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Wer lärmt, hat recht

10.08.2012 | 18:27 |  Von Konrad Paul Liessmann (Die Presse)

Lärm oder: Über die Grenzen des Erträglichen. Kleiner Traktat wider akustische Zumutungen. Vor allem in den Städten und Ballungsräumen ist es manchmal auch in ruhigen Zeiten laut, mitunter sehr laut.

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Unruhige Zeiten? Zumindest inden Städten könnte es dannwieder laut werden, wenn Demonstranten auf berittene Polizisten treffen, Sirenen heulen, Sprechchöre die Plätze beschallen und amtliche Lautsprecherdurchsagen alles zu übertönen trachten. Vor allem in den Städten und Ballungsräumen ist es jedoch manchmal auch in ruhigen Zeiten laut, mitunter sehr laut. Und nicht selten geht der Lärm bis an die Grenze des Erträglichen.

Jenseits des Erträglichen freilich beginnt das, was nicht mehr auszuhalten ist: Es macht einen rasend. Es ist die Grenze zwischen mir und der Welt, die sich nicht zuletzt über den Schall, der mein Ohr erreicht, definiert.

Jedoch, Lärm ist nicht gleich Lärm, und kaum eine Grenze ist dermaßen von Kontexten, Befindlichkeiten und subjektiven Einstellungen gekennzeichnet wie die, die unsere akustische Umwelt in die Zonen des Angenehmen, des Unangenehmen und des Unerträglichen teilt.

Damit aber kann der Umgang mit dem Lärm auch als Paradigma einer Grenzerfahrung aufgefasst werden, die für die technoide Moderne charakteristisch ist und die durch die Frage nach den Grenzwerten zulässiger Belastungen gekennzeichnet ist. Während dem Zeitgeist entsprechend überall Grenzen verschwinden oder abgebaut werden sollen, tobt um jene oft imaginären Grenzen menschlicher Belastbarkeit einheftiger Kampf: hintersowie vor den Kulissender damit konfrontierten Interessengemeinschaften und Lobbys.

Wie viel Radioaktivität in der Umwelt, wie viel Chemie in den Lebensmitteln, wie viel Feinstaub in der Luft, wie viel Metall in den Meeren, wie viel Stress am Arbeitsplatz, wie viel Lärm in der Umgebung dem Menschen zuträglich ist, ist eine Frage, die durch die Festlegung von Grenzwerten bestimmt werden soll. Diese erfordern nicht nur immer genauere Messungen, sondern sind auch voll von normativen Implikaten. Wer entscheidet nach welchen Kriterienüber das zuträgliche Maß an womöglichnur potenzieller oder im Ausnahmefall eintretender Gefährdung? Die heftigen Debatten darüber und das oft recht beliebig anmutende Hinauf- und Hinabsetzen von Grenzwerten zeugen nicht nur von der perennierenden Brisanz solcher Grenzbestimmungen, sondern demonstrieren eindringlich, dass auch hier die Grenze über begriffliche Entscheidungen die Lebenswelt strukturiert.

Der Grenzwert entscheidet über das, was uns gerade noch zuträglich ist. Werden diese Grenzen überschritten, droht unserer physischen und psychischen Integritäthöchste Gefahr. Auch hier gilt: Die Grenze soll schützen. Solange die Grenzwerte nicht überschritten sind – so die offizielle Verlautbarung nach jedem Austritt von Radioaktivität –, droht keine größere Gefahr für Leib und Leben der Betroffenen. Keine andere „Grenze“ fordert von den ihr Überantworteten so viel Vertrauen, und keine Grenze ist mit so viel Misstrauen behaftet wie diese.

Wer glaubt eigentlich noch an dieGrenzwerte, die von den Konglomeratenaus Industrie, Bürokratie und Wissenschaft verkündet werden? Am Lärm, dieser einfachen und doch so eindringlichen Belästigung, lässt sich auch einiges über diese Form derGrenze erfahren. – Lärm muss es schon immer gegeben haben, undnoch nie konnte man sich auf eine einfache Definition von Lärm einigen. Einfach zu messende Parameter wie Lautstärke oder Schalldruck geben darüber nur begrenzt Auskunft. Ob Geräusche, welcher Art auch immer, als Lärm empfunden werden, hängt in hohem Maße von der Situation und der subjektiven Befindlichkeit des Betroffenen ab. Und vor allem: Lärm ist immer auch eine Frage der Macht.

