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Hinter dem grünen Fetzen

06.07.2012 | 18:21 |  Von Martina Wittels (Die Presse)

Weniger Stress, bessere Wundheilung, weniger Komplikationen, kürzere Spitalsaufenthalte: Die Erfolge der modernen Schmerztherapie können sich sehen lassen. Doch die Pein ist nicht aus der Welt zu schaffen. Wie Schmerz zur Sprache wird.

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Die Frau, an deren Bettrand ich stand, war erst kurz zuvor aus dem Operationssaal gekommen, mit verängstigtem Blick lag sie da und weinte: „Es tut so weh. Es tut so weh.“ Sie hatte eine große Operation hinter sich, bösartiges wie gutartiges Gewebe war ihr weggeschnitten worden. Während ich das Opiat verordnete, traf mich ihr Blick, und ich überlegte auf einmal, ob ihr Schmerz nicht noch einen anderen Hintergrund haben könnte, ein Subthema, eine humusreiche Erde, auf die der Wundschmerz gefallen war, um unerwartet rasch emporzuwachsen. Hätte ich zu fragen gewagt, ob auch ihre Seele weine, während ich das Opiat injizierte, vielleicht wäre meine Anteilnahme beruhigend gewesen? Doch dafür war ich damals nicht ausgebildet. Lieber lief ich zurück in den Operationssaal, wo ich mich sicherer fühlte. Dort wurden alle in einen schmerzlosen Schlaf geschickt. Der Nächste, bitte! Nur wer schnell, mutig und resistent gegen Angst und Selbstzweifel war, konnte in der Anästhesie bestehen.

Später lernte ich bei einem Anästhesisten in einer kleinen österreichischen Stadt fernab jeden universitären Treibens das Kunststück, Patienten schmerzfrei aus dem Operationssaal zu bringen. Totale intravenöse Anästhesie, präemptive Schmerztherapie, patientenkontrollierte postoperative Analgesie, Regionalanästhesie während und nach Operationen, das alles war im geheimnisvollen Werkzeugkasten des Schmerzkünstlers. Die Ergebnisse ließen sich sehen: weniger Stress, bessere Wundheilung, bessere Lungenfunktion, kürzere Spitalsaufenthaltsdauer, weniger Komplikationen und Patienten, die oft schon zwei Stunden nach einer großen Operation im Lehnstuhl saßen und sich die Haare kämmten. Sogar die Chirurgen konnten der Schmerzreduktion etwas abgewinnen. Immerhin war der Patient weit früher als sonst in der Lage, die ersten Dankesworte an die Operateure zu richten! Alsbald schrie keiner mehr: „Was trödelst Du? Wir haben keine Zeit für umständliche Techniken. Narkosemittel spritzen, Beatmungsschlauch rein und gemma!“

Die Möglichkeit, Schmerzfreiheit zu fordern, ist ein junges Menschenrecht. Am 25. Jänner 1845 führte Horace Wells vor einem mit Chirurgen besetzten Hörsaal die erste Lachgasnarkose durch. Er erntete Spott und Hohn, als sein Patient während des Eingriffs begann, Laute von sich zu geben. Das Publikum war überzeugt, dass Wells geblufft hatte, obgleich Chirurgen damals gewohnt waren, dass ihre Patienten während der Operation schrien und festgehalten werden mussten. Der Schmerz war unhinterfragter Teil des Lebens. Am 16. Oktober 1846 vollendete William T. Morton Wells' Pionierleistung, indem auch er vor großem Publikum dieses Mal eine Äthernarkose vorführte, deren Wirkung die Zuseher überzeugte. Danach dauerte es wenigstens 25 Jahre, bis die Chirurgenschaft begann, sich an das zeitraubende Hantieren mit Narkosegasen zu gewöhnen und darin einen Vorteil zu entdecken. Es waren die Reichen und gesellschaftlich Hochgestellten, die diesen Liebesdienst an der Menschheit einforderten. Sie wollten sich nicht länger ohne entsprechende Linderung aufschlitzen lassen.

