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Der feuchte Film auf der Haut

10.08.2012 | 18:27 |  Von Peter Truschner (Die Presse)

Mönche, die ungeniert in Pornoheften blättern. Fisch- und Blutgestank, der wie etwas Lebendiges durch Luft- und Speiseröhre dringt. Diese schlammgraue Echse in dem schlammgrauen Kanal. Thailands Wildnis liegt in Bangkok. Eine Begegnung.

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Der Suvarnabhumi Airport ist ein von einer Klimaanlage geschaffenes Kühlschrankbiotop. Als ich das diskret summende Gebäude verlasse und in die Hitze Bangkoks hinaustrete, muss ich an Cees Nootebooms Worte denken: Der Schock des Unbekannten ist aus leiser Wollust gemacht. Anders als die trockene Hitze Spaniens ist die wie in einen feuchten Kokon verwobene Hitze Thailands kein sengender Lichtblock, an dem man zurückprallt. Die Begegnung mit ihr hat für einen Mitteleuropäer sowohl etwas Unangenehmes als auch etwas Verlockendes. Sie stellt eine Art Grenzüberschreitung dar, da sie einem an die Wäsche geht, bald darauf darunter kriecht und sich als feuchter Film auf der Haut ablegt.

In dieser atmosphärischen Zumutung liegt zugleich das Versprechen, auf etwas völlig anderes zu treffen als das, was man gewohnt ist. Es liegt an einem selbst, ob man von dieser Möglichkeit Gebrauch macht, oder ob man sich davor drückt und Bangkok in zwei, drei Tagen wie touristisches Fast Food in sich hineinstopft, um sich danach in einen konventionellen Badeurlaub nach Phuket oder einen ausgedehnten Puffbesuch nach Pattaya zu flüchten.

Wer als Backpacker in Bangkok ankommt, braucht kein Zimmer in einem Guest House oder Hotel reserviert zu haben, die Auswahl vor Ort ist so groß, dass man es sich selbst in der Hochsaison leisten kann, wählerisch zu sein und trotzdem relativ rasch fündig zu werden. Ich habe dennoch der Versuchung eines einmaligen Sonderrabatts im Internet nachgegeben, da das Zimmer einen winzigen Balkon hat, von dem aus man über die Fluten des Flusses Chao Phraya hinweg freie Sicht auf ein am anderen Ufer gelegenes Wat hat, einer im Unterschied zu vielen europäischen Klöstern Laien zugänglichen buddhistischen Tempelanlage. Außerdem liegt das Guest House etwas abseits der Khao San Road im Stadtteil Bang Lampoo, einem Epizentrum touristischen Lebens in Bangkok. Wer am Flughafen kein bestimmtes Ziel hat, wird von einem Taxi oder einem Bus wie ein Paket zielsicher in dieser Straße abgeladen, die von Thailand ungefähr so viel hat wie Goa von Indien. Sicher, es gibt auch in dieser wie mit fernöstlichem Weihnachtsschmuck dekorierten Version einer deutschen Fußgängerzone immer noch die eine oder andere Perle (ein hübsch eingerichtetes Guest House mit familiärer Atmosphäre, ein ansprechendes Lokal) – aber auch die schönste Perle verliert etwas von ihrem Glanz in einer Fassung, die nach Ramsch aussieht.

Der Backpacker, der hier hängen bleibt, trägt im Grunde den Pauschaltourismus im Herzen, hat jedoch noch keine eigene Familie und Kinder, die er von Club-Med-Animateuren bespaßen lassen kann. Die Khao San Road ist ein Ort, an dem etwas Besonderes – in traditionelle Gewänder gekleidete Vertreter eines Karén-Bergvolks, die handgemachte Hauben und Armbänder verkaufen – unausweichlich zu etwas Gewöhnlichem wird, einer heruntergeleierten Revuenummer.


