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Bye-bye Europe, hello world!

29.06.2012 | 18:44 |  Von Beatrix Kramlovsky (Die Presse)

Sie wollen mitgestalten, suchen die Unabhängigkeit eines neuen Lebens, haben die Begrenztheit Europas auf Zeit oder für immer hinter sich gelassen: Auswanderer heute – Begegnungen in Australien und Südostasien.

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Wie das oft ist mit Klischees:Sie überraschen doch. Seit Tagen im australischen Outback, sind wir gerade auf einer Sandpiste 100 Kilometer nördlich des Uluru Richtung Helen's Gorge unterwegs. Plötzlich vor uns ein Radfahrer am Straßenrand, der etwas repariert. Es stellt sich heraus, dass ihm eine Packtasche geplatzt ist. Er kommt aus Kempten im Allgäu und ist seit April 2011 auf Tour. Am 31. Juli will er wieder zu Hause sein, da hat seine Tochter Geburtstag. Also eine Erdumrundung per Rad, soweit es geht. Er hat nach 35 Jahren seinen Job gekündigt, auf Abfertigung und Pensionsansprüche verzichtet, weil er einfach nicht mehr konnte. Seine Frau hat ihn dann „rausgeschmissen, der hat's auch gereicht, und da dacht ich mir, das ist der perfekte Zeitpunkt für so eine verrückte Reise“: „Jetzt merke ich aber, ich werde langsam etwas müde. Die Piste ist schlecht hier. Gibt's irgendwo da vorne etwas zu kaufen?“

Wenn er zurück in Deutschland ist, wird er etwas Neues suchen, sagt er, vielleicht findet er jemanden, der das schätzt, was er unterwegs an Erfahrung gesammelt hat. Sonst müsse er eben woanders hin. „Ich hab ein Zelt mit, da fahr ich einfach von der Straße ein paar Meter ins Gebüsch und bau es mir auf. Gestern war so ein Dingo da. Der war ganz zahm, hat sich nicht gefürchtet. Hat nur geschaut. Nicht so wie die Hunde in China. Die waren ja aggressiv, richtig unangenehm.“

Die anderen Aussteiger, denen wir in Australien begegnen, sind jung. Ich meine nicht die jugendlichen Langzeitreisenden, Studenten, die die elterliche Teilfinanzierung ihrer monatelangen Reise großzügig mit Hilfsarbeiterjobs aufbessern, die hier zwar extrem gut bezahlt werden, um die sie sich jedoch daheim sicher nie beworben hätten. Ich denke an junge Leute ohne Universitätsabschlüsse, die Europa mit leichtem Herzen hinter sich ließen, die als Saisonarbeiter im Gastgewerbe oder bei Bauern als Pflücker arbeiten, wenn das spezielle Backpacker-Arbeitsvisum ausläuft, über Asien aus- und einreisen, um ein weiteres Jahr hier zu leben, ohne Zukunftsplanung, einfach in den Tag hinein. Es gibt viele hier.

Einer erzählt mir, dass „daheim sowieso niemand warte“, allerdings hat er den Kontakt zu den Eltern in Tirol abgebrochen, meinen diesbezüglichen Fragen verschließt er sich. „Hier ist so viel möglich, ich fühl mich so frei, verstehst du das?“ Eine junge Frau wehrt ab, nein, niemand interessiere sich daheim für die Fremde, sie sei sich „wie eine Außerirdische vorgekommen, nach der mittleren Reife nix wie weg“. Und später? Sie lacht. Es ist klar, dass sie mich für schrecklich alt und bürgerlich hält. Sie ist seit zwei Jahren fort und hat vor, noch lange unterwegs zu sein. Auswandern sei schwierig, weil sie keinen Beruf erlernt habe, aber vielleicht ergäbe sich das noch, wenn nicht in Australien, dann in Asien. Schließlich habe sie auch so gut Englisch gelernt, „ohne Schule, bloß mit den Leuten.“

Dieses Mal bin ich fast vier Monate unterwegs und höre nicht nur Geschichten von Männern und Frauen, die einer Liebe folgten, und nun an einer gottverlassenen Küste eine Bar, ein Gästehaus betreiben, wo Reisende in plötzlichem Heimwehgelüst dem Duft einer geliebten Speise nachgeben, das vertraute Idiom ihrer Muttersprache hören wollen und ein fremdes Daheim genießen: in einem Ottakringer Bierlokal in Vietnam, einer ungarischen Gulaschinsel am laotischen Mekong, bei einer bayrischen Bäckerin in Kuala Lumpur.

