Watschen für den Wurstel

12.10.2012 | 18:34 |  Von Wilhelm Sinkovicz (Die Presse)

Nicht einmal Schönberg selbst hat je wieder so frei den Anspruch auf völlige Ungebundenheit eingelöst: Vor 100 Jahren wurde das Melodram „Pierrot Lunaire“ uraufgeführt. Hinweis auf ein Hauptereignis der Musikgeschichte.

Drucken Versenden AAA
Schriftgröße
Kommentieren

Das war so eines von diesen Skandalstücken. Man kannte den Titel. Er verhieß nichts Gutes. Man wusste Bescheid! Erinnerte sich, wie es in der „Neuen Freien Presse“ im April 1913 in der Rubrik für die Polizeiberichte hieß, „an die Lärmszenen, die vor wenigen Wochen erst der Wiedergabe der ,Pierrot Lunaire‘-Lieder in Prag folgten“. Das war freilich nichts gegen die „Szenen“, die sich „in dem heutigen Konzert des Akademischen Verbandes ereignet haben“. Zu solchen ist es, so weiß der Chronist, „unseres Erinnerns in einem Wiener Konzertsaale kaum je zuvor gekommen“. Dieses „Skandalkonzert“ lag noch in der Zukunft, als der „Pierrot“ das Licht der Welt erblickte. Aber es sollte nicht mehr allzu lange dauern, bissich ehrenwerte Bürgerim Konzertsaal ohrfeigten und der ehrwürdige Wiener Musikvereinssaal polizeilich geräumt werden musste.

Der singende Wurstel war der Vorbote.Man konnte es ihm ansehen: eine weiß geschminkte Dame mitHalskrause, ganz Sinnbild jener überspannten Ära, heulte in gespenstischem Singsang Alptraumbilder von schwarzen Riesenfaltern, die das Licht der Sonne töteten, von bleichen Wäscherinnen und dem kranken Mond. Dazu blies und strich ein Häuflein Musikanten Klänge ohne jeglichen Bezug zu dem, was man bis zu diesem Zeitpunkt Melodie und Harmonie zu nennen beliebte.

Lunaire? Mondsüchtig? Verrückt!

Albertine Zehme hatte das Stück in Auftrag gegeben. Die von Otto Erich Hartleben 1893 in deutscher Übersetzung publizierten Gedichte Albert Girauds schienen der Diseuse ideales Material für einen zeitgemäßen Rezitationsabend. Zu Versen verdichtete Briefchen aus der finsteren Welt des Unbewussten – dazu musste doch Musik jenes Wiener Avantgardisten passen, der eben die kürzesten Klavierstücke der Weltgeschichte veröffentlicht hatte, knappe, klingende Geschwister von Girauds Nachtmahren. Albertine Zehme, Frau eines durch den spektakulären Scheidungsprozess einer hochadeligen Dame berühmt gewordenen Rechtsanwalts aus Leipzig, hatte den rechten Nerv getroffen. Arnold Schönberg, eben nach Berlin übersiedelt und ganz im Wahn, dem Wiener Mief entronnen, endlich in seinem Genie erkannt zu werden, fing Feuer: „Glänzende Idee, ganz in meinem Sinn“, schrieb er im Jänner 1912 in sein Tagebuch.

Die Begegnung mit den „dreimal sieben Gedichten“ katapultierte den Komponisten in einen Schaffensrausch, wie er ihm zuvor bereits bei Stücken wie der „Verklärten Nacht“ und der kühn alle Musiktheatertraditionen über den Haufen werfenden „Erwartung“ gegönnt war. Jetzt war der Konzertsaal an der Reihe. Radikal wurde mit allem aufgeräumt, was zuvor als gut, schön und erstrebenswert galt.

Das rächte sich sogleich. Frau Zehme in ihrem Pierrotkostüm wurde anlässlich der Uraufführung im Oktober 1912 Opfer spöttischer Zwischenrufe. Girauds Gedichte waren provokant genug, eines davon, „Madonna“, galt als pure Blasphemie. Doch für hohnvolle Kommentare sorgte vor allem das, was hier als Musik bezeichnet wurde. Schon die Präsentation der Texte! Seltsamer Singsang, von kargen Linien weniger Instrumente untermalt – der Komponist, der eben noch in bester Wagner-Manier für sein Oratorium „Gurrelieder“ oder die Tondichtung „Pelleas und Melisande“ Hundertschaften von Musikern aufs Podium gezwungen hatte, träumte von der Konzentration aufs Wesentliche. Harmonik und Melodik, aber auch die Klangfarbe waren auf ein Minimum reduziert, erschienen pur.

