Harmlos?

14.09.2012 | 18:48 |  Mit einer Nachbemerkung von Antonio Fian (Die Presse)

Knapp 40 Fallberichte zu den NS-Opfern des oberen Drautals haben Anita Profunser und Peter Pirker für ihren Band „Aus dem Gedächtnis in die Erinnerung“ zusammengetragen – und heimische Autoren zu literarischen Reflexionen eingeladen. An dieser Stelle: Wie der US-Pilot William McCurdy zu Tode kam.

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Am 16. November 1944 überflogen gegen 12.30 Uhr mehrere US-Bomber das obere Drautal in Richtung Süden. Eines der Flugzeuge kam durch einen Motorschaden in Schwierigkeiten. Die siebenköpfige Besatzung rettete sich durch einen Absprung mit Fallschirmen. Fünf der US-Soldaten landeten unverletzt im Gemeindegebiet Berg, zwei in der Gemeinde Dellach. Der Pilot William McCurdy kam alleine beim abgelegenen Weiler Ebenberg zu Boden.
Während die restlichen sechs US-Soldaten von der Landwacht festgenommen und der Gendarmerie übergeben wurden, überlebte William McCurdy seine Notlandung nicht. Als er sich im etwa 30 bis 35 Zentimeter hoch liegenden Schnee unbewaffnet und mit erhobenen Händen auf zwei bewaffnete Landwachtmänner, Anton Taurer und Franz Winkler, zubewegte, um sich zu ergeben, legten diese ihre Gewehre an und schossen auf ihn, ohne einen Warnschuss abgegeben zu haben. Eine Kugel traf William McCurdy von vorne in den Bauch. Er starb kurz darauf am Tatort an seinen Verletzungen. Der Leichnam von William McCurdy wurde am Friedhof in Waisach beigesetzt. Der Täter Anton Taurer wurde laut Chronik der Gendarmerie Greifenburg „für sein unerschrockenes Handeln mit einer Anerkennungsurkunde und einer Belohnung von 100 RM ausgezeichnet“. – Die Erschießung von William McCurdy war einer von etwa 350 „Fliegermorden“, die in der Endphase des Dritten Reiches verübt wurden. Der gewaltsame Tod des US-Piloten war im Februar 1947 Gegenstand eines Prozesses der US-Militärkommission in Salzburg zur Aufklärung von Kriegsverbrechen – insgesamt gab es zwischen Mai 1946 und Mai 1948 16 solcher Kriegsverbrecherprozesse gegen insgesamt 61 Angeklagte. Im Zuge der Ermittlungen zum Tod von William McCurdy, zunächst durch britische, dann durch amerikanische Militärbehörden, wurde sein Leichnam exhumiert und untersucht.
Nach einem peniblen Verfahren mit einer genauen Nachstellung am Tatort, zahlreichen Zeugeneinvernahmen, medizinischen Gutachten und Eruieren der Befehlslage wurden neben Anton Taurer und Franz Winkler auch der Greifenburger Gendarm Stefan Hanser und der Ortsgruppenleiter der NSDAP in Bruggen, Anton Oberzaucher, angeklagt. Das US-Militärgericht befand die beiden Landwachtmänner Taurer und Winkler schließlich für schuldig, William McCurdy vorsätzlich und mit Absicht getötet und damit ein Kriegsverbrechen begangen zu haben. Die Tat verstieß gegen die Genfer Konvention über die Behandlung von Kriegsgefangenen. Sowohl Hanser als auch Oberzaucher wurden vom Gericht hingegen freigesprochen. Die Täter beriefen sich auf Befehle von Hanser und Oberzaucher, diese aber wiederum verwiesen auf eine Anordnung des Spittaler NSDAP-Kreisleiters Matthias Zmölnig, den dieser während eines Appells gegeben habe, nämlich abgesprungene alliierte Soldaten zu erschießen: „Alles, was vom Himmel kommt, muss wieder in den Himmel zurückbefördert werden“, soll Zmölnig laut dem Ortsgruppenleiter von Dellach, Ignaz Pirch, angeordnet haben.
Die Strafe für Anton Taurer und Franz Winkler lautete auf lebenslange Haft. Im Jahr 1948 – der Kalte Krieg hatte im Jahr zuvor begonnen – stellten die westlichen Alliierten die Ahndung von Kriegsverbrechen in Österreich ein. Stattdessen wurde mit der Ausarbeitung eines Begnadigungsprogramms für die bereits verurteilten Täter begonnen. Drei Jahre später suspendierte die US-Militärjustiz Franz Winklers Strafe aus Gründen der Menschlichkeit und entließ ihn aus der Haft. Anton Taurer erhielt zunächst einen Strafnachlass auf 25 Jahre Freiheitsentzug, was im Begnadigungssystem faktisch eine Entlassung im Mai 1955 ermöglichte. Eine Intervention des Salzburger Landesrates Sepp Weisskind (SPÖ) erbrachte einen weiteren Nachlass von zwei Jahren, wodurch Anton Taurer 1954 auf „Parole“ aus der Haft entlassen wurde. Dies bedeutete, dass er bei aufrechter Gültigkeit des Urteils und bei Einhaltung von Auflagen einen Teil der Strafe außerhalb der Gefängnismauern verbüßen konnte. Eine der Bedingungen war, dass er die Tat bereute.

