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Die Tür ist immer offen

06.07.2012 | 18:21 |  Von Christa Melchinger (Die Presse)

Wie gehe ich als alter Mensch mit Alten und dem Altern um? Mit alten Leuten und alten Dingen, mit Vergangenem, Vergänglichem, das meine Gegenwart ist? Versuche über das Unvermeidliche.

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Die alte Frau. Der Geruch hier! Eine Mischung aus Putzmittel, Urin und altem Blumenwasser lag mir schwer auf dem Magen. Und eigentlich war ich auf der Suche nach der Cafeteria. Aber da stand der Rollstuhl mit der alten Frau im Weg. In einem menschenleeren Gang. Offenbar hatte man sie dort abgestellt und dann vergessen.

Die Frau reagierte nicht auf meine Fragen. Ich wusste nicht, ob sie mich verstanden hatte. Also schob ich sie in die Pflegeabteilung. Auch dort war alles leer, bis auf eine gehbehinderte Frau, die sich am Geländer entlangzog. Sie beobachtete meine Versuche, mit der Frau im Rollstuhl ins Gespräch zu kommen, und unterbrach mich barsch: „Das können Sie lassen. Die redet nichts.“ Dafür sprach der wütende Blick aus dem Rollstuhl Bände.

Auch ich erntete böse Blicke, als ich nach einigem Suchen das Pflegepersonal bei der Kaffeestunde störte. Offensichtlich war keinem die alte Dame im Rollstuhl abgegangen. Seufzend ging eine Pflegerin mit mir zurück. Ich fragte sie nach dem Weg in die Cafeteria. Bei diesem Wort hob die alte Frau im Rollstuhl ihren Kopf, zum ersten Mal, und sah mich gespannt und hellwach an. „Kann ich die Dame nicht mitnehmen zu Kaffee und Kuchen?“, fragte ich, einer Eingebung folgend, die Betreuerin. „Können Sie, können Sie!“, tönte es fröhlich aus dem Rollstuhl. Nun flog sogar ein Lächeln über das mürrische Schwesterngesicht. So schob ich den Rollstuhl ein zweites Mal durch die Gänge. Es sollten noch viele Male folgen.

Als ich die alte Dame nach ihrem Schweigen auf der Station fragte, gab sie mir zur Antwort: „Ich bestimme, mit wem ich rede.“ Ich merkte sehr schnell, dass es ein Geschenk war, eines Gesprächs mit ihr für wert gehalten zu werden. Ein kluger, warmherziger, humorvoller Mensch, den ich da, im wahren Sinn des Wortes, aufgelesen hatte. Der mir viel Berührendes und Aufregendes, viel Wissens- und Nachdenkenswertes aus seinem langen Leben erzählte und dankbar und mit Freuden annahm, wenn ich mich bei meinen gelegentlichen Besuchen mit einer Kaffeejause und mit Zuhören revanchierte.


Das alte Ding.
Seit Langem schon machen sich Innenarchitekten und Designer einen Kontrast zunutze, der durchaus reizvolle Effekte zur Folge hat: Sie akzentuieren moderne Stücke durch Antiquitäten und umgekehrt und erreichen so eine gegenseitige Steigerung der Attraktivität. Mit der Sprache verhält es sich ganz ähnlich. Eine in sachlich-salopper Diktion gemachte Aussage wird in Verbindung mit einem ungewohnten altertümlichen Ausdruck besser gehört und behalten werden.

Sehr alte Sprichwörter oder Redensarten schöpfen oft aus dem Alltag, aus der konkreten Welt der Dinge, vor allem aus der Arbeitswelt, die mit der Vielzahl der Geräte, die sie prägten, reichhaltiges Anschauungsmaterial bot. So bewahrt die Sprache vieles für uns auf, das längst unserem Blick entschwunden ist. Selten und daher kostbar sind die Gelegenheiten, die beides für einen Moment zusammenführen: den Gegenstand und sein sprachliches Abbild. Dabei kann es sich durchaus um ein heute noch gebräuchliches Instrument handeln, das aber im Kontext der Redensart zu einem Fenster in die Vergangenheit wird.„Den Hammer abgeben“ sagt man zum Beispiel, und es wird verstanden als ein Bild fürs Sterben. Oder „zwischen Hammer und Amboss geraten“ – was man niemandem wünscht. Oder als Lob wie als Tadel : „Das ist ja ein Hammer!“

