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Sicher wohnen

03.08.2012 | 18:47 |  Von Antonio Fian (Die Presse)

Komplettsystem, in Farbe, samt Gartenkamera. Die Überwachung: Fernsehen heute. Ein Dramolett. Ebenerdiges Zimmer einer Neubauwohnung in einer Siedlung am Stadtrand Wiens. An der Rückwand zwei Fenster zu einem Gärtchen, das rechte geöffnet.

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Personen:
FRAU 1 (ca. 30)
FRAU 2 (ca. 30)
MANN (ca. 40)
(Ebenerdiges Zimmer einer Neubauwohnung in einer Siedlung am Stadtrand Wiens. An der Rückwand zwei Fenster zu einem Gärtchen, das rechte geöffnet. Zwischen den Fenstern eine Kommode. Links eine Tür zu einem anderen Zimmer, angelehnt. Rechts eine Sitzecke mit Couchtisch, davor, Bildschirm für das Publikum nicht sichtbar, ein eingeschalteter Fernsehapparat. Kein Ton. Auf dem Tisch eine halb volle Schachtel Zigaretten, ein Aschenbecher, eine Schüssel mit Salzgebäck, zwei Gläser, eine Weißwein- und eine Mineralwasserflasche. Auf der Couch, Gesicht zumPublikum, FRAU 1. Sie verfolgt interessiert dieVorgänge auf dem Bildschirm, knabbert an Soletti, nippt an ihrem Glas.
Pause.
Es klopft. Ohne eine Antwort abzuwarten, betritt FRAU 2 das Zimmer, geht zur Couch, begrüßt FRAU 1 mit Wangenküssen, schenkt sich, dabei interessiert auf den Bildschirm blickend, Wein und Wasser ein und setzt sich ebenfalls.)
FRAU 2: Schon was los?
FRAU 1: Nix.
(Kurze Pause)
FRAU 2: Das ist so lieb von dir, dass ich bei dir schauen darf. Weil bei uns, brauchen wir nicht reden... Dabei wollt ich genau das Gleiche damals, aber der Albert, weißt eh, bei allem immer, zu teuer, zu teuer, brauchen wir nicht, brauchen wir nicht.
FRAU 1: Sei froh, dass du ihn los bist. Du warst viel zu geduldig mit ihm. Ich hab dem Ernstl von Anfang an gesagt, kommt überhaupt nicht in Frage. Du bist den ganzen Tag im Büro, aber ich sitz da allein bei meinem Computer, und niemand weiß, was da sonst für Leut wohnen in der Siedlung. Ich will mich sicher fühlen, hab ich gesagt, ich will auf jeden Fall das Komplettsystem, und zwar in Farbe, weil ohne Farbe, vergiss es. Weil, ich mein, stell dir vor, es passiert was, du machst eine Anzeige, es kommt die Polizei und fragt, was hat der Täter angehabt, und du sagst, schwarze Hose, weißes Hemd, dabei war in Wirklichkeit die Hose rot und das Hemd gelb, finden sie den erstens nie, und zweitens kann dir passieren, du bist dran wegen falscher Zeugenaussage.
FRAU 2 (nickt, nimmt Soletti, isst)
(Pause. Sie blicken auf den Bildschirm.)
FRAU 1: Heut ist es wirklich ausgesprochen ruhig.
FRAU 2: Geh einmal auf die Gartenkamera.
FRAU 1 (betätigt die Fernbedienung): Da ist schon gar nix los. (Kurze Pause, betätigt wieder die Fernbedienung.) Außerdem müssert gleich der Eigelsberger auftauchen mit dem Bartl. Ah, da ist er schon!
FRAU 2: Schiacher Hund...
FRAU 1: Der Bartl oder der Eigelsberger?
(Sie lachen. Pause. Sie blicken interessiert auf den Bildschirm.)
FRAU 2: Jetzt setzt er an!
FRAU 1: Und, was glaubst du? Räumt er's weg?
FRAU 2: Nie!
FRAU 1: Ich sag, ja. Fünf Euro? (Hält ihr die flache Hand hin.)
FRAU 2 (schlägt ein)
(Pause. Sie starren auf den Bildschirm.)
FRAU 1: Scheiße. (Zieht einen Fünf-Euro-Schein aus der Hosentasche und gibt ihnFRAU 2.) Sonst räumt er's meistens weg.
