Auf die Lippen der Reisenden hatte sich das ruhige Lächeln der Leichenträger gelegt.
André Breton, Philippe Soupault
1.
Frag den aliceblauen Röntgen-Schirm (und fragte) und gib acht auf die Spitze eines den Pulverschnee einkreisenden Zirkels in einemReisekoffer, der einen Brautschleier entzweireißt, wenn sich über den Wolken die Kirchtürme nacheinander in Schneckenhäuserverkriechen.
2.
Frag den antikweißen Röntgen-Schirm (Spieglein) und gib acht auf die an den Milchstraßenrändern leuchtenden Laternen, die das Lied der Mitternachtsglocke erst dann freigeben, wenn der vierfüßige Diwan in der Gestalt eines ausgepolsterten Pfauenfederauges seinen Platz eingenommen hat.
3.
Frag den indischroten Röntgen-Schirm (Spieglein) und gib acht auf das löchrige Ticket eines abreisenden Blinden, der in den Winkeln seines Herzens die Statuen der Dämmerung als Verwünschungen auf deinertätowierten Haut ankündigt, Pepo Pichler!
4.
Frag den honigtaufarbenen Röntgen-Schirm (Spieglein, Spieglein) und gib acht auf den Rückzug einer gebrannten Mandel, die auf den Brüsten einer schönen Reisenden zugegen sein wird, wenn sich die Segel weit unter dem Flugzeug blähen und die Nähmaschinennadeln in den bauschigen Wolken ihren Rückzug antreten, denn du schläfst heute in einer zerstückelten Träne.
5.
Frag den kadettenblauen Röntgen-Schirm (an der Wand) und gib acht auf den hintergangenen Schlaf, der im gläsernen Kopf einer Nachtwandlerin im Flugzeug mit den sprachlosen Worten „Ich esse nicht von diesem Brot“ zugegen sein wird über den nach Kautschuk riechenden abgebremsten Rädern des Flugzeugs.
6.
Frag den himmelblau-hellen Röntgen-Schirm(wer ist) und gib acht auf die verstohlen im Kofferraum erschrockenen Hunde, die sich hinter die Leinwand zurückziehen unter denFußsohlen eines Erhängten auf der Mattscheibe, dem die Mitternachtssonne, noch bevor der Strohhalm ertrunken ist, den Schlafaus den Augen gerieben hat und der aussteigen möchte, immerzu aussteigen möchte, in der Luft, ohne aufgeweckt zu werden.
7.
Frag den himmelblau-dunklen Röntgen-Schirm (die Schönste) und gib acht auf die tintenblauen Flusskrebse mit ihren lachsfarbenen Scheren, die im Flugzeug serviert werden und die mit ihrer aus Medaillen bestehenden Spucke in Füllfederhalter eingezogene Perlen vor die Säue werfen.
8.
Frag den goldrutengelben (hell) Röntgen-Schirm (im ganzen Land) und gib acht auf denpfaufedersauren Ruhm eines Mannes hinter dir, der eine in ein Glas Wasser fallendeund sich auflösende Tablette im Flugzeugwerferlicht des Scheins einer knisternden und vom Winde verwehten Feuerstelle ist.
9.
Frag den geisterweißen Röntgen-Schirm(antwortete) und gib acht auf die dünne Eisdecke hinter dem Herzen eines mit seinem buschigen Schwanz wedelnden und „Freue dich, oh Christenheit“ aus seiner mit Krokodilstränen versumpften Hölle rufenden Teufels, obwohl das angegurtete Gebetbuch mit dem eingestanzten Kreuz schwer atmend auf dem Nebensitz liegt.
10.
Frag den muschelweißen Röntgen-Schirm (der Spiegel)und gib acht auf den Hinter-Haltam Rande der unübersehbaren Milchstraße, wenn der Engel mit offenen Augen vor dem Flugzeugabsturz seine Flügel leckt und wenndas Kind, das du warst, Pepo Pichler, mit einem frischen, noch warmen Brotlaib unter den Achseln mutterseelen-, vaterseelen-, bruder- und schwesterseelenallein, aber voller Ahnung über die angeknackste Brücke geht.
11.
Frag den persenningblauen Röntgen-Schirm(Frau Königin) und gib acht auf den scharlachfarbenen Schirmherrn des Todes im herrischen Cockpit, der mit seinem beringten Finger wahllos über das Zifferblatt einer eingeseiften Sanduhr streicht.
12.
Frag den mitternachtsblauen Röntgen-Schirm (ihr seid) und gib acht auf den wasserglucksenden Jubel eines als Wasserring verkleideten Steins im Hinter-Halt einer zur Weißglut verdammten Träne, die im Schlunddes Schachts von be-geisterten Wachhunden mit Krokodilaugen bevölkert wird.
