Der Anfang von etwas

An verschiedenen Ufern: über Chiles mühsamen, vertrackten Übergang zu demokratischen Verhältnissen.

Ich oder das Chaos.“ Unter dieser Losung ließ General Augusto Pinochet diechilenische Bevölkerung vor 24 Jahren darüber abstimmen, ob er dem Land für weitere acht Jahre als Präsident vorstehen sollte. Um dem Plebiszit einen demokratischen Anstrich zu verleihen, wurde der Opposition im Fernsehen eine tägliche Sendezeit von 15 Minuten eingeräumt. Das Regime zweifelte nicht daran, dass sich die Mehrheit aller Stimmberechtigten nach Jahren der Indoktrinierung für Pinochet entscheiden würde. In seinen Belangsendungenwurde der General als Retter der Nation präsentiert, der Chile nicht nur aus den Fängen des Sowjetkommunismus – gemeint war die Regierung des Sozialisten Salvador Allende – befreit, sondern dem Land auch einen wirtschaftlichen Aufschwung verschafft hatte, vondem allerdings nur Teile des Mittelstands, darunter die neuen Eliten der Privatisierungsgewinner, profitierten. Aber auf den wankelmütigen Mittelstand sollte es letztlich ankommen; und auf die jungen Armen in den poblaciones, denen die gleichgeschalteten Medien und die Reklameindustrie ein buntes Surrogat ihrer tristen Lage anboten: Telenovelas, Trivialmusik, das Märchen vom sozialen Aufstieg, wenn sie nur aufs eigene Fortkommen bedacht sind. Gerade die kulturellen Errungenschaften von Allendes Unidad Popular waren unter Pinochet in einem Ausmaß ausgetilgt worden, das in der jüngeren Geschichte beispiellos ist. Die Folgen sind in Chile bis heute zu spüren und zu sehen – in der Arbeitshetze, der Vereinzelung, der Kommerzialisierung und Sexualisierung von Freizeit. Erst der Widerstand der Mapuche gegen den Ausverkauf des ihnen zustehenden Landes an transnationale Konzerne und natürlich der seit dem Vorjahr andauernde Massenprotest von Schülern und Studenten gegendas profitorientierte Bildungssystem knüpfenan die gewaltsam beendete Reformpolitik derJahre 1970 bis 1973 an.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.11.2012)