Die Frau ohne Namen

21.09.2012 | 18:30 |  Von Barbara Frischmuth (Die Presse)

Eine Frau, ein Hund, eine Kuh und eine Katze, sie alle sind zum Überleben verurteilt – innerhalb einer Grenze, die sie nicht überschreiten können. Marlen Haushofers Roman „Die Wand“, verfilmt von Julian Pölsler.

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Nicht dass ich fürchtete, ein Tier zu werden, das wäre nicht sehr schlimm, aber ein Mensch kannniemals ein Tier werden, erstürzt am Tier vorüber in einen Abgrund“, heißt es in Marlen Haushofers Roman „Die Wand“ aus dem Jahr 1963. Unumkehrbar wie bestimmte chemische Reaktionen, wie aber auch die Zeit, erscheint dieser Verlauf der Menschwerdung, nach dem der Mensch trotz vieler gemeinsamer Merkmale nicht mehr ins Tiersein zurück kann. Was nicht heißt, dass er gegen den tiefsten Fall gefeit wäre, nämlich den ins Untierhafte, bar jedes tierischen und menschlichen Anstands. So wie jener Erzengel, ursprünglich ein Lichtbringer, der auch nicht in den Menschen, aus dessen Wahrnehmung er sich erhoben hatte, zurückfallen konnte, sondern in einen noch tieferen Abgrund, der als Hölle in die Religionsgeschichte eingehen sollte, gestürzt wurde. Noch immer im Rang eines Fürsten, wenn auch des der Finsternis.

Die Frau, erzählendes Ich in Marlen Haushofers Roman „Die Wand“ sowie in Julian Pölslers gleichnamigem Film, hat keinen Namen mehr, warum auch? Sie ist offenbar die Einzige, die die Katastrophe überlebt hat, wozu also ein Name, mit dem keiner sie mehr nennen wird? Über Nacht eingesperrt innerhalb einer sehr kompakten, wenn auch glasartig durchsichtigen Grenze, ist sie vollkommen auf sich selbst zurückgeworfen. Auch geht sie das Revier, das ihr verblieben ist, nie zur Gänze ab, sei es, weil es zu unwegsam ist, sei es, weil sie das Eingesperrtsein bereits mit allen Sinnen begriffen hat.

Julian Pölsler hat in seinem Drehbuch, das einzig und allein auf dem Romantext beruht und sich durch Reduktion und nicht durch Veränderungen oder Hinzufügungen über sieben Jahre hin entwickelt hat, so gut wie alles Biografische ausgespart. Die beiden, mit denen die Frau in einem Mercedes zum Jagdhaus kommt, Cousine Luise mit Mann Hugo, der auch der Jagdherr ist, tauchen nur als diejenigen auf, deren Verschwinden die Frau am nächsten Morgen als Erstes bemerkt, was als Hinweis darauf dient, dass etwas Unvorhergesehenes und, wie sich herausstellen soll, Unvorstellbares geschehen ist. Zum Glück hatte das Paar, bevor es noch einmal ins Dorf ging, Luchs, seinen Jagdhund, zurückgelassen, sonst wäre auch er wie alle übrigen Lebewesen außerhalb der Wand wohl einer Art tödlicher Erstarrung zum Opfer gefallen. Nur die Pflanzen scheinen davon unberührt und tun, was Pflanzen immer tun, wenn man sie lässt, nämlich alles Land in Besitz nehmen. Die Grundkonstellation von Buch und Film ist somit folgende: Eine Frau, ein Hund, eine Kuh und eine Katze, die bei strömendem Regen Schutz im Jagdhaus sucht, sie alle sind gewissermaßen zum Überleben innerhalb einer Grenze, die sie nicht überschreiten können, verurteilt, und das in einer Landschaft an der Alpennordseite, geradezu beklemmend schön, doch genügt ein Blick, um zu wissen, dass der Winter eisig und voller Schnee sein wird.

