Ach ja, die Freiheit!

12.10.2012 | 18:34 |  Von Thomas Chorherr (Die Presse)

Nach 60 Jahren und unzähligen Reisen von Florida bis Alaska ist mir nur eines klar: dass sich die Vereinigten Staaten gewandelt haben. Zum Besseren? Zum Schlechteren? Versuch einer Klärung.

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Man schrieb den Juli 1951, das Schiff hieß „Constitution“, und es fuhr nach Amerika. Von der Alten in die Neue Welt, wie man gewöhnlich sagt. Von Genua nach New York, neun Tage lang, und mit einer Gruppe österreichischer Studenten an Bord. Sie waren die Ersten, die aufgrund eines mit den USA vereinbarten Austauschprogramms (es trug den Namen seines Schöpfers, des US-Senators Fulbright) Stipendien amerikanischer Universitäten erhalten hatten. Sie kamen aus einem vierfach besetzten Land, das zu diesem Zeitpunkt keine Hoffnung hatte, je wieder frei zu sein, und waren unterwegs in eines, von dem sie gehört hatten, dass es jenes der unbegrenzten Möglichkeiten sei.

Der Kurs der „Constitution“ war kein gerader. Sie stoppte in Neapel – lang genug für einen Landausflug nach Pompeji. Sie hielt in Cannes, auf dass wir so etwas wie Joie de Vivre tanken konnten. Sie ankerte vor Gibraltar für ein kurzes Goodbye an Good Old Europe. Und dann querte sie den Atlantik. Jeden Morgen wurde die Uhr eine Stunde vorgestellt. Der Zeitwechsel, einer in jeder Beziehung, sollte nicht allzu abrupt vor sich gehen. Während der Überfahrt übten wir Chorgesang, um nach der Ankunft unser Heimatland zu repräsentieren. Der Dirigent wurde später Universitätsprofessor und Nationalratsabgeordneter. Als wir an der Freiheitsstatue vorbeifuhren, winkten wir. Freiheit, völlige Freiheit – was ist das? Noch vor der Ankunft sahen wir die für uns ungewohnten Autokolonnen. Unbegrenzte Möglichkeiten diesfalls des Straßenverkehrs, in der Tat!

Sechs Jahrzehnte später. Barack Obama und Mitt Romney. Koreakrieg, Vietnamkrieg, Irakkrieg, Afghanistankrieg. Angst ist ein Wort, das im Englischen nicht vorkommt; es wird in den Zeitungen stets als Fremdwort verwendet: „A case of angst“ lautete schon vor Jahren der Covertitel eines Magazins. Haben die Amerikaner Angst? Und wenn, dann wovor, vor wem? Nach 60 Jahren und mehr als einem Dutzend Amerikareisen glaube ich ein wenig, gewiss nur ein wenig, von der Seele des Landes zu kennen. Ihr auf den Grund zu gehen scheint mir unmöglich. Und dies, obwohl ich – was bin ich? Amerikanophil? So etwas wie ein „Begierde-Amerikaner“? Einer, der zu sagen wagt: „Right or wrong – my USA!“? Nach 60 Jahren und unzähligen Reisen von Florida bis Alaska, von Maine bis Kalifornien ist mir noch immer nicht klar, wie sich die Vereinigten Staaten in meinen Augen gewandelt haben. Dass sie sich geändert haben, scheint mir gewiss. Ob zum Besseren oder zum Schlechteren, wage ich nicht zu entscheiden. Auch nach 60 Jahren nicht.

Mag sein, dass die USA noch selbstbewusster geworden sind, als sie es waren – mit Unterbrechungen freilich. Es hat Zeiten gegeben, da in einer Wechselstube im marokkanischen Atlasgebirge Dollars nur ungern angenommen wurden. Sie galten damals dort als nicht so vertrauenswürdig wie Schillinge. Man sprach vom Ende des amerikanischen Zeitalters und sah das europäische heraufdämmern.

