Der gerade Strich

19.10.2012 | 18:27 |  Von Jochen Jung (Die Presse)

Zwischen Himmel und Meer: Horizonterheiterung. Dem Horizont wirklich näherzukommen, ist allerdings noch keinem Seefahrer und keinem Luftschiffer gelungen: Er hat sich noch über jeden von ihnen lustig gemacht.

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Zwischen über der Erde und unter der Erde ist auf weite Sicht gesehen der Horizont. Ihm wirklich näherzukommen, ist allerdings noch keinem Seefahrer und keinem Luftschiffer gelungen: Er hat sich noch über jeden von ihnen lustig gemacht. Hinter dem Horizont ist der Horizont, basta. Der Horizont ist die Fata Morgana selbst, flüchtig wie das Glück, a Vogerl. Man denkt: Wenn schon nicht er selbst, dann das dahinter. Aber dahinter ist eben auch nur er. Allerdings: Man kann ihn jederzeit fotografieren, er hält dann ganz still und tut, als täte er das immer.

Seltsam, als Kurvatur von Hügeln und Bergen macht er ordentlich was her, aber als gerader Strich zwischen Himmel und Meer – das ist doch noch mal ganz was anderes. Eigentlich ist sogar das erst so richtig der Horizont, wie er sein soll, obwohl ihm das ja niemand vorschreiben kann. Der Horizont ist dann im Grunde nichts als ein gewaltiger Strich, und man hätte auch bald eine Idee, wer den gezogen haben könnte, auch wenn so was ja immer Spekulation bleibt.

Ob der Horizont nachts bei Neumond auch da ist? Wir meinen: ja, wenn auch vielleicht eine Spur entspannter.

Nahen Horizont gibt es nicht, darüber scheint die Welt sich einig zu sein. Wenn doch, würde ihn das einerseits zu etwas Besonderem machen, andererseits aber hätte man dann das Dilemma, dass da, wo er angeblich nicht ist, zwar etwas ist, man aber nicht genau wüsste, was. Der Horizont nicht als Markierung zwischen davor und dahinter, sondern zwischen oben und unten.

Irgendwie hat man sich angewöhnt, diese horizontale Zone (um nicht zu sagen: diesen Zont) nicht als Unterfläche des Himmels, sondern eher als Oberfläche der Erde zu betrachten, aber diese Entscheidung hat in ihrer Einseitigkeit auch etwas Bequemes (um nicht zu sagen: Drückebergerisches). Jedenfalls beweist es, dass man sich den Horizont zu unseren Füßen in seiner ganzen Flächigkeit einfach nicht genauer ansehen will, denn es gibt ihn natürlich, es gibt ihn.

 

Der Wurm hält die Nase ans Licht

Man muss nun weder Theologe noch Bestattungsunternehmer sein, um zu denken: Dieser Horizont scheidet das Leben vom Tod oder, von mir aus, den Tod vom Leben, aber ist das nicht ein wenig schlicht gedacht? Zumal Herbst und Winter ebenso wie der Mensch an sich ja zeigen, dass oben gestorben wird, dass es nur so kracht, während unten das Leben der Wurzeln und Rhizome, Enger- und Käferlinge zwar nur still und leise vor sich geht, aber es geht. Und wenn sich dann ein Wurm durchbohrt, um einmal die Nase ins Licht zu halten, dann spätestens sieht man, was da alles jenseits des Horizonts sein Wesen treibt.

Apropos Nase ins Licht: In dem Moment, so viel lässt sich sagen, durchstößt der Wurm eindeutig den horizontalen Horizont, auch wenn er sich dabei der Erweiterung des seinen nicht sogleich bewusst sein sollte. Oder, falls in dem Augenblick ein entschlossener Vogel im Spiel ist, überhaupt nie.

Nachdem uns freilich die Theologie der Würmer noch fremder ist als die eigene, halten wir einfach fest: Der Horizont hat etwas Schimmerndes. Und er hatetwas Feuchtes, Kühles und Kühlendes.

Ob er singen kann? Gewiss ist er empfindlich und zart, wenn man ihm auch nicht wirklich etwas anhaben kann. Und auch wenn es ihn immer schon gab: Er ist zeitgemäß, eine Herausforderung. Er ist ein Wort mit circa acht Buchstaben und immer auf dem Weg wohin auch immer. Der Horizont ist allemal weiter, als wir denken. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.10.2012)

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