19.06.2013 20:05 Merkliste 0

Markt oder Tempel?

20.07.2012 | 18:19 |  Von Rudolf Müllner (Die Presse)

Vor 100 Jahren starteten die Olympischen Spiele in Stockholm. Über Tod, Skandale, Rekorde und einen ethisch reinen Sport, der schon damals weder dies noch jenes war.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Der 14. Juli 1912 war ein extrem heißer Sommertag in Skandinavien. Ideales Wetter zur Heldenproduktion also. Um 13.48 Uhr Ortszeit, in der größten Mittagshitze, findet der Start zum Marathonlauf statt. 68 männliche Starter wollten ihre Chance nützen. Der Südafrikaner Kenneth McArthur brachte den olympischen Marathonlauf am schnellsten hinter sich und siegte auf der damals noch nicht asphaltierten Strecke in der Zeit von 2:36:55 Stunden.

Der Portugiese Francisco Lázarao tat das, was das Reglement keinesfalls vorsieht, er starb – vermutlich an einem Hitzschlag oder an einer Herzschwäche. Der Japaner Shozi Kanaguri tat, was bis dahin niemand und bis heute niemand wieder gewagt hat: Er setzte sich kurz nach dem Wendepunkt erschöpft hin, nahm einen Schluck zu trinken, schlief ein und kam an diesem Tag nicht mehr im Ziel an. Erst 54 Jahre später kehrte er an den Punkt seiner Laufunterbrechung zurück und beendete den olympischen Marathon mit der bis heute ungeschlagenen Rekordzeit von 54 Jahren, 8 Monaten, 6 Tagen, 8 Stunden, 32 Minuten und 20,3 Sekunden.

Dass der Tod des portugiesischen Marathonläufers nicht verhindert werden konnte, war insofern tragisch, als die Organisatoren erstmals in der Geschichte enorme Vorsichtsmaßnahmen zum Schutz der Gesundheit der Läufer einsetzten: etwa dass alle fünf Kilometer Entfernungstafeln aufgestellt oder Labestationen mit Wasser, Orangen und Tee aufgebaut wurden. Es gab erstmals Krankenstationen mit Ärzten, Erste-Hilfe-Räume, Krankenwagen, ein Team von drei Ärzten im Bereich des Stadions sowie eine obligatorische Gesundenuntersuchung aller Läufer durch schwedische Ärzte. Dass der Läufertod Lázaraos letztlich nicht zu einer Skandalisierung der Spiele führte, hängt auch mit der noch wenig ausufernden Berichterstattung zusammen. Obwohl etwa die „Allgemeine Sportzeitung“ in Wien schon einen eigenen Korrespondenten entsandt hatte, war man noch weit entfernt vom heutigen Medien-Sport-Komplex.

Damit war auch die Sportheldenproduktion, die weitgehend mit der Präsenz in Massenmedien zusammenhängt, eingeschränkt. Für Österreich hätte dazu etwa Richard Verderber ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken müssen. Der erfocht immerhin eine Silber- und eine Bronzemedaille. Das sollte aber nicht reichen, um im kollektiven Gedächtnis Österreichs einen Platz zu erlangen. Verderber ist heute bestenfalls einigen Spezialisten bekannt.

Gleiches gilt für eine andere Schlüsselfigur der frühen olympischen Bewegung Österreichs, für Otto Herschmann. 1877 in Wien geboren, hatte Herschmann schon bei den ersten modernen Olympischen Spielen in Athen 1896 teilgenommen und im Hafenbecken von Piräus unter widrigsten Witterungsbedingungen die Silbermedaille über 100 Meter im freien Stil erschwommen.


Medaillen für den Präsidenten

16 Jahre später gewann Herschmann in der Säbelmannschaft (mit Richard Verderber) dann noch eine Silbermedaille. Die Tatsache, dass Herrschmann in zwei so unterschiedlichen Disziplinen olympisches Edelmetall erringen konnte, ist dabei noch nicht einmal so besonders. Die Spezialisierung im Spitzensport war 1912 noch nicht so weit entwickelt. Bemerkenswert ist vielmehr, dass Herschmann neben seiner Athletenfunktion auch als Präsident des Österreichischen Olympischen Comités (ÖOC) in Stockholm im Einsatz war. Es ist dies der einzige Fall, dass ein amtierender Comité-Präsident eine Medaille gewann. Aber Otto Herschmann war nicht nur als Funktionär und als Athlet außergewöhnlich erfolgreich, sondern auch in seinem Beruf als Rechtsanwalt. All das nützte ihm letztlich nichts. Otto Herschmann kam am 14. Juni 1942 in der Vernichtungsmaschinerie des Nationalsozialismus, im Lager Izbica, ums Leben.

Margarete Adler, Klara Milch, Josephine Sticker und Berta Zahourek sind die ersten Frauen, die in der österreichischen Olympiageschichte an den Start gehen. Und sie sind sofort erfolgreich. Die 4x100-Meter- Freistil-Schwimmstaffel gewinnt die Bronzemedaille. Das war insofern nicht selbstverständlich, als der Gründervater der modernen olympischen Bewegung, Pierre de Coubertin, zeit seines Lebens gegen die Teilnahme von Frauen an Sportwettkämpfen war. Vor allem das Schwimmen, mit dem öffentlich zur Schau gestellten weiblichen Körper, in den von vielen als extrem gewagt empfundenen Badeanzügen, löste mitunter noch Skandale aus.