13.
Frag den likörgrünen Röntgen-Schirm (die Schönste) und gib acht auf die Leopardenfelleim Mistkäfergrinsen trophäenwildernder herren- und frauenloser grüner Jagdanzüge, wenn das Spielen der Kinder streng untersagtist in der weiß verschleierten Hochzeitsnacht schlafender Flughunde auf den Nebenschauplätzen zeitloser, aber rotierender Zifferblätter.
14.
Frag den zitronenchiffonfarbenen Röntgen-Schirm (hier) und gib acht auf das scharlachfarbene Ohrläppchen eines durch den Himmel schwebenden taktlosen Pfaus, der die Geisterschiffe des Universums von den Skeletten der Kurtisanen nicht unterscheiden kann im Schutze der Nacht, wenn die Jagdenauf die Toten mit den senkrecht und waagrecht auseinandergeschnittenen Augen der Geliebten beginnen.
15.
Frag den aquamarinblauen (mittel) Röntgen-Schirm (über den Bergen) und gib acht auf das eingekofferte Scherenschnittmuster als Wasserzeichen einer kraulenden Schwimmerin hinter der Milchglasscheibe eines an der Flugzeugschnauze vorbeiziehenden und „Alle, alle Achtung!“ rufenden Regenbogens, der die Begräbnisrosenblätter als Kohlen ausdem Feuer holt.
16.
Frag den goldrutenblassen Röntgen-Schirm (bei den Zwergen) und gib acht auf die im Kofferraum im zerbrechlichen Regen blindwütige Pistole mit dem Pulvergeruch in den Wasser-Adern, seitenverkehrt zu den Donnergeräuschen beleckender, vom Himmel fallender Friedhöfe, der eine nach dem anderen, bevor es an der Tür läutet und die volle Gute-Milch-Glasflasche den Grabstein als unseren Blitz, unseren Donner und unseren himmlischen Regenbogen begrüßt, aufs Herzlichste.
17.
Frag den kornblumenblauen Röntgen-Schirm (tausendmal) und gib acht auf den imNamen des Herrn abstürzenden Herrgottswinkel, der die Großwildjäger (Leopardenfell, Schlangenhaut, Felle indischer Tiger) imKreis tanzen und immer wieder rufen lässt: „Und die Toten? Und die Toten?“, bevor der Tag zu Ende geht, der vierbeinige Tisch des letzten Abendmahls der in den Wassermassen eingeschlossenen Schwimmerin im Kofferraum windelweich auf dem Bauch herumtanzt und die letzten Schritte der Spaziergänger als scharlachrote Wegbereiter mit dem Hahnenkammgummi auf dem Scheitel in Erinnerung ruft.
18.
Frag den distelfarbenen Röntgen-Schirm(schöner) und gib acht auf die sich tage- und nächtelang im Reisekoffer ausruhende Steinschleuder des Glücks, die aufgebrochen ist zuden Pyramiden Ägyptens, um einem Menschengott den Atem zu rauben, wenn diehysterisch aufgebrachten Sternschnuppen dem Cockpit auf der Nase herumtanzen.
19.
Frag den papayacremefarbenen Röntgen-Schirm (Spieglein) und gib acht auf die rosarote Brille der Durchsichtigkeit der Ruderschläge zweier bei Ebbe gestrandeter Boote aus Menschenknochen am Golf von Bengalen, die Passagierscheine mit Fischzügen als Verstoß gegen die durchsichtige Flut mit der Laune über die Akkordeontasten trippelnderZehenspitzen – Mensch hin, Mensch her –im Riff der Sprachen verwechseln.
20.
Frag den kaki-dunklen Röntgen-Schirm(Spieglein) und gib acht auf den verwitterten Propeller in den durchsichtigen Kniekehlen himmelwärts ziehender, wortreicher Tausend-Füßler, die mit Schweigegeld in derSchweigeminute hoch über den Wolken alles andere als schiffbrüchig und erst recht nicht wortbrüchig werden.
21.
Frag den gainsborofarbenen Röntgen-Schirm(Spieglein, Spieglein) und gib acht auf den mutmaßlichen Hagel mit ins Flugzeug gestiegener, mit Gummiringen zusammengebündelter orangeroter Storchenbeine, die dasLamm Gottes mit den Luftlöchern des Wolkendunstes abspeisen und mit glatzköpfig rasierten Augäpfeln dem schwingend widerhallenden Lärm einer Klinge nacheifern, zusammengeschweißt von der Seele des Indischen Ozeans und der Seele des Golfs von Bengalen im Himmel über Indien.