Die Langeweile der Aufpasser

Bestenfalls geeignet, um anzukommen und noch einmal durchzuatmen, bevor man sich wirklich auf den Weg nach Thailand macht, liegt die Khao San Road in unmittelbarer Nähe zu vielen Sehenswürdigkeiten, die ganz oben auf der To-do-Liste jedes Bangkokaufenthalts stehen: Die Tempelanlangen Wat Saket (mit einem 79 Meter hohen, goldenen Chedi), Wat Arun, Wat Po (mit einem 46 Meter langen und 15 Meter hohen, liegenden und vergoldeten Buddha) sowie der alte Königspalast mit dem königlichen Tempel Wat Phra Kaeo, in dem sich der Smaragdbuddha befindet, ein 66 Zentimeter hohes, aus Jade gefertigtes Nationalheiligtum Thailands. Wenn man die Anlage betreten will, muss man seine Beine bedecken. Die Langeweile und Unkonzentriertheit der uniformierten Aufpasser ist jedoch groß, manche lehnen mit hinter dunklen Sonnenbrillen geschlossenen Augen an der Wand und träumen von kühlen Büros, sodass die eine Frau im Minirock dazu aufgefordert wird, sich einen Sarong umzubinden, während die andere unbehelligt davonkommt. Am weitläufigen Gelände tummeln sich nicht nur Touristen, Thais und in traditionell orangefarbene Kutten gekleidete Mönche, sondern auch Gruppen, die eine Mischung von allem darstellen. Sie tragen zwar den Mönchsornat, kommen jedoch augenscheinlich aus anderen Teilen der Welt und sind außerdem mit Tattoos an Ober- und Unterarmen, Ray-Ban-Brillen und iPods ausgestattet.

Verschiedene Tempel bieten vierwöchige Kurse in Englisch, Japanisch und Chinesisch an, um die „Practical Art of True Happiness“ zu erlernen, „that everyone is looking for to better his personal and professional life“, wie es in einem Prospekt der „International Dhammadayada Training Unit“ heißt. Genauso, wie es sich anhört, sieht es dann auch aus, wenn eine unter dem Banner eines solchen Glücksversprechens versammelte buddhistische Freizeittruppe vor der goldenen Stupa eines Chedi posiert: eher wie nach einem Betriebsausflug als nach einem Exerzitium.

Einerseits ist diese Verweltlichung des Mönchtums eine simple ökonomische Notwendigkeit. Der Buddhismus ist Staatsreligion, die Ernennung des Ältestenrats der zentralen buddhistischen Organisation „Sangha“ bedarf des königlichen Einverständnisses, es gibt jedoch keine Kirchensteuer, sodass die Klöster auf Spenden und ein gewinnorientiertes Wirtschaften angewiesen sind. Andererseits hat die in atemberaubendem Tempo um sich greifende Kommerzialisierung der thailändischen Gesellschaft nicht vor den Mönchen haltgemacht. Im Gegenteil, die Klagen über den Verfall der Sitten in den Klöstern sind groß, sexuelle Verfehlungen, Drogenkonsum und Veruntreuung von Spendengeldern sind ebenso feste Bestandteile der thailändischen Boulevardmedien wie Berichte über Filmstars.

Das ein- bis dreimonatige Mönchsleben ist für junge Männer immer noch obligatorisch und gehört zur Praxis des „Tam bun“, einer Art religiös motivierter Vorratsdatenspeicherung an guten Taten, die letztlich dazu führen sollen, aus dem „Samsara“ – dem ewigen Kreislauf von Tod und Wiedergeburt – auszubrechen. Mönche dieser neuen Art tragen schicke Stofftaschen über der Schulter, die optisch ansprechend vernähte Fächer für Notebook und Handy haben, und blättern im Zeitschriftenladen des Bangkoker Bahnhofs Hua Lamphong ungeniert in Pornoheften.

Wie aus der Zeit, da Buddha sich unter seinen Baum begab, wirken da die Berichte von William Dalrymple über indische Digambara-Mönche, die sich den Kopf nicht scheren, sondern die Haare mit den Haarwurzeln ausreißen, und die weder betteln noch Geld annehmen dürfen. Ein wenig fühlt man sich an jenen Wandel erinnert, den die Kirche bei uns durchgemacht hat, indem sie vom Mittelpunkt des Lebens zu einem Ritual im Zuge von Hochzeiten und Todesfällen verkommen ist, an das man sich klammert, obwohl man nicht mehr wirklich daran glaubt.