So erscheint es auch nicht verwunderlich, dass die Stars dieser Spiele männlich waren, allen voran der US-amerikanische Leichtathlet James Thorpe und der finnische Läufer Hannes Kolehmainen. Kolehmainen gewann 1912 drei Gold- (5000 Meter, 10.000 Meter, 12.000 Meter Geländelauf) und eine Silbermedaille (Geländelauf Staffelbewerb). James Thorpe gewann den Fünfkampf und den neu installierten Zehnkampf in derart überragender Manier, dass er von den Journalisten, aber auch von den Konkurrenten mit Superlativen überhäuft wurde. Thorpe beeindruckte selbst den schwedischen König, der ihm bei der Siegerehrung sagte: „Sir, Sie sind der größte Athlet der Welt!“ Doch nur wenige Monate nach den Spielen wurde Thorpe vorgeworfen, in seiner Ausbildungszeit an der Carlisle Indian School in North Carolina 60 Dollar fürs Baseballspielen genommen zu haben: ein klarer Verstoß gegen den sogenannten Amateurparagrafen. Dem größten Athleten der Welt wurden seine Goldmedaillen aberkannt. Thorpe versank in Armut und im Alkohol. 1983 rehabilitierte ihn das IOC. Da war er jedoch schon 30 Jahre tot.

Die Amateurregel begleitete die Entwicklung der Olympischen Spiele beinahe ein Jahrhundert lang. Erst 1988 wurde sie endgültig abgeschafft. Sie hatte ursprünglich zwei wesentliche Funktionen. Zum einen diente sie der sozialen Distinktion der britischen Oberschicht vom Proletariat. Adelige Amateursportler wollten sich nicht mit dem gemeinen Volk, welches es nötig hatte, seine körperlich sportlichen Leistungen gegen Geld zu erbringen, auf dieselbe Stufe stellen. Zum anderen sollte die Amateurregel einen ethisch reinen, nicht von Geldgier getriebenen Sport garantieren. Coubertin selbst brachte das in seiner Abschiedsrede auf die bekannte Formel, nämlich dass die Sportsleute zu wählen hätten, ob sie den „Markt oder den Tempel“ wollten.

Nun hat sich in der Zwischenzeit gezeigt, dass Coubertins Entscheidungsfrage falsch gestellt war. Schon lange geht es nicht mehr um die Alternative von Markt oder Tempel. Längst ist der Markt der Tempel. Und das bezieht sich nicht nur auf die Bezahlung der Sportler selbst, sondern generell auf die Finanzierung und die Vermarktung der Spiele. Während Stockholm noch mit bescheidenen Gesamtkosten von – nach heutigem Wert – rund 500.000 Euro und einem Gesamtgewinn von etwa 1000 Euro bilanzierte, erwirtschaftete Peter Ueberroth, der Geschäftsführer der Olympischen Spiele in Los Angeles 1984, die allgemein als Wendepunkt in Richtung Totalkommerzialisierung angesehen werden, den sagenhaften Gewinn von 225 Millionen US-Dollar. Eine aktuelle Zahl dazu: Allein die Ausgaben für Sicherheit in London 2012 werden gegenwärtig mit 11,53 Milliarden Euro kalkuliert.

Die Spiele in Stockholm 1912 waren die letzten vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Und schon im Vorfeld zeichneten sich die schwelenden Nationalitätenkonflikte deutlich ab. Die Habsburgermonarchie war der darin verwickelte Hauptakteur.


Eine eigene böhmische Mannschaft

Die Böhmen wollten eine eigenständige Delegation stellen und stießen damit auf den erbitterten Widerstand Österreichs. Nach langem diplomatischem Gezerre einigte man sich auf die Lösung, dass Böhmen als eigenes „Land“, nicht aber als „eigenständige souveräne Nation“ an den Spielen teilnehmen dürfe. Beim Einmarsch der Nationen musste die böhmische Mannschaft hinter der österreichischen einziehen. Coubertin selbst konnte den Konflikt mit der Formel, dass die „politische“ und die „sportliche Geografie“ eben nicht ident seien, gerade noch einmal planieren.

Die modernen Olympischen Spiele waren zunächst eine Reaktion auf die militärische Niederlage der Franzosen gegen Deutschland 1871. Als solche sollten sie in erster Linie ein Erziehungsprojekt zur physischen Stärkung der männlichen französischen Jugend sein. Sport war um 1900 generell ein Ausdruck der hegemonial britischen respektive der europäischen Bewegungskultur. Erst in Stockholm 1912 traten zum ersten Mal Athleten und Athletinnen aller fünf Erdteile gegeneinander an. Vier Jahre später, 1916, sollten die Spiele in Berlin stattfinden. Um dort einen weiteren Nationalitätenkonflikt wie jenen zwischen Böhmen und Österreich zu verhindern, definierte das IOC den heiklen Begriff der politischen Nation neu. Die Regelung sollte jedoch nicht mehr zur Anwendung kommen. Der Hass zwischen den Nationen führte in den Weltkrieg, und die Spiele von 1916 waren die ersten, die ausfielen. ■

Jahrgang 1960, Sportwissenschaftler, Historiker; Leiter des Arbeitsbereichs Sozial- und Zeitgeschichte des Sports am Zentrum für Sportwissenschaft der Universität Wien. Bücher: zuletzt, gemeinsam mit Matthias Marschik, Herausgeber des Bandes „Sind S' froh, dass Sie zu Hause geblieben sind“ zur Mediatisierung des Sports in Österreich.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.07.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

Top-News