22.
Frag den pulverblauen Röntgen-Schirm (an der Wand) und gib acht auf das pfeilschnelle Meeresauge eines korrekten Mietvertrages zweier Seepferdchen im Aquarium des Jumbojets mit den Tausenden Fingerabdrücken mitreisender Kinder, die mutmaßliche Seesterne erledigen, wenn die Flugzeugbrüchigen als leergeschossene Patronenhülsen hinter dem Schiffbrüchigen herhetzen auf der glatten Oberfläche der See und sich dabei diekleinliche Frage stellen, wer früher oder später zur Hyäne ihres vermaledeiten Herrgotts wird bei den Gebeten einander auseinanderdividierender Hände.
23.
Frag den pfefferminzcremefarbenen Röntgen-Schirm (wer ist) und gib acht auf die sich unter den unmenschlichen Augenlidern zu inbrünstigen Ratten verschiebenden taubstummen Sterne, die pure Angst als reinen Tabernakel der Schwindsucht von uns erwarten und das Ewige Licht erst entdecken, wenn sich das kleine Straßencafé in einen ganzen außerirdischen Tabakladen unter dem kleinsten Fingernagel des Universums verwandelt, während ein weißes Pferd als Wolkengespinst langsam am Fenster des Flugzeuges vorübergaloppiert und das angegurtete Kind immer wieder ruft, als hätte es sagen wollen: „Mama! Die cholerische Hand eines blutgierigen Zahns einer schwarzgelb gefleckten Muräne hat immer Vorrang!“
24.
Frag den navajoweißen Röntgen-Schirm (dieSchönste) und gib acht auf die hinfällige Züchtigung eines ertrunkenen, im Fieberschauer entstandenen Bildes, das immer wieder niederbricht vor den ins Jenseits einer alles verhaspelnden Rechenmaschinegaloppierenden Wimpern zweier aus Indien mitfliegender, im Kofferraum eingesperrter Pfauen, die vor dem Wallfahrtsbild des Himmels einen Märtyrer zu einem clownhaft geschminkten Löwen verlocken, der von der Rippe des Zweifels nascht am Schwarzmarkt des Todes.
25.
Frag den schiefergrauen Röntgen-Schirm (imganzen Land) und gib acht, wenn sich glockenartig die Wolken am Himmel auftürmenund eine aus ihrer eigenen Haut kriechende Leiche, kistenmäßig im Kofferraum verpackt,sich nach den Brüsten einer Jungfrau im immer schneller werdenden Wachsen der Fingernägel sehnt, bis das Flugzeug mit seiner Lebens- und Todesfracht eingewickelt und eingegittert ist von den tiefer und immer tiefer blau und immer länger werdenden Fingernägeln dieses aus seiner Haut schlüpfenden Toten und weiterfliegt und weiterfliegt, bis sich der Himmel aus dem Ei schält und die Kraniche habt acht stehen vor einer zerbrochenen Menschenrippe, der ersten, wenn man so sagen darf.
26.
Frag den violettrot-blassen Röntgen-Schirm (die Junge) und gib acht, wenn der Teufelskerl von einem die Krypta eines Papstes um den Hals tragenden Piloten eine Aprikosentorte mit einem mitreisenden jungen Konditor und einer Leichenwäsche-Spitzenklöpplerin als zappelnde schwarzviolette Regenschirme verwechselt, die ihren Geist im mit Brombeerstrauchmuster tapezierten Tabernakel aufgegeben haben.
27.
Frag den waldgrünen Röntgen-Schirm (ist tausendmal) und gib acht auf die im Flugzeug schweigende Herde ausgestorbener Gaslaternen, die den Seepferdchen im Flugzeugaquarium den Schrecken einflößen undsie durch durchsichtige Eidechsen ersetzen wollen, wenn der Vater tief unten auf der Erde die durch die Sicherheitsnadel laufende Schweineherde mit Perlen vor die Säue wirft, Nabel für Nabel.
28.
Frag den rosigbraunen Röntgen-Schirm(schöner) und gib acht, wenn der pfirsichfarbene Schoß einer jungen Frau das durch mehr als sechsunddreißig dicht nebeneinanderstehende Fensterscheiben gehende elendslange Rentier aus einer Höhle lockt und ihr urplötzlich losgelöster und ihrem Körper abhandengekommener Bauchnabel auf einer bemoosten Muschel von Pflasterstein zu Pflasterstein hüpft und die Birnen mit dem Namen „Williams Christ“ nichtschlafen lässt vor der endgültigen Blüte. ■
("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.09.2012)