Zeitgleich entwickelte sich eine andere Methode, um schmerzfrei Operationen durchzuführen: die Hypnose. Ein schottisch-englisches Duo von Ärzten führte in Indien Hunderte operative Eingriffe in Hypnose durch. Einer von ihnen, James Esdaile, veröffentlichte seine Erfahrungen im Jahr 1846. Das Interessanteste des Berichtes war nicht, dass die Chirurgen schmerzfrei operieren konnten, sondern die erstaunliche Beobachtung, dass die Sterblichkeit der Patienten um 90 Prozent zurückging. Verstarben vorher von 100 Operierten 50, so waren es mit Hilfe der Hypnose nur noch fünf.

Die Veröffentlichung Esdailes fiel bedauerlicherweise in das Jahr der ersten Äthernarkose und verfehlte somit ihre beeindruckende Wirkung. Wie hätte sich die Medizin entwickelt, wenn Hypnose Einzug in die Operationssäle gehalten hätte? In jedem Fall hätte man weit früher die Zusammenhänge von Angst, Stress und dem daraus erwachsenden gesundheitlichen Risiko bemerkt. Wir hätten früher erfahren, dass sich Blutverlust und Heilungsverlauf durch Hypnose beeinflussen lassen. Auch wäre ein flacheres Arzt-Patienten-Gefälle entstanden als durch bewusstlose Patienten. Denn Hypnose funktioniert nicht ohne Kompetenzstärkung des Hypnotisierten. Der Mensch in Hypnose ist sich unbewusst gewahr, dass er selbst die Veränderungen hervorruft und dass die Hypnose genau deshalb wirkt; das macht ihn selbstständig. Aber die Weiche in der Geschichte war bereits gestellt: Die moderne Anästhesie entstand.

Der Beruf des Anästhesisten – früher Pulsarius genannt – entwickelte sich dennoch nur langsam. Jeder auch nicht medizinische Helfer, der seinen Finger beharrlich auf den Puls eines schlafenden Schützlings zu legen vermochte, war lange Zeit für die Durchführung einer Narkose gut genug. Erst Mitte des 20. Jahrhunderts wurden Techniken und Methoden zur eleganten und hocheffektiven operativen und postoperativen Schmerztherapie entwickelt und je nach Trägheit des bestehenden medizinischen Systems unterschiedlich rasch und routiniert umgesetzt. In den Aufwachräumen wurde es ruhig, die Patienten fühlten sich weniger ausgeliefert, das medizinische Personal war zufriedener, und so sanken auch die Komplikationsraten. Der Beruf des Pulsarius war aufgewertet, und allerorts schossen Intensivstationen und Operationstrakte aus dem Boden. Die Frau und der Mann „hinter dem grünen Fetzen“ – das Tuch, das den sterilen Bereich der Chirurgen vom Arbeitsplatz des Narkoseteams trennt – wurden zu Anästhesisten. Auf der einen Seite standen die mechanistischen Handwerker, auf der anderen die Wächter von Kreislauf und Atmung, von Temperatur und Sauerstoffzufuhr, die immer wieder den Kopf über „den Fetzen“ streckten und als Advokaten der Schutzbefohlenen durch ihre Bemerkungen, Fragen und Vorschläge bei den Chirurgen nicht nur beliebt waren. Sie traten schlichtweg dafür ein, dass das Machbare auch überlebt wurde.

In den 80er-Jahren entwickelte die Weltgesundheitsorganisation ein Schema zur Behandlung von Tumorschmerzen, um auch für den chronischen Schmerz eine internationale Übereinkunft zu formulieren. Opium war als Schmerz- und als Suchtmittel bekannt, Ärzte wie Kranke hatten Respekt vor der Substanz, und es herrschten teils begründete, teils irrationale Ängste und Vorstellungen über deren Verwendung. Auch argwöhnten Betroffene: Sei erst einmal Morphium auf der Verschreibung zu finden, sei das Ende des Lebens nicht mehr fern. Erst beharrliche Schulungen und geduldige Aufklärung vermochten die Vorbehalte so weit zu reduzieren, dass nun eine ausreichende Schmerzmedikation eingefordert werden darf und insbesondere in der letzten Lebensphase nicht fehlen soll.