Wenn Martina Gedeck – seit ich den Film gesehen habe, kann ich mir keine andere Schauspielerin in dieser Rolle vorstellen – in ihrem nicht eben kleidsamen städtischen Outfit mit gerade noch asphalttauglichen Schuhen in Begleitung von Luchs nichtsahnend auf die Wand zustolpert, an der sie sich kurz darauf die Stirn anschlägt, lässt sich an ihrem Gesichtsausdruck ablesen, dass sie nicht aus einem glücklichen Dasein, sondern eher aus einem Leben herauskatapultiert wird, das jede Veränderung erst einmal als Alternative erscheinen lässt. Auch wenn der Schock des Begreifens zu Taumel und Verwirrung führt, zeigt schon die nächste Szene die Frau in Bergschuhen und zünftiger Kleidung, mit Hugos Feldstecher ausgerüstet, bei der wachen Erkundung dessen, was das Geschehene für sie und die Tiere bedeuten mag.

Natürlich ist man, wenn man das Buch kennt, immer wieder versucht, es gegen den Film zu halten. Anfangs vermisst man noch die Hinweise, dass die Frau als Jugendliche ihre Ferien in einer Gegend wie dieser verbracht, zum Spaß melken und mähen gelernt hat und sich mit Tieren auskennt. Aber eigentlich bedarf es dieser Informationen nicht, wenn man sieht, wie Gedeck es angeht. Wie sie anfangs noch an ihrer Fähigkeit zweifelt, den Anforderungen eines Überlebens außerhalb dessen, was wir Zivilisation zu nennen uns angewöhnt haben, gewachsen zu sein. Gleichzeitig signalisiert ihr Körper schon die Bereitschaft, sich früher erworbener Fertigkeiten zu erinnern, erst noch ungelenk, jedoch durch hartnäckiges Üben zur Form auflaufend. Und das nicht nur beim Holzhacken und Melken, auch bei der Jagd.

„Luchs“, heißt es im Text, den Gedeck auf unnachahmliche Weise ganz aus sich heraus spricht, aus dem Off oder während sie ihren Bericht auf der Rückseite von Kalenderblättern und Hugos vergilbtem Geschäftspapier schreibt, „Luchs stand mir am nächsten, er war bald nicht nur mein Hund, sondern mein Freund; mein einziger Freund in einer Welt der Mühen und Einsamkeit. Er verstand alles, was ich sagte, wusste, ob ich traurig oder heiter war, und versuchte auf seine einfache Art, mich zu trösten.“

Dass dem Film die bildliche Umsetzung dieser Freundschaft, dieses Aufeinander- angewiesenseins und des sich gegenseitig Tröstens und Schützens so leichthändig gelingt, liegt wahrscheinlich daran, dass Luchs Julian Pölslers Hund ist. Er hat ihn selbst trainiert und darauf geachtet, dass Gedeck und der Hund eine Beziehung des gegenseitigen Vertrauens zueinander aufbauen konnten. Wer je miterlebt hat, was es heißt, mit Tieren zu drehen, kann vor der geglückten Zusammenarbeit von menschlichen und tierischen Schauspielern in diesem Film nur den Hut ziehen. Selbst die Katzen fügen sich glaubwürdig ins Bild, obwohl auf manche Umsetzung aus der Buchvorlage zugunsten der Natürlichkeit verzichtet werden musste, von der Kuh und dem Moment ihres Kalbens gar nicht zu reden.

Die existenzielle Situation der Frau und ihrer Tiere ist eine ohne Zukunft. Die Frau, Anfang 40, wird kein Kind mehr gebären, selbst wenn es noch einen weiteren Überlebenden geben sollte. Der Hund ist von Anfangan der Letzte seiner Art. Die Katze wirft dreimal hintereinander – irgendwo da draußen muss es noch einen wilden Kater geben –, aber selbst die beiden lebendig geborenen Kätzchen, Perle und Tiger, überleben den Wald mit seinen Füchsen, Uhus und sonstigen Fressfeinden nicht. Der junge Stier, bei dem die Frau Geburtshilfe geleistet hat, wird von jenem Mann, der auch Luchs getötet hat, mit der Axt gefällt. Vielleicht hat der junge Stier zuvor seine Mutter noch erfolgreich bestiegen, aber selbst wenn es ein weiteres Kalb gäbe, ist nicht gesagt, ob die Inzucht nicht mehr Schaden anrichten würde, als die Hoffnung auf Weiterbestand der Art wert wäre.

