Herr Kim hatte es sich an diesem 23. November 2010 am frühen Nachmittag vor dem Fernseher gemütlich gemacht. Eines dieser lockeren Unterhaltungsprogramme lief, wie sie überall auf der Welt um diese Sendezeit auf den Bildschirmen dahinplätschern. Plötzlich krachte es draußen laut, die Erde bebte. Der damals 80-jährige Kim, selbst ein Kriegsveteran, ahnte, dass es dieses Mal wohl nicht die eigene Armee war, die durch Schießübungen die Explosionen verursacht hatte. Als er vor die Tür seines Hauses ging, sah er sich bestätigt. Mächtige Rauchsäulen stiegen in der Nähe auf. Yeonpyeong, seine Heimatinsel im Gelben Meer, lag unter Beschuss der nordkoreanischen Küstenartillerie.
Zehn bis 13 Kilometer liegt die exponierte Insel vom nordkoreanischen Festland entfernt. Ein Horch- und Beobachterposten für die südkoreanischen Streitkräfte, die hier immer wieder Manöver abhalten – so auch am 23. November. Die früher rund 2000 Bewohner lebten vor allem von den reichen Fisch- und Krabbenbeständen im Umkreis der Insel – bis am 23. November die nordkoreanischen Granaten einschlugen. Insgesamt 180 Geschoße regneten auf die Insel herab, zahlreiche Häuser wurden getroffen – auch das kleine Empfangsgebäude beim Hubschrauberlandeplatz der Armee, wie man noch heute an den Einschusskratern sehen kann. Zwei Zivilisten und zwei Soldaten wurden bei dem Artillerieangriff getötet. Dass nicht mehr Opfer zu beklagen waren, war der raschen Evakuierung der Zivilisten in die Luftschutzbunker zu verdanken. Auch Herr Kim verbrachte den Rest des 23. November im Bunker – ehe er, wie die meisten Inselbewohner, aufs südkoreanische Festland gebracht wurde.
Zurückgekehrt nach Yeonpyeong, beklagt er heute das Los, das dieser 23. November den Inselbewohnern gebracht hat. Fischen dürfen sie aus Sicherheitsgründen nicht mehr, damit fehlt die wichtigste Einkommensquelle. Die staatliche Unterstützung ist karg, weshalb Herr Kim die zu Besuch weilenden ausländischen Journalisten gleich mehrfach bittet: „Bitte, tun Sie etwas für uns. Die Regierung hilft uns viel zu wenig.“ Was die Regierung dafür getan hat, ist, die Sicherheitsvorkehrungen zu verstärken und mehr Soldaten und mehr schweres Gerät auf der Insel in Stellung zu bringen.
Nordkorea hat inzwischen zugegeben, dass der heutige Staatschef Kim Jong-un es war, der den Beschuss von Yeonpyeong im November 2010 – damals noch als Thronfolger der kommunistischen Kim-Dynastie – befehligt hatte. Kim Jong-un habe „die Antwort der nordkoreanischen Armee auf Südkoreas Provokationen persönlich geleitet“, hieß es im Frühjahr im nordkoreanischen KP-Organ „Rodong Sinmun“. Stolz fügte das Blatt hinzu: „Infolgedessen verwandelte sich die Insel in ein Feuermeer.“ Offenbar ging es bei dem damaligen Angriff auch darum, den jungen, rundlichen Thronfolger Kim Jong-un dem betagten, erstarrten nordkoreanischen Führungskreis als draufgängerischen, harten Kämpfer zu präsentieren, der einer Konfrontation mit dem verhassten Südkorea nicht aus dem Weg gehen würde.
Während die Bedrohung für Yeonpyeong aus Nordkorea konstant hoch bleibt, werden wir Augenzeugen eines anderen Konflikts, der sich hier fast täglich abspielt. Auf dem höchsten Punkt der Insel befindet sich eine Aussichtsplattform, von der aus man über das Gelbe Meer hinüber die Konturen der nordkoreanischen Küste sieht. Normalerweise kommen in Nordkorea geborene Südkoreaner hierher, um einen sehnsüchtigen Blick auf ihre alte Heimat zu werfen. Wir aber sehen über dem in der Nachmittagssonne glitzernden Meer keinerlei Anzeichen für eine mögliche Wiedervereinigung der beiden Koreas in näherer oder fernerer Zukunft, sondern beobachten unter uns eine regelrechte „Vertreibung“.
