Marx und Jesus stehen kopf

Schluss mit staatlich verordnetem Altruismus! Eigenliebe statt Nächstenliebe! Ayn Rands 1957 erschienenes 1200-Seiten-Opus „Atlas Shrugged“ war in Europa vergessen – bis es Paul D. Ryan, Kandidat für die US-Vizepräsidentschaft, als seine Bibel empfahl. Eine Wiederlektüre.

Während meines Fulbright-Jahres an der Cornell University besuchte ich gerne den gemütlichen Sozialhistoriker Paul W. Gates, um ihm von meiner Dissertation über Karl Marx zu berichten. Bei einer Gelegenheit drückte er mir eine Schwarte in die Hand und meinte, diabolisch grinsend, ich sollte einmal Marx-auf-den-Kopf-gestellt erfahren.

Es waren die 1200 Seiten von „Atlas Shrugged“, Amerikas dauerhaftem Bestseller der Exilrussin Ayn Rand, erstveröffentlicht 1957. Als Buch ließ es Europa immer kalt – bis vergangenen August, als Paul D. Ryan, republikanischer Kandidat auf die Vizepräsidentschaft, es als seine Bibel empfahl. Sofort rauschte es darob im deutschsprachigen Feuilleton. Da man freilich so viele Seiten nicht über Nacht verarbeiten kann, griffen die meisten auf Wikipedia zu, sodass die Kommentare sehr ähnlich ausfielen. Aber selbst Wikipedia zeigte sich in der Beurteilung unsicher. – Was blieb mir anderes übrig, als den Band ein zweites Mal in die Hand zu nehmen, diesmal, 50 Jahre später, für eine sorgfältige Lektüre.

Es war keine verlorene Woche. Wie meistens, wenn man zum Original vorstößt, wird die Welt abenteuerlich bunt. „Atlas Shrugged“ – warum schüttelt der Titan Atlas die Weltlast ab? Ayn Rand treibt den Leser, geführt von der Industriellentochter Dagny Taggart, in eine rückwärtsgewandte Science-Fiction-Welt, mit Hochöfen und transkontinentalen Eisenbahnen, deren Fortschritt von bornierten Staatsbürokraten und verblödenden Arbeitern, beschimpft als Faulenzer, Verlierer, Plünderer oder Gammler (die Autorin verwendet gerne das abfällige Wort „moochers“), blockiert wird.

Noch Schlimmeres passiert, weil rätselhafterweise führende Industrielle und Ölbarone einfach verschwinden: Bohrtürme explodieren, Brücken stürzen ein, Zugpassagiere ersticken im Tunnel, ein Munitionszug fährt auf und sprengt alles in die Luft. „Wer ist John Galt?“, wird im Text ständig gefragt, denn Miss Taggart hält diese geheimnisvolle Figur anfänglich für den Anstifter aller Übel, bis sie schrittweise ihn als neuen Prometheus erkennt, der in einem selbst geschaffenen Paradies, versteckt in den Bergen von Colorado, eine Parallelwelt führt. Hier finden sich alle verschwundenen Industrie-Geistesmenschen, die ohne bürokratische Gängelung ausschließlich für sich selber schaffen und Reichtum erzeugen, dank Überflussenergie, die John Galts Genie aus einem atmosphärischen Konverter strömen lässt. Hier sitzen sie den Verfall der Vereinigten Staaten aus. Als schließlich alle Lichter in New York ausgehen, beschließen sie, ihren „Streik“ zu beenden und zugunsten eines Neuanfangs ohne Sozialpolitik für die Massen zurückzukehren. Miss Taggart und John Galt, die beiden heroischen Nietzschefiguren, dürfen jetzt auch in Leidenschaft erglühen.

Nun irrlichtert Ayn Rand nicht nur als passable Romanautorin, sondern auch als ernsthafte Philosophin des „Objektivismus“. Was ist das? John Galt klinkt sich überfallsartig in alle Radiostationen ein und predigt – im Roman auf 70 Seiten – die darin enthaltenen Verheißungen der neuen Welt, aus welcher ein staatlich verordneter Altruismus(Sozialgesetzgebung, Armenprogramme, Gewerkschaften, Entwicklungshilfe) verbannt sein wird. Die objetivistische Ethik versteht sich als „rationaler Egoismus“. Somit kann auch die Erbsünde als „monströse Absurdität“ wegfallen. Nächstenliebe muss der Eigenliebe weichen.

Ayn Rand zählt mit ihren Ergüssen zu den Gründungsfiguren der neoliberalen Renaissance, die nach langem Köcheln in universitären Instituten nach 1975 phänomenal aufblühte und heute die Welt mitbestimmt. Dazu gehören auch die Mitglieder der Austrian School of Economics, insbesondere Ludwig von Mises (ein beständiger Verehrer von Ayn Rand; verspottet ihn deswegen die „International Herald Tribune“ als „obscure Austrian“?) und Friedrich August Hayek, denen der Deutschamerikaner Hans Sennholz und vor allem der „Anarcho-Kapitalist“ Murray Rothbard zuarbeiteten.

Sie alle lehnen vehement die ordnende Hand des Staates ab, wobei Murray Rothbard am weitesten geht und den Staat als unverhohlenen Aggressor, der die natürlichen Rechte des Bürgers verletze (mittels Besteuerung, Schulpflicht, Armee-Rekrutierung, Sozialgesetzen) denunziert.

Natürlich gefällt manches davon den heutigen, von der Tea-Party-Bewegung durchsetzten US-Republikanern, die aus dem großen Steinbruch neoliberaler Theorie die ihnen passenden Elemente heraushacken. Was Kandidat Mitt Romney Mitte Mai in Boca Raton improvisierend äußerte – „ich kümmere mich nicht um die 47 Prozent der Bevölkerung, die keine Steuern zahlen“ –, könnte wortwörtlich aus dem Mund von John Galt in „Atlas Shrugged“, als Verdammung der Kloake der „moochers“, stammen. Andererseits missverstehen die Republikaner gerne das absolute Freiheitsgebot der „Paläo-Konservativen“ um Ayn Rand oder Murray Rothbard: Auch Drogenkonsum, Abtreibung, Pornografie, Glücksspiel, Prostitution müssten unreglementiert bleiben! Ayn Rand praktizierte zudem einen kämpferischen Atheismus und hielt sich Liebhaber – was zumindest den frömmelnden Vizekandidaten Paul Ryan verwirren sollte.

Ayn Rand entfloh Moskaus totalitärem Kollektivismus, um in den USA eine Philosophie des „totalitären Individualismus“ zu predigen. Karl Marx – aber auch Jesus – stehen auf dem Kopf. Es triumphiert die Eigenliebe. Plötzlich flammt „Atlas Shrugged“ als Fanal für die US-Wahl auf: Romneys Industriekapitäne und Finanzkapitalisten gegen Barack Obamas „moochers“. Halten wir den Atem an! ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.10.2012)

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