Die Macht drückt sich auch in einer akustischen Hegemonie aus, denn nicht jeder darf lärmen. Nur die absolute Macht bedarf keiner akustischen Signale mehr, um sich bemerkbar zu machen. Eher das Gegenteil ist der Fall – absolute Macht ist anwesend in ihrer akustischen Abwesenheit:

Gott,

welch Dunkel hier!

O grauenvolle Stille!

Öd ist es um mich her,

nichts,

nichts lebet außer mir,

O schwere Prüfung!

Die Klage des gefangenen Freiheitskämpfers Florestan in Beethovens „Fidelio“ markiert diesen Sachverhalt. Grauenvoll ist die Stille, das Schweigen der Macht. Wo Leben ist, geht es nicht so lautlos zu. Der Mensch hat Ohren, um zu hören. Leben heißt, sich in einer akustischen Umwelt zu bewegen und zu orientieren, die voll von Geräuschen, Lauten, Signalen, sirenenhaften Verlockungen und drohendem Gebrüll ist. Diese Welt der Geräusche gehört zu den konstituierenden Merkmalen der Lebensverhältnisse überhaupt. Und auch die Macht, bevor sie absolut geworden ist, muss sich Gehör verschaffen. Es gilt aber auch der Umkehrsatz: Was sich Gehör verschafft, erlangt Macht. Und damit sind wir wieder beim Lärm.

Lärm kann als eine besondere Qualität im Universum der Geräusche definiert werden: Es sind jene akustischen Reize, die als unangenehm, enervierend, schmerzhaft empfunden werden. Lärm ist das, was sich Gehör verschafft, obwohl es nicht gehört werden will. Lärm hat einerseits eine objektive Komponente – Lautstärken und Tonhöhen an der Schmerzgrenze, chaotische Lautfolgen –, andererseits aber auch eine stark subjektive Seite: das, was mich jetzt an meiner akustischen Umwelt stört. Die Schwelle, ab der etwas als Lärm, damit als störend, damit als aufdringlich, damit als penetrant und dominant erfahren wird, ist also in hohem Maße variabel. Ist man Philosoph, liegt die Lärmschwelle mitunter besonders niedrig. Dazu einige Überlegungen einer erst in Ansätzen vorliegenden Philosophie des Lärms.

Die Denkenden fühlten sich offenbar durch den Lärm immer schon belästigt. So heißt es bei Blaise Pascal: „Der Geist des größten Mannes in der Welt ist nicht so unabhängig, dass er nicht gestört werdenkönnte durch den geringsten Lärm in seinerNähe. Um seine Gedanken zu hindern, dazu ist nicht das Knallen einer Kanone nöthig, sondern nur das Knallen einer Wetterfahne oder einer Winde.“ Pascal thematisiert hier, in seinen „Gedanken über die Religion und einige andere Gegenstände“, den zentralen Zusammenhang von Lärm und Denken. Der Lärm stört nicht nur, er wirkt nicht nur subkutan, er behindert nicht nur verschiedene Tätigkeiten und den Schlaf, er verunmöglicht vor allem eines: Konzentration, Denken, Reflexion.

Lärm ist in erster Linie geisttötend, und dies auch dann, wenn der Lärm einen guten Zweck verfolgt, wie das Beispiel des Philosophen Immanuel Kant zeigt. Kant war absolut lärmempfindlich; er stritt mit Nachbarn und wechselte die Wohnung, wenn er nicht die zum Denken notwendige vollkommene Stille vorfand. Das ließ ihn auch gegen so manche Lärmquelle ankämpfen. So merkte Kant in einer Fußnote zu seiner „Kritik der Urteilskraft“ zur Frage, inwiefern Musik auchals störend empfunden werden kann, einmal an: „Diejenigen, welche zu den häuslichen Andachtsübungen auch das Singen geistlicher Lieder empfohlen haben, bedachten nicht, dass sie dem Publikum durch eine solche lärmende (eben dadurch gemeiniglichpharisäische) Andacht eine große Beschwerde auflegen, indem sie die Nachbarschaft entweder mit zu singen oder ihr Gedankengeschäft niederzulegen nötigen.“ Keine Frage, dass es Kant in unserer lärmdurchfluteten Welt nicht gerade leicht gehabt hätte; überlegenswert aber, ob für eine anspruchsvolle Form des konzentrierten Denkens nicht in der Tat eine Stille die Voraussetzung ist, die wir kaum mehr vorfinden – was immer dies für die Qualität unseres Denkens auch bedeuten mag.

