Wie wird man Islamist?

Er ist behütet aufgewachsen, in einer englischen Mitteklassefamilie, Jurist, gebildet, höflich. Karriere freilich machte Maajid Nawaz als Rekrutierer einer radikal-islamistischen Organisation. Heute steht er auf der anderen Seite. Ein Gespräch.

Maajid Nawaz entspricht nicht unserer Vorstellung und dem Profil des typischen radikalen Extremisten. Oder doch? Er ist gebildet, Jurist mit Spezialisierung auf englisches und islamisches Recht, behütet aufgewachsen in einer englischen Mittelklassefamilie, höflich und sensibel. Er wurde von den Versprechungen Hizb ut-Tahrirs, einen islamischen Staat zu schaffen, magisch angezogen und machte Karriere als einer ihrer engagiertesten islamistischen Rekrutierer in Europa. Eine Laufbahn, die wenige Tage nach den Anschlägen vom 11. September in einem ägyptischen Gefängnis abrupt endete. Dort verbrachte er fünf Jahre in Isolationshaft.
Heute steht Maajid auf der anderen Seite. Er ist ein leidenschaftlicher Counter-Terrorist, der für einen anderen Jihad kämpft, für das demokratische Erwachen der Muslime weltweit und die Quilliam Foundation in London leitet, einen Counter-Terrorismus-Thinktank.

Maajid Nawaz, Sie gingen mit 15 Hizb ut-Tahrir ins Netz, ein Alter, in dem Jugendliche sehr gefährdet sind. Hip-Hop war Ihre Leidenschaft, aber Rassismus war Ihr Problem. Wie ist das heute? Kämpft die junge Generation immer noch mit ähnlichen Problemen?


Als ich in den Neunzigerjahren in Southend aufwuchs, ging es vor allem um die Herkunft und weniger um Identität oder religiöse Zugehörigkeit. Wir kämpften mit unserer Hautfarbe. Heute ist das nicht mehr so. Wir haben eine pakistanische Muslimin in der Regierung, ein weiterer Pakistani vertritt die Opposition, Sadiq Khan ist der Schattenminister der Labour Party, Obama ist Präsident der Vereinigten Staaten. Hätte mir das jemand vor 15 Jahren erzählt, ich hätte ihn ausgelacht.

Trotzdem, das Unruhepotenzial ist immer noch da. Die Suche nach ihrer Identität ist für die junge muslimische Generation weltweit ein großes Anliegen.

Und gleichzeitig einer der Hauptgründe für Radikalisierung. Identität spielt eine wichtige Rolle für junge Muslime, die in den Extremismus abrutschen. Es geht nicht mehr um die ethnische Herkunft, sondern vielmehr um Ideen. Und das ist noch viel komplizierter.

Wie werden junge Menschen heute radikalisiert? Auf der einen Seite gibt es hohe Jugendarbeitslosigkeit, Frustration, Perspektivenlosigkeit. Andererseits gibt es heute dezidierte Integrationsbemühungen auf den verschiedensten Ebenen. Was ist für die jungen Menschen dennoch so attraktiv an radikalen Netzwerken?

Es geht um die Ungerechtigkeiten, ob sie real oder gefühlt sind, das löst eine Identitätskrise aus. Das Denken der jungen Menschen kann durch die typischen tagesaktuellen Aufreger punktgenau in die falsche Richtung führen: „Okay, ich scheine nicht willkommen in dieser Gesellschaft zu sein, wenn Minarette und Kopftücher verboten werden. Mir bleibt nichts anderes übrig, als mich zu distanzieren.“ Das sind einige der subjektiv wahrgenommenen Rückschläge, die aber kein ausreichender Grund sind für Radikalisierung.

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