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Fährmann zwischen Ost und West

20.07.2012 | 18:19 |  Von Harald Klauhs (Die Presse)

Viel geschmäht und viel gelesen: Samuel Fischer, Peter Suhrkamp, Siegfried Unseld bauten ihre Verlage um das Werk des vor 50 Jahren verstorbenen Hermann Hesse. Die Literaturkritik zeigte ihm trotzdem die kalte Schulter.

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Der Vorwurf der Antimodernität traf ihn früh. Höhnisch schreibt etwa Robert Musil über den Roman „Peter Camenzind“: „Hesse: Ehe zw. Gottfr. Keller und der Marlitt, mehr nach der Seite der Mutter.“ Erich Mühsam notiert in sein Tagebuch: „Schon sein Stil ist mir unerträglich. Er schleimt. Er salbadert.“ Noch 1957, da hat Hermann Hesse auf Betreiben von Thomas Mann längst den Nobelpreis für Literatur in der Lade, ätzt der junge Germanist Karlheinz Deschner, Hesse verwende eine Sprache, „die das Zuckrig-Romantische, Läppisch-Empfindsame, das Alberne und Abgeschmackte streift“. Diese Art der Rezeption von Hesses Werk prägte die Germanistik und vor allem die Literaturkritik.

Anders etliche Kollegen. Jene, die seine Entwicklung und stetige Neuerschaffung verfolgten, zollten dem in seinem Deutsch an Goethe und Nietzsche geschulten Autor Respekt. So attestierte etwa der Kritiker seiner Anfänge, Kurt Tucholsky, dem 50-Jährigen: „Er kann, was nur wenige können. Er kann einen Sommerabend und ein erfrischendes Schwimmbad und die schlaffe Müdigkeit nach körperlicher Anstrengung nicht nur schildern – das wäre nicht schwer. Aber er kann machen, dass uns heiß und kühl und müde ums Herz wird.“ Das kommt der Sache viel näher. Denn diese Einschätzung zielt mitten in Hesses Geheimnis des Erfolgs bei einem Millionenpublikum.

Dieser Leserschaft gegenüber beweist der Literaturkritiker einer Wiener Zeitung im Grunde nur Unkenntnis, wenn er anno 2012 – anlässlich des Gedenkens an Hesses Tod vor 50 Jahren – dessen Werk als „witzlosen esoterischen Schmarrn“ erledigt. Was fanden und finden seine zahlreichen und keineswegs dummen Leser immer wieder und immer noch im Werk dieses Dichters? Möglicherweise das, was sie an „moderner Literatur“ vermissen, jene „Genauigkeit und Seele“, die zwar Musil nicht darin entdeckte, wohl aber so unterschiedliche Schriftsteller wie Bertolt Brecht, André Gide, Thomas Mann, Peter Weiss, Stefan Zweig und viele andere bis herauf zu Peter Handke. Letzterer ist in seiner Innenschau, in jener strengen Selbstobservanz in gewisser Weise auch in Hesses literarische Fußstapfen getreten.

Wer aber war dieser viel gelesene und viel geschmähte Hermann Hesse? Er wurde am 2.Juli 1877 in der schwäbischen Provinzstadt Calw in ein pietistisches Elternhaus hineingeboren. Vater Johannes, ein Deutschbalte, arbeitet im Missionsverlag seines Schwiegervaters, der froh ist, noch einen seriösen Mann für seine verwitwete Tochter Marie und deren zwei Söhne gefunden zu haben. Das Ehepaar verbindet, dass beide in Indien missioniert haben und deshalb nicht nur das kleinstädtische Pietisten-, sondern auch das weltweite Brahmanen-Milieu kennengelernt haben. Für Hugo Ball, der kurz vor seinem frühen Tod 1927 die erste Biografie über den damals 50-jährigen Autor geschrieben hat, liegt in dieser Kombination die Wurzel von Hesses „geistiger Existenz und seines ästhetischen Gewissens, seiner Lebensart und seiner bedeutsamsten Konflikte“. Denn bald schon rebelliert der sonderliche Knabe gegen diese moralinsaure Lebenswelt.

