Zurück in die Zukunft?

12.10.2012 | 18:34 |  Von Anneliese Rohrer (Die Presse)

Ist es noch immer erstrebenswert, in den USA zu leben? Über einen wüsten Streit mit meiner Tochter und meinen eigenen amerikanischen Traum, in dem alles möglich schien, einst.

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Einen unpassenderen Ort für einen wüsten Streit über die USA mit der eigenen Tochter gibt es wohl nicht. Im Schatten des dunkelgrauen Zinnenturms einer mittelalterlichenKirche in Südengland brach er unvermittelt aus. Der Himmel so tief blau, wie ihn Engländer meist nur erträumen können; sattgrüne Hügel wie aus einem Jane-Austen-Roman. Totale Stille, die nicht einmal Schafe zu stören wagten.

Was den Streit ausgelöst hatte, war bald nicht nachvollziehbar. Zu stoppen war er nicht mehr. Ist es noch immer erstrebenswert, in den USA zu leben? Hat die Mehrheit, vor allem die weiße angelsächsische, noch immer die Energie, Spitzenleistungen zu erbringen? Oder hat sie sich immer schon auf die verschiedenen Wellen an Einwanderern verlassen, zuerst auf die Europäer, jetzt auf die Asiaten? Ist die Mehrheit in ihrem unerschütterlichen Optimismus und ihrem Glauben an die Sonderstellung der USA in Geschichte und Gegenwart nach wie vor fähig, sich immer wieder neu zu erfinden; sich sozusagen am eigenen Schopf dort vor dem Abgrund wegzureißen, politisch wie wirtschaftlich, wo die Mehrheit der Europäer längst in autoritäre oder totalitäre Regime kippen würde? Oder ist das demokratischeMäntelchen, das sich die USA umhängen, nur dicker, weniger durchsichtig? Und verbirgt es nur mehr unzureichend das, was ein guter Freund in Minnesota die moderne „Plutokratie“ nennt?

Argument und Gegenargument lösten wie in einer Endlosschleife einander ab. Ich war entschlossen, die USA bis zum letzten Wort, das ich mir sicher nichtnehmen lassen würde, zu verteidigen. Mit dem ultimativen Tiefschlag der eigenen Tochter hatte ich nicht gerechnet: „Du siehst das alles verklärt, weil du an deiner Jugend festhalten willst. An der Bewunderung Amerikas damals in den Sechzigerjahren als Studentin dort. Du willst dir das einfach bewahren.“ Das hat gesessen. Vor allem, weil sie recht hatte. Dieser Überschwang des USA-Aufenthaltes damals; die verklärte Erinnerung an das Versprechen eines Lebens, in dem alles möglich schien. Aus seinem ganz eigenen amerikanischen Traum will ja niemand erwachen.

Geordneter Rückzug war angesagt: „Ich mach dir einen Vorschlag: In dem Moment, in dem bewiesen ist, dass die Mondlandung 1969 ein Schwindel der Amerikaner war, in dem Moment überdenke ich meine Einstellung zu den USA.“

Und jetzt ist Neil Armstrong auch tot.

Zugegeben, seit diesem Streit bei derenglischen Dorfkirche wurde es Jahr für Jahr schwieriger, auf die uneingeschränkte Selbstreinigungskraft der USA zu vertrauen. Zugegeben, es gibt Momente, in denen sich der Glaube an die Energie der amerikanischen Gesellschaft, immer wieder einen Neustart zu versuchen, in Zweifel auflöst.

Ende März dieses Jahres, an einem ebenfalls strahlend sonnigen Frühlingstag in Washington, D.C., war so ein Moment: Vergiss die Mondlandung! Der Himmel über dem Capitol ist tiefblau, die Bäume strecken ihre ersten Blüten dem Frühling entgegen. Mitten in dieser Szene, die mit der Kuppel des Capitols und der Erhabenheit des Supreme Court die Essenz der amerikanischen Demokratie zeigt, schneidet eine kreischende weibliche Stimme durch das Gemurmel Hunderter Demonstranten vor den Stufen zum Obersten Gerichtshof: „Lieber krank und frei als gesund und versklavt.“

Das kann nur einHörfehler sein. Gegnerund Befürworter der Gesundheitsreform von Barack Obama, inzwischen mit dem eher unfreundlichen Begriff „Obamacare“ behaftet, haben sich hier versammelt. Es ist der erste Tag der Anhörung vor dem Höchstgericht, das über die Verfassungsmäßigkeit der Gesundheitsreform zu entscheiden hat.