Mein altes Ding ist ein Holzhammer, der bereits von der fünften Generation der Familie benutzt wird. Ein spezieller Hammer, so ein alter Holzhammer. Der Urahn, dem wir ihn verdanken, galt als ein begabter Freizeitschnitzer. Alle Kinder der Familie lieben dieses Gerät. Es gilt als Auszeichnung, den Hammer benutzen zu dürfen. Kein Wunder. Schweiß und Fett unzähliger Hände haben ihm eine glänzende Oberfläche poliert. Ich nehme den Hammer niemals zur Hand, ohne genüsslich über das Holz zu streichen. Das ist weit mehr als eine angenehme kühle Glätte, es ist – ja, ich würde es als ein Tastgefühl zwischen Samt und Seide bezeichnen.

Natürlich ist der Hammer niemals ein Dekorationsstück gewesen, er wurde und wird benutzt. Und da jeder seine lange Geschichte kennt, ist es wohl das einzige Werkzeug in unserer Familie, das niemals verloren ging. Es gibt auch keine Vorschrift für seinen Gebrauch. Er taugt zu fast allem, was man mit einem Hammer ohne Finne machen kann.

Der Stiel aus Eschenholz trägt an seinem Ende einen schön gerundeten Kopf, von einem schmalen Ring wie von einem Kragen eingefasst. Dies kleine Verzierung an dem ebenso bescheidenen wie praktikablen Werkzeug hat etwas Rührendes. Es ist das kleine Plus, das wir an so vielen alten Gerätschaften finden, die persönliche Zutat, die Handschrift des Erzeugers, der auch der erste Benutzer und Besitzer war.

Ich habe das Glück, gelegentlich einem sehr alten Bauern bei der Arbeit zuschauen zu dürfen. Die Arbeit in der Landwirtschaft ist ihm zu schwer geworden, und so hilft er überall am Hof, wo es nottut. Er hat immer ein Werkzeug in der Hand. Denn es gibt ständig etwas auszubessern. Und wenn das Dringlichste an Reparaturen in Stall, Haus und Hof erledigt ist, dann bessert er das Werkzeug aus.

Er ist ein ruhiger, freundlicher, wortkarger Mann. Ich habe ihn in den vielen Jahren, seit ich ihn kenne, nie unbeherrscht, ungeduldig oder zornig erlebt. Mit einer Ausnahme. Zwei seiner Enkel gerieten in der Werkstatt des Großvaters in Streit, und der Kleinere warf dem größeren Bruder einen Schraubenzieher ins Gesicht. Dem alten Mann schoss das Blut in den Kopf, er stand auf, wies zur Tür und sagte nur ein Wort: „Raus!“ Seine Stimme hatte dabei einen so fremden Klang, drohend, wild, gefährlich, dass der Übeltäter keinen Moment zögerte und sofort verschwand. „Du auch!“, wies der Alte im selben Ton auch das schluchzende Opfer hinaus. Dann hob er den Schraubenzieher auf, legte ihn in den Schrank an seinen Platz und verließ ohne ein weiteres Wort die Werkstatt. Als ich seinem Sohn von dem Vorfall berichtete, lachte der nur. „Das haben wir als Kinder auch erlebt. Die Mutter hat einmal zu ihm gesagt: Du behandelst dein Werkzeug besser als deine Freunde. Und weißt du, was er geantwortet hat? Nicht besser, genauso.“

Der alte Mann.
Der alte Mann war sehr alt. Und der junge Verkäufer sehr jung. Er benahm sich auch so. So wie eben manchmal sehr junge Menschen, ihres Vorteils gar nicht bewusst, aus purer Lust zu agieren, an ihrem Gegenüber ihre Wirkung erproben.

Ich wartete darauf, bedient zu werden. Mir wurde bald klar, dass ich noch eine Weile würde warten müssen. Aber ganz gegen meine Natur fiel es mir diesmal nicht schwer. Es gab viel zu sehen.

Die ganz natürliche, absichtslose Unverschämtheit des jungen Verkäufers und die ebenso natürliche, in lebenslanger Gewohnheit geschliffene Höflichkeit des alten Mannes – dieses Aufeinandertreffen zu beobachten machte nachdenklich. Spannend wurde es durch das, was Anlass dazu gab: der Kauf eines Handys.