Heute haben die Amerikaner längst wieder ihren Stolz zurückgewonnen, und mehr als das. Sie können kaum erwarten, dass die Weltfinanzkrise, die sie notabene selbst verursacht haben, den Euro-Raum zusammenbrechen lässt. Diesen Eindruck vermitteln jedenfalls die amerikanischen Medien. Nicht nur der Ölpreis wird in Dollar gerechnet. Und dabei gab es Jahre, da – ich war drüben! – man für einen Euro anderthalb Dollar bekam. Man konnte sich um einenPappenstiel neu einkleiden. – Neues Selbstbewusstsein? Am internationalen Flugplatz Washington-Dulles wird derTaxiverkehr von Afroamerikanern geregelt –sie teilen ein, wer das nächste Lohnfuhrwerkerhält. In San Francisco und Seattle habe es besser funktioniert, wagte ich zu sagen, als wir zuletzt in D. C. ankamen. „Das ist Washington!“, lautete die fast aggressiv anmutende, stolze Antwort.

In der Tat, es hat sich manches geändert in diesen 60 Jahren. Ist die Beobachtung stimmig, dass sich auch die Gesellschaft gewandelt hat? Dass, so sonderbar, ja skurril es klingen mag, sich fast so etwas wie ein amerikanisches Biedermeier bemerkbar macht? Man hat es feststellen können, als die beiden Parteien ihre Conventions veranstalteten – in Florida die Republikaner, in South Carolina die Demokraten. Persönlich vor Ort zu sein, konnte man sich ersparen. Das Fernsehen ließ die Kundgebungen besser und direkter erleben. Und siehe: Die sogenannten „Family Values“ waren unüberhörbar, da wie dort.

Mag sein, dass der europäische Besucher, wertkonservativ zumal, herauszuhören vermochte, was den Routiniers der amerikanischen Innenpolitik nicht mehr auffällt. Und was auch die österreichischen Korrespondenten von Print und Elektronik als nachgerade selbstverständlich empfanden. Allein, diese Wertschätzung der Familie ist mir bei früheren Aufenthalten im Land nicht so deutlich geworden. Gewiss, wahlwerbende Präsidentschaftskandidaten sind stets mit Ehefrauen und Kindern aufgetreten. Ohne die geht es nicht, echt nicht. Aber dass Präsident Obama verkündet, er lege Wert darauf, Frühstück und Abendessen täglich mit Frau und Töchtern einzunehmen, schien mir eine ungewöhnliche, wenngleich wahltaktisch möglicherweise notwendige Äußerung. Und dass Michelle Obama in ihrer Parteitagsrede unter dem Beifall der Menge bekannt gab, sie wolle in erster Linie nichts anderes sein als „Mom in chief“, war doch einigermaßen erstaunlich.

Nicht weniger freilich als die wahlstrategische Äußerung Obamas, gegen „Ehen“ gleichgeschlechtlicher Paare sei nichts einzuwenden. Und der Meinung eines republikanischen Abgeordneten, Abtreibung sei erlaubt, wenn sie nach einer Vergewaltigung geschehe. Der Mann musste seine Äußerung dann zurückziehen. Geändert wurde bei den Demokraten auch die sogenannte „Plattform“, das Wahlprogramm. Zum Unterschied vom letzten ist nicht mehr die Forderung enthalten gewesen, dass Jerusalem die Hauptstadt des Staates Israel sei und dass andererseits Gott in dem Wahlaufruf erwähnt werde. Alsdie Änderungen ruchbar wurden, gab es Proteste vor allem von jüdischer Seite. Nicht zuletzt CNN-Hauptkommentator Wolf Blitzernahm sich dieses Themas an, und schließlich musste der für die Organisation der demokratischen Convention zuständige Spitzenpolitiker eine Art von vokaler Abstimmung durchführen. „Wer für die alte Form ist, ruft Ja“, forderte er die Tausenden Teilnehmer auf. Es folgte ein Gebrüll unddann der Befehl: „Wer dagegen ist, ruft Nein.“Wieder erscholl ein vielstimmiger Chor. Die Schreiabstimmung musste zweimal wiederholt werden, bis der Organisator entschied, es habe sich eine Zwei-Drittel-Mehrheit für die Bewahrung der alten „Plattform“ ergeben. Dass dies nicht stimmte, war klar, aber Proteste wurden niedergeschlagen.

Direkte Demokratie auf Amerikanisch? Ich will, ich muss fair sein. Die politische Kultur hat in den USA meiner Meinung nach die österreichische längst überholt, vor allem die Kultur politischer Diskussionen. Dazu gehört zunächst einmal die Rhetorik. Ist mir diesmal die Kunst der freien Rede amerikanischer Politiker besonders aufgefallen – oder nicht eher ihr Niedergang in Österreich? Unverblümte Parteinahmen von Diskussionsleiterinnen à la Ingrid Turnher wären im amerikanischen Fernsehen unmöglich. Aber auch ein Spitzenpolitiker, der sich bei Beschuldigungen „herausreden“ muss wie Werner Faymann bei seinem von Armin Wolf mit anerkennenswerter Präzision geführten Sommergespräch, wäre längst nicht mehr in seiner Funktion. Andere Länder, andere Sitten!