Und trotzdem ist der Schmerz nicht aus der Welt zu schaffen. Mehr denn je tauchen langwierige Schmerzerkrankungen auf, die nicht von einer bösartigen Erkrankung herrühren, denen mit den üblichen Therapien nicht beizukommen ist. Es ist sonderbar, dasMachbare verweigert sich oft bei Rücken-, Kopf- und Nervenschmerzen. Schmerzen, die nach einer Verletzung, einem Bandscheibenvorfall, einer Zahnbehandlung ihren Anfang genommen haben. Sie kommen nicht wieder zur Ruhe. Im Gegenteil, der Schmerz erobert in einem grausamen Feldzug immer weitere Territorien des Körpers und annektiert sie. So wirken auch die Betroffenen, als seien sie im Krieg. Sie sind erschöpft, verzweifelt und fühlen sich bedroht. In vollen Aktenordnern mit Befunden und Behandlungsberichten dokumentieren sie, wohin die Reise in dem verwirrenden Systemder Medizin sie schon geführt hat. Die Ursache des Leidens jedoch ist nicht dingfest zu machen. Nicht minder ratlos wirken auch dieÄrzte, und wenige Therapien bleiben unversucht. Der Schmerz aber, der Schuft, verstecktsich nur für kurze Zeit hinter einer neuen Therapie, um nach wenigen Wochen im alten Kleid, oft heftiger als zuvor, wieder hervorzutreten. Wenn es dem Kranken nicht möglich ist, im medizinischen Termitenhaufen einem Menschen zu begegnen, der ihm zuhört und ihn nach seiner Geschichte fragt,könnte es sein, dass der Körperschmerz seine einzige erzählbare Geschichte bleibt.

Schmerz aber spricht eine schwer zu entschlüsselnde Sprache. Oft gibt er nur Hinweise für das Unaussprechliche in der eigenen Biografie, für das Nichtfühlen seelischer Nöte, für die Angst, für das Versagen; vieles, für das der Leidende wenige oder keine Worte hat. Hinter chronischen Schmerzerkrankungen verbirgt sich meist eine lange Geschichte von Leid und Entbehrungen. Der Schmerz wird zum umfassenden Regulationssystem, er wird zum Hüter der Seele. So schwer der Kranke das Erfahrene in Worte fassen kann, so leicht entwickelt er eine unbewusste Kommunikation mit Hilfe seiner körperlichen Einschränkungen. Er organisiert sich und sein soziales Umfeld rund um den Schmerz. Die Menschen, die mit ihm leben, stützen und fördern sein Verhalten, oder sie lehnen es ab und beginnen ihn zu meiden. Manche werden wütend, oft ebenso wortlos wie er, aber immer reagieren sie. Die ritualisierten Handlungen rund um den Leidenden wirken nicht selten skurril und wirr, folgen aber einer verborgenen Logik. Der Schmerz wird zum blinden Passagier von lebensbestimmenden Beziehungen; er hört mit, isst mit, schläft im selben Bett.

Der persönlichen Erzählung der Patientin und des Patienten nicht Raum zu geben ist unverzeihlich. Sie sprudelt auch nicht nach wenigen Fragen aus den Befragten hervor. Heute stelle ich mir vor, dass der Schmerz mir als Ärztin in einer gut verschnürten Schachtel gebracht wird. Sie wird mir überreicht, als gehöre sie dem Kranken nicht, und er erteilt mir den Auftrag: „Mach das weg!“ Ich schüttle sie ein wenig, ich klopfe und höre einen Schall aus der Schachtel. Ich klopfe so lange, bis ich den Tonzu erkennen glaube, bis auch der Kranke ihn hört. Kann der dem Gehörten Glauben schenken, können wir ein Stück weitergehen. „Ich darf es nicht wegmachen, es birgt eine wichtige Botschaft.“ Allmählich tauchen alte, vergessene Geschichten auf, Gefühle geraten in Schwingung. Ich helfe beim Ordnen, und irgendwann entsteht eine sinnhafte Aneinanderreihung von erlebten Episoden und Erfahrungen, darin eingebettet liegt der Kristallisationspunkt – eine Verletzung –, an demder Schmerz entstanden ist. Menschen mit chronischen Schmerzen fürchten sich geradezu vor der Begegnung mit ihrer Biografie, und sie blicken meist auf ein düsteres Feld zurück, doch der Blick darauf rückt die seelische Beteiligung ins Wahrnehmbare. „Es tut so weh!“ Wer das noch fühlen kann, noch sagen kann, ist auf dem Weg der Besserung. Am Wegesrand dieser Wanderung finden Betroffene ihr Lachen wieder und ihre Lebendigkeit, ihre Begrenzung und ihre Großzügigkeit, ihre Kraft und ihre Zartheit. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.07.2012)

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