Es war offenkundig, dass der alte Mann den Erklärungen des jungen Verkäufers, die dieser mit einer Geschwindigkeit herunterleierte, in der er seine professionelle Vertrautheit mit der Funktionsweise des Gerätes demonstrierte, schon akustisch nicht zu folgen vermochte. Ratlos drehte er es in den Händen. Der Verkäufer machte eine ungeduldige Bewegung in meine Richtung. „Sie müssen sich entscheiden“, sagte er mit deutlichem Tadel in der Stimme zu dem Mann. Der lächelte ihn entschuldigend an: „Es tut mir leid, so ist das mit uns alten Leuten. Wir halten immer auf . . .“ – „Na ja, wozu brauchen Sie überhaupt ein Handy?“, fragte der Junge zurück. Nun schien es mir an der Zeit einzugreifen: „Ich werde es Ihnen zeigen“, sagte ich und nahm dem alten Mann das Gerät aus der Hand.

„Sie?“, stieß der Verkäufer entgeistert hervor und sah mich von oben bis unten an. Seine Gedanken standen deutlich zu lesen in seiner Miene: „Jetzt auch noch eine depperte Alte!“ Dann lehnte er sich an den Ladentisch und machte sich genüsslich bereit für die zu erwartende Peinlichkeit. Er konnte ja nicht wissen, dass ich zufällig das gleiche Handymodell besaß und einen kundigen Schwiegersohn, der mich – in aller Geduld – über dessen Funktionen aufgeklärt hatte.

Der alte Mann begriff meine – in den Ohren des Jungen gewiss nicht fachkundigen – Erklärungen viel schneller als ich seinerzeit die meines Schwiegersohnes. Er sah mich erleichtert an, und zur sicher nicht geringen Überraschung des jungen Verkäufers ergriff er meine Hand, küsste sie und sagte charmant: „Dank dir, Pupperl!“

„Soll ich auch noch die Rechnung schreiben?“, sagte ich freundlich ins entgeisterte Gesicht des Jungen hinein, das langsam rot anlief, bevor er es zur Kasse abwandte. Fröhlich verabschiedete ich mich von dem Kunden und verließ den Laden. Was ich dort wollte, hatte ich vergessen. Es passiert einem schließlich nicht jeden Tag, dass man im vorgerückten Großmutteralter als „Pupperl“ angesprochen wird.

Doch – fragte ich mich später – war dieser Moment der Erheiterung nicht zu teuer erkauft mit einem doch sträflich unvernünftigen Verhalten? Hatte also der alte Mann mich zwar freundlich lächelnd angeschaut, in Wahrheit aber vernichtend abgeurteilt? Und das mit voller Berechtigung?

Es gab keinen Grund zur Heiterkeit. Ich hatte mich doch tatsächlich verhalten wie ein hirnloses „Pupperl“. Zwar hatte ich dem alten Mann zu seinem Handy verhelfen können, aber dem Jungen wohl kaum zu einer Einsicht. Im Gegenteil. Er musste sich ja bloßgestellt fühlen, das nötige Verständnis für einen hilfsbedürftigen Kunden würde er so wohl kaum lernen.


Der alte Garten. Die heimlichen Gärten meiner Kindheit. Damals gab es sie noch, in der Stadt, aufgelassene Grundstücke mit verfallenen Häusern, überwuchert von üppigen Gärten, die ihr Eigenleben führten – genau das, was ein an streng geregelte Ordnung gewöhntes Kind brauchte, um alles zu empfinden, was an Freiheitsgelüsten in ihm war – und das war viel! Manches Mal mit Freunden, öfters allein.

Von dort stammen die Bäume in meinem Kopf, dort lernte ich sehen, hören, riechen, schmecken, fühlen, diese geheimnisvolle Welt der Natur, die dem Menschen so fremd ist und zugleich so tief vertraut. Die ihm unheimlich wird in ihrer Eigenständigkeit und in der er doch daheim ist als ihr Kind. Von der er sich lösen muss, um zu sich selbst zu finden, und die er doch immer wieder aufsucht, um sich nicht zu verlieren. Weil er sich nur an ihren Erscheinungen begreifen lernt. Deshalb waren es in meiner Erinnerung immer heimliche Gärten. Ich ging nicht etwa heimlich dorthin, man wusste immer, wo ich war. Aber was diese Gärten mir bedeuteten, das war etwas zu Verbergendes, etwas, was mir allein gehörte. Ich hatte immer das Gefühl – und ich habe es heute noch – von einem sehr Kostbaren, das man in sich zu hüten hat. Ich hätte es damals nicht in Worte fassen können, und ich tue es auch heute noch mit Scheu.

