Ironischer-, aber vielleicht auch passenderweise habe ich während meiner zweiwöchigen Reise das alte, das ewige, das ländliche China nur zweimal vor Augen bekommen, einmal durch das Fenster eines Hochgeschwindigkeitszuges von Chengdu nach Quongqing, das zweite Mal durch das Fenster eines Flugzeuges von Xi'an nach Beijing: tief grün und feucht das Land im Süden, regelrecht prangend, eher trocken, braun und von einer Art Sparsamkeit geprägt im Norden. Sehr gebirgig alles. (Eine dieser Seltsamkeiten: China hab ich mir immer als große Ebene vorgestellt.) Wie ein Garten das Land, so weit man schauen kann, fein unterteilt in nahtlos sich aneinanderfügende Felder und Beete, das Gelände terrassiert und gegliedert, wo immer es notwendig ist, bis in höchste Höhen hinauf: So entsteht der Eindruck einer zweiten Natur, die sich die erste und gegebene vollkommen anverwandelt hat.
Stellen Sie sich Gebäude etwa in der Höhe des Ringturms vor, 30 bis 40 Stock hoch, in die Länge gezogen allerdings, 200, 300 Meter lang und also wallartig aufragend. Platzieren Sie diese Blöcke, voneinander getrennt jeweils durch Grünflächen, auf ebenem Terrain, so weit die Sicht reicht. Sind Sie am Horizont angekommen, stellen Sie weitere Gebäude derselben Art wieder bis zum Horizont auf, und so immer fort. Gliedern Sie das so entstandene Revier durch sechsbahnige Straßen, flankiert von Nebenfahrbahnen, legen Sie einen Schachbrettraster an. Komplettieren Sie das Ganze mit Hochbahnen oder zusätzlichen Autobahnen auf Stelzen: Interchanges, Thruway, Expressway, Highway – Straßen, die zwischen den Blocks gleichsam in die Unendlichkeit führen.
Baudrillard hat Los Angeles als die horizontale Stadt schlechthin beschrieben. Es stimmt schon: Schaut man von den Hills gegen Süden, dehnt sich die Stadt, dehnt und dehnt sich aus, in ihrer Hauptmasse allerdings, Downtown abgerechnet, aus ein oder zweistöckigen Häusern bestehend. Wer kennt nicht das Bild des nächtlichen Los Angeles, wenn die Boulevards wie Perlenschnüre in der Finsternis glitzern, die Vergnügungsmeilen, wie giftig entzündete Flecken schillernd, sich abheben.
In der chinesischen Metropole ist der urbane Traum zu Ende gedacht. Gleichsam ohne Anfang und Ende, gleichförmig – manche nennen es gesichtslos – und auffällig unfremd präsentiert sich das Gebilde, da und dort zu Einkaufsmeilen oder Geschäftsclustern verdichtet: Otto Wagner mit seinen Plänen für die endlose Großstadt hätte hier seine Freude.
Gleich am ersten Abend in Shanghai werfe ich mich ins Getümmel, unter einer Hochbahn durch, an den Straßen entlang Stände, wo ausgekocht wird, Fleischspieße, Omeletten, Suppendunst, in halber Dunkelheit schwankende Lampen, diesig dunkle, smoggesättigte Luft, der Verkehr tobt, die Passanten kaufen von auf dem Boden ausgebreiteten Planen Zwiebeln oder Lauch, direkt vom Bauern, an den Gehsteigrändern, im Schatten der Wohntürme, möchte ich sagen, sitzen Männer beim Schach, beim Mah-Jongg, oder sie spielen Karten, geradeso, als wäre da ein beschaulicher Dorfplatz und nicht die wild dahintosende Stadt.
New York wirkt im Vergleich dazu wie Historyland, eine Art gepflegter Puppenküche, Chicago wie ein stromlinienförmiger, blankpolierter Maschinenteil, Detroit wie ein verwahrloster Schrebergarten – und Wien? Das lässt sich eben nicht sagen.