Dieses Mal ergeben sich auf meinen Ausflügen quer durch Nordthailand und Australien Gespräche mit mitteleuropäischen Frauen, die auswanderten, weil sie etwas suchten, was sie auf unserem Kontinent nicht fanden. Sie trieb weder die Sehnsucht nach exotischen Lebensräumen, noch wurden sie vom Krieg in die Fürchterlichkeiten eines Flüchtlingsdaseins getrieben.


Sie sind zu fünft in Thailand unterwegs,Vater, Mutter, drei Kinder zwischen fünf und zwölf. Sie wirken wie die meisten Urlauber, und doch ist es anders. Sie werden nach ihren Ausflügen und Tempelbesuchen nicht mehr nach Europa zurückkehren, sondern ihre Reise nach Australien fortsetzen, wo Freunde bereits eine Wohnung gefunden haben, wo er bald zu arbeiten beginnt, eine Firma hat ihn schneller als erwartet angenommen, und wo sie vielleicht in ihren Beruf wieder einsteigen kann. Ihr großes Gepäck ist schon seit zwei Monaten unterwegs, die Habe, auf die sie nicht verzichten wollten, bewegt sich angeblich gerade am Kap der guten Hoffnung vorbei. Bücher, die Lieblinge unter den Kuscheltieren, Fotoalben, in denen festgehalten ist, was früher war, werden in kommenden Jahren sichtbare Brücken in die Vergangenheit sein. Für später, sagt die Frau, wenn die Kinder es ihren zukünftigen Freunden zeigen, wenn wir etwas erklären wollen. Heimat, sagt sie, trägt man ja in sich.

Sie wandern aus der Schweiz aus, Schweizer, denen es zu eng, zu fremd geworden ist. „Beruflich hat es keine Schwierigkeiten gegeben, aber nach einer Übersiedlung aus Zürich hinaus in ein Dorf sind wir vereinsamt. Komplett. Es hat nur Pendler hinein in die Stadt gegeben, keine Gleichaltrigen für die Kinder, keine freundlich geöffneten Türen. Wir mit den drei Kindern waren da sowieso die Marsianer vom Dienst. Wir haben es zwei lange Jahre probiert und dann die Nase voll gehabt. Die Familien haben es zuerst nicht verstanden, man gehe doch nicht, bloß weil es ein wenig schwierig werde. Da hätten ja einige schon ganz schön viele Gründe gehabt, davonzulaufen. Es war aber kein Davonlaufen“, sagt die Frau. „Wir laufen ja auf etwas zu.“

Die Frau sagt, das sei die schlimmste Zeit der Vorbereitungen gewesen, dieses um Verständnis heischen, dass man ohne schlechtes Gewissen die eigene Zukunft gestalten dürfe. Erst als sie beide eine permanente Arbeitserlaubnis vorweisen konnten und alle notwendigen Papiere auf den Tisch legten, die Kinder ihrem kleinen Bruder über Wochen hinweg ihr Schulenglisch beibrachten und derÜbungen nicht überdrüssig wurden, war den Verwandten klar, dass es ernst wurde.

Der Abschied seitrotzdem schwer gewesen, sagt die Frau, denn die halbe Welt liege ja bald zwischen dem Woher und dem Wohin. Sie haben sich entschieden, die Reise in Asien zu unterbrechen, um den Kindern ein wenig fremde, alte Kultur zu zeigen, um es sich selber schön zu machen, ein wenig Meer, Dschungelberge. Ein Kontrastprogramm zur Schweiz und zu Australien. Ja, aufgeregt seien sie alle, sagt die Frau, freudig aufgeregt. Wer bekomme schon die Chance, neu anzufangen auf einem so hohen Niveau, mit so vielen Sicherheiten. Und Heimat sei so eine Sache. Man müsse sich schon identifizieren können, mit den Traditionen, mit der Politik, mit den anderen Wölfen im Rudel. „Ich weiß schon, dass in der neuen Heimat auch nicht alles perfekt ist und in der Vergangenheit viele Fehler gemacht worden sind. Aber ich will mitgestalten, und das wird mir in der Schweiz schwer gemacht. Zu viele Barrieren auf den Straßen und in den Köpfen. Ein alter Kontinent mit einer jungen Geschichte, das gefällt mir und meinem Mann. Und die vielen Chancen für die Kinder.“ Sie lächelt, im Grunde ist ihr egal, was andere darüber denken, sie ist zufrieden mit ihrer Entscheidung.