Der warme, modrige Erdgeruch, der aus den immer feuchten Ecken aufsteigt – frisch bearbeitete Erde riecht ganz anders –, kann heute noch in Sekunden Bilder jener fernen Gärten in mir wachrufen. Der Inbegriff meiner Kindertraumgärten war der Garten, der zum Pfarrhaus meines Großvaters gehörte. Genau genommen waren es zwei Gärten – wie sich das für diese Art Häuser gehörte. Hinter dem Haus ein großer Obst- und Gemüsegarten, vorne ein parkähnlicher Garten, dessen Hauptweg zu einem Tor führte, das sich für uns Kinder nur am Sonntag öffnete, wenn wir ehrfürchtig und stolz zugleich hinter dem schwarzen Talar des Großvaters den Kirchenplatz betraten.

Trotz der für eine Nachkriegskindheit seltenen Genüsse, die ein Obst- und Gemüsegarten bot, blieb er mir immer etwas unheimlich, nachdem der Großvater beim Spargelstechen auch zwei Zähne mit ans Tageslicht befördert hatte. Der Gemüsegarten befand sich auf dem Areal des ehemaligen Friedhofs!

Heimischer war ich auf der vorderen, der Parkseite. Hier hatte ich meine Lieblingsplätze: vor allem ein altes hölzernes Salettl, in meiner Erinnerung der erste Ort, an dem ich mich unbeobachtet, unkontrolliert, selbstbestimmt fühlte. Ich tat dort alles, was mir in den Sinn kam, auch das, von dem ich genau wusste, dass ich es nicht durfte. Ein unbeschreibliches Gefühl von Freiheit überkam mich jedes Mal, wenn ich den dämmrigen, von Sonnenflecken gesprenkelten Raum betrat – in meiner Erinnerung sehe ich ihn nur bei schönem Wetter, wahrscheinlich endete hier schon mein Freiraum, bei schlechtem Wetter war der Besuch sicher verboten. Hier zerlegte ich tote Insekten und hatte auch keine Scheu, selbst zu töten, wenn ich kein geeignetes Sezierobjekt fand. Ich trocknete Rosenblätter, um sie, in Wasser eingeweicht, in die Sonne zu legen, und wartete lange und vergeblich darauf, dass sich der Rosenduft einstellte, den ich am Parfum meiner Mutter so liebte.

Ich versuchte, Sonnenstrahlen im Spiegel einzufangen, um Feuerfunken zu entzünden, und errang den lebenslangen Respekt meines älteren Cousins, als es gelang. Heute noch ist ihm die Verwunderung darüber anzuhören, wenn er die Geschichte erzählt. Nichts war uns strenger verboten als zu „zündeln“ – wohl auch das Motiv für mein so überraschend gelungenes Experiment.

Im Salettl galt allein mein Gesetz, es war mein Schloss und mein Labor, meine Werkstatt und meine Zauberhöhle, es war alles, was eine leicht erregbare kindliche Vorstellung an passenden Lokalitäten für ihre Aktionen brauchte. Der übrige Garten, zum Glück nicht allzu gepflegt, ein Mix aus alten Bäumen, dichten Hecken, verwilderten Büschen und kleinen, liebevoll an den sonnigen Stellen angelegten Blumenbeeten, von uns gelegentlich zu Tode gepflegt, aber immer wieder mit gleicher Liebe neu belebt. Das Schönste aber waren die moosigen Nester, mehrere unter jedem Baum, das ganze Jahr Ostern in diesem Teil des Gartens, und unter den Wurzeln die Höhlen der Zwerge, unzählige – wir kamen oft gar nicht nach mit dem Ausführen all der Geschichten, die wir in jedem Winkel des Gartens auflasen.

Und bis heute habe ich nicht aufgehört, lauschige Gartenecken und verwunschene Stellen in Parks auf ihre Brauchbarkeit für Kinderträume zu prüfen. Auf jedes bewachsene Fleckchen, auf das ich stoße, lege ich das Maß dieser frühen Eindrücke an (obwohl ich genau weiß, dass keiner ihm je entsprechen wird).