Die chinesische Metropole ist inkommensurabel. Mit europäischen Verhältnissen hat das nichts gemein. Keine Referenzgrößen. Du musst dir eine neue Sprache erfinden, willst du das in den Griff bekommen. Der Umschlag von der Quantität in die Qualität, hier wird er vorgeführt: Macht eine Million Menschen das Gleiche wie, sagen wir, 100.000, wird etwas ganz anderes daraus.
Alle Städte, die ich besuchte, haben zumindest so viele Einwohner wie Österreich insgesamt, manche davon ein Mehrfaches.
„Ja, als Kind habe ich gelegentlich die Sterne gesehen“, sagt einer meiner Begleiter während einer Nachtfahrt zu mir. Tagsüber scheint die Sonne, sichtbar als helle Blässe im grauen, bald silbrig glitzernden, bald hastig in Schwaden oder Fetzen vorüberjagenden Dunst. Wie Unterseeboote in einem wellenlosen Meer stehen die Buildings da, ahnungsvoll und düster.
Als ich wieder einmal mit einem dieser Taxifahrer die Stadt durchquere – mittlerweile sind mir alle Städte in der Vorstellung zu einer einzigen, ungeheuren Superstadt verschmolzen – wünsche ich mir, er möge doch noch schneller, noch irrer und rücksichtsloser fahren, ich werde dann ans Ziel kommen – an irgendein Ziel.
Wer weiß, gibt es den Dichter schon, der das Schicksal der Wanderarbeiter beschreibt, die, nach vielen Millionen zählend, die Bauten errichten und errichten. Hoch oben bei den Wolken arbeiten sie. In der chinesischen Kunst spielen Wolken eine hervorragende Rolle. Dort oben wohnt der mythische Drache. Der Riesenvogel Rokh wird sich einmal erheben und seine Flügel ausspannen und dann . . .
Wenn Wang Shu, der diesjährige Pritzker-Preisträger, in einem Interview über seine Landsleute anmerkt: „I hope they will realize that our country cannot develop at the cost of destroying our history“, ist da was Wahres dran. (In chinesischen Städten findet sich kaum eine Altstadt.) Wie allerdings Wohnraum für Millionen und Abermillionen von Menschen in so kurzer Zeit anders hätte geschaffen werden können, in zehn oder 20 Jahren, ist eine andere Frage.
Ist es nicht auch chinesisches Leben, wenn eine Großmutter ihr Enkelkind aus der Flasche füttert, irgendwo im Trubel einer Metrostation, der Menschenstrom zieht im Glanz von Stahl, Neon und Marmor vorbei, wenn die Einwohner abends aus ihren Blocks heraustreten, mit vor der Brust verschränkten Armen dastehen, Bier aus der Flasche trinken und sich über ihre Angelegenheiten unterhalten?
Viele beklagen das Rücksichtslose einer nur aufs Geldverdienen abgestellten Gesellschaft. Hier ist einer nur Mensch, wenn er Geld hat, sagt man voll Bitterkeit zu mir. Richtig: Das erinnert mich an Europa sowie an den Rest der Welt.
Die Liste der Probleme ist lang: Sozialer Gegensatz zwischen Stadt und Land, Minoritäten und fremde Nationalitäten, Grundrechtskatalog, Demokratisierung, beschädigte Umwelt. Ich traue es den Chinesen zu, die Probleme in den Griff zu bekommen – oder hoffe ich es nur? Engagiert in die Transformation von der Agrar- zur Industriegesellschaft, in einer Bewegung begriffen, die kein Zurück erlaubt: Wie oft hat dieses Volk nicht sich selbst aufs Neue erfunden? Vom Tiger absteigen ist bekanntlich schwer. Wer wüsste das besser als die Chinesen? Wer will den Prozess, der da abläuft, auch restlos durchschauen?
Es kann einem bloß gelingen, einzelne Fakten oder Strukturen herauszugreifen, sie zu analysieren und zu versuchen, sie mit anderen in einen nachvollziehbaren Zusammenhang zu bringen: die Verhältnisse nicht von außen zu betrachten und also Ratschläge zu erteilen, sondern von innen her zu begreifen und also Notwendigkeiten zu erkennen.
