Im Hafen von Nagoya besichtigten wir die Fassaden von „Little Venice“ und gingen in den Zoo. Die Delfine turnten über den Becken und legten sich zum Streicheln in den frisch gefallenen Schnee. Im Schiffsbauch der Fuji fingierten Puppen das Alltagsleben der japanischen Südpolforscher. Die Gesichter und Gewänder waren so echt nachgestellt, dass wir den Kombüsenjungen, der Sojasauce über die gebratenen Fische zu gießen schien, nach dem Menü fragten. Der viermonatige Aufenthalt als Gastprofessor endete an diesem Wochenende mit unserer Täuschung. Der Schnee blieb liegen, und wir sahen auf den Pazifik hinaus. Die Straßen vereisten abends, für mich kein besonderes Ereignis, doch die Stadt lag still, sogar der Tangoclub hatte wegen auf der Straße liegen bleibenden Schnees geschlossen. Die Reise nach Wien fand wenige Tage danach statt. Die Umstellung fiel mir schwer, ich fühlte mich in der Wiener Wohnung nicht zu Hause.
In den Semesterferien reisten japanische Kollegen an. Im Literarischen Quartier der Alten Schmiede las Yoko Tawada aus ihren deutschsprachigen Fremdheitsbildern. Viele japanische Germanisten wohnten der Lesung bei. Es war der Abend vor dem Erdbeben und der Tsunamikatastrophe. Die Japaner im Publikum waren mir aus Nozawa Onsen bekannt, wo wir einander in Interviews, Lesungen und Vorträgen auch inhaltlich begegnet waren. Wir waren mit den Wassern aus denselben japanischen Quellen gewaschen.
Die Becken des noblen Ryokans, wo ein traditionelles Symposium nun auch zu meinen Werken stattgefunden hatte, waren viereckig und von heißen Quellen gespeist. Dampf ließ das dunkle Holz glänzen, die hellhäutigen Schultern der badenden Körper schwebten wie Bojen auf dem Wasser. Hin und wieder hob jemand den Arm aus dem Wasser und rückte sich das zur Kühlung zusammengefaltete Handtuch auf dem schwitzenden Kopf zurecht. Ahornblätter fielen in die beleuchtete Aura des Outdoor-Bereichs.
Später saßen wir beim Menü, kleine Happen wurden aufgetischt, ein aufgespannter Fisch auf dem Minigrill, zerstückeltes Pferdefleisch in appetitlicher Sojamarinade, gehacktes, eingelegtes Gemüse auf Tellern, schmackhafter Tofu, zerfließend im Porzellan. Das Abendmahl in der heilen Welt, wo ich aus den Büchern las – und jetzt in Erinnerung die Momente der Aufmerksamkeit nachhole. Der dienstälteste Germanist ist zum letzten Mal nach Nozawa Onsen gekommen. Ich esse alles, sagte er, schaue nicht mehr auf die Linie, ich sterbe bald. Dann lachte er und bot mir verschmitzt rohe Leber an und Reisschnaps.
Ich liebe Japan. Die Studierenden, die sich mit dem Yasukuni-Kult und Erinnerungskultur befassen, Geschichte studieren, Position beziehen und auf wissenschaftlich belegte Erkenntnisse in der Geschichtsschreibung, auf nationale Entschuldigung für die Bestialität während des japanischen Kolonialismus pochen, leisten aufklärerische Arbeit. Sie sind neugierig auf internationale Beziehungen.
Menschenverachtung als System
In Wien war der tägliche Austausch mit Welt plötzlich vorbei. Das Einleben in die bildungsfeindliche österreichische Politik war angesagt. Ein paar Wochen nach meiner Rückkehr verschoben sich tektonische Schichten und versetzten Japan um einige Meter nach Osten. Zur selben Zeit saßen Germanisten im Flugzeug nach Tokio, den Abend zuvor hatten wir bei Yoko Tawada verbracht.