„Harmlos“, war meist die Antwort, wenn man fragte nach dem Kreisleiter Zmölnig, dem ranghöchsten Vertreter der NSDAP in und aus meiner Heimatstadt, „harmlos“ sei er gewesen, fanatisch gewiss, fanatisch schon, wie viele andere auch, Idealist eben oder, je nach Betrachtungsweise, verblendet, aber „harmlos“, „harmlos im Grunde“. Und wahrscheinlich war er genau das, harmlos, verblendet, keiner, der Böses wollte. Nachweislich war der Kreisleiter Zmölnig ein beliebter, leutseliger Mann, nachweislich war er nicht nur absolut treu und gehorsam der Partei gegenüber und seinem Führer ergeben, sondern auch für die Bevölkerung da und hat sich – ein Milderungsgrund später – auch für Andersdenkende, für politisch Verfolgte eingesetzt. Aber dieser Satz, dieser „Befehl“, auf den die Landwachtmänner Taurer und Winkler, die Mörder des US-Fliegers William McCurdy sich berufen haben, mit dem sie versucht haben, ihre Tat zu entschuldigen, „alles, was vom Himmel kommt, muss wieder in den Himmel zurückbefördert werden“, wie passt dieser Satz zum Kreisleiter Zmölnig?
Gar nicht passt er zu ihm, denn der Kreisleiter Zmölnig war harmlos, und es war ja auch gar nicht sein Satz, er hat ihn zwar gesagt, aber nicht als seinen eigenen, sondern er hat ihn übernommen, vom Tiroler Gauleiter Hofer, der ihn vielleicht seinerseits wieder von jemand anderem übernommen hat, vom Minister Goebbels zum Beispiel, gut möglich, und hat ihn weitergegeben, wie ein Staffelholz, an den Ortsgruppenleiter Oberzaucher, und der Ortsgruppenleiter Oberzaucher hat ihn wieder weitergegeben, an seine Soldaten, unter ihnen die späteren Mörder des US-Fliegers William McCurdy, die Landwachtmänner Taurer und Winkler, die niemanden mehr hatten, an den sie den Satz hätten weitergeben können, und daher zur Tat schritten, einer Tat, durch die sie, zwar nicht so irreparabel wie das des US-Fliegers William McCurdy, auch ihre eigenen Leben maßgeblich beschädigt haben, und die aller Wahrscheinlichkeit nach auch harmlos waren im Grunde, fanatisch gewiss, fanatisch schon, Idealisten, verblendet, oder aber auch nur ängstlich dem US-Flieger William McCurdy gegenüber, der da mit erhobenen Händen im Schnee auf sie zukam, Angsthasen, auch das wäre möglich, und wer wollte es ihnen verübeln.
Das aber hätten sie nicht tun dürfen, die Landwachtmänner Taurer und Winkler, sie hätten das Wort nicht zur Tat werden lassen, unter keinen Umständen hätten sie einen solchen Befehl befolgen dürfen, sie hätten wissen müssen, dass er völkerrechtswidrig war und daher zu verweigern gewesen wäre, einen rechtswidrigen Befehl weitergeben ist eine Sache, einen rechtswidrigen Befehl befolgen, eine andere; harmlos, daher straffrei die erste, letztere Mord, mit lebenslänglicher Haft zu bestrafen. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.09.2012)

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