Vieles in Thailand ist nur möglich durch die im Hinblick auf „Tam bun“ geleisteten privaten Spenden in Milliardenhöhe. Ohne sie würden zum Beispiel viele, die dem (selbst-)mörderischen Bangkoker Verkehr zum Opfer fallen, ohne medizinische Versorgung bleiben. Freiwillige Helfer postieren sich nachts an neuralgischen Punkten und reagieren auf Funkmeldungen von Polizei und Taxiunternehmen. Die Männer, die tagsüber geregelten Berufen nachgehen, versuchen, den heimtückischen Attacken des Schlafs als Red-Bull-Junkies Herr zu werden. Der thailändische Straßenverkehr ähnelt einer Naturkatastrophe oder einer Schlacht, deren einziger Zweck es ist, den Tag heil zu überstehen; es herrscht das mühsam stabilisierte Chaos, die Normalität gewordene Fluchtbewegung. Unter denen, die aufgrund eines riskanten Überholmanövers, eines viel zu geringen Sicherheitsabstands oder eines fehlenden Helms am Straßenrand liegen bleiben, trifft es jene besonders hart, die keine Papiere bei sich haben oder keine Zahlungsgarantie für medizinische Leistungen erbringen können, die über die in der Krankenversicherung festgelegte Grundversorgung hinausgehen.

Noch schlimmer ist es bei den Verkehrstoten, die nur Arbeit machen und Kosten verursachen. Es ist keine Seltenheit, dass die privaten Rettungsdienste mit ihren stöhnenden Schwerverletzten und stummen Toten am Empfang einiger Krankenhäuser entschieden abgewiesen werden, bevor sie irgendwann doch Aufnahme finden. Mit teilweise bestürzender Nachlässigkeit setzen die Menschen im Verkehr ihr Leben aufs Spiel; mit umso größerer Akribie kratzen einzelne Helfer ihre blutigen Hautfetzen und gesplitterten Knochen vom Asphalt, da sich selbst in diesen geschundenen und vergänglichen Partikeln ein Teil jener Seele befindet, die es respektvoll aus diesem Leben zu verabschieden und in ein neues zu überführen gilt.


Unberührt? Oder nur verwahrlost?

Die angenehmste Art, von einem Ort zum anderen zu gelangen, ist die Fahrt mit einem Boot den Chao Phraya hinauf und hinunter. Obwohl die Fähren immer überfüllt und zumeist überdacht sind, hat der kühlende Fahrtwind eine ähnliche Wirkung, als würde man aus einem stickigen, geschlossenen Raum hinaus ins Freie treten. Von Bang Lampoo aus fährt man bis Ratchawong, dem am Wasser gelegenen Tor zu Chinatown, einem der ursprünglichsten und von jeder Modernisierung oder Restaurierung unberührt gebliebenen Viertel in Bangkok – eine Unberührtheit, deren Grenzen zur Verwahrlosung jedoch verschwimmen. Chinatown ist ein kleiner, zusammengeflickter Schlepper, der den Tanker des entfesselten Straßenverkehrs, des unablässigen Lieferanten- und Touristenstroms und der zahllosen mobilen Straßenhändler bewältigen muss. Auf den entgegengesetzten Einbahnstraßen Charoen Krung und Yaowarat fließt der Verkehr wie durch die Nadel einer Spritze. Chinatown ist aber auch ein Schlüsselbund lückenlos aneinandergereihter, kleinerer und größerer Läden, die wie Garagen konzipiert sind und zur Straße hin offen stehen. Eisenwarengeschäfte, Gewürzläden, Bestattungsunternehmen, Haifischflossenrestaurants: Als Tourist kann man in Ruhe davor stehen bleiben und das Auge schweifen lassen, ohne dass sich jemand daran stößt. Nur wenn man die Kamera zückt, kann es vorkommen, dass jemand eine ablehnende Handbewegung macht.

Abseits davon verzweigt sich ein Geflecht von Gassen und kleinen Kanälen, und es bestätigt sich wieder einmal, dass man sich oft nur 100 Meter abseits der ausgewiesenen Touristenpfade halten muss, um sich plötzlich allein unter Einheimischen zu finden, die augenscheinlich nicht mit einem gerechnet haben. Ein Grund dafür ist der für sensible Nasen zumeist unerträgliche Gestank, der sich aus den Abgasen, den Fäkalien, die offen über die Kanäle entsorgt werden, den diversen Gerüchen, die im Zuge der gasbetriebenen Garküchen anfallen, sowie dem Müll, der am Straßenrand liegen bleibt, zusammensetzt.