Nachzulesen ist das frühe Aufbegehren in dem soeben erschienenen Briefband mit dem bezeichnenden Titel „,Ich gehorche nicht und werde nicht gehorchen!‘ Die Briefe 1881 bis 1904“. Der titelgebende Satz ist einem Brief an seine Eltern von 1892 entnommen, den er aus der Nervenheilanstalt Stetten an sie schreibt. Dorthin hatte man ihn verbracht, nachdem er aus dem Knabenseminar in Maulbronn „entwichen“ war. Man braucht heute keine Fantasie mehr, um sich vorzustellen, wie es einem einzelgängerischen jungen Mann in einer solch frömmlerisch-männerbündlerischen Erziehungsanstalt ergangen ist. Eines Tages packte er deshalb seinen Ranzen und einen Revolver und suchte das Weite, um sich umzubringen. Sehr weit kam er nicht. Doch der Gedanke an Selbstmord wird ihn zeit eines langen Lebens nicht mehr verlassen. Die schwarze Pädagogik des Klosters Maulbronn hat er in der Erzählung „Unterm Rad“ literarisch verarbeitet, erschienen Ende 1905, kurz bevor Musil die „Verwirrungen des Zöglings Törleß“ veröffentlicht hat.

Zu diesem Zeitpunkt hatte der schwierige Zögling Hesse bereits eine Lehre in einer Turmuhrenfabrik sowie eine Buchhandelslehre absolviert, zwei Gedichtbände herausgebracht und sich mit dem 1904 bei S.Fischer erschienenen Roman „Peter Camenzind“, dieser Sympathieerklärung an alle Modernisierungsverlierer, in die deutsche Literatur eingeschrieben.Diese Figur weist bereits alle Merkmale sämtlicher antibürgerlicher Typen seines Werkes auf: „Halb Heilige, halb Hochstapler – immer Außenseiter. Sie sind die Hüter des Eigensinns, stoische Verteidiger des Ichs gegen die Welt“, schreibt Gunnar Decker. In seiner ausufernden Hesse-Biografie „Der Wanderer und sein Schatten“ schlägt er den Bogen zu Harry Haller, dem „Steppenwolf“, der zum Kultbuch der Hippiebewegung werden wird. Hesse selbst legte dazu die Spur, indem er rückblickend das „Camenzind-Prinzip“ so beschrieb: „Er will nicht mitlaufen und sich anpassen, sondern in seiner eigenen Seele Natur und Welt spiegeln und in neuen Bildern erleben.“ Wen darf es wundern, wenn alle, die sich als Outcasts einer sich stetig normierenden Welt fühlen, sich von Hesse trösten lassen, dass nicht sie falschliegen, sondern die bürgerliche Gesellschaft.

Die beiden Prosabücher verschaffen Hesse rasch Rang und Neider in der deutschen Literatur, gehen doch innerhalb eines Jahres mehr als 100.000 Exemplare von „Unterm Rad“ über den Ladentisch. Das verleitet den jungen Dichter dazu, sich in der bürgerlichen Welt einzurichten: Er heiratet, baut ein Haus, zeugt Kinder. Aber das bekommt ihm nicht. Hesse, der ewige Untergeher, ist nicht dafür geschaffen.

Wie noch öfter in seinem Leben flüchtet Hesse. Zwei Italien-Reisen haben ihm keine Goethe'schen Einsichten beschert, also begibt er sich im Sommer 1911 auf „Morgenlandfahrt“. Er reist nach Sumatra, Singapur, besteigt den höchsten Berg Ceylons und besucht das älteste Heiligtum, einen Felsentempel. Im heutigen Sri Lanka sucht er jene indische Welt, die ihm seine Eltern nahegebracht haben und in die er durch die Lektüre der heiligen Schriften Altindiens eingetaucht ist. Hier erfährt er, wie Heimo Schwilk in seiner etwas weniger detaillierten Biografie schreibt, was dem westlichen Menschen fehlt: ein „Gegengewicht zu den zivilisatorischen Errungenschaften und der durch sie bewirkten seelischen Verarmung“. Vorerst kann er die Reiseerlebnisse literarisch nicht umsetzen. Das aufgeklärte Europa bereitet sich auf das große Schlachten vor, und Hesse übersiedelt in die Schweiz, wo er den Rest seines Lebens verbringen und 1923 auch die Staatsbürgerschaft erhalten wird. Bei dieser Asien-Reise wird aber grundgelegt, was in seinen drei Hauptwerken, „Siddhartha“ (1922), „Der Steppenwolf“ (1927) und „Das Glasperlenspiel“ (1943), zentrales Thema sein wird: die Wiedergeburt Europas aus dem Geiste Zarathustras.