„Pierrot Lunaire“ ist auch so etwas wie ein Kompendium kompositorischer Handwerkskunst, die alte Kontrapunktlehre, transferiert in den neu erschlossenen Raum der freien Tonalität. Lediglich eine melancholische E-Dur-Passage am Ende des allerletzten Lieds erinnert an Vergangenes – „O alter Duft aus Märchenzeit“ sinniert der Sprechgesang.

Im Oktober 1912 kann Schönberg nicht ahnen, dass nicht einmal er selbst je wieder so frei den Anspruch auf völlige Ungebundenheit einlösen wird. „Pierrot Lunaire“ bleibt ein Solitär, die radikalste Formulierung einer Ästhetik, die ihren Proponenten so viele Rätsel aufgibt wie dem staunenden – und zuweilen rebellierenden – Publikum. Selbst die Interpreten stehen auch 100 Jahre nach der Uraufführung vor unlösbaren Problemen: „Der Ausführende hat die Aufgabe, sie unter guter Berücksichtigung der vorgezeichneten Tonhöhen in eine Sprechmelodie umzuwandeln“, verlangt Schönberg. „Der Ausführende muss sich aber sehr davor hüten, in eine ,singende‘ Sprechweise zu verfallen.“ Schauspieler, die den rechten Ton vielleicht treffen würden, können nicht Noten lesen, Sänger verstehen nicht, wie sie „auf Tonhöhen sprechen“ sollen. Was wirklich gemeint ist, bleibt ein Geheimnis.

So neu, so kühn kamen die mondsüchtigen Klänge in die Welt, dass ihnen selbst ihr Schöpfer hilflos gegenüberstand. Auf der ersten Tournee des „Pierrot“-Ensembles, die Schönberg selbst leitete, vergaß eines Abends der Klarinettist, vor dem Melodram „Mondfleck“ sein Instrument, wie vorgeschrieben, zu wechseln. Er spielte auf der A-statt auf der (nur fürdieses eine Stück vorgesehenen) B-Klarinette.Seine Stimme erklangalso einen Halbton versetzt! Der Musiker kam danach, wie Schönberg in einer Tagebucheintragung dokumentiert, um zu „beichten“. Der Komponist hatte den Irrtum gar nicht bemerkt. Hätte das ein Hallo gegeben, wäre diese Nachricht an die Öffentlichkeit gedrungen: Der führende Komponist der Neutöner konnte „falsche“ und „richtige“ Dissonanzen nicht unterscheiden!

Anders betrachtet: Vielleicht war der Fauxpas die eleganteste Ehrenrettung für ein Kunstwerk, in dem die völlige Unabhängigkeit von harmonischen Vorstellungen früherer Generationen erreicht ist. Es geht auch dann nicht aus den Fugen, wenn ein Element des tönenden Mobiles seine Position im Raum verändert. Perfekte Erfüllung aller Ansprüche der Wiener Moderne jener Jahre . . . ■

PIERROT: Konzert, Ausstellung

Das Wiener Arnold-Schönberg-Center zeigt noch bis 4. Jänner eine Ausstellung zu 100 Jahren „Pierrot Lunaire“, die neben Originalmanuskripten auch die Filmdokumentation einer exemplarischen Aufführung der Salzburger Festspiele präsentiert.

Im Wiener Konzerthaus ist „Pierrot Lunaire“ am 17. Oktober in einer Interpretation von Barbara Sukowa und Mitgliedern der Berliner Philharmoniker zu hören. Die Uraufführung von Uri Caines „Moonsongs“ ergänzt den Abend.
Beginn 19.30 Uhr.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.10.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

2 Kommentare
Gast: Riesenfalter
14.10.2012 13:46
0 0

Willi Sinkovics at his best!

Danke für diesen Artikel, der zur Stimmung des "Wien um 1900", von dem wir alle inzwischen so gemütlich und gut leben, Ehrlicheres leistet als so manche "wissenschaftliche" Analyse und so manche aktuelle "Nackt"-Ausstellung. Die Fassungslosigkeit gegenüber einer gänzlich neu verstandenen Freiheit muss unbeschreiblich gewesen sein.
Und das Konzert am Mittwoch im Konzerthaus mit den Berlinern und Uri Caine ist ein absolutes Muss!

Und so definiert man in Wien den Begriff "Musikwissenschaftler":

"A Schurnalist mit Doktorat"!

Top-News

AnmeldenAnmelden