Die kleinen Kanäle waren einmal die schmutzigen Adern innerhalb jenes miteinander vernetzten Systems von Klongs, die traditionell zugleich als Wasserstraßen, schwimmende Märkte und Abfluss dienten. Viele davon sind in den vergangenen Jahren im Zuge des Wirtschafts- und Baubooms zugeschüttet, die an ihren Ufern ohne Genehmigung errichteten Wellblechhütten abgerissen und ihre Bewohner in Wohnsilos an den Stadtrand verfrachtet worden. Entlang der übrig gebliebenen Klongs wohnen zumeist die Ärmsten der Armen, billige Arbeitskräfte, die – wie auch die meisten Prostituierten – aus dem Issan stammen, dem armen, von der Reiswirtschaft geprägten Norden Thailands (wobei die Zahl der illegalen Einwanderer aus Kambodscha stetig zunimmt).

Essen auf der Straße ist in Bangkok ein Exzess, als könnte man Zeit und Raum in Mangos, Chili und Fisch verwandeln, sie in den Mund stopfen und mit den Zähnen zermalmen. Der allgemeine Appetit scheint dabei kein Ende zu finden, sodass der Tag wie eine große, von Arbeit und Schlaf unterbrochene Mahlzeit wirkt. In den Hinterhöfen der Klongs wird der Nachschub für die Garküchen von Chinatown oder Sukhumvit vorbereitet. In den frühen Morgenstunden wird der in Kühlboxen aufbewahrte Fisch mit Motorrollern oder zu Fuß herbeigeschafft. Für 50 Cent die Stunde werden die Fische in Zehn- bis Zwölf-Stunden-Schichten in geradezu maschineller Geschwindigkeit geköpft und ausgenommen. Die Eingeweide werden auf eine Plastikplane geworfen und bleiben bei 30 bis 35 Grad im Schatten den ganzen Tag liegen. Der Fisch- und Blutgestank dringt wie etwas Lebendiges durch Luft- und Speiseröhre ein, die Arbeiter lachen, während man mit Brechreiz zu kämpfen hat, und bieten einen Schluck Thai-Whisky als Gegenmittel an.


Geruch von Jasmin und Kobragift

Man wird von den Einwohnern der Klongs so wohlwollend und unaufdringlich empfangen, dass man sich ein bisschen dafür schämt – nicht zuletzt, wenn man daran denkt, wie diese Menschen im eigenen Land würden aufgenommen werden. Spätabends wird der ganze Raum mit einer ätzenden weißen Lauge ausgespült, die nach einer Mischung aus Kobragift und Jasmin riecht und auf der Haut brennt. Kein Zweifel: Diese Arbeit wirkt lebensverkürzend. Die Arbeiter verdienen auch das Doppelte von dem, was sie bei der Reisernte verdienen würden. Ein Teil – zumeist der geringere – des Lohns wird behalten, der andere Teil an die auf dem Land verbliebene Familie geschickt, die man durchschnittlich nicht öfter als einmal im Jahr (zum thailändischen Neujahr Songkran) zu Gesicht bekommt. Die Klongs erinnern bei aller Fremdheit auch an jene längst vergangene Zeit, als in Europa unmittelbar vor den Toren der Stadt die stinkenden und feuergefährlichen Gewerbe beheimatet waren: die Gerber und Kalklöscher, Branntweinbrenner und Totengräber, aber auch Arme und Bettler, Lepröse, Huren und Soldaten.

Als ich am Nachmittag im schlammgrauen Kanalwasser eine ebenso schlammgraue Echse schwimmen sehe, die vom Kopf bis zur Schwanzspitze über einen Meter lang ist – eine Größe, die auch einige Thais in Erstaunen versetzt –, ahne ich, was mir später bei einer Wanderung durchs ausgetrocknete Gehölz an der Grenze zu Myanmar, bei der der versprochene Anblick eines Wildtiers wie ein Jägermythos aus vergangener Zeit wirkt, zur Gewissheit wird: Thailands Wildnis liegt in gewisser Weise nicht mehr in irgendwelchen Mangrovenwäldern, sondern in Bangkok. ■

1967 in Klagenfurt geboren. Studierte Kommunikationswissenschaften und Philosophie in Wien und Salzburg. Lebt in Berlin. Bücher: u. a. die Romane „Schlangenkind“ und „Die Träumer“ (Zsolnay). Bangkok ist einer der Schauplätze seines neuen und bisher umfangreichsten Romanprojekts, „Der Spielplatz der Geister“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.08.2012)

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