In einer kleinen Abhandlung „Über Lärmund Geräusch“ definierte Arthur Schopenhauer den Lärm als die „impertinenteste aller Unterbrechungen“, und dies deshalb, da der Lärm „sogar unsere eigenen Gedanken unterbricht, ja, zerbricht“. Nur dort, so fährt der Philosoph hämisch fort, wo „nichts zu unterbrechen ist, da wird er freilich nicht sonderlich empfunden werden“. Wer nicht denkt, der kann in seinem Denken auch nicht durch Lärm schmerzhaft unterbrochen werden. Jesensibler jemand ist und je konzentrierter er mit einer geistigen Arbeit beschäftigt ist, desto störender muss jeder diese Konzentration störende Lärm empfunden werden. Damit aber ist ein durchaus nicht nur amüsantes Verhältnis zwischen Lärm und Denken exponiert.

Natürlich, ein „mäßiges und stetiges Geräusch“ kann jemanden quälen, ohne dass man sich dessen bewusst wird und ohne dass man die Lärmquelle als solche identifiziert. Solch eine konstante Geräuschkulisse, die zu den Alltagserfahrungen des modernen Menschen gehört – man denke an das Hintergrundrauschen stark befahrener Straßen –, mag die Gedanken beschweren „wie ein Block am Fuße“, dramatisch aber werden jene Geräusche, die plötzlich den Fluss der Gedanken unterbrechen.

Schopenhauer wusste, wovon er sprach, denn der „unverantwortlichste und schändlichste Lärm“ rührte vom „wahrhaft infernalischen Peitschenklatschen“, das zu seiner Zeit die Gassen Frankfurts durchhallt haben muss: „Dieser plötzliche, scharfe, hirnlähmende, alle Besinnung zerschneidende und gedankenmörderische Knall muss von Jedem, der nur irgend etwas, einem Gedanken Ähnliches im Kopfe herumträgt, schmerzlich empfunden werden: jeder solcher Knall muss daher Hunderte in ihrer geistigen Tätigkeit, so niedriger Gattung sie auch immer sein mag, stören: dem Denker aber fährt er durch seine Meditationen so schmerzlich und verderblich, wie das Richtschwert zwischen Kopf und Rumpf.“ Schopenhauer, immerhin Begründer einer mitleidbasierten Tierethik, vergisst auch nicht darauf hinzuweisen, dass dieses laute Knallen mit der Peitsche, gedacht, um die Kutschpferde anzutreiben, aus sachlichen Gründen nicht nurunnötig, sondern auch unnütz ist, da sich die Fiakergäule auch mit wesentlich leiseren Mitteln steuern lassen. Ganz im Gegenteil, durch das laute Knallen, diesen unablässigen Missbrauch der Peitsche, würden die Pferde abgestumpft und müde. Nein, es geht hier um ein Phänomen, das auch nach Ende der Pferdekutsche das Geräuschpanorama nicht nur in Städten durchzieht: die Lust am Lärm.

Schopenhauer verleiht seiner Kritik an den fröhlichen Peitschenknallern allerdings noch eine provokante sozialkritische Note: „Die Sache stellt demnach sich eben dar als reiner Mutwille, ja als ein frecher Hohn des mit den Armen arbeitenden Teiles der Gesellschaft gegen den mit dem Kopfe arbeitenden. Dass eine solche Infamie in Städten geduldet wird ist eine grobe Barbarei und eine Ungerechtigkeit.“ Und Schopenhauer machte kein Hehl daraus, worauf er eigentlich hinauswollte: „Es kann nicht schaden, dass man die Proletarier auf die Kopfarbeit der über ihnen stehenden Klassen aufmerksam mache: denn sie haben vor aller Kopfarbeit eine unbändige Angst.“ Und abgesehen davon, dass der misanthropische Philosoph empfahl, die Peitschenknaller mit dem Stock zu züchtigen, galt seine Klage dem Befund, dass unter dem Lärm in erster Linie der Geist zu leiden hat: „Soll denn, bei der so allgemeinen Zärtlichkeit für den Leib und alle seine Befriedigungen, der denkende Geist das Einzige sein, was nie die geringste Berücksichtigung, noch Schutz, geschweige Respekt erfährt?“