Es ist kein Hörfehler. Die Frau mit der ohrenbetäubend schrillen Tonlage, dem mittelbraunen strähnigen Haar und einem etwas verwahrlosten Äußeren, das nicht darauf schließen lässt, sie könnte sich viele Hundert Dollar im Monat für eine Privatversicherung leisten, geht wütend zwischen den einzelnen Gruppen auf und ab, immer nur diesen einen Satz schreiend: „Rather sick and free than healthy and enslaved!“ Eine allgemeine Krankenversicherung als Form moderner Sklaverei? Von irgendwoher tönt das Protestlied der Bürgerrechtsbewegung der Sechzigerjahre, „We shall overcome“. Einer der Rechtsanwälte, die in ihren dunklen Businessanzügen zu Dutzenden aus dem Höchstgericht strömen, versucht den Umstehenden klarzumachen: Der Staat habe sehr wohl das Recht, eine Pflichtversicherung einzuführen. So wie er das Recht hatte, seine weißen Bürger zu zwingen, Afroamerikaner in ihre Schulen zu lassen oder sie in ihren Restaurants zu bedienen.

Gruppen mit Tafeln – „Gläubige für dieGesundheitsreform“ oder „Kippt die Gesundheitsreform, ich will nicht für deine Abtreibung zahlen!“ – ziehen an dem Rechtsanwalt vorbei. Nonnen, die für Obamas Reform sind, und Fanatiker, die dadurch ihre Freiheit bedroht sehen, ebenso. Wie irrational oder fanatisch muss man sein, um eine verpflichtende Krankenversicherung als Anschlag auf die individuelle Freiheit, als Tyrannei der Regierung anzusehen? Diese Frage kann nur Europäern einfallen. Wie kann die Technik des Sozialstaates Bürger in solche Wallungen versetzen? Sind zu wenig Information und zu viel Emotion der Grund? Aberist dann nicht dieser totale Einsatz der Menschen für oder gegen Freiheit, was immer sie im Zusammenhang mit einem so banalen Thema wie Krankenversicherung darunter verstehen, nicht gerade das, was eine Demokratie ausmacht? Rückfall in die Naivität der Sechzigerjahre, würde die eigene Tochter einwerfen. Aber es stimmt doch, selbst inder Irrationalität liegt Lebendigkeit!

Eine anderer Stadt, ein anderer Moment des Zweifels: An der Kreuzung der Amsterdam Avenue und der 96. Straße West in New York steht auch eine Kirche aus grauem Stein, kein Wehrturm wie in England, eher ein Kirchturm. The Church of the Holy Nameof Jesus ist eine der unzähligen Kirchen, wie man sie fast an jeder Straßenkreuzung in New York sieht. Diese hier ist eine katholische mit angeschlossener Schule, Eingang Amsterdam Avenue. In der 96. Straße führen ein paar Stufen zu einer Tür in den Keller, dort, wo seit Jahren Kleidung an die Armen verteilt wird. In den vergangenen acht Jahren waren an dieser unspektakulären Kreuzung in Manhattan die Veränderungen in der Gesellschaft genau abzulesen. Zu einer bestimmten Zeit wird dort nämlich auch Essen verteilt. Vor Ausbruch der Mega-Finanzkrise 2008 war davon kaum etwas zu bemerken. Seither konnte man Jahr für Jahr beobachten, wie die Schlangen immer länger wurden, sich immer mehr Menschen für eine Mahlzeit anstellen, auch solche, die nicht wie die Frau vor dem Höchstgericht in Washington auf den ersten Blick als jemand zu erkennen sind, dessen Leben aus der Balance, wenn nicht gar aus den Fugen geraten ist. Wahrscheinlich stehen hier Menschen, die sich tagtäglich entscheiden müssen, ob sie ihr Geld für die Miete beiseitelegen oder für Essen ausgeben. Wahrscheinlich haben diese Menschen, ob Amerikaner oder Immigranten, aufgehört, vom sozialen Aufstieg zu träumen, und angefangen, den sozialen Abstieg zu fürchten.

Vergiss die Mondlandung! In the Holy Name of Jesus, woher sollen die In-der-Schlange-Stehenden beim Kellereingang der Kirche die Energie und die Hoffnung für einen Neustart beziehen? Im heurigen Frühjahr, als die politische Auseinandersetzung in den USA kein anderes Thema kannte als das von der Rechten versprochene Verbot der Abtreibung und die Frage, ob die Pille auf Versicherungskosten zu erhalten sein soll, schien der Kampf um Schwangerschaftsabbruch und Geburtenkontrolle angesichts jener Menschen, die sich langsam auf den Kellereingang zubewegten, besonders zynisch.