Als Präludium zu diesen Werken erscheint gleich nach dem Krieg „Zarathustras Wiederkehr. Ein Wort an die deutsche Jugend“. In diesem Essay knüpft Hesse gezielt an Nietzsche an: „Ihr sollt Zarathustra nicht anbeten. Ihr sollt Zarathustra nicht nachahmen. Ihr sollt nicht Zarathustra werden wollen. Es gibt keinen Gott, als der in euch ist.“ Hesse erteilt in dieser Flugschrift der modernen Wissenschaftsgläubigkeit eine ebensolche Abfuhr wie der deutschen Führerseligkeit. Sie ist auch ein Plädoyer für jenen Eigensinn, der konstitutiv für Hesses Leben und Werk ist und der einen permanenten Angriff auf die durchtechnisierte Welt bedeutet, die den Menschen zur Masse macht. Hesse ruft der deutschen Jugend zu: „Die Welt ist nicht da, um verbessert zu werden. Auch ihr seid nicht da, um verbessert zu werden. Ihr seid aber da, um ihr selbst zu sein. Ihr seid da, damit die Welt um diesen Klang, um diesen Ton, um diesen Schatten reicher sei.“ Dass in der schönen neuen Facebook-Welt einsamen Büchermenschen die Gesellschaft solcher Gedanken lieber ist, als Apps herunterzuladen, könnten sogar Rezensenten begreifen. Leicht aber kommt man so in den Verdacht des Antimodernismus, obwohl der Ausgleich zwischen östlicher und westlicher Denk- und Lebensweise eine vordringliche Aufgabe in unserer globalisierten Welt wäre und Hesse zum gegenseitigen Verständnis einiges beitragen könnte.

Schon seinerzeit hat sich Hesse mit seinem Leiden an der Zeit keine Freunde gemacht. Aus dem einstigen Liebkind der deutschen Salondame wird ein Polemiker, der auf Schmähungen deutscher Couleurstudenten reagiert. „Ihre Kunst ist ein neurasthenisch-wollüstiges Wühlen in Schönheit. Wir hassen diese Dichter, die uns verflachen und internationalisieren und pazifizieren wollen“, lautet eine der typischen „Grußadressen“, die er erhält. Hesse durchschaut solche Angstbeißerei und spricht paradigmatisch von einem Geist, „der Angst vor sich selber hat und jede Verlockung von der gewohnten Fahne weg gleich als satanisch empfindet, der aber diese innere Feigheit hinter lärmendem Säbelrasseln verbirgt“.

So anders klingen die Angriffe nach dem Weltkrieg Numero zwo nicht, nur kommen sie diesmal von der entgegengesetzten Seite des politischen Spektrums. Jetzt sind es nicht die Nationalisten, sondern die Internationalisten, die dem „Leckerlifresser“ am Zeug flicken. In seinem Nachruf auf Hesses Tod am 9.August 1962 gab Rudolf Walter Leonhardt, langjähriger Leiter des Feuilletons der „Zeit“, den Takt für die weitere Rezeption vor: „Mit Hesse, sagen wir's deutlich, ist heute kein Blumentopf mehr zu gewinnen.“ Bald danach ging die Hesse-Renaissance los, ausgelöst von dem Sänger John Kay, der seine Band nach Hesses Roman „Steppenwolf“ benannt und dem Dichter der Innerlichkeit plötzlich ein „Born to be wild“-Image verpasst hatte.

Gewiss, Hesse ist kein Erneuerer der deutschen Literatur, kein Avantgardist, kein schwarzhumoriger Zyniker, der gut von den Verhältnissen lebt, gegen die er wettert, kurzum keiner, mit dem sich heute renommieren ließe. Aber Hesses Werk gibt eine andere Perspektive auf die jeweils eigene Zeit, weil es über ihr steht. Tatsächlich beschreibt Hesse in seinem witzigsten und mit viel Selbstironie geschriebenen Buch, dem 1923 erschienenen „Kurgast“, worum es in seinem Werk geht: um die „furchtbare und erschütternde Frage, ob unter gewissen Zeit- und Kulturumständen es nicht würdiger, edler, richtiger sei, Psychopath zu werden, als sich diesen Zeitumständen unter Opferung aller Ideale anzupassen“. ■

HESSE: Neuerscheinungen

Gunnar Decker: Hermann Hesse. Der Wanderer und sein Schatten. Biografie. 704S., geb., €26,80 (Hanser Verlag, München).

Heimo Schwilk: Hermann Hesse. Das Leben des Glasperlenspielers. 432S., geb., €23,70 (Piper Verlag, München).

Bärbel Reetz: Hesses Frauen. 426S., brosch., €17,50 (Insel Verlag, Berlin).

Hermann Hesse: „Ich gehorche nicht und werde nicht gehorchen.“ Briefe 1881–1904. Hrsg. von Volker Michels. 662 S., Ln., €41,10 (Suhrkamp Verlag).

Der Berliner Suhrkamp Verlag gibt zum Gedenken an Hesse das Gesamtwerk in einer Jubiläumsausgabe heraus.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.07.2012)

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