Allmählich zieht die Zeit sich immer mehr zu einem Jetzt zusammen, in dem es zwar noch Abläufe gibt, jedoch die Aussicht auf Generationserneuerung von Mensch, Hund, Katze und Rind nicht mehr besteht. Das Leben verwirklicht sich immer intensiver in diesem Jetzt, ohne Träume, ohne Visionen, ohne Zielstrebigkeit, die Realität verdichtet sich zusehends. „Ich weiß nicht“, schreibt die Frau, sagt Gedeck, die immer mehr zu dieser Frau wird, „ob ich es ertragen werde, nur noch mit der Wirklichkeit zu leben.“ Wenn man sieht, wie Gedeck einen Erdäpfelacker umsticht oder die Blasen, die die Sense an ihren Handtellern hinterlassen hat, betrachtet, wenn sie neben Luchs in der Wiese liegt oder erschöpft auf der Hausbank döst, wird deutlich, wie sehr sie bereits in ihre Umgebung verstrickt ist, in das, was sie ist, wie sie lebt und wie sie zunehmend ihrer Natur ausgeliefert ist. „Etwas war in mir eingepflanzt, das es mir unmöglich machte, Anvertrautes im Stich zu lassen“, versucht sie, ihr Weiterleben zu rechtfertigen. Eingepflanzt erscheint somit als Schlüsselwort, das zu einer anderen Stelle im Text überleitet: „Manchmal verwirren sich meine Gedanken, und es ist, als fange der Wald an, in mir Wurzeln zu schlagen und mit meinem Hirn seine alten, ewigen Gedanken zu denken. Und der Wald will nicht, dass die Menschen zurückkommen.“

Gedecks Verwandlung in diese eingewachsene Frau zeigt sich nicht nur an ihren abgearbeiteten Händen, den schwarzen Fingernägeln, ihrem kurzgefitzelten Haar, sondern vor allem in ihrem zunehmend erdiger wirkenden Gesicht. Es ist das Gesicht von „danach“. Nachdem dieser aus dem Nichts aufgetauchte andere Überlebende Luchs und den jungen Stier erschlagen hat, ohne jeden Grund, wie es scheint.

Die Frau holt das Gewehr aus der Almhütte und legt an. Sie weiß längst, dass sie imstande ist zu töten, und sie tut es. Da hätte ich mir als Zuseherin gewünscht, dass der Film ohne Zeitlupe ausgekommen wäre. So wirkt diese Szene auf mich wie ein zaghafter Versuch, diese Wirklichkeit des Tötens durch eine Rhythmusänderung im Ablauf in Richtung Mythos zu drängen. Auch dass man das Gesicht des Untiers nicht sieht, nur seine Rückseite. Noch dazu hat es langes gelocktes Haar. Eben doch kein Mensch – was ja das Furchtbarste an ihm ist –, sondern der Fürst der Finsternis?

Danach beginnt die Frau mit ihrem Bericht, um den Verstand nicht zu verlieren, wie sie schreibt. Sie lebt und verschmerzt, wie auch die Pflanzen letztlich alles verschmerzen, redet von einem neuen Ich, das langsam von einem größeren Wir aufgesogen wird. Dass der Film diese schrittweise Entindividualisierung sichtbar machen kann und man dieses Sichzurückverwandeln in eine frühere menschliche Seinsweise geradezu körperlich erfährt, ist vielleicht sein größtes Verdienst. „Es gibt keine vernünftigere Regung als die Liebe. Sie macht dem Liebenden und dem Geliebten das Leben erträglicher. Nur, wir hätten rechtzeitig erkennen sollen, dass dies unsere einzige Möglichkeit war, unsere einzige Hoffnung auf ein besseres Leben“, so das Fazit der Frau. Ein Abglanz dieser Möglichkeit spiegelt sich im Gesicht von Martina Gedeck, wenn sie sich ihren Tieren zuwendet, sie streichelt, zu ihnen spricht. Das gezeigt zu haben macht diesen Film zu einem herausragenden, zu einem Muss-Film, dessen Bilder einem lange nicht aus dem Kopf wollen. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.09.2012)

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2 Kommentare
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buch und film und barbara frischmuths Artikel

sind atemberaubend authentisch und einzigartig!

Tolles Buch ...

Extrem intensiv und knapp. Ich freue mich auch schon auf den Film!

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