Lieber schwanger und hungrig als verhüten und satt?

Nur weil rechte Fundamentalisten in den Auf- und Umbrüchen der Sechzigerjahre die Wurzel allen Übels sehen, das zu bekämpfen sie nun vorgeben? Die Obsession mancher extremer Republikaner im Hinblickauf Sex (schlecht getarnt als moralische und religiöse Wertehaltung in puncto Abtreibung) wäre wirklich ein Fall für Sigmund Freud, hätte sie nicht solch politische Auswirkungen: Es geht in Wahrheit nicht nur um die sexuelle Revolution der Sechzigerjahre, sondern auch um die Bürgerrechtsbewegung und die Emanzipation der Afroamerikaner damals und die in Gesetze gegossene Ächtung von Rassismus.

Wäre es anders, hätte im März dieses Jahres der oberste Bundesrichter des Staates Montana, Richard Cebull, nach einer erschreckenden E-Mail, die er von seinem Büro aus an Freunde verschickte, unverzüglich zurücktreten müssen. In dem Amerika, das ich meine und der eigenen Tochter nach wie vor und ständig erklären möchte, hätte der Rücktritt selbstverständlich sein müssen. Der Wortlaut der als „Witz“ getarnten rassistischen Mail: „Ein kleiner Bub sagt zu seiner Mutter: Mummy, wie kommt es, dass ich schwarz bin und du weiß? Seine Mutter antwortet: Frag das gar nicht, Barack! Wenn ich mich an diese Party erinnere, hast du Glück, dass du nicht bellst.“ Im Begleittext schrieb der Richter: „Ich will, dass alle meine Freunde das Gleiche fühlen wie ich, wenn sie das lesen. Ich hoffe, es berührt euch wie mich!“ Wer nunglaubt, so wollte der Republikaner auf das Grobe und das Rassistische des angeblichen Witzes aufmerksam machen, irrt gewaltig. In einer Stellungnahme, als Entschuldigung gedacht, machte er die Sache noch schlimmer: „Zweifellos ist es rassistisch. Ich habe es aber nicht aus diesem Grund weitergeschickt. Wenn überhaupt, dann war es politisch.“ Er fügte noch hinzu, dass die Aktion natürlich unpassend und stupid war, und blieb ungerührt im Amt.

Besser dumm und extremistisch als rational und versöhnlich?

Vergiss die Mondlandung!

Wenn man schon eine fanatisierte Frau nicht verstehen kann, die lieber eine Krankheit nicht behandeln lässt als eine Pflichtversicherung zu akzeptieren, wie soll man dann einen obersten Richter verstehen, der solches von sich gibt – oder ein System, das ihn im Amt toleriert? Das sind dann Momente, in denen die Bewunderung für eine immer als ungeheuer vital empfundene Gesellschaft hart auf die Probe gestellt wird. – Was kann ich aus den Emotionen der unbändigenFreiheit der Sechzigerjahre, die trotz Rassenkampf und Vietnam-Krieg ein einziges Versprechen für eine bewältigbare Zukunft waren, als Erklärung für diese Zustände heute herüberretten? Was denn? Es genügt nicht, heute noch von John F. Kennedys „Frag nicht, was dein Land für dich tun kann, sondern was du für dein Land tun kannst“ zu schwärmen. Und die Rede Barack Obamas am Parteitag der Demokraten als schwaches Echo zu empfinden: „In Amerika geht es nicht darum, was für uns getan werden kann, sondern von uns.“

Was also kann denn von jenen Kindern getan werden, die seit 2008 in immer größerer Zahl in Spitäler, zu Kirchen oder staatlichen Stellen gebracht werden, weil die Eltern sie nicht mehr versorgen können oder wollen. Mehr noch: Was soll wohl von jenen Erwachsenen getan werden, die auf diese Weise als Kinder traumatisiert worden sind? Schätzungen zufolge (Reference.com)werden in den USA jährlich 7000 bis 15.000 Babys, Kleinkinder und Jugendliche von ihren Eltern „ausgesetzt“, zumeist wegen Armut, Arbeitslosigkeit oder Obdachlosigkeit. Aber nicht nur. Nach 2008 veranlasste ein bemerkenswerter Anstieg verlassener Kinder die meisten Bundesstaaten der USA, neue Gesetze zu erlassen, die – im Gegensatz zu Europa – das Aussetzen von Kindern entkriminalisierten. Der Staat Nebraska fasste die Bestimmungen besonders weit und stellte das „Verlassen“ von Kindern bis zum 17. Lebensjahr unter Straffreiheit – mit dem Effekt, dass auch Eltern von außerhalb des Staates die Reise dorthin antraten, um ein Kind loszuwerden.