Zwei Gruppen von chinesischen Fischerbooten mit sechs beziehungsweise acht Kuttern haben vor Yeonpyeong ihre Netze nach Krabben ausgeworfen. Ihr Kalkül ist offenkundig: Wenn die südkoreanischen Inselbewohner aus Sicherheitsgründen nicht mehr fischen dürfen, holen eben wir uns die Krabben aus dem Gelben Meer. Es ist dabei nicht nur die Erfahrung der Südkoreaner, dass sich chinesische Fischer keinen Deut an internationale Seerechtsbestimmungen und Fischereiregeln halten. An diesem Nachmittag haben sie die Rechnung allerdings ohne die südkoreanische Küstenwache gemacht, die plötzlich mit zwei größeren Schiffen unter lautem Hupen herandampft. Im Nu drehen die chinesischen Fischerboote ab, ziehen sich zurück in Richtung nordkoreanische Küste. Die südkoreanischen Küstenwächter holen daraufhin die Netze der chinesischen Krabbendiebe ein.
Die ganze Szene wirkt wie ein Räuber- und-Gendarm-Spiel auf offenem Meer. Nur, es ist kein Spiel – es ist manchmal blutiger Ernst wie im Piratenalltag. Denn immer wieder „empfangen“ chinesische Fischer die an Bord kommenden südkoreanischen Beamten mit Messern, Äxten und Enterhaken, im vergangenen Dezember wurde sogar einer der Küstenwächter getötet. Zuletzt wollten am 30. April Chinesen südkoreanische Inspektoren am Betreten ihres Bootes gewaltsam hindern. Von Jahresbeginn bis Mitte Mai registrierten die Südkoreaner mehr als 250 Zwischenfälle mit chinesischen Fischerbooten.
Die Bitten der Regierung in Seoul an die Regierung in Peking, etwas gegen die illegalen Raubzüge der chinesischen Fischer in südkoreanischen Gewässern zu tun, haben demnach nicht viel gefruchtet. Bilaterale Gespräche über eine genaue Festlegung der „exklusiven Wirtschaftszone“ brachten kein Ergebnis, weil, so sagen südkoreanische Experten, die Chinesen „ihre Ansprüche eher historisch und emotionell begründen als mit internationalen Rechtsgrundsätzen“. Aber genau aus diesem Grund liegt die Volksrepublik mit den meisten ost- und südostasiatischen Staaten im Streit über die Nutzung von Meeresressourcen, kommt es immer wieder zu gefährlichen Zwischenfällen entlang der pazifischen Ostküste.
Und eben weil China dort so forsch auftritt, mit seiner ständig wachsenden Kriegsmarine auch gern die Muskeln spielen lässt, erleben die USA in Südostasien geradezu eine Renaissance, sind wieder eine hoch willkommene Schutzmacht. Allen sporadisch aufflackernden Protesten gegen die militärische US-Präsenz zum Trotz, in Südkorea ebenso wie in Japan, stehen die Amerikaner bei den dortigen Regierungen so hoch im Kurs wie schon lange nicht mehr. Selbst das kommunistische Vietnam sucht heute die Nähe der Vereinigten Staaten – aus Furcht vor dem zunehmend vor Kraft strotzenden China. Dass US-Verteidigungsminister Leon Panetta gerade angekündigt hat, dass künftig 60 Prozent seiner Kriegsmarine im Pazifik stationiert sein werde, ist Amerikas strategische Antwort auf die geopolitischen Verschiebungen.
In Jeju, der subtropischen Vulkaninsel im Meer zwischen der koreanischen Halbinsel und Japan, ist unterdessen eine gewaltige neue Hafenanlage im Entstehen. Rund eine Milliarde Dollar könnte der Bau in der Standortgemeinde Gangjeong verschlungen haben, wenn er 2015 fertig sein wird und in Betrieb gehen soll. Das Interessante an diesem Komplex auf der populären Ferieninsel Jeju ist: Es wird ein ziviler Hafen und eine Marinebasis. Das Projekt entspricht so dem südkoreanischen Geschäftssinn und seinem Sicherheitsdenken gleichermaßen.