Das andere in den Sitten – ist es größer geworden? Hat sich die Spaltung der Gesellschaft intensiviert, ist sie heute deutlicher erkennbar? Gewiss, der rechte Rand der Republikaner ist, wie mir scheint, heute so ausgeprägt wie nie zuvor. Die „Tea Party“, die bei uns durchaus als rechtsradikal gelten könnte, und die Evangelikalen, die sich als religiös auserwählt fühlen, sind bestimmende Kräfte der amerikanischen Innenpolitik geworden. Sie überlassen die Außenpolitik den Demokraten und hoffen, dass bei den Wahlen den Menschen das finanziell-wirtschaftliche Hemd näher ist als der multilaterale Rock.

Aber Angst, nicht wahr, Angst haben sie doch. Vor Arbeitslosigkeit, vor Terror. Und – ich war erstaunt, es zu hören – vor den Chinesen. Die Ängste haben sich gewandelt. Die Russen sind vom Islam abgelöst worden und die Moslems jetzt von China. Nein, es werden nicht die Latinos sein, die Mexikaner zumal, die irgendwann einmal in den USA das Ruder in die Hand nehmen könnten. Es sind die Chinesen, die den wirtschaftlichen Vorsprung der Amerikaner in Frage stellen.

Wovor also fürchten sich die Amerikaner wirklich? Sie können sich auf ihre Verfassung berufen, die ihnen das Tragen von Waffen erlaubt – eine Bestimmung, die ins 18.Jahrhundert zurückreicht und deren Auswüchse heute oft drastischer bemerkbar sind als noch vor etlichen Jahren. Einerseits herrscht zwar Angst vor Terror, andererseits wagt auch heute noch kein Medium, ein Verbot des Handels und des Führens von Waffen zu fordern; daran kann auch keines der Massaker etwas ändern, die in den vergangenen Jahren bekannt wurden. Als wir uns jüngst in Oregon „verfahren“ hatten und meine Frau sich in einem gar nicht so abgelegenen Haus nach der richtigen Straße erkundigen wollte, entging sie nur knapp dem Schuss aus einem Gewehr. Wir haben den richtigen Weg trotzdem gefunden.

Die Einreisekontrollen sind immer strikter geworden. Und nicht nur die: Ausgerechnet im „Museum of American History“ in Washington werden beim Eintritt alle Taschen akribisch genau durchsucht. Aber es geht, wie sich bei unserer letzten Reise herausgestellt hat, durchaus auch anders. In Salem, der Hauptstadt von Oregon, konnten wir unbehelligt und unkontrolliert den Regierungssitz betreten, die menschenleere Kuppelhalle besichtigen und die Zimmerfluchten erkunden, an deren Türen die Namen der Amtsträger zu lesen waren. Am Informationsstand erklärte man mir, man fürchte sich in Salem nicht. Es gäbe keinen Grund.

Keinen Grund zum Fürchten? Um die Seele eines Volkes zu ergründen, müsse man die Fernsehwerbung betrachten, heißt es. Reklamespots für Medikamente aller Art nehmen hier den ersten Platz ein. Und gleichzeitig wird die Zahl übergewichtiger, dicker, ja unappetitlich fetter Menschen immer größer. Ein Beweis des Unterschieds zwischen Kultur und Zivilisation? Als ich 1951 erstmals nach Amerika kam, fühlte ich mich – Griechisch und Latein! – als Kulturträger. Heute ist die Differenz zur Zivilisation fast unmerkbar geworden. Es gibt keinen Grund mehr, als Europäer stolz zu sein. Oder doch? Vor 60 Jahren begann das Fulbright-Austauschprogramm. Bis heute haben 43 Teilnehmer einen Nobelpreis erhalten. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.10.2012)

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2 Kommentare
Gast: Walter Gerhold
04.11.2012 14:49
0

USA

Bei einer Reise von Europa nach USA wird die
Uhr zurückgestellt.

Gast: tom green
13.10.2012 18:25
0

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