Das ist keine spezifisch amerikanische Entwicklung, aber dennoch im „reichsten Land der Erde“, als das die USA gerade jetzt wieder im Kampf um die Präsidentschaft von Politikern beschworen werden, mehr als erstaunlich. Nichts kann eine Mehrheit der Amerikaner mehr verschrecken als die Androhung, „wie Europa zu werden“. Sozialstaat ist gleich Sozialismus, und Sozialismus ist nicht die Beschreibung einer Ideologie, Sozialismus ist ein Schimpfwort. Eines der Hauptthemen jedes und so auch dieses Wahlkampfes ist „Freiheit“ – von der Einmischung des Staates, vor allem des Bundesstaates, in die individuellen Angelegenheiten. Offenbar schließt das aber auch die „Freiheit“ ein, sich des eigenen Kindes zu entledigen und es der Obhut der verhassten öffentlichen Stellen zu übergeben. Ist das unlogisch? Ja. Spielt der Widerspruch eine Rolle? Nein.

Lieber entlastet durch Regierungsstellen als belastet durch „Freiheit“ von ihnen?

Zynisch könnte man sagen, sogar Kindesweglegungen entsprächen jenem Talent vieler Amerikaner, das man in anderen Bereichen – eher individuell denn politisch – immer wieder bewundert: Geht etwas schief, sind sie um Schadensbegrenzung bemüht und wenden sich dem Nächsten zu. Cut your losses, sagen sie. Trenn dich von deinen Verlusten. Das ist doch immer noch lebendiger, alsüber der Vergangenheitzu brüten und sich vor der Zukunft zu fürchten. Diese Fähigkeit, Scheitern zu akzeptieren undNeues zu versuchen, hat die Vereinigten Staaten immer ausgemacht. – Allerdings erspart das nicht die immer wiederkehrenden Momente der Verzagtheit. In dem Wahlkampf um die Präsidentschaft 2012 tauchen sie offenbar besonders oft auch. Wenn also der gute Freund in Minnesota das Land heute nicht mehr als Demokratie, sondern als Plutokratie sieht, stimmt das nachdenklich – aber auch nicht mehr als vor Jahren schon das Buch „The best democracy money can buy“ des Journalisten Greg Palast.

Solche Tendenzen schwächen nicht unbedingt die Kraft, sich immer wieder neu zu erfinden. Auch die prätotalitäre Zeit der Verfolgung Andersdenkender, bekannt als die McCarthy-Ära der Kommunistenverfolgung von 1947 bis 1956, mit all den Menschenrechtsverletzungen, wurde ja schließlich doch wieder überwunden.

Wenn aber nun in einem Posting in der„New York Times“ im Zusammenhang mitden Bemühungen der Republikaner, per Gesetz ganzen Bevölkerungsschichten das Wahlrecht zu entziehen, die totale Resignation eines gewissen Ray D aus Pittsburgh, Pennsylvania, durchkommt, dann wird es wieder wirklich ernst: „Wir sind nicht länger eine Demokratie. Wir sind nicht einmal mehr eineRepublik im wissenschaftlichen Sinn. Wir sind eine korrupte Massengesellschaft, von Geld und Militär kontrolliert, kaum fähig, eine Debatte darüber zu führen, wer wir sein wollen, wenn wir einmal erwachsen werden. Amerika ist zu diesem Zeitpunkt seiner Geschichte ein trauriger Ort, ein sehr trauriger.“

Hier geht es um Fakten, die jeden Europäer nur verständnislos den Kopf schütteln lassen: Wahlen sind inden USA ausschließlich Sache der Bundesstaaten – ihre Organisation,ihre Voraussetzungen,ihre Öffnungszeiten etcetera. Weil die einzelnen Bundesstaaten aber kein Geld für den Wahlvorgang an sich ausgeben wollen, läuft dieser ganz unterschiedlich ab, was etwa geschultes Personal betrifft oder technisch einwandfreie Wahlmaschinen.