Wie immer, kann man nicht wissen, was der nächste Tag bringt. Ein Anruf, und ich bin auf dem Zebrastreifen, als ich im Gehen das Gespräch annehme. Eine Freundin erzählt, was sie soeben im Radio gehört hat. Ich gehe weiter, lande in einer Bar und schaue dort die Nachrichten mit, die vom Rattern und Klingeln der Spielautomaten begleitet sind. Die Liveticker der Zeitungen melden sekündlich Details der Atomkatastrophe nach der Naturkatastrophe. Die Vorgeschichte von Fukushima wird recherchiert und bringt das Verhängnis von Macht, Politik und Wirtschaft zutage. Ignorantentum, Feigheit, Menschenverachtung als System. Das ist die Ursache für die Katastrophe von Fukushima, und dies gilt weltweit für jede von Menschen erwirkte Katastrophe. Das bedeutet in letzter Konsequenz Krieg. Elfriede Gerstl schrieb ein Gedicht über ihr Paradies, ihren Himmel: „mein himmel ist meine vorstellung von himmel / er ist die freundlichkeit / verlässlichkeit / anteilnahme / bei glücks- und unglücksfällen / mein himmel ist nicht voller geigen / sondern voll solidarität / mein himmel ist auch eine utopie / von einer gerechteren welt / in der einsicht und nachsicht / tägliche realität sein sollte / himmel ist das fest geknüpfte netz / ähnlich denkender und fühlender / und das glück / ihm anzugehören“.
Erdbeben und Tsunami sind Natur, der Himmel aber ist menschlich und Werk. Vertuschungen bereiteten die Hölle. Tepco. Atomenergiebehörde, Politiker, als Monteure verkleidet, traten auf. Die Kalmierung des Fernsehvolkes hat die Nachrichtenjunkies in Europa aufgeheizt. Die wortreiche Sprachlosigkeit breitete sich aus in Unsicherheit. Wie tödlich ist die Natur? Wie tödlich ist ein Atomkraftwerk? Tote werden gezählt, gelistet, als Verschollene gemeldet.
Tschernobyl und radioaktiver Niederschlag. Der Alltag wummert, und Tokio ist dunkel. Was willst du gegen Naturgewalt ausrichten? Der Pazifik brach über die Mauer herein, und die Flüchtenden, vom Dach aus zu sehen, wie sie davonrennen, sind einen Augenblick später von den Wassermassen vernichtet. Die Erschütterung erstarrt, wird lebendig im Gespräch via Skype. Brunnen sind sogar in Nagoya versickert, Wasserläufe sind verlegt. Seit Wochen bin ich in Wien, abgereist aus einem unversehrten Japan, sage ich mir, es ist verstümmelt worden, wie Menschen im Krieg. Über Facebook teilen die Tangotänzer aus Tokio und Nagoya ihre Erfahrungen mit, sie leben und tanzen. Meine Tangolehrer aus Nagoya kehren zurück nach Buenos Aires, und mittlerweile hat der „Destino Tango Club“ geschlossen. Die Szene ist zu klein, und Tango zu lernen ist in Japan noch teurer als in Wien. Die Tanzenden sind begeistert, und weil die Rituale auf den Milongas weltweit die gleichen sind, war ich schnell integriert. Wöchentlich brach ich aus der Einsamkeit meiner Dienstwohnung aus, mischte mich unter das Volk und ließ mich zur Musik führen. Zu tanzen heißt zu kommunizieren. Wie hätte ich mich verhalten, wäre ich zu Zeiten der Katastrophen in Japan gewesen. Wäre ich geblieben? Angst? Verstand?
Nagoya ist sicher. Ich soll einer Kollegin Tipps geben, die nach Nagoya fährt und meine Stelle übernimmt. Ist die Stadt sicher genug? Japan ist groß, im Kopf schrumpft es auf ein Bundesland. Die Disziplin des Volkes verlangte trotz der Fehlinformation Duldsamkeit. Hätte ich sie ertragen? In meiner Wahrnehmung wuchs die Gefahr der atomaren Verseuchung über das physische Leid der lokalen Opfer weit hinaus. Es fällt leichter, Abstraktes wie Atomwolke, radioaktive Strahlen, Geigerzähler über dem japanischen Himmel zu imaginieren, als sich systemisch gedanklich zu engagieren, für das menschliche Leid. Die Unaussprechlichkeit ist zu durchbrechen und das Geschehen in Worte zu heben. Das ganz normale kleine Alltagsleid. Lagerzustand. Dritte Welt. Slum. Altenheim. Frauenleid. Sie pflegen die Kinder und die Alten, trauern und müssen sich auch noch aufrecht halten.