Allerorten in China hört man von Finanzjongleuren, von Spekulanten, von Korruption. Schlägt man „China Daily“ auf: Schon platzt einem der Aufmacher über einen dingfest gemachten Großschieber entgegen. Man versichert mir immer wieder, dass unser Grasser samt seiner Clique in China längst hinter Gittern wäre. Ist Österreich jetzt am vierten oder am sechsten Platz im Korruptions-Ranking? Ein Spitzenplatz immerhin.
Auf den Straßen der Megastädte wird dir schlagartig klar – du hast es gewusst, aber offenbar nicht verinnerlicht –, wie weit die globale Vernetzung schon fortgeschritten ist, wie abhängig wir voneinander geworden sind. In Peking oder Shanghai fahren etwa Millionen von europäischen Autos, hier fährt das Produkt unserer Arbeit, denkst du, und dann: Wo wäre denn Arbeit, hätten wir nicht diese Kundschaft?
Natürlich gilt das auch umgekehrt. Für die Europäer ist es von höchstem Interesse, dass das chinesische Experiment gelingt, wie es andererseits den Chinesen nicht gleichgültig sein kann, ob wir Europäer mit unseren Wohlfahrtsstaaten auf Kurs bleiben oder damit Pleite machen.
Bild einer großen Schleife, die die Menschheit zu gehen hat, fort und fort.
Verwechsle deine Euphorien nicht mit den Realitäten! Wenn du etwa, vom Platz des Volkes kommend, die Nanjing-Straße hinuntergehst, zwischen kulissenhaft aufragenden Wolkenkratzern, Shopping-Malls allesamt, und du trittst aus dem Lärm der Leuchtschriften und Glitzerfassaden auf den Bund hinaus, den großartig geschwungenen Kai, mächtig biegt sich der ruhig strömende Fluss her, Schiffe und Lastkähne darauf, schnell gleiten sie bergab, und schwerfällig streben sie flussauf, drüben die fantastischen Türme von Pudong, ein technisches Märchenland, es erregt dich, ob du willst oder nicht, auch wenn dir aus dem bestürzend beglückenden Augenschein auch schon die Fragen entgegenpurzeln, jene Fragen, auf die du keine richtige und also beruhigende Antwort weißt.
Da ist eine Aporie, nicht zu übersehen.
Kann man etwas finden, von dem man nicht weiß, was es ist? O doch! Wie viel in unserem Schicksal ist nicht gerade darauf gestellt? Wie viel Mut es immer braucht, wie viel Kraft, Lebendigkeit und Glück. Oder folgt doch nur ein Dilemma auf das andere?
„Lernen und das Gelernte bei Gelegenheit wiederholen – ist das nicht auch eine Freude?“, sagt Konfuzius. Man muss immer weiter lernen, auch wenn die Freude gelegentlich bitter schmeckt.
In Chengdu besuche ich die Hütte des Du Fu, meines Lieblingsdichters. Ein Garten zwischen Wolkenkratzern, darin die natürlich bloß nachgebaute Hütte. Du Fu hat im achten Jahrhundert gelebt, in der zu Ende gehenden Tang-Zeit. Li Bai schreibt ihm zum Abschied in sein Gedicht: „Wie Wen, der Fluss, denk ich an dich / südwärts rollen endlos seine Wellen.“ Und in einem zweiten: „Fort gehst du, wie der Disteln Flaum fliegt, / füllen wir unsere Gläser, leeren wir sie.“ Du Fu schreibt ihm: „Wasser so tief, Wellen so weit, wo du bist. / Mögen die Drachen, die gehörnten Drachen, dir kein Leid antun.“
Schwere Zeiten damals, als das Tang-Reich zerfiel, eine Ära war zu Ende.
In Xi'an gehe ich unter den Bögen der Stadtmauer durch, geradewegs zum Glockenturm, der aus der Zeit stammt, als Xi'an noch Chang'an hieß und Hauptstadt eines Weltreichs war. Meine beiden Dichter haben hier gelebt. Bei Starbucks nehme ich einen Kaffee, schaue die Zeile der Läden entlang: Prada, Gucci, Tommy Hilfinger, Vuitton, Chanel et cetera.