Einerseits will die Tourismusbranche auch große Luxuskreuzer zum Anlegen auf das „südkoreanische Mallorca“ locken. Andererseits hätte es gegen einen reinen Kriegshafen auf der Insel selbst wie auch im linken Lager auf dem Festland wohl allzu massiven Widerstand gegeben. Die Dual-Variante ist also ein geschickter Schachzug der Regierung in Seoul.
Im Verteidigungskommando in Jeju wird nicht bestritten, dass es auch gegen diese Variante noch Widerstand gibt: Um Kompensation für Grund und Boden sei gestritten worden, einige Fischer und Landwirte hätten sich gegen das Riesenprojekt zur Wehr gesetzt, von ökologischen Zerstörungen in den Gewässern rund um den neuen Hafen sei die Rede gewesen. All das sei bei dem Projekt berücksichtigt worden.
Was offizielle Stellen natürlich nie offen sagen würden, ist, wozu Südkorea den neuen Kriegshafen braucht. Und da kommt wieder das erstarkende China ins Spiel. Die Marinebasis in Gangjeong liegt für die Kontrolle des militärischen und zivilen Seeverkehrs in den umliegenden Gewässern äußerst günstig. Südwestlich von Jeju befindet sich das Riff Ieodo, auf dem die Südkoreaner eine Unterwasser-Forschungsstation errichtet haben. Aber auch die Chinesen erheben Anspruch auf dieses Riff.
„Peking will Hegemonie über ganz Ostasien“, erklärt ein südkoreanischer Wissenschaftler die chinesische Strategie. „China will seine Seeverbindungen absichern, will Zugang zu den im Meeresboden schlummernden Rohstoffen, und es will sich gegen das stärker werdende militärische Engagement der USA in der Pazifikregion wappnen.“ Genau das ist es auch, was manchen Gegnern der Marinebasis in Gangjeong Sorgen macht. Sie fürchten, dass Jeju durch den neuen Kriegshafen in ein Wettrüsten und einen möglichen künftigen Konflikt zwischen China und den USA hineingezogen werden könnte.
China ist mittlerweile der Hauptabsatzmarkt für südkoreanische Produkte, mehr als 200 Milliarden Dollar betrug der Handelsaustausch im vergangenen Jahr. China ist auch die äußere Hauptstütze des nordkoreanischen Regimes – ohne Pekings Mithilfe ist keinerlei Lösung für die getrennte Halbinsel denkbar. Südkorea befindet sich also – insbesondere wirtschaftlich – bereits in beträchtlicher Abhängigkeit von der Volksrepublik. Und Peking hat das die Südkoreaner bei diversen Handelsdisputen auch wiederholt spüren lassen.
Als Seoul etwa vor einigen Jahren die Zölle für Knoblauchimporte aus China anhob, reagierte Peking prompt mit dem Einfuhrstopp für südkoreanische Handys. Die Verlustrechnung für die Südkoreaner war 60-mal höher. „Wenn wir die Chinesen mit einer Feder reizen, antworten die mit dem Vorschlaghammer“, hieß es in der Zeitung „Korea Times“. Das erklärt auch, warum Südkorea die erwähnten Probleme mit dem illegalen Fischfang in den eigenen Gewässern nicht an die große Glocke hängen will, selbst wenn diese Konflikte schon Todesopfer gefordert haben.
Hunderttausende Urlauber werden sich auch in diesem Sommer an den herrlichen Stränden der Vulkaninsel Jeju sonnen oder einen der zahlreichen und bei den Ostasiaten so beliebten Themenparks besuchen. Die meisten ausländischen Touristen auf der Insel stammen mittlerweile aus China – auch das eine bezeichnende Entwicklung. Auf der kleinen Insel Yeonpyeong dagegen werden auch in diesem Sommer kaum Touristen auftauchen. Dort hoffen die Bewohner nur, dass es nicht bald wieder laut krachen und die Erde beben wird. ■
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.07.2012)