Ich sitze an der Lagune und warte auf den Vaporetto. Meine Freundin reist aus Japan an. Das Boot bringt sie vom Flughafen direkt zum San Marco. Ihr Gehalt als Kuratorin eines Museums für zeitgenössische Kunst wurde nach der Katastrophe und den Wirtschaftseinbußen gekürzt. Die Europareise ist Luxus. Als sie auf dem Steg erscheint, kommt sie mir wie immer fröhlich und freundlich vor. Wir beziehen eine Wohnung im Arsenale und öffnen Wein und verzehren Gorgonzola, dessen Geschmack nur von japanischen Connaiseuren geschätzt wird. Die Freundin erzählt von den Menschen im Norden Japans, sie sind arm, sie waren es immer, und sie haben den Rest verloren. Wenn wir für das Wort „Wahnsinn“ einen Euro bezahlt bekommen hätten, wären wir beide in diesen Tagen reich geworden. Ich kann mit diesen Leuten fühlen, sagt sie, und ich werde wütend, weil ich nicht will, dass ich mitfühlen muss, weil Traurigkeit so schnell erschöpft.
Zu schreiben über Nachbeben bedeutet, Splitter zusammenzusetzen, die Funken einzufangen, und die Bilder vor dem Beben einzuebnen, um Realität zu finden. Auf den Bildern sieht das Vorbeben-Fukushima nicht sehr einladend aus. Die Ödnis vieler japanischer Städte führe ich auf die Verhüttelung und meine Vorstellung von der Langeweile des häuslichen Alltagslebens zurück, Eintönigkeit vereinsamt mich. Die Häuser sind kaum gegen die Kälte und Hitze isoliert. Dafür gilt Isolation für das betroffene Gebiet. Die verstrahlten Leichen wurden nicht bestattet, nicht verbrannt. Das Sperrgebiet ausgeweitet.
Der Nagel, der aus dem Brett ragt
Zum Jahrestag der Katastrophe liest Judith Brandner von Japan. Ihren Recherchen im Nachbeben. Der Verleger hat die Texte als Reportage bezeichnet, Unmittelbarkeit und Erlebnis, keine Analyse. Literarische Texte entstehen aus entrückter Nähe, die Sprache steckt zwischen Sehen und Verstehen. Weniger die Vermittlung von Erlebnis ist gefragt, als Erlebnis zu stiften. Neben mir sitzt der japanische Kollege, der schon vor einem Jahr in Wien weilte und den wir zu überreden versuchten, in Österreich zu bleiben. Seine Wohnung in Yokohama war vom Erdbeben gleichsam unberührt. Nicht einmal eine Vase war umgefallen. Das Glück ist zweifelhaft. Die Lesung ist bestens besucht. Das Interesse an präzisen Beschreibungen und dem analytischen Blick ist der Zwirn, aus dem Mitmenschlichkeit gesponnen wird.
Jazz mit japanischen Bezügen. Bassgeigenzwirn und Flageolett. Sah mich in der U-Bahn-Station in Sakae stehen, wo ich von einer alten Frau angesprochen wurde. Sie fand meine Frisur toll und strich übers Haar. Der Nagel, der aus dem Brett ragt, wird eingeschlagen, sagt ein Sprichwort. Ich bin ein Stein im japanischen Brett, sage ich jetzt. Das Nachbeben ist global. Gerüchte behaupten, dass die Verstrahlten in ihren Exilen gemieden werden und an den Unglücksorten verbleiben sollen. Andere weigern sich, ihre alten Gegenden aufzugeben. Aufopferung? Resignation? Tepco wie Teppencompany. Nieder mit soldatischer Tapferkeitsmoral, die Vertuschung und Scham produziert. Das ist also menschlich, alles, auch der Betrug. Der Himmel ist zu schaffen, jetzt hängt er voller Geigerzähler. Die Hoffnung gilt Japan. ■
Geboren 1963 in Klagenfurt. Lebt als Autorin in Wien. Bücher: zuletzt „Schwestern der Angst“ (Haymon). Ihr Beitrag erscheint Mitte August in dem von Jürgen Draschan und Bertlinde Vögel herausgegebenen Band „Nachbeben. Japan erinnert“ bei Luftschacht, Wien.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.08.2012)