Hinten dann der Turm der Trommler, die Moslem-Vorstadt mit Suppenküchen, Ramsch und Früchten, mitten drin die alte Moschee mit ihren mächtigen Mauern.
„Wer nicht in Xi'an war, war nicht in China.“ Gilt das noch? Ich weiß nicht. Auffällig jedenfalls ist die Idee von der Mitte, die Idee von der Mitte der Mitte: Weltmittelpunkt!
Dementsprechend ist die alte Stadtmauer auch nicht rund, sondern als Rechteck ausgelegt. Hier begann die Seidenstraße. Durch die Wüsten und Bergwüsten zogen die Karawanen westwärts, nach dem Vorderen Orient, nach Europa. Im Übrigen muss man sich verdeutlichen, dass gut die Hälfte des heutigen chinesischen Territoriums dünn besiedelt und wenig fruchtbar ist: Die Millionen drängen sich im Rest des Landes.
Die Studenten, denen ich vortrage, verstehen mich, wenn ich sage: „Alles, was ich möchte, ist, mich klar und deutlich ausdrücken.“ Sie fragen mich nämlich: „Was ist dann deine Wahrheit?“ Sie verstehen auch, wenn ich darauf antworte: „Ich bin kein Felsen, ich bin ein Fluss.“
An den Elite-Universitäten ist das Niveau sehr hoch. Den Standard der chinesischen Studenten kenne ich aus den USA, es gibt dort viele von ihnen. Als Gedankenexperiment schlage ich im Workshop die Frage vor, wie denn etwa ein Roman über Beijing zu schreiben wäre. Nicht nur Sprachkenntnisse kann ich dabei voraussetzen, sondern auch ein Wissen, das etwa Wittgenstein oder Keynes oder Levi-Strauss selbstverständlich einschließt.
Vortrag und Debatte machen da freilich Spaß, frei und offen gehen Rede und Gegenrede hin und her. Nachts im Hotel, vor dem Fernseher, erinnern gelegentlich eingeschobene Schwarzkader daran, dass hier auch anderes möglich ist.
Soweit ich verstanden habe, bildet die Kommunistische Partei Chinas eine Art Parallelwelt, einen eher aus dem Hintergrund wirkenden Apparat. Wer sich nicht direkt mit ihm anlegt, merkt wenig davon. Die Alltagsgesellschaft sieht sich weitgehend unbehelligt. Ein auf Erfolg und Konsum abgestelltes System hat sich etabliert, eine Ellbogengesellschaft, in der es für die meisten nur ein Ziel gibt: Nach oben zu kommen und oben zu bleiben. Kommt einem das nicht bekannt vor?
Shanghai, Qingdao, Chengdu,Chongqing, Xi'an, Beijing: Ich kehre zu den City Territories zurück. Vergleichsweise wenig Kriminalität hier, kaum Bettler und schon gar keine Junkies. Manchmal geht noch ein alter Mann im Mao-Look oder im Uniformrock der Volksarmee vorüber. Tänzer und Tai-Chi-Gruppen in jedem Park. Martial Arts und Jogging. Lastträger, die schwer beladene Körbe tragen, die von einer über den Rücken gelegten Stange herunterhängen. Schuhputzer. Gedränge überall. Gepäckkontrollen in der U-Bahn.
Überhaupt der Hang, alles mehrfach zu kontrollieren, vorgewiesene Papiere abzustempeln und noch einmal abzustempeln. Bürokratischer Sinn, wie ich ihn etwa auch aus Japan kenne. Manchmal der Eindruck von Arbeitsplatzbeschaffung, die Art von personeller Überbesetzung erinnert an die frühere Sowjetunion. Die jungen Leute in Jeans und Minirock, auf Stöckelschuhen die Mädchen, je nach Stadtgegend teuer oder billig aufgemacht. Alle scheinen diesem Glück nachzustreben oder nachzulaufen, das ich so gut kenne und von dem ich so wenig halte.
„Erwäge alles drei Mal, dann handle!“, sagt Konfuzius.
Es ist so viel leichter ein Inferno zu schreiben als ein Paradiso, meint Ezra Pound. Gerade um Letzteres wollen wir uns bemühen. ■
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.07.2012)