Das alte Bild.
Ein Kind, das in zerstörten Städten aufwuchs, muss ja eine besondere Liebe zu alten, unversehrten Häusern entwickeln – sofern es das Glück hat, einen Weg dorthin zu finden. Ich hatte dieses Glück, und in einem langen Leben wurde diese Liebe zu einer Leidenschaft.

Sie ist nicht abhängig von einem Stil, einer Zeitzugehörigkeit oder einer bestimmen regionalen Prägung. Es ist keine Liebe, die allein durch einen erfolgreichen Denkmalschutz befriedigt werden könnte. Allenfalls indirekt, als Maßnahmen der Erhaltung und Restaurierung, die, in der rechten Weise durchgeführt, lebensnotwendig sind. Denn darauf kommt es mir an: dass Gebäude Leben bewahren können – gleichgültig, ob es sich um ein kunsthistorisches Denkmal oder einen alten Stadl handelt.

Ich stelle mir vor, dass die vielen Leben, die hindurchgingen, sich in Schichten auf die Wände legen, ins Gemäuer eindringen, es gleichsam imprägnieren mit Geschichte und Geschichten, die hier passierten. Und die, wie Geschichten in Büchern, lebendig werden im Blick des Betrachters. Am besten gelingt das in leeren Räumen, ganz ungeeignet sind museal hergerichtete Gedenkstätten, historisch Aufgeputztes, Dekoriertes oder inszenierte Alltäglichkeit. Der leere Raum vor mir und die Bilder in meinem Kopf. Das Gebäude selbst enthält genügend Anreize, die Bilder im Kopf zu beleben.

Der ausgesparte Stein in der sauber gefügten Mauer am Eingang zum Stall, im Vorhaus, zum Schutz für das brennende Licht. Ein Alkoven in der Stube als Bettstatt, der geschnitzte Holzrahmen um den Herd zum Aufhängen der Kesselhaken. Der Granitstein über dem Türstock mit dem Namen des Hauses – alles Stichwörter für Geschichten, unzählige.

Ich sehe den sonnenbeschienenen rötlichen Sandstein, der von innen zu glühen scheint, spüre die Wärme, die vom dunklen Holz des Fachwerks ausstrahlt, öffne das schwere Holztor. Der Hof liegt im Schatten des Hauses, rechts die vorgebaute, von zwei Seiten betretbare Treppe, die zur Eingangstür des Hauses führt, ein leicht geschwungenes Geländer, das sich oben zu einer kleinen Plattform verbreitert, Platz für den hier obligaten prächtigen Geranienschmuck. Ich sehe eine Frau in einem blauen Kleid und einer weißen Schürze aus dem Haus kommen. Sie geht die Treppe hinunter durch das Tor vor das Haus und öffnet die hölzernen Fensterläden. Jetzt kann die Sonne durch die kleinen Fenster in die Stube fluten.

Dieses Bild hat mich begleitet von klein auf. Es hing in dem Haus meiner Großeltern und war ein Geschenk des Malers an meinen Großvater, der aus der Gegend stammte, in dem es solche Häuser gibt. Später hing es bei meinen Eltern, heute hängt es bei mir.

Oft und oft trete ich ein in dieses Haus, setze mich an den Tisch in der sonnendurchfluteten Stube, einmal als das Kind, einmal als die Hausfrau, einmal nehme ich Platz im Lehnstuhl der Großmutter. Wir brauchen solche Orte, die unser Leben lebendig halten, das Vergangene wie das Gegenwärtige, dem sie Halt und Schutz geben. Natürlich brauche ich das Bild an der Wand nicht dazu, es ist längst Teil von mir geworden, jederzeit abrufbar, ich kann eintreten, wann immer ich will, die Tür ist immer offen.

Einmal fand ich meinen Enkel vor dem Bild, und er fragte, was es auf sich habe mit dem Haus, und ich konnte erzählen. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.07.2012)

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1 Kommentare
Gast: paul.li
09.08.2012 11:45
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Wahnsinn!!

Ein unglaublich guter Artikel! Spricht mir ganz aus der Seele. Würde gerne mehr von Frau Melchinger Lesen!

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