollten wir uns konsequent auf die Rettung von Wildtieren und deren Lebensräume konzentrieren, wie vor 50 Jahren die Gründungsidee des WWF lautete? Oder das tun, was sich mittlerweile alle anderen einschlägigen Organisationen auf ihre Fahnen geschrieben haben, nämlich „Umweltschutz“, das heißt mitreden, wenn es um Übervölkerung geht oder Atomkraftwerke, bis hin zur Abrüstung? Ich persönlich räume der Gründungsidee die Priorität ein und wünsche mir stärker die Auseinandersetzung mit ethischen Fragen betreffend unsere Mitgeschöpfe. Der Bogen spannt sich vom Stierkampf und Gänsestopfen über Schlageisen und Singvogeljagd bis hin zum Robbenschlachten und zur Trophäensafari, um nur einige der beschämenden Beispiele unserer Zeit aufzuzählen. Da geht es nicht mehr nur um die Existenz von Mitgeschöpfen, sondern um Ethik der Mensch-Tier-Beziehungen.

Abschließend sei betont, dass sich dieser Rückblick auf die Entstehung des WWF Österreich freilich nur auf ein paar Realitäten und Skurrilitäten der Gründerzeit beschränkt. Was diese Organisation seitdem geleistet hat, ist ein gewichtiges Kapitel für sich, auf das wir stolz sein können. Insgesamt eine respektable Bilanz auch im internationalen Vergleich, meine ich. Zum 50- jährigen Bestehen dieser großen Weltorganisation sollten wir nicht mit Dank sparen, allem voran aber nicht mit Spenden. Sie kommen der Natur und unseren Mitgeschöpfen zugute, und ich wüsste keine bessere Investition. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.06.2012)

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