Zwei Wochen später treffe ich eine Bekannte in Melbourne, geborene Engländerin, die vor drei Jahren von ihrer Firma rund um die Welt geschickt und kurze Zeit später gekündigt wurde. Andria überlegte, zurück nach London zu gehen, als auch noch ihre Beziehung zerbrach. Plötzlich erschien ihr die Heimat nicht mehr als Hafen, das Leben war ein zerrissenes Buch. In dieser Zeit der zerschnittenen Fäden wurde ihr ein Job angeboten, sie lernte Leute kennen, die sie mochte und später ihre Nachbarn wurden.

Meine Frage, für wie lange sie hier bleiben wird, findet sie komisch. Sie habe schon ihr Einbürgerungsverfahren laufen, sie habe Europa endgültig den Rücken gekehrt! Eine befriedigende Arbeit ohne Stress, ein schönes Zuhause, Freunde, die sich um sie bemühen – und, das Beste von allem: Ihre jüngste Schwester ist ihr gefolgt, mitsamt der Familie, gerade sind Zwillinge auf die Welt gekommen, ihre Familie hier wächst also. Natürlich hat sie vor, die Eltern weiterhin jährlich zu besuchen, aber ehrlich, diese Qualität hier habe ihr Leben in England nie gehabt.

Ich denke an die Geschichten, über die ich im Einwanderermuseum in Melbourne gestolpert bin. Nicht alle gingen gut aus, manche endeten sogar fürchterlich. Andria aus London hatte die besten Voraussetzungen, um im neuen Land Fuß zu fassen, aber sie hatte auch viel Glück im Unglück. Ihr blieben ein paar Wochen, um eine Firma zu finden, die für sie bürgte. Im Grunde, sagt sie, hat sich alles innerhalb von Tagen entschieden, und es hätte schieflaufen können. Sie strahlt.


Ulli ist 42 Jahre alt und lebt seit sieben Jahren nördlich von Chiang Mai in Thailand. Sie war eine erfolgreiche Soziologin, die mit schwierigen Kindern aus tristen Verhältnissen in Bayern arbeitete. Im Urlaub stieß sie auf eine Thailänderin, Joy, deren Mutter vor 80 Jahren aus Burma als Flüchtlingskind über die Berge gekommen war. Joy suchte eine neue Herausforderung und fand sie in den abgelegenen Dörfern der Karen und Hmong. Um taube und taubstumme Kinder kümmerte sich niemand. Gemeinsam mit Ulli plante und verwirklichte sie ein neues Projekt, einen Garten, der diesen Kindern ein Zuhause gab, eine Schule mit eigens geschulten Lehrern, eine Farm, die berufliche Spezialisierungen ermöglicht.

Landsberg ist der Ort, an den die Soziologin einmal im Jahr zurückkehrt, denn Freunde warten, und manchmal, so sagt sie, hat sie Sehnsucht nach Vertrautem. Aber ihr Lebensmittelpunkt liegt nun in den grünen Hügeln nördlich von Chiang Mai. Einiges ist leichter als in Deutschland, vieles ist anders. Sie stellt mehr in Frage, sie sagt, sie ist offener geworden. Das Tempo ihres Lebens hat sich verlangsamt, aber ihr Leben ist dichter, erfüllter geworden. Seit Jahren steht sie auch mit den örtlichen Behörden in gutem Einvernehmen, sie hilft mit westlichem Know-how, dafür kommt man ihr entgegen, wenn sie Papiere für illegale Flüchtlinge braucht. „So viel wie ich hier erreichen konnte in so wenigen Jahren!“, sagt sie, „so viel wie ich hier zurück bekomme!“ Sie verdient faktisch nichts, aber sie empfindet sich als Gewinnerin. Auf meine Frage, ob sie ihre Staatsbürgerschaft aufgeben will, weiß sie noch keine klare Antwort. Sie hat aufgehört zu planen, hat gelernt, die Möglichkeiten der Gegenwart zu nutzen und zu genießen. „Das ist nicht sehr europäisch.“ Sie lacht. Joys Zuhause ist das ihre – und viele Reisende wie ich betrachten es mittlerweile als Ankerstelle, einen Ort, der Heimat vermittelt, ohne es wirklich zu sein. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.06.2012)

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