Dieses Chaos allein kann jeden Freund Amerikas zur Verzweiflung treiben. Wie, bitte, kann es sein, dass die höchstentwickelte Industrienation der Welt, deren Einmaligkeit gerade jetzt wieder von Republikanern und Demokraten beschworen wird, dass diese Nation also nicht einmal einen ordentlichen Wahlvorgang zustande bringt? Es kann aus demselben Grund sein, aus dem einzelne Bundesstaaten die Einführung der Krankenversicherung beim Höchstgericht angefochten haben und aus dem diese Pflichtversicherung von vielen Bürgern abgelehnt wird: Widerstand gegen einen bundesweit einheitlichen Ablauf.

Lieber eine verfälschte Wahl und frei als eine korrekte Wahl und versklavt?

Und dieses Chaos bietet eben in den einzelnen Bundesstaaten jede Möglichkeit der Beeinflussung via Wahlbestimmungen. So schreibt ein neues Gesetz in Pennsylvania vor, dass man nur mit einem Personalausweismit Ablaufdatum die Urnen betreten darf: Das würde in diesem Staat allein 650.000 Studenten von der Wahl ausschließen, weil ihre Ausweise kein Ablaufdatum tragen. In anderen Gesetzen wurde vorgeschrieben, dass man nur mit der Geburtsurkunde zu den Wahlen schreiten darf. Das wiederum ist ziemlich unverhüllt gegen Afroamerikanerund Minderheiten gerichtet, die in einem Amerika ohne Meldepflicht und mit großer Mobilität auch gar keine Möglichkeiten haben, sich rasch eine Geburtsurkunde zu beschaffen. Von den Kosten abgesehen.

Wie war das mit der Plutokratie? Neu ist die Herrschaft des Geldes in den USA gewiss nicht. Neu ist auch nicht, dass besonders die Interessen der Vermögenden bewahrt und abgesichert werden sollen. Neu sind hingegen die Radikalität und Kompromisslosigkeit, mit der diese Interessen durchgesetzt werden, inklusive der Einschränkung der Bürgerrechte. Das Chaos bei den Wahlgesetzen liegt daher im Interesse der Besitzenden. Anders ist es nicht zu erklären, dass in den zwölf Jahren seit dem historischen Debakel 2000 kein ernsthafter Versuch unternommenwurde, Wahlen in den USA demokratisch „wasserdicht“ zu machen.

Dieses Chaos ermöglicht es zudem Republikanern wie Demokraten, sich über die Wahlgesetze einen Kampf zu liefern, der abgesehen von der Stimmabgabe dann den Wahlausgang bestimmen kann – eben wie 2000, als der Oberste Gerichtshof praktisch mit einer Stimme Mehrheit George W. Bush nach Unregelmäßigkeiten in Florida die Präsidentschaft überreichte. Das heißt, im schlimmsten Fall liegt die Entscheidung überBestimmungen, die den Ausgang der Wahl in einem Bundesland sehr wohl beeinflussen und entscheiden können, bei einem Richter wie dem oben beschriebenen E-Mail-
Schreiber.

Äußerst beunruhigend! Darin wenigstensstimmen Mutter und Tochter nach ihren vielen Jahren in den USA überein – lange nach dem wüsten Streit. Nur, ich glaube weiter an die Selbstreinigungskraft, und sie glaubt weiter daran, dass der Weißkopfseeadler des US-Wappens keine Ähnlichkeit mit dem süßen Vogel Jugend meiner Erinnerung hat. – Aber der Beweis für den Schwindel der Mondlandung liegt eben auch noch nicht vor. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.10.2012)

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2 Kommentare
Gast: niq
18.10.2012 16:46
0

Verständnis für Fundamentalismus, auch in Europa

"Besser rückständig und frei als fortschrittlich und versklavt"
-kann ich auch unterschreiben.

Bin ich gestrig weil ich im Beginn der Hausnummerierung irgendwann im 16. oder 17. Jahrhundert den Beginn von und die Entwicklung hin zu totalitärer Strukturen (bis hin zum Holocaust und dem heutigen Datenkraken) erkenne ?

"So schreibt ein neues Gesetz in Pennsylvania vor, dass man nur mit einem Personalausweismit Ablaufdatum die Urnen betreten darf"

Nein, Frau Rohrer: dieses Gesetz wurde von Richter Robert Simpson zurückgewiesen und erlangte daher in Pennsylvania keine Gültigkeit. Vielleicht wäre ein bissel Recherche besser gewesen als "wüst" zu streiten!

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