Abgesehen von der kulturhistorischen Einsicht, dass es in Städten auch vor Erfindung moderner Verkehrstechnologien laut zugegangen ist, thematisiert diese Erregung einen Zusammenhang, der aktuell auch dann selten beachtet wird, wenn gegen den Lärm angekämpft wird: Es geht um das Verhältnis von Lärm und Denken, darum, dass der Lärm in erster Linie eine Störung und Beeinträchtigung jener Konzentration bedeutet, die für das Denken unerlässlich ist. „Ich möchte wissen“, so Schopenhauer am Ende seines kurzen Traktates gegen den Lärm, „wie viele große und schöne Gedanken diese Peitschen schon aus der Welt geknallt haben.“

Für Schopenhauer lag deshalb die eigentliche Infamie des Lärms nicht auf einer psychischen, sondern auf einer sozialen Ebene: Lärm ist der Versuch der körperlich arbeitenden Klassen, das Leben der Kopfarbeiter zu erschweren. Der Lärm ist aus dieser Perspektive ein Herrschaftsanspruch von unten, und er ist es bis heute geblieben. Das macht den Kampf gegen den Lärm nicht einfacher, denn wer Ruhe und Stille sucht, kommt auch heute rasch in den Geruch eines elitären Anspruches, der sich zu gut ist, um die aufheulenden Mopeds Pubertierender, die grölenden Partys Adoleszendierender oder den Verkehrslärm der Werktätigen zu tolerieren. Friedrich Nietzsche, in jungen Jahren stark von Schopenhauer beeinflusst, brachte die Sache dann auf den Punkt: „Lärm mordet Gedanken.“ Und Nietzsche wusste auch, wo das Verhängnis beginnt: „Wo die Einsamkeit aufhört, da beginnt der Markt; und wo der Markt beginnt, da beginnt auch der Lärm der großen Schauspieler und das Geschwirr der giftigen Fliegen.“

Der Lärm stört das Denken – man könnte es auch umdrehen: Was beim Denken stört, und wäre es noch so marginal, ist Lärm. Das mutet seltsam an in einer Zeit, die vom Multitasking schwärmt und es für geradezu selbstverständlich hält, dass auch geistige Tätigkeiten von Musik, Geräuschen, Gesprächen und dem Knattern von Motoren begleitet werden. Wer sich durch diese akustische Reizüberflutung gestört fühlt, leidet an dem, was anderen entweder Freude macht oder eben notwendig ist. Wer sich von Lärm stören lässt, ist eigentlich selbst schuld daran.

Dazu passt auch, dass es Lärmformen gibt, die aus – sagen wir einmal: pädagogischen Gründen – grundsätzlich nicht mehr als störend empfunden werden dürfen. Das Lärmen von Kindern, das wahrlich penetrant sein kann, darf jemanden, der sich konzentrieren will, nicht mehr stören, und die moderne Pädagogik, die es den Lehrern nicht mehr erlaubt, sich Ruhe zu verschaffen, definiert den Lärm in den Klassenzimmern, der jedes geistige Arbeiten unmöglich macht, als positiven Arbeitslärm und wundert sich, wenn die Aufmerksamkeits- und Konzentrationsspanne von Jugendlichen auf wenige Minuten gesunken ist. Diese Pädagogik hält es offenbar mit Søren Kierkegaard, ohne allerdings die Konsequenzen zu bedenken, die dieser für das Arbeiten bei solchenLärmverhältnissen schon mitgedacht hatte. Der scharfsinnige Däne hatte es, in „Entweder–Oder“, tatsächlich verstanden, diese Sache auch von einer anderen Seite zu sehen. Natürlich gibt es „nervenschwache Menschen“, die durch das allerleiseste Geräusch gestört werden und nicht zu denken vermögen, wenn jemand – und wäre es noch so leise – durch das Zimmer geht. Allerdings gibt es auch noch eine andere Art von Nervenschwäche, Menschen, die so schwach sind, dass „sie tüchtigen Lärm und eine zerstreuende Umgebung nötig haben, um arbeiten zu können. Wenn sie allein sind, entschwinden ihre Gedanken ins Unbestimmte, wenn dagegen Lärm und Krach um sie ist, dann zwingt dieser sie, ihm einen Willen entgegenzusetzen.“ Hier findet der Gedanke erst zu sich, indem er sich gegen seine akustisch aufdringliche Umgebung durchsetzen muss. Aber auch dort, wo angeblich Lärm als positiv empfunden wird,handelt es sich um –eine Nervenschwäche.