FRAU 2: In letzter Zeit nimmer. Sollen wir's melden?
FRAU 1: Geben wir ihm noch ein paar Tage.
(Pause. Sie blicken auf den Bildschirm. Am Fenster erscheint MANN in blauer Arbeitskleidung. Er blickt vorsichtig ins Zimmer, steigt dann – nur stille, stille – durch das offeneFenster und beginnt, die Kommode zu durchsuchen, findet Schmuck und andere Wertgegenstände und lässt sie in den vielen Taschenseines Arbeitsgewands verschwinden. Die beiden Frauen, gänzlich mit den Vorgängen auf dem Bildschirm beschäftigt, bemerken nichts.)
FRAU 2 (erfreut): Da schau, der Axi!
FRAU 1: Was macht der da um die Zeit?
FRAU 2: Keine Ahnung. Aber fesch, oder?
FRAU 1: Schon.
(Pause)
FRAU 2: Weißt du eigentlich, hat er was?
FRAU 1: Weiß nicht.
FRAU 2: Tut er was?
FRAU 1: Weiß nicht.
(Pause)
FRAU 2: Ich hoff, er tut was. Weil tut er was, hat er was.
FRAU 1: Schon, aber weißt eh: Hat er was, tut er nix. Und tut er nix, hat er nix.
FRAU 2: Schon. Aber hat er nix, tut er was. Und tut er was, hat er was.
FRAU 1: Schon, aber – ... (Sie verstummt, nimmt eine Zigarette aus der Packung, hält Ausschau nach dem Feuerzeug, findet es nicht, steht auf und geht, ohne sich vom Bildschirm abzuwenden, zur Kommode, auf der es liegt. MANN drückt sich in die Ecke.)
FRAU 2: Fesch jedenfalls.
FRAU 1 (tastet nach dem Feuerzeug. MANN schiebt es so hin, dass sie es findet. Sie zündet die Zigarette an): Ich frag mich nur, was er da macht um die Zeit. (Sie blickt rauchend auf den Bildschirm.
Pause)
FRAU 2 (plötzlich aufgeregt): Ich glaub'snicht! Schau dir das an!
(FRAU 1 geht zurück zur Couch und setzt sich.MANN schleicht währenddessen zur Tür und verschwindet unbemerkt.Die Augen der Frauen kleben am Bildschirm.)
FRAU 1: Wer ist das?
FRAU 2: Na, die Aygül!
FRAU 1: Bist du sicher?
FRAU 2: Sicher bin ich sicher!
FRAU 1: So verschleiert könnt's jede sein.
FRAU 2: Das ist die Aygül! Ich kenn's am Gang. (Trinkt, schenkt sich nach.) Also, wenn ich mir alles gedacht hätt, aber dass er mit der Aygül?
FRAU 1: Vielleicht will er ihr ja nur – ... Vielleicht ist alles ganz harmlos.
FRAU 2 (erbost): So wie der schaut? (Sie trinkt und stopft sich Salzgebäck in den Mund.) Die Aygül, ich pack's nicht...
(Kurze Pause)
FRAU 1 (blickt FRAU 2 besorgt an. Im Versuch abzulenken, auf den Bildschirm zeigend): Wer ist denn der? Den hab ich noch nie gesehen.
FRAU 2 (unablenkbar): Mir doch wurscht.
FRAU 1: Einer von den Arbeitern wahrscheinlich. Auch fesch, findest du nicht?
FRAU 2 (unablenkbar): Mir doch wurscht.
(Kurze Pause)
FRAU 1: Aber siehst du, genau um dasgeht's! Nehmen wir an, das wär ein Einbrecher, und ich hätt nicht das Komplettsystemund geh zur Polizei, und sie fragen mich, was hat er angehabt, und ich sag, keine Ahnung, irgendwas Graues, schon verfolgen sie eine völlig falsche Spur, und wenn ich Pech hab, komm ich noch dran wegen –
FRAU 2 (unablenkbar): Alles hätt‘ ich mir gedacht vom Axi, aber dass er...
(Vorhang) ■

Geboren 1956 in Klagenfurt. Autor in Wien. Schreibt Dramolette, Erzählungen, Gedichte und Essays. Zuletzt im Droschl Verlag: „Im Schlaf. Erzählungen nach Träumen“ (2009) und „Man kann nicht alles wissen. Dramolette V“ (2011).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.08.2012)

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