Prinzipiell können in einer modernen Gesellschaft zwei Arten von störendem, mit Dominanzanspruch ausgestattetem Lärm unterschieden werden: Lärm, der von Menschen erzeugt, und Lärm, der von Maschinen erzeugt wird. In einer technisierten Welt scheint der menschenerzeugte Lärm nicht besonders gravierend, auch wenn dieser – durchaus im Sinne Schopenhauers – mitunter ziemlich nerven kann. Generell entspricht dieser Lärm einem Mangel an Rücksichtnahme und signalisiert natürlich einen Herrschaftsanspruch: Hier rede ich, und mir müssen auch diejenigen zuhören, die gar nicht gemeint sind. Jeder, der in einem Restaurant vom überlauten Gelächter des Nachbartisches überschüttet wird, kennt dieses Problem. Im Hintergrund dieser Lärmerfahrung steht natürlich die laute, erhobene, die brüllende, die sich überschlagende Stimme, die Stimme des Befehls, die sich als einzelne über viele oder als Gegröle der Vielen über Einzelne erhebt. Der brüllende Offizier ist so nur die Kehrseite der brüllenden Hooligans, die einen U-Bahn-Waggon akustisch terrorisieren.

Wie sehr mit solchen akustischen Anschlägen Herrschaftsansprüche nicht nur verbunden, sondern selbst wiederum nach politisch-moralischen Gesichtspunkten bewertet und damit hingenommen werden müssen, zeigt sich, wenn man Lärmquellen miteinander vergleicht. Wer sich etwa von einer Multikulti-Feier in der Nachbarschaft gestört fühlt, sollte, will er nicht als reaktionärer Spießer gelten, vielleicht doch eher nicht zur Polizei gehen.

Gegen von Menschen erzeugten Lärm kann man vielleicht noch vorgehen, gegen den Lärm, den unsere Maschinen erzeugen, nicht mehr. Wenn die These des Philosophen Günther Anders – in seiner Antiquiertheit des Menschen“ – stimmt, dass die Technik zum neuen Subjekt der Geschichte geworden ist, und sich die Imperative unseres Handelns an die Maximen unserer Maschinen und Geräte anpassen müssen, dann heißt das auch, dass der Lärm dieser Maschinen immer Vorrang haben wird: „Sofern wir heute einen Benehmenskodex haben, ist dieser von Dingen diktiert.“ Begründungspflichtig ist nicht die Inbetriebnahme einer lauten Maschine, zum Beispiel eines Flugzeuges, begründungspflichtig ist der Kampf dagegen. Prekär ist dies deshalb, weil die lärmende Maschine zu einem wesentlichen Merkmal der Industriekultur gehört und der Herrschaftsanspruch dieser Kultur nicht zuletzt über den Lärm ihrer Maschinen vermittelt worden ist. Der Kampf gegen diesen Lärm steht so immer im Verdacht, damit auch gegen die Errungenschaften dieser Kultur zu sein: gegen Fortschritt, gegen Mobilität, gegen Wachstum, gegen Straßen, gegen Bahnhöfe, gegen alles. Natürlich kann man auch bei maschineninduziertem Lärm notwendigen von unnötigem unterscheiden. Wo gebaut, renoviert, erzeugt, gefahren und geflogen werden muss, ist es eben mitunter laut. Das ist der Preis des Lebens in einer industriellen Umgebung. Man wird vielleicht krank, und man kann nicht mehr denken, dafür aber ist man schneller dort. Wenn wir uns diesem Lärm ausliefern, unterwerfen wir uns letztlich einem selbstgewählten Lebensstil.

Aber auch dort, wo keine Notwendigkeit vorliegt, genießt der maschineninduzierte Lärm oft Vorrang. Das verbindet den Verbrennungsmotor mit Schopenhauers knallenden Peitschen. Wer je erlebt hat, wie die morgendliche Stille in einem hochalpinen Tal über Kilometer hinweg vom triumphierendenAufheulen eines einzigen Motorrades durchschnitten wird, weiß,wovon die Rede ist. Die Lust, die diese Maschinen erlauben, ist offenbar untrennbar an den Lärm eines Motors gebunden und demonstriert paradigmatischden Herrschaftsanspruch des Lärms: Selbst durch einen Helm und Kopfhörer geschützt, werden alle anderen, Passanten, Radfahrer, Anrainer, Tier und Mensch, dem Lärmterror ausgesetzt: Jetzt komme ich, und ich darf lärmen, weil ich nichts anderes tue, als das eigentliche Kultobjekt unserer Mobilitätskultur zu betätigen: den Verbrennungsmotor. Vielleicht hat sich der Elektromotor bisher deshalb nicht durchgesetzt, weil er zu leise ist und wenig zur Demonstration von Herrschaftsansprüchen taugt.

Ganze Regionen beugen sich willig diesem Herrschaftsanspruch. Als Beispiel mögen die Dolomiten gelten, wo seit Jahren darüber debattiert wird, wie in dieser einzigartigen, mittlerweile von der Unesco zum Weltnaturerbe erhobenen Landschaft der Verkehrslärm, der Wanderer, Bergsteiger, Radfahrer und Kletterer zermürbt und vertreibt, eingedämmt werden kann. Ohne Ergebnis. Eher nimmt man es in Kauf, Erholungssuchende, die Tage, ja Wochen in dieser Region verbringen würden, zu vertreiben, als dass man etwas gegen jene unternähme, die mit jaulenden Motoren über die Pässe brausen, vielleicht einmal übernachten, um dann wieder zu verschwinden. Dies zeigt, gegen jede ökonomische Vernunft, eine Unterwerfung unter das Diktat des Lärms, auch noch in einer Zeit, in der klar ist, dass Grenzen gezogen werden müssten, die Menschen, aber auch Tiere vor diesen akustischen Zumutungen wenigstens einigermaßen schützen.

Wer lärmt, hat recht: Akustische Herrschaftsformen in einer technisierten Gesellschaft besagen nicht – oder zumindest nicht nur –, dass sich soziale und politische Dominanzansprüche auch darin erweisen, dass sie auch mithilfe modernster Technologien versuchen, den öffentlichen und zunehmendauch privaten Raum akustisch zu besetzen, sondern die Existenz und Inbetriebnahme geräuscherzeugender Maschinen stellt an sich einen genuinen Herrschaftsanspruch dar. Die Geräte sind keine Medien, also Mittler, denen wir zuhören, um damit einem anderen zu gehorchen, sondern indem wir uns, freiwillig oder gezwungen, ihren akustischen Parametern unterwerfen, gehorchen wir den Maschinen und machen deren akustische Imperative zu unseren.

Günther Anders hat einmal die interessante Überlegung angestellt, dass Menschen nur solche Geräte haben und benutzen sollten, die auch den Imperativen der Humanität genügen. Ein kleines Gedankenexperiment dazu kann dies veranschaulichen: Man hätte nach der Erfindung des Verbrennungsmotorssagen können, auf eine Technologie, die so viel Lärm, so viel Geknalle und Gejaule erzeugt und jede Form des Denkens sabotiert, wollen wir verzichten. Das war und ist nur schwer möglich. Der Kampf gegen den Lärm dieser Welt ist auch deshalb so mühsam, weil es ein Kampf gegen mittlerweile verinnerlichte Imperative ist. Was nicht laut ist und schreit, was nicht schrill ist und grell, findet einfach unsere Aufmerksamkeit nicht mehr. Von Denken kann in solch einer Welt aber keine Rede mehr sein. ■

Geboren 1953 in Villach. Professor für Philosophie an der Universität Wien. Essayist. 2006 „Wissenschaftler des Jahres“. 2010: „Das Universum der Dinge. Zur Ästhetik des Alltäglichen“. Sein Text bildet ein Kapitel in demBuch „Lob der Grenze. Kritik der politischen Unterscheidungskraft“, das Ende August bei Zsolnay herauskommt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.08.2012)

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3 Kommentare

wer nicht lärmt, ist nicht dabei

liessmann spricht mir aus der seele!

nach einigen bergtouren, die vom unsäglichen gejaule der bikes gestört wurden, manchmal über unfassbare 1.500 höhenmeter hinauf (hochkönig, hochtor), hat sich auch mir die frage gestellt, warum man motorräder keinen lärmbeschränkungen unterwirft? gleiches gilt für die mopeds "pubertierender". stattdessen werden unsummen für lärmschutzwände ausgegeben ...

die sache mit dem proletariat hat auch ihren wahren kern. ich würde jedoch nicht das wort proletariat verwenden. die unreflektierten, tumben, machoiden, in vertriebsmanier aufdrehenden krachmacher finden sich in jeder schicht; gerade in der sogenannten oberschicht, der in neureiche familien geborenen "adoleszierenden".

doch wer nicht mitlärmt, ist nicht hipp, ist nicht in. auch und gerade am wörther see: in den wochen des klagenfurter beachvolleyballturniers oder reifnitzer gti-treffens muss man als lesefreudiger badegast einen riesenbogen um die "badewanne der nation" machen. der einst recht mondäne see ist in den letzten 20 jahren zu einem red-bull-verseuchten event-brecheimer verkommen (es siegten letztlich doch die retzers und rainers. haider sei dank ...). das alles schreibe ich als exil-kärntner, der die wunderschöne kärntner landschaft trotzdem liebt.

liessmann wird dies gut nachvollziehen können, wird doch auch villach jährlich von fasching und kirchtag verlärmt.

Gast: Alice Schalek
13.08.2012 21:59
0 1

Liessmann agiert unscharf, denn ...

"Das Lärmen ist ein Menschenrecht!"

... aber es ist keine Menschenpflicht! - Auch das sei hier angemerkt.

Wer lärmt hat zunächst einmal Recht, in dem Sinne, dass der/die/das Lärmende die Aufmerksamkeit seiner Umgebung erhält.

Aber Aufmerksamkeit ist nicht alles im Leben.

„Es kann nicht schaden, dass man die Proletarier auf die Kopfarbeit der über ihnen stehenden Klassen aufmerksam mache: denn sie haben vor aller Kopfarbeit eine unbändige Angst.“

Nun, hier schießt der gute Schopenhauer doch ziemlich weit übers Ziel.

Zunächst einmal mag dahingestellt sein, ob es denn Klassen überhaupt gibt, die dann als Klassen vermeintlich über den Proletariern stehen.

Und ob jede Kopfarbeit eines Intellektuellen auch wirklich als solche bezeichnet werden darf, bleibt zu bezweifeln.

Die Angst der Proletarier vor der Kopfarbeit! - Wie perfid. Ist es nicht eher die Angst der angeblichen höheren Klassen, vor der potentiellen Kopfarbeit der Proletarier, die ebendiese vermeintlichen höheren Klassen dazu treibt, den Proletariern einzureden, dass diese Angst vor der Kopfarbeit haben müssten?

Ich bin ein Mensch der die Stille liebt und schätzt! - Aber das Menschenrecht auf Lärm will ich niemandem abspenstig machen (außer in meiner Nachbarschaft ... ;-) ).

Eine Menschenpflicht zu lärmen gibt es aber auch nicht!

Wieviel schöner wäre es doch, darüber nachzudenken was der Inhalt unseres Lärms sein soll!



"Lärm ist unwillig gehörter Schall"

Diese Definition von Lärm habe ich schon vor Jahrzehnten gelernt.

Wenn Konrad Paul Liessmann diese Definition kennen würde, hätte er nicht schreiben brauchen: "nie konnte man sich auf eine einfache Definition von Lärm einigen". Dann hätte er sich auch nicht über zwei Zeitungsseiten in Kontemplation zu versenken brauchen, sondern es hätten ein paar kurze